Gedanke: „Nazi“

Verharmlost es eigentlich Nazi-Verbrechen, wenn man Fremdenfeindliche aller Art „Nazis“ nennt oder verharmlost es Fremdenfeindlichkeit, wenn man es nicht tut?

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Das erweiterte Ich

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Künstler: Adam Neate

„Das menschliche Ich ist das Ich seiner Großhirnrinde. Aber wie der ganze ‚eigene Körper‘ in das Ich einbezogen wird, so kann alles in das Ich einbezogen werden, was der Mensch liebt und was er besitzt bzw. erwirbt: seine Familie, seine Freunde, seine Heimat, sein Volk, sein Staat, sein Eigentum; ferner auch ideelle Güter: sein Recht, seine Ehre, sein Ruhm, seine Stellung, sein Wissen, sein Können, seine Pläne, seine Kultur, seine Weltanschauung, seine Grundsätze, seine Lebensart: ‚Erweitertes Ichbewußtsein‘.
Dieses ‚erweiterte Ich‘ sucht der Mensch zu erhalten, zu fördern, zu mehren, er schützt und verteidigt es, unter Umständen unter Einsatz des Lebens.“

(Heinrich Rettig, Die Welt als Entfaltung des bipolaren Absoluten. II. Teil., Bühl 1961, S. 250)

Was ist das Ich? Es ist dasjenige, welches all das umfasst, was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen – und noch mehr. Denn wie im letzten Post deutlich wurde, geht das Ich nicht im oberflächlich Sichtbaren unseres Geistes auf. Es kann nicht gleichgesetzt werden mit dem bloßen „Ich-Bewusstsein“. Dieses ist ein unmittelbares Gefühl und unumstößlich sicheres Wissen davon, dass wir wir selbst sind und niemand anderes. Es ist ein Ankerpunkt im Meer des Zweifelns, ein Unbezweifelbares (wie Descartes meinte). Das Ich-Bewusstsein ist der Ausdruck von der Einheit und Zusammengehörigkeit unseres individuellen Seins, wie er sich für uns in unserem Bewusstsein abzeichnet. Es ist der erste und letzte Bezugspunkt von Bewusstsein überhaupt. Bewusstsein, wie wir es meinen, kann es ohne ein Bewusstsein von „Ich“ gar nicht geben.

Das Ich selbst aber geht über dieses Bewusstsein hinaus. Es umfasst auch all das, was wir nicht sehen, nicht kennen, wenn wir „Ich“ sagen – insbesondere dann, wenn wir uns selbst nicht gut kennen. Kurz gesagt: Es umfasst auch das Unbewusste unseres Geistes, all die Dinge, die wir vielleicht ahnen mögen, aber doch nicht erkennen.

„Ich“ ist unser subjektiver Ausdruck dafür, individuelle (individuierte) geistige Einheit zu sein. Unser Ich besteht wesentlich im Zusammenhalt unserer geistigen Substanz, dadurch aber notwendig auch in der Abgrenzung zu anderen Geistern, anderen Ichs – und überhaupt allem Anderen in der Welt, allem Nicht-Ich.

Wie konstituiert sich aber das Ich? Woraus besteht es, wie entsteht es? Es ist, wie alles Seiende, eine Vielheit in der Einheit: innen heterogen, außen homogen und damit (relativ) abgeschlossen und begrenzt. Um lebendiges Ich zu bleiben, strebt es einerseits nach Abgeschlossenheit und Konsistenz (nach Homogenität und Begrenzung), andererseits nach Vielfalt seiner geistigen Inhalte, welche es braucht, um zu wachsen. Zu solchen Inhalten gelangt es aber nur durch Erfahrung, welche wiederum eine Durchlässigkeit seiner äußeren Hülle verlangt. Es benötigt also neben der Abgeschlossenheit gleichzeitig eine Aufgeschlossenheit gegenüber der „Außenwelt“, um fremde, neue Eindrücke absorbieren und zu eigenen machen zu können. Das Ich, das sich völlig verschließt, verkümmert; das Ich, das sich vollkommen öffnet (und das Neue nicht integrieren kann), verliert sich. (Ein paralleler Gedankengang findet sich übrigens auch bei Jungs Lehre von der Intraversion und Extraversion.)

Um das „Eigene“ entstehen lassen zu können, braucht es also zwingend das Fremde: einmal in der bloßen Abgrenzung zum Eigenen (das Fremde, das Fremdes bleibt), einmal in der Rolle des „Neuen“, welches gierig aufgesogen und sich so zu eigen gemacht wird (das Fremde, das zu Eigenem wird). Nun passiert die „Absorption des Fremden“ häufig so, dass wir sie kaum oder gar nicht bemerken. Schon im Mutterleib machen wir neue Erfahrungen; der erste Atemzug, der erste Schritt, alles uns so Selbstverständliche und Vertraute ist uns einmal fremd gewesen.

Dabei absorbieren und integrieren wir nicht nur solche unmittelbaren Erfahrungen wie das eigene Atmen. Das „erweiterte Ich“, wie Rettig es nennt, geht über diese unmittelbarste Sphäre der eigenen Körperlichkeit weit hinaus. Die Mutter, der Vater, sie werden zur „eigenen Mutter“, zum „eigenen Vater“; das Bett, die Flasche zum „eigenen Bett“, zur „eigenen Flasche“; die Heimatstadt, die Schule zur „eigenen Stadt“, zur „eigenen Schule“ usw. Das Vertraute, das Gewohnte, das, was regelmäßig immer wieder mit mir in Berührung kommt, das wird zu „meinem“. Eigene Gefühle, Emotionen, die ganze eigene Erfahrung, sie werden gekoppelt an das Andere (und können auch erst in dieser Kopplung, in diesem Austausch bestehen) und dieses, zunächst Neue und Fremde, „aufgeladen“ mit unserem Erleben und dadurch mit einem Teil unseres Ichs.

„Unsere“ Erfahrungswelt, die damit schon immer durch unser Ich, durch unsere subjektive „Brille“ konstituiert ist und damit immer nur „für uns“ ist, verschärft sich so um die engere Sphäre des Eigenen, das zwischen dem „unmittelbaren Ich“ und dem Anderen gleichsam als Pufferzone steht (natürlich in unterschiedlicher Intensität oder Gradation). Das Ich erfährt so eine Erweiterung und Ausdehnung, die es gegenüber dem Fremden weitaus besser aufstellt – besondere Kraft erhält dieser Vorgang in der sozialen Dimension: wo das „Wir“, das „Gemeinschaftsgefühl“ in der Ausdehnung auf andere Ichs erzeugt wird. Das Ich macht eine Erfahrung von Transzendenz, es wird größer, mächtiger. Dennoch droht es nicht, sich völlig aufzulösen, denn die Grenze zum Anderen und damit die Sicherheit des Eigenen bleibt bestehen.

Wenn sich aktuell „der Deutsche“ von „dem Islam“ bedroht fühlt, so ist dieser Umstand genau so zu erklären. Er fühlt sich nicht in seinem unmittelbaren Ich bedroht oder befremdet. Es ist sein erweitertes Ich, „seine Arbeit“, „seine“ Stadt, „sein Land“, „seine Kultur“, das sich dem Fremden ausgesetzt sieht, und zwar ohne sein vorheriges Einverständnis – welches ein autonomer Willensakt gewesen wäre, der dem Fremden vielleicht die Bedrohung genommen hätte. So aber trifft das Andere das Ich mit Gewalt, es erfährt Ohnmacht, die Sphäre seines erweiterten Ich wird durchsetzt mit dem Fremden, ohne dass das Ich danach die Hand ausgestreckt hätte. Es sieht sich der Gefahr der Auflösung ausgesetzt. Mögliche Neu-Gier wird so im Keim erstickt. Das Ich wird auch in seinem individuellen Kern getroffen (denn unmittelbares und erweitertes Ich sind eins) und beginnt sich in sich zurückzuziehen, die Grenzen nach außen zu verstärken, die Durchlässigkeit zum Anderen zu verschließen, bereits vorhandene Ich-Strukturen zu befestigen und vermehrt zu pflegen.

Das Resultat ist eine gespaltene Gesellschaft – bei der die andere Seite allerdings nicht minder an Erstarrung leidet, wenn auch an anderer Stelle und aus anderen Gründen. Zu versuchen die Struktur des Ich zu verstehen wäre ein Ansatz (unter vielen!) die Spaltung zu überwinden.

Link: Historisches Wahlergebnis für die PARTEI

Alle schauen auf die AfD, keiner runzelt die Stirn über den historischen Wahlerfolg der populistischen Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, die mit vollen 2,0 Prozentpunkten in Berlin sogar die Piraten und die NPD überholte. Eine Gefahr für unsere Demokratie?

Mehr dazu auf Telepolis.

Vom alltäglichen Selbstbetrug

eisberg_lurvinkKünstler: Therese Lurvink-Ratti

„Die gewöhnliche Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall.“ (Nietzsche, Der Antichrist, In: Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce homo. Gedichte, Stuttgart: Kröner 1990, S. 266)

Oder: Erkenne dich selbst.

Ja, wir sind alle Lügner. Aber in einem anderen Sinne, als wir es üblicherweise annehmen. Der alltägliche Selbstbetrug wird gemeinhin in seiner Tragweite unterschätzt. Über hundert Jahre sind vergangen seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse und viel zu wenig haben wir aus ihren Erkenntnissen gelernt.

Der Gegensatz „bewusst – unbewusst“ ist eigentlich sehr einfach zu verstehen – jedenfalls in abstracto, indem wir im Nachhinein auf Geschehnisse zurückblicken, bei denen wir offenbar nicht „bei vollem Bewusstsein“, nicht „Herr über uns selbst“ waren; bei denen wir automatisch gehandelt haben. Das Unbewusste selbst dagegen kann nicht unmittelbar erfahren werden. Es verhält sich wie ein Ding an sich, bei dem wir immer nur seine Erscheinung wahrnehmen können – nämlich seinen Abdruck im Bewusstsein.

Hierin liegt das Problem: Das Unbewusste ist uns nicht bewusst. Es drängt sich nicht auf, es liegt stets im Hintergrund verborgen. So wird es schnell vergessen, das Ich auf das bloß Bewusste reduziert und damit der größte Teil unseres Geistes – die große Masse des Eisbergs – schlicht geleugnet. Im Resultat erhalten wir nicht nur ein stark verzerrtes Selbstbild, sondern auch das Bild unserer Umwelt leidet beträchtlich unter unserer selektiven Wahrnehmung: Denn wir verstehen nur das an der Welt, was wir an uns heranlassen, was wir durch die je eigene Brille unserer Persönlichkeit erfahren können. Die Welt erscheint uns in der Farbe unseres Charakters. Kennen wir seine Färbung nicht oder ist unsere Einschätzung darüber fehlerhaft, so können wir dies im Erkenntnisprozess und im Beurteilen der Dinge um uns nicht berücksichtigen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist unsere Charakterfärbung beispielsweise rot, so erscheinen uns alle Dinge der Außenwelt ebenfalls rot und wir übersehen schnell alles Blaue und Grüne. Kennen wir uns selbst, können wir zwar die rote Brille nicht ganz abnehmen, aber mittels unseres Abstraktionsvermögens feststellen, wie ein Ding ohne seinen Rotton aussehen sollte und uns darauf fokussieren, was nicht unmittelbar in unserem Spektrum liegt. Kennen wir uns selbst, so kennen wir auch unser Verhältnis zur Welt. Erst im geschärften Blick auf das, was wir selbst in der Welt sind, zeigt sich uns auch das Andere, das Nicht-Ich in all seiner Deutlichkeit.

Leider verhält es sich meist so, dass wir lediglich glauben uns zu kennen. Und so glauben wir auch die Welt zu kennen, dabei erscheint sie uns lediglich in einem besonderen Licht, das mit unserer Erwartung von der Welt übereinstimmt. Wir sehen zu oft nur das, was wir von uns sehen wollen – was uns in unserem positiven Selbstbild bestätigt. Oder, im umgekehrten Falle, wenn wir unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, was uns in unserem negativen Selbstbild bestätigt. Zu selten sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst – egal welch hohe Prinzipien der Aufrichtigkeit wir im Umgang mit anderen pflegen mögen, uns selbst lassen wir diese Ehre selten zu teil werden. Im Gegenteil, wo immer es uns nützt, belügen wir uns schamlos selbst.

Und wir müssen nicht mal gute Lügner sein. Die Verdrängung und das Glauben-Wollen, die Bequemlichkeit, die ein Gedanke mit sich bringt, der eine feststehende Ansicht bloß bestätigt, lassen die Lüge ganz von selbst erwachsen. Was nicht mit dem Bild zusammenstimmen will, das unser Bewusstsein von unserem Ich entwirft, wird tief ins Unbewusste abgeschoben. Wir lassen das Andere, das Unbequeme, das Unangenehme nicht zu.

Zum Beispiel halten wir uns für tolerant – nicht nur das, wir wollen mit aller Kraft tolerant sein (denn das predigt uns die öffentliche Meinung, aber das ist noch ein anderes Thema). Wir lassen also intolerante Gedanken und Gefühle gar nicht erst zu, spüren wir sie in uns aufflackern, drängen sie sofort zurück. Im Resultat verlernen wir langfristig, mit ihnen umzugehen, denn sie existieren für uns nicht mehr, dürfen nicht existieren. Wir verlernen überhaupt, was Toleranz heißt und was Intoleranz, verlernen den inneren Dialog mit uns selbst, mit dem Anderen in uns. Wir opfern alles der flachen Idee eines Ideals, das wir bald gar nicht mehr begreifen, weil wir uns nicht mehr begreifen. Wir sind nunmehr angewiesen auf einen Dritten, der für uns definiert, was es bedeutet; der uns sagt, wer wir sind.

Dabei ginge es anders: Den unbequemen Weg nehmen und sich vor sich selbst einmal völlig entblößen. Denn das Unbewusste ist nicht unerreichbar, es ist Teil von uns. Als solcher kann es sichtbar gemacht werden, es kann uns bewusst werden. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit auf sich selbst und das genaue Hinhören, Hinsehen. Es braucht bewusste Praxis und Übung. Gefühle, Intuitionen, vorsprachliche Gedankenfetzen können sichtbar gemacht und damit verstanden werden, indem man sie versprachlicht, sie vor sich hinstellt und nüchtern betrachtet. Ohne Scheu, ohne Scham vor sich selbst. Was es braucht, ist Mut, Entschlossenheit und den Willen, zu verstehen. Mut, das Hässliche in uns zu sehen, das wir verleugnet haben. Entschlossenheit, nicht wegzuschauen. Den Willen, das zu sehen, was ist, nicht mehr und nicht weniger – ehrlich zu sein mit sich selbst.

Der Lohn ist Klarheit. Klarheit von sich, im Guten wie im Schlechten. Und ein durch solche Übung geschärfter Blick bewirkt Klarheit auch im äußeren Weltbild. Wo man sich selbst bewusst geworden ist, gelernt hat, auch das Andere zu sehen, kann man mit neuem Bewusstsein auch ans Äußere herantreten. Neu ansetzen. Fragen dort stellen, dort zweifeln, wo man nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Sich mit dem flachen Schein nicht zufrieden geben. Genau sehen, nachbohren, entblößen, enthüllen wollen.

Ehrlichkeit einfordern.

Link: Facebook-Zensur bei den NachDenkSeiten

Dass Facebook nicht nur „Hasskommentare“ und nackte weibliche Brüste löscht (Igitt!), sondern auch politisch unliebsame Inhalte, ist leider nichts Neues mehr. Hier ein aktueller Artikel dazu auf den NachDenkSeiten:

Weiterlesen: Die Allmacht der Algorithmen – unser Facebook-Dilemma