Das Problem der Wissenschaft

Wissenschaft ist konservativ. Das ist ein großes Problem, denn sie sollte eigentlich per definitionem progressiv sein, weitergehen. Stattdessen liebt sie das Altbewährte, das Vertraute, das Schon-Gedachte. Sie schränkt sich auf das Wissen als schon getanes Erzeugnis ein. Sie schätzt dieses höher als Erkenntnis. Und verliert, verfälscht es dadurch. Denn ohne Erkenntnis ist kein wahres Wissen, nur Information. Wissen kann nicht statisch bleiben, wenn es Wissen bleiben will. Es kann nur gewusst werden, indem es erfahren wird, indem es den Prozess des Wissenserwerbs durchläuft. Wissen bezeichnet ein Altes, eine schon erfahrene Erkenntnis, aber es muss fortlaufend erneuert werden, um bestehen und konsistent zu bleiben, und zwar auf anderem Wege als zuvor.

Wie verhält sich die Wissenschaft heute? Sie gibt vor, neue Wege zu gehen, denn sie ist sich ihres eigentlichen Charakters durchaus bewusst, und sie glaubt auch daran, dass sie diesem Charakter gerecht wird. In Wirklichkeit aber hegt und pflegt sie die alten Wege. Will sie „etwas Neues“ schaffen, läuft sie in Trippelschritten an ihren Rändern entlang und baut sie so nur weiter aus, vergrößert sie, verfestigt sie. Aus einer anfangs schmalen Spur auf frischem Gras wird so eine weite Straße – öde und grau, doch fest und sicher. Man kann nicht vom Wege abkommen.

Die Trippelschritte, das nennt sie Fortschritt und Forschung. Das sind sie aber keineswegs, sondern ihr Gegenteil: Sie zementieren den alten Weg, gießen ihn in Beton. Das Wissen ist Dogma geworden. Für verrückt wird erklärt, wer neben der Spur läuft, oder einen Umweg geht. Warum sollte er das tun? Jeder weiß doch, dass es umständlich ist und außerdem – es ist anders. Niemand tut es, also kann es auch nicht richtig sein. Oder?
Die Wissenschaft glaubt nicht an dieses Gleichnis. Und wenn doch, sieht sich jeder Wissenschaftler als derjenige einzelne, der „neue Wege beschreitet“. Das ist ja offiziell das große Ziel. Doch der neue Weg, das wäre der durch unbekanntes Terrain – unbequem und vielleicht sogar gefährlich. Kaum einer geht wirklich diesen Weg.

Gefährlich für wen oder wofür? Kann der Wissenschaftler denn gefährdet sein, schließlich tut er das, was seinem Wesen entspricht, ihn in seiner Wissenschaftlichkeit bestätigt und verfestigt. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Wissenschaft – wie alles in unserer Gesellschaft – zwangsdualisiert ist: Nicht die Wissenschaft an sich wäre gefährdet, sondern ihre Erscheinung, ihr Schein. Der Schein aber erst macht den Wissenschaftler in unserer Gesellschaft zum Wissenschaftler, die Hülle ist, worauf es ankommt. Der Kern mag dabei vorhanden sein oder nicht, mit den Jahren wohl verkümmert und verkrüppelt. Der Wissenschaftler braucht das Gewand der Wissenschaft, um seinen Beruf nachkommen zu können. Er könnte sich zwar auch nackt seiner Berufung widmen. Doch natürlich würde er verlacht, geächtet und verstoßen werden. Keiner wüsste damit umzugehen.

Einer, der nackt durchs Gras läuft? Ein Verrückter! Ein Spinner! Wie glaubt er neues Wissen zu schaffen, wenn nicht mit den alten Methoden der alten Wissenschaft? Wissenschaft braucht Beinkleid und Studierstube. Wie sonst kann sie Wissenschaft bleiben?

Wissenschaftler verkennen das wichtigste Paradox der Wissenschaft: dass sie ihr Wesen verändern muss, um sich wesenstreu zu bleiben. Nur so bleiben sich alte und neue Wissenschaft gleich.

Wie aber können sie das verkennen, wenn ihr Geschäft die Erkenntnis ist, sind Wissenschaftler nicht kluge, scharfsinnige Leute? Ja, aber sie sind es umso weniger und können es umso weniger sein, je mehr sie in ihrem Scheinbild aufgehen. Der Schein der Wissenschaft erfordert keinen besonderen Scharfsinn, bloß eine gewisse Klugheit. Wer den Schein zu wahren weiß, darf sich also Wissenschaftler nennen, ohne dabei wesenhaft Wissenschaftler zu sein. Und niemand wird es merken, keiner es ahnen, sondern das Gewand preisen für seinen meisterhaften Glanz. Anders als der Kaiser, trägt der Wissenschaftler tatsächlich ein Kleid, darunter aber ist kein Fleisch.

Wie aber? Sind die Wissenschaftler wirklich so heuchlerisch und verkommen, wie kann das sein? Ist das Ideal der Wissenschaft nicht der tugendhafte Philosoph? Ja und nein. Sie sind das, was sie sein müssen, um sich zu erhalten. Erhalten tun sie sich wie jeder Mensch, der leben will: durch Geld. Geld aber sähen und ernten sie nicht mit ihren Gedanken, sondern durch Prestige. Prestige aber erlangen sie, wenn eine große Zahl anderer Wissenschaftler sie für ihre Gedanken preist. Die Masse der Wissenschaftler aber preist das, was sie kennt. Sie liebt es, wenn das ihnen Vertraute und von ihnen selbst Verstandene (oder Verstanden-Geglaubte) neu und kunstvoll verpackt und mit einigen Änderungen (die Trippelschritte) ihnen gegenübertritt und sie in ihren Grundsätzen neu bestätigt. Sie liebt nicht das Fremde, das ihre eigenen Grundsätze und Gedanken verwirft und zerstört, denn sollte es sich durchsetzen, stünden sie selbst als Verlierer und Falschsager dar.

Es kann sich ein wirklich neuer Gedanke also so selten nicht nur deshalb durchsetzen, weil selten wirklich große und mutige Köpfe vorkommen, sondern weil es gleichfalls in den etablierten Rängen der Wissenschaft zumindest annähernd große und mutige Köpfe braucht, um einen neuen Gedanken zu verstehen und anzuerkennen. Gibt es diese aber, so kann es ganz schnell gehen, dass ein „Spinner“ von der Masse zum neuen Heiligen emporgehoben wird. Denn jeder will einer der ersten sein, die seine Brillianz erkannt haben.

Traurig also steht es um die Wissenschaft. Trauriger aber um eine Gesellschaft, die sie als Religion verehrt und ihre Vertretern als Priester gutgläubig folgt. Sind sie doch Menschen wie sie, keine Halbgötter erleuchtet vom Glanze der Vernunft. Sondern Menschen gespalten durch das Geld, und sich die Wahrheit anmaßend.

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8 Gedanken zu “Das Problem der Wissenschaft

  1. Ich verstehe Dich so, daß es Wissenschaftler gibt (wohl eher Philosophen als Natur-Wissenschaftler), die sich zum Zwecke des Gelderwerbs Theorien ausdenken. Mir fehlen die konkreten Beispiele, kenne das jedoch aus der Pädagogik, die immer wieder neu erfunden wird, ohne daß sich die Substanz des Menschen ändert. Ansonsten kommt die grundsätzliche Kritik an der Wissenschaft meist aus der Ecke der Religiösen, die sich mit Recht gefährdet sehen durch einen progressiven Schub in der Geschichte der Menschheit.

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    • Ich kann aus direkter Erfahrung natürlich nur für die Philosophie oder allgemeiner für die Geisteswissenschaften sprechen, habe aber den Eindruck, dass es sich in den Naturwissenschaften jedenfalls zu einem nicht unerheblichen Teil ähnlich verhält, da diese meist noch stärker an Wirtschaft und Industrie gebunden sind (z.B. Pharmaindustrie).
      Was die Religion angeht: Ich bin sehr froh, dass zumindest „der Westen“ es geschafft hat, sich weitestgehend vom Einfluss des Christentums und der Kirche zu befreien. Allerdings kritisiere ich, dass für unsere Gesellschaft die Wissenschaft selbst inzwischen zu einer Art Ersatzreligion geworden ist, mit ihren Dogmen und Priestern. Sie ist oft nicht selbstkritisch und offen genug.

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  2. Wissenschaft werden von Menschen betrieben. Menschen neigen zu Irrtümern. Sie sehen auch als Wissenschaftler durch ihre eigene Brille ihres Weltbildes. Entsprechend sind ihre Ergebnisse von Menschlichem geprägt und irrtumsbehaftet. Abhilfe? Denkbar wäre eine sachbezogene Kommunikation und Hinsehen auf die Sache.

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    • Ja, das ist (leider?) so. Ich denke, ein guter Teil der Ursache für dieses und andere Probleme liegt einfach im allgemeinen akademischen Klima, in dem der Druck (der Überlebensdruck) so groß ist, dass man lieber „auf Nummer sicher“ geht und sich anpasst. Die Abhängigkeit und die Angst ist groß (jedenfalls in den Geisteswissenschaften). Die Ursache hierfür sehe ich wiederum vor allem im Kapitalismus.

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  3. Moin Anna,
    danke für diese wertvollen Gedanken und Erklärungen. Für deine Sicht der Dinge auf heutige Wissenschaft.

    Ich sehe die Entwicklung, die Bildung und Wissenschaft in Deutschland seit mindestens 30 Jahren, durch die Politik/Wirtschaft getrieben, nehmen mussten, sehr kritisch.

    Von anfänglichen Zweifeln bin ich mittlerweile bei einer überwiegenden Ablehnung angekommen.

    Vor allem ist mir der Einfluss der neoliberalen Wirtschaft auf das dt. Bildungs(un)wesen unheimlich. Dieser gewollte Einfluss steht völlig konträr zu einer umfassenden Volksbildung.

    Privatschulen und -Universitäten sollen „Eliten“ züchten, um den Vorsprung der Besitzenden zu wahren und weiter auszubauen.
    Der Rest kann auf staatlichen Bildungseinrichtungen sehen, wie er/sie zurecht kommt…

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    • Genau, gefördert wird eine Bildung, die „der“ Wirtschaft nützt (und damit letztlich der Finanz-„Elite“), nicht dem Menschen. Dabei wäre es gar nicht so schwer, schon Schüler zu kritischeren und aufgeklärteren Menschen zu bilden. Zum Beispiel indem Logik und Psychologie gelehrt werden. Kenntnisse in diesen Fächern sind sehr grundlegend für das gesamte Denken und befördern die Mündigkeit, sie treiben das kritische Denken voran und schützen vor Manipulation. Wie vielen Missverständnissen könnte vorgebeugt werden, wenn alle Menschen zumindest Grundkenntnisse darin besäßen, logische Fehlschlüsse und rhetorische Tricks zu erkennen?

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