Vom alltäglichen Selbstbetrug

eisberg_lurvinkKünstler: Therese Lurvink-Ratti

„Die gewöhnliche Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall.“ (Nietzsche, Der Antichrist, In: Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce homo. Gedichte, Stuttgart: Kröner 1990, S. 266)

Oder: Erkenne dich selbst.

Ja, wir sind alle Lügner. Aber in einem anderen Sinne, als wir es üblicherweise annehmen. Der alltägliche Selbstbetrug wird gemeinhin in seiner Tragweite unterschätzt. Über hundert Jahre sind vergangen seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse und viel zu wenig haben wir aus ihren Erkenntnissen gelernt.

Der Gegensatz „bewusst – unbewusst“ ist eigentlich sehr einfach zu verstehen – jedenfalls in abstracto, indem wir im Nachhinein auf Geschehnisse zurückblicken, bei denen wir offenbar nicht „bei vollem Bewusstsein“, nicht „Herr über uns selbst“ waren; bei denen wir automatisch gehandelt haben. Das Unbewusste selbst dagegen kann nicht unmittelbar erfahren werden. Es verhält sich wie ein Ding an sich, bei dem wir immer nur seine Erscheinung wahrnehmen können – nämlich seinen Abdruck im Bewusstsein.

Hierin liegt das Problem: Das Unbewusste ist uns nicht bewusst. Es drängt sich nicht auf, es liegt stets im Hintergrund verborgen. So wird es schnell vergessen, das Ich auf das bloß Bewusste reduziert und damit der größte Teil unseres Geistes – die große Masse des Eisbergs – schlicht geleugnet. Im Resultat erhalten wir nicht nur ein stark verzerrtes Selbstbild, sondern auch das Bild unserer Umwelt leidet beträchtlich unter unserer selektiven Wahrnehmung: Denn wir verstehen nur das an der Welt, was wir an uns heranlassen, was wir durch die je eigene Brille unserer Persönlichkeit erfahren können. Die Welt erscheint uns in der Farbe unseres Charakters. Kennen wir seine Färbung nicht oder ist unsere Einschätzung darüber fehlerhaft, so können wir dies im Erkenntnisprozess und im Beurteilen der Dinge um uns nicht berücksichtigen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist unsere Charakterfärbung beispielsweise rot, so erscheinen uns alle Dinge der Außenwelt ebenfalls rot und wir übersehen schnell alles Blaue und Grüne. Kennen wir uns selbst, können wir zwar die rote Brille nicht ganz abnehmen, aber mittels unseres Abstraktionsvermögens feststellen, wie ein Ding ohne seinen Rotton aussehen sollte und uns darauf fokussieren, was nicht unmittelbar in unserem Spektrum liegt. Kennen wir uns selbst, so kennen wir auch unser Verhältnis zur Welt. Erst im geschärften Blick auf das, was wir selbst in der Welt sind, zeigt sich uns auch das Andere, das Nicht-Ich in all seiner Deutlichkeit.

Leider verhält es sich meist so, dass wir lediglich glauben uns zu kennen. Und so glauben wir auch die Welt zu kennen, dabei erscheint sie uns lediglich in einem besonderen Licht, das mit unserer Erwartung von der Welt übereinstimmt. Wir sehen zu oft nur das, was wir von uns sehen wollen – was uns in unserem positiven Selbstbild bestätigt. Oder, im umgekehrten Falle, wenn wir unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, was uns in unserem negativen Selbstbild bestätigt. Zu selten sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst – egal welch hohe Prinzipien der Aufrichtigkeit wir im Umgang mit anderen pflegen mögen, uns selbst lassen wir diese Ehre selten zu teil werden. Im Gegenteil, wo immer es uns nützt, belügen wir uns schamlos selbst.

Und wir müssen nicht mal gute Lügner sein. Die Verdrängung und das Glauben-Wollen, die Bequemlichkeit, die ein Gedanke mit sich bringt, der eine feststehende Ansicht bloß bestätigt, lassen die Lüge ganz von selbst erwachsen. Was nicht mit dem Bild zusammenstimmen will, das unser Bewusstsein von unserem Ich entwirft, wird tief ins Unbewusste abgeschoben. Wir lassen das Andere, das Unbequeme, das Unangenehme nicht zu.

Zum Beispiel halten wir uns für tolerant – nicht nur das, wir wollen mit aller Kraft tolerant sein (denn das predigt uns die öffentliche Meinung, aber das ist noch ein anderes Thema). Wir lassen also intolerante Gedanken und Gefühle gar nicht erst zu, spüren wir sie in uns aufflackern, drängen sie sofort zurück. Im Resultat verlernen wir langfristig, mit ihnen umzugehen, denn sie existieren für uns nicht mehr, dürfen nicht existieren. Wir verlernen überhaupt, was Toleranz heißt und was Intoleranz, verlernen den inneren Dialog mit uns selbst, mit dem Anderen in uns. Wir opfern alles der flachen Idee eines Ideals, das wir bald gar nicht mehr begreifen, weil wir uns nicht mehr begreifen. Wir sind nunmehr angewiesen auf einen Dritten, der für uns definiert, was es bedeutet; der uns sagt, wer wir sind.

Dabei ginge es anders: Den unbequemen Weg nehmen und sich vor sich selbst einmal völlig entblößen. Denn das Unbewusste ist nicht unerreichbar, es ist Teil von uns. Als solcher kann es sichtbar gemacht werden, es kann uns bewusst werden. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit auf sich selbst und das genaue Hinhören, Hinsehen. Es braucht bewusste Praxis und Übung. Gefühle, Intuitionen, vorsprachliche Gedankenfetzen können sichtbar gemacht und damit verstanden werden, indem man sie versprachlicht, sie vor sich hinstellt und nüchtern betrachtet. Ohne Scheu, ohne Scham vor sich selbst. Was es braucht, ist Mut, Entschlossenheit und den Willen, zu verstehen. Mut, das Hässliche in uns zu sehen, das wir verleugnet haben. Entschlossenheit, nicht wegzuschauen. Den Willen, das zu sehen, was ist, nicht mehr und nicht weniger – ehrlich zu sein mit sich selbst.

Der Lohn ist Klarheit. Klarheit von sich, im Guten wie im Schlechten. Und ein durch solche Übung geschärfter Blick bewirkt Klarheit auch im äußeren Weltbild. Wo man sich selbst bewusst geworden ist, gelernt hat, auch das Andere zu sehen, kann man mit neuem Bewusstsein auch ans Äußere herantreten. Neu ansetzen. Fragen dort stellen, dort zweifeln, wo man nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Sich mit dem flachen Schein nicht zufrieden geben. Genau sehen, nachbohren, entblößen, enthüllen wollen.

Ehrlichkeit einfordern.

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6 Gedanken zu “Vom alltäglichen Selbstbetrug

  1. Pingback: Das erweiterte Ich | Truth doesn't make a noise

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