Aphorismus: Das Gute

Das Gute besteht in der harmonischen Einheit des Vielen.

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Vorlesung bei Prof. Han – Ein Erfahrungsbericht

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Eine echte, analoge und fruchtbare Hortensie mit Schaublüten um die Blütenstände. Was Han zum Licht sagen würde? Das Photo jedenfalls ist digital. Quelle: Wikimedia Commons

Schon vor Beginn der Vorlesung eine ungewöhnlich gespannte Stimmung: Der Raum ist noch nicht offen, in den Fluren stehen dicht gedrängt Grüppchen von Kunststudenten, aufgeregt plappernde Erstsemester genauso wie coole, abgeklärte Spätsemester, viele extravagante Erscheinungen, und natürlich die Gasthörer, mit grauen Haaren, bisweilen nach existentialistischer Mode um den Hals geschwungenem Schal und dem Feuilleton-Teil der FAZ unter dem Arm. Ich fühle mich an das Schaulaufen auf der Art Basel erinnert, aber die Atmosphäre hat eher etwas von einem Rockkonzert: ein Haufen „alternativer“ Menschen, die gespannt warten, dass die Türen sich öffnen, um sich dann hereinzudrängen und die besten Plätze zu sichern. Bloß kiffen sie nicht und keiner hat seinen Iro aufgestellt. Auch eine Art Türsteher gibt es: Eine Koordinatorin achtet darauf, dass die Studenten zuerst eingelassen werden und danach erst die Gasthörer.

Ich sichere mir einen guten Platz neben einer Gasthörerin, die sich mit hineingemogelt hat. Ihre Haare sind nicht grau. Aus der Philosophie sichte ich niemanden. Vorne (ich bin versucht zu sagen: „auf der Bühne“) werkelt der Hiwi an der Technik herum. Bald ist auch der Meister selbst erschienen. Auch er trägt einen dieser intellektuellen Schals, seiner ist ganz dünn, eher Band als Schal. Die dunklen Haare hat er zum Zopf zusammengebunden und unter seinem schlechtsitzenden, hastig zugeknöpften schwarzen Jackett lugen ein grauer Pullunder und ein weißes Hemd hervor. Die Hose ist auch schwarz, vermutlich eine Jeans. Prof. Han ist guter Laune. Er macht Witzchen mit dem Hiwi, während dieser das Bild der Kamera anpasst, die den Inhalt des Tisches vor Prof. Han auf die Leinwand bringt. Zuerst liegt da nur ein Schlüssel, wohl um die Größe des Bildes einzuschätzen. Dann Blüten und Blätter. Ich wundere mich ein bisschen, aber auch nicht zu viel, schließlich sind wir hier unter Künstlern.

Han-Seonsaeng legt los. Er beginnt die Vorlesung mit einer Einleitung, die bis zum Ende der Vorlesung andauern wird. Es wird sehr persönlich. Han erzählt von seinem Sommer und von seiner Liebe und seinem Glück. Im Sommer hat er an einem Film mitgearbeitet, einem Liebesfilm, mit zwei Schauspielerinnen von der Volksbühne. Dort hat er sich um Licht und Kamera gekümmert, und am Ende um alles. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens, sagt er.

Man sieht ihn dabei nicht mehr, während er das erzählt, er hat sich an den Tisch gesetzt und fingert an den Blüten herum. Aber man glaubt ihm, was er sagt. Er spricht klar, gewählt und in kurzen Sätzen, so wie er schreibt. Er schafft es, viel Tiefe in diese kurzen Sätze hineinzulegen. Sein Deutsch ist tadellos, wenn auch mit deutlichem koreanischen Akzent. Er spricht von der Liebe und vom Licht. Im Sommer hat er viel über das Licht gelernt. Ich lerne: „Byung-Chul“ bedeutet „helles Licht“. Es gibt liebendes und es gibt feindseliges Licht. Das Licht im Hörsaal ist feindselig, also hat er sein eigenes Licht mitgebracht, Liebes-Licht. Der Hiwi macht das feindselige Licht aus und Han springt auf, um das gute Licht (in Form eines Scheinwerfers, „Made in Germany“, er liebt Made in Germany, „Made in Japan“ geht aber auch manchmal) richtig auszurichten. Es dauert etwas, bis er zufrieden ist, die ersten Reihen erleiden derweil kurzzeitige Blendschäden. Dann sitzt er wieder und erzählt.

Er will uns ein Geheimnis verraten, sagt er, denn eigentlich ist es gar keines mehr. Das Geheimnis ist: „Ich habe zwei Jahre intensiv als Gärtner gearbeitet.“ In seinem Garten in Wannsee hat er viele Rosen und Engel, und alle Blumen versammelt, die im Winter blühen. Kostproben davon hat er mitgebracht und zeigt sie uns: Hortensien, Funkien, Winter-Jasmin, Seggen und andere, „deren Namen Sie wahrscheinlich gar nicht kennen, oder? Weil Sie immer nur wischen, auf Ihrem Smartphone wischen, bei Whatsapp wischen, an Ihrem Ego wischen.“ „Werfen Sie endlich Ihr Smartphone weg und streicheln Sie ein Blatt.“ Er streichelt ein Blatt, während er das sagt. Meine Nachbarin rechts von mir, ein kicherndes Erstsemester, hört nur halb zu und wischt unter dem Tisch über ihr Smartphone. Die Gasthörerin links von mir ist ganz vertieft und lächelt beseelt. „Schauen Sie. Die Adern.“ Er streicht über die Blattadern. „Genau wie bei einem Menschen.“ „Hören Sie endlich auf zu wischen und fangen Sie an, zu streicheln. Nicht das Display, sondern Ihren Nachbarn.“

So spricht er fortwährend weiter, von der Liebe und vom Streicheln und von Blumen und sein Publikum reagiert teils belustigt, teils bewundernd. Es gibt viel heiteres Gekicher, während er so spricht, nicht respektlos, sondern eher munter und staunend, aber auch ein bisschen unbehaglich. Da spricht ein erwachsener und so bekannter Mann, ein Professor, vom „Streicheln“ und von der Liebe, was ist davon zu halten? Meint er das ernst? Die coolen Kunststudenten und Intellektuellen sind verunsichert. Han selbst fährt fort mit subtilem Humor, in seinem Tonfall liegt dabei stets ein Hauch von Verschmitztheit und sein Lachen ist ein trockenes Atmen. Er erinnert mich darin etwas an einen koreanischen Bekannten, bei dem ich etwas Ähnliches beobachten konnte und der mir damals mit dem Satz in Erinnerung geblieben ist: „Ihr Europäer seid im Grunde alle noch Cartesianer.“ Er hatte Recht. Der Dualismus in unserem Denken zieht sich weiter bis in die scharfe Trennung zwischen Ernst und Heiterkeit. Nicht so bei Han. Andächtig schwärmt er von seinen Rosen und schimpft über Smartphones und meint es auch so – aber nie ohne den Schelm im Augenwinkel. Sein teutonisch-blonder HiWi hingegen sitzt stocksteif und lauscht preußisch-ernst den Worten des Meisters, als säße der neue Heidegger persönlich neben ihm, stets sich bereithaltend, eine mögliche Anweisung sofort auszuführen.

Prof. Han liest uns Gedichte von Rilke vor. Er liebt Rilke. Bis zum Ende der Sitzung werden wir sicher zehn davon gehört haben. Die Gedichte handeln von Rosen und Engeln und von der Liebe – daher also Hans Begeisterung. Han ist glücklich. Und übernächtigt. „Nur Idioten schlafen, wenn sie verliebt sind. Wenn man im Glück ist, darf man nicht schlafen.“ Er zeigt uns einen kurzen Ausschnitt aus seinem Film, eine Hortensie in Nahaufnahme, unterlegt mit den Goldbeck-Variationen von Bach. „Herrlich!“ Die Szene hat er nachts in seinem Garten gedreht, die Hortensien sind vom gleichen Licht erhellt, das er mit in Vorlesung gebracht hat. „Mein Nachbar dachte, ich wäre ein Einbrecher“, sagt er und lacht. Dabei hat er doch nur in seinem Garten gesessen und die Blüten gestreichelt. Die echten Blüten, nicht die Blätter. Denn was man gemeinhin bei Hortensien für Blüten hält, sind bloß farbige Blätter, lerne ich. Die echte Blüte, „die Königin“, hat man weggezüchtet und die Pflanze so unfruchtbar gemacht.

Wenn er nicht von seinem Garten spricht und von Rilke, gibt er seinen Studenten Tipps in Sachen Kameras und Objektiven. Über den Sommer ist er unfreiwillig zum Spezialisten geworden, sagt er. Am besten sind die von Zeiss. Leider kann er sich die allerbesten noch nicht leisten, aber er hat auf Ebay ein Objektiv für 900 ersteigert, das eigentlich 10.000 kostet. Er besitzt auch viele digitale Objektive. „Ich liebe das Digitale!“, stellt er klar, Technik bedeute auch immer Emanzipation. Er verurteile bloß bestimmte Formen des Digitalen (wie die Smartphone-Wischerei). Er kritisiert, dass wir verlernen, die Wirklichkeit wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren. So würden wir auch das Glück verlernen.

Eine halbe Stunde vor Schluss versichert er uns, jetzt mit der Vorlesung anzufangen. Fünf Minuten später hat er es wieder vergessen. Oder nicht? Die Vorlesung trägt den Titel „Analog/Digital“. Bisher hat er das Thema ganz gut eingebracht. Am Ende hat er zwar nicht doziert, dafür aber vermittelt und inspiriert. Fünf Minuten vor Schluss trägt er noch ein Rilke-Gedicht vor. Es handelt vom Küssen. Die letzten Zeilen flüstert und haucht er bloß noch. Zusammen mit seinem koreanischen Akzent verstehe ich längst kein Wort mehr. Die Zuhörer klatschen trotzdem begeistert. Klatschen, nicht Klopfen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei. Bis nächste Woche.

Kontinentalphilosophie

Prof. M. heute im Seminar: „Kontinentale Philosophie ist wenig fokussiert auf Klar- und Exaktheit.“

Genau. Das kann nämlich nur die analytische Philosophie. Die kann auch sowas wie formale Logik und Gedankenexperimente. Ohnehin ist sie viel experimenteller, und damit empirischer, und damit besser, weil näher an „echter“ Wissenschaft („science“). Nicht so ein spekulatives Geschwurbel, bei dem nicht mal jeder Satz in formallogische Terme zerlegt wurde, sodass ein vernünftiger Mensch, also ein „Nicht-Kontinentaler“ sie verstehen kann. Kontinentalphilosophie kann überhaupt keine Analyse, woher auch? Es ist ja nicht so, dass sie sie erfunden hat. Was die da auf ihrem „Kontinent“ so treiben ist keine Philosophie mehr, das ist doch Poesie! Und das kann ja jeder. Wo ist der Erkenntnisgewinn? Ich will Daten, ich will Fakten sehen! Die Philosophie muss ankommen im 21. Jahrhundert! Wieso kann ich dieses Paper nicht auf Englisch lesen? Dann muss es wohl unwichtig sein. Ich verstehe diesen Satz nicht, was soll das denn heißen? „Das Nichts nichtet.“ – Diesem Typen, ja genau, diesem Nazi, war wohl nicht klar, dass das eine leere Tautologie ist, die rein gar nichts bedeutet? Was soll ich jetzt damit anfangen? Ich verstehe es nicht, also muss es falsch sein.

Sarkasmus Ende. Polemik Ende.

Zitat: Byung-Chul Han

„Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, dass das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, dass es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit empfindet.“

(Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt am Main 2015, S. 42.)

Von der Überheblichkeit der Gegenwärtigen

Wir leben in einer Blase. Diese Blase heißt Gegenwart. Bewusst und klar ist uns nur, was gegenwärtig ist. Wir leben im Jetzt und Hier und können auch gar nicht anders. Leben heißt jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen; Leben ist wesenhaft augenblicklich. Am lebendigsten ist der, welcher so lebt, dass ihm der Moment zur Ewigkeit gerät – wahre Ewigkeit, deren immense Weite er nicht spürt, da sie ihn just in diesem Augenblick völlig umfängt.

Diese Art zu leben macht aber nicht unser ganzes Wesen aus. Insofern wir denkende Kreaturen sind – solche des Nach-denkens und der Re-flexion – leben wir auch in der Vergangenheit. Ein denkendes Leben ist immer ein Leben im Hinblick auf Vergangenes. All die Begriffe und Vorstellungen, mit denen unser Geist hantiert – sie sind einmal geworden und entstanden. Ihre Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen, aber mit ihnen umgehen und uns auf sie beziehen können wir nur, insofern wir ihrer Entwicklung ein vorläufiges Ende setzen, sie abgrenzen, sie in Worte zwängen und definieren. Dadurch glauben wir uns ihrer bemächtigt zu haben, sie umzäunt und gezähmt zu haben. Eine durch Begriffe definierte Welt ist eine für uns kontrollierbare Welt.

Um die Begriffe für uns zu definieren, um uns unsere Welt zu erklären, greifen wir auf Erfahrungen zurück. Vornehmlich auf unsere eigenen Erfahrungen, aber auch auf die Anderer, wo uns selbst solche fehlen. Nun ergibt sich aber eine Schwierigkeit: Gerade die Begriffe, die am umfassendsten und ältesten und damit für unser Denken am interessantesten sind, gerade diese können wir am schwersten erklären – denn unsere eigene lebendige Erfahrung reicht gerade mal einige Jahrzehnte zurück, ein Menschenalter höchstens. Ebenso die Erfahrung Anderer. Alles Dahinterliegende hat sich bereits der Möglichkeit unseres unmittelbaren Zugriffs entzogen, ist historisch und unwiederbringlich geworden. Die Erfahrung kann nicht mehr selbst erfahren, auch nicht mehr direkt kommuniziert und ausgetauscht werden. Bloß die Toten sprechen noch, in Schriftstücken, Artefakten, neuerdings auch in Video- und Tonaufnahmen. Das Vergangene ist erst jetzt wirklich Vergangenheit geworden – wo es nichts Lebendiges mehr gibt, das sich erinnert.

Diese „tote“ Vergangenheit ist es, die uns Probleme macht. Wir wissen nichts von ihr, haben nie etwas von ihr gewusst. Wir haben bloß das aufbewahrt, was von ihr geblieben ist und rekonstruieren sie nach unseren Vorstellungen, den Vorstellungen und Erfahrungen der Gegenwart. Wir können somit gar nicht anders, als die Vergangenheit perspektivisch zu verzerren.

Hinzu kommt, dass wir uns ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst sind und schnell dabei sind, diese zu bewerten und in ein Verhältnis zum Jetzt zu stellen. Der berüchtigte Satz „Früher war alles besser.“ reicht dabei aber meist nicht über die eigene lebendige Erfahrung hinaus. Darüber hinaus, so lautet für gewöhnlich die Annahme der Gegenwärtigen, „war früher alles schlechter“. Früher, da gab es keine Autos, kein Fernsehen, kein Internet, keine Staubsauger, keine Züge, keine Flugzeuge, keine moderne Medizin, keine Aufklärung, keinen wissenschaftlichen Fortschritt, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Demokratie, keine Gewerkschaften, keinen 8-Stunden-Tag, keinen Mittelstand, keinen Wohlstand, keine Vernunft, keine Autonomie, keine Individualität, keine Freiheit „sich auszuleben“.

Heute hingegen haben wir all das und noch mehr, wir Gegenwärtigen. Vor allem sind wir später, weiter, reifer – haben das Mensch-Sein viel länger erfahren. Die Menschheit heute ist erwachsen geworden, so meinen wir, hat sie doch den Aberglauben und die Kirche überwunden, ganz aus eigenem Antrieb, hat sich selbst aufgeklärt, emanzipiert und ist vernünftig geworden, nüchtern, sachlich, echt. Keine Träumereien mehr, keine Schwärmereien, keine Spekulationen – all das haben wir als Nonsens entlarvt und endlich verstanden, nach Jahrtausenden von Irrläufen, welche Weltauffassung die einzig richtige ist: unsere. Wie blind waren unsere Vorfahren! Sie glaubten sich im Besitz der Wahrheit! Aber sie wussten eben nicht, was wir wussten (unsere primitiven Urahnen hätten wahrscheinlich sogar Smartphones als gefährlich und schwarzmagisch eingestuft!). – Wir lächeln nachsichtig, unsere Augen funkeln im Glanz von kaum verhohlenem Überlegenheitsgefühl: Kindereien der Vergangenheit!

Was wir nicht begreifen: Wir selbst sind die Kinder. Wir sind die Nachgeborenen, die Späten und Verspäteten, und nichts ist uns fremder als die eigene Vergangenheit. Wir waren nicht zugegen bei der Geburt der Menschheit, wir sind nicht die ersten, sondern die letzten. Und solange wir stur den Blick nach vorne richten, ohne einmal wirklich zurückzublicken, wird es dabei bleiben. Wir sind so flach, wie wir ahistorisch sind – wir sind so tief, wie unsere Erinnerung reicht. Und wo sie nicht reicht – wo wir spekulieren und konstruieren müssen, um unsere Wurzeln zu erforschen – da dürfen wir nicht mit Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit auf das blicken, was vor uns war, nur weil es vor uns war – nur weil wir inzwischen aufgrund technischer Fortschritte über ein Wissen verfügen, das es so noch nicht gegeben hat. Wie steht es aber um das Wissen, das es einmal gegeben hat? Haben wir das nicht vergessen? Was können wir von der Vergangenheit wissen, wenn wir immer nur auf das Acht geben, was mit unserem Wissen kompatibel ist? Wenn wir immer nur den Wissens-Mangel sehen, statt das Wie des vergangenen Wissens zu erkunden und seine Andersartigkeit verstehen zu wollen?

Zum Leben selbst braucht es nur Gegenwart. Wollen wir aber gut, wollen wir besser leben, müssen wir erkennen wie. Dazu braucht es Vergangenheit, Erinnerung, Wieder-erkennen – im Jetzt bewusst sein, der Vergangenheit bewusst werden.

Link: NEON-Redakteur als „Spion“ bei Russia Today

Interessantes Aufeiandertreffen zweier Weltbilder: Martin Schlak gab sich drei Wochen lang als Praktikant bei RT Deutsch aus. Am Ende wurde ihm sogar ein Job angeboten. Jetzt ist im NEON-Magazin sein „Enthüllungsbericht“ erschienen. RT Deutsch reagierte gestern mit einer Erwiderung. Eine nette Abwechslung: Auf beiden Seiten wurde diesmal keinerlei Gift versprüht.

Der Link führt zur Erwiderung von RT, ein Scan des Originalberichts findet sich ganz am Ende.

Hier geht es weiter zu beiden Artikeln.

Etymologie: Materie

Materie f. ‚objektive Realität, stoffliche Substanz, Masseteilchen, Gegenstand, Inhalt, Thema‘, mhd. materje, materge ‚Stoff, Körper, Gegenstand, Flüssigkeit im Körper (bes. Eiter)‘ ist entlehnt aus lat. materia ‚Stamm und Schößlinge von Fruchtbäumen und Weinreben, Bauholz, Nutzholz, (Grund-)stoff, Aufgabe, Anlage, Ursache‘, einer Ableitung von lat. mater ‚Mutter‘ (s. Mutter). Materie entwickelt sich in zwei Bedeutungssträngen: einerseits bezeichnet es den ‚Stoff, aus dem etw. gefertigt ist‘ (im 18. Jh. abgelöst durch Material, s. d.), andererseits gilt es in der Sprache der Philosophie als die ‚stoffliche Seite eines Naturkörpers‘ (14. Jh.), als ‚Möglichkeit des Seins‘, das seine Bestimmung erst durch die Form erhält. – materiell Adj. ‚die Materie betreffend, stofflich, körperlich, wirtschaftlich (18. Jh.), von frz. matériel, entlehnt aus lat. materialis ‚zur Materie gehörig‘.

– Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 847–848.

Im Ursprung des Begriffes „Materie“ offenbart sich viel über unser Denken und unsere Geschichte, vor allem vieles, das wir vergessen haben. Die frühere Auffassung von der Welt als einer Fruchtbaren und Lebendigen, von der „Mutter Erde“, die Leben gibt, vom „Mutterstoff“, aus dem alles Seiende geformt ist, weicht einer völlig verkrüppelten und pervertierten Bedeutung des Begriffs „Materialismus“. „Materialismus“ heute bedeutet gerade sein Gegenteil, nämlich die Rückführung alles Seienden auf „tote“ Materie, auf „bloßen“ Stoff. In Opposition dazu steht sein glänzender Widerpart, der Idealismus, in dem die „Idee“, der „Geist“ als Hauch Gottes über das „bloß“ Stoffliche, Passive herrscht. Angeblich haben wir heute diesen Dualismus überwunden. In Wirklichkeit vertreten wir eine nekrophile Weltauffassung: Gott, der große Patriarch, ist tot, doch nicht „die große Mutter“ ist wieder an seinen Platz getreten. Stattdessen beten wir tote Körper an, wir umgeben uns mit ihnen, tragen sie am Leibe, schmieren sie auf die Haut, essen, trinken, verkonsumieren sie, und wo wir das Lebendige nicht wegerklären können, führen wir es wieder auf Totes zurück, der Mensch: das Gehirn.

Mehr dazu ein andermal.

Zitat: Einstein

„Die Naturwissenschaft ist nicht bloß eine Sammlung von Gesetzen, ein Katalog zusammenhangloser Fakten. Sie ist eine Schöpfung des Menschengeistes mit all den frei erfundenen Ideen und Begriffen, wie sie derartigen Gedankengebäuden eigen ist.
Physikalische Theorien sind Versuche zur Ausbildung eines Weltbildes und zur Herstellung eines Zusammenhanges zwischen diesem und dem weiten Reich der sinnlichen Wahrnehmungen.
Der Grad der Brauchbarkeit unserer gedanklichen Spekulationen kann nur daran gemessen werden, ob und wie sie ihre Funktion als Bindeglieder erfüllen.“

(Albert Einstein, Leopold Infeld, Die Evolution der Physik, Augsburg 1992, S. 37)

„Verschwörungstheoretiker“ – Analyse eines Begriffs

verschwoerungstheorie

TL;DR: Es ist falsch und heuchlerisch, Verschwörungstheoretiker pauschal als „Spinner“ zu verurteilen. Die Aufdeckung realer Verschwörungen, und damit die Wissenschafts- und Pressefreiheit, wird durch Tabuisierung des Verschwörungsbegriffs behindert. Andersdenkende dürfen nicht mit dem Stigma des Verschwörungstheoretikers lächerlich gemacht werden. Statt in den Chorus der Diffamierung blind miteinzustimmen, ist es geboten selbst zu denken.

 

In letzter Zeit scheint der Begriff des „Verschwörungstheoretikers“ im öffentlichen Diskurs nahezu inflationär gebraucht zu werden. Daher möchte ich im Folgenden eine kleine Begriffsanalyse vornehmen.

Was ist ein Verschwörungstheoretiker? Ein Verschwörungstheoretiker ist jemand, der Verschwörungstheorien vertritt, so viel steht fest. Was aber ist unter „Verschwörungstheorie“ eigentlich genau zu verstehen? Hier lassen sich mindestens zwei Dimensionen der Bedeutung unterscheiden.

Da wäre zunächst die wörtliche Bedeutung: Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie, also ein gedankliches Konzept, von einer Verschwörung. Sie behauptet als Ursache für bestimmte gesellschaftliche oder politische Ereignisse eine Verschwörung, also eine geheime Absprache zwischen mehreren Personen, die sich durch bestimmte, Außenstehenden nicht zugängliche Pläne einen gemeinsamen Vorteil erhoffen, meist zum Nachteil Anderer (daher die Geheimhaltung) – sie schwören sich auf etwas ein. Die Verschwörungstheorie erklärt Ereignisse somit durch bewusste Kalkulation und Manipulation bestimmter mehr oder weniger mächtiger, also einflussreicher, Personen. Nach dieser Definition dürfte man beispielsweise geheime Preisabsprachen unter großen Unternehmen zu den Verschwörungen rechnen – auch wenn das meist nicht geschieht. Warum nicht?

Die Ursache dafür ist in der zweiten, negativ-wertenden Bedeutung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zu suchen. Auf dieser Bedeutungsebene erscheint die Verschwörungstheorie als etwas per se Anrüchiges, Unvernünftiges, Irrationales, als Spinnerei. Sie stellt das Gegenteil einer wissenschaftlichen Theorie dar, welche sachlich, objektiv und nüchtern nach Erklärungen für Phänomene sucht. Eine Verschwörungstheorie ist hier immer vereinfachend und basiert auf bloßen Gefühlen, Wünschen und Vermutungen, niemals aber auf Fakten. Sie sieht nie den Zufall, sondern stets „geheime Mächte“ am Werk. Sie liefert nicht die wahrscheinlichste (langweilig-alltägliche!) Erklärung, sondern die sensationellste, abwegigste.

Eine Verschwörungstheorie in dieser Bedeutung kann somit nur von einer Person ernsthaft vertreten werden, mit der irgendwas nicht stimmt, die geistig in irgendeiner Weise angeschlagen oder gar krank ist, da sie offensichtlich nicht in der Lage ist, vernünftig zu urteilen – von einem Verschwörungstheoretiker also. Hier wird es nun sehr schnell persönlich-herabsetzend bis beleidigend: Verschwörungstheoretiker sind Spinner, voller Hass (FAZ), „sehen überall Lügen“ (ebd.), sind „paranoid“ und „populistisch“ (FAZ) , „wahnsinnig“ (Zeit) und „ideologisch“ (TAZ), „verstört“ und verbreiten „absurde“ (Spiegel) und „wilde Geschichten“ (Süddeutsche).

Die Front gegen Verschwörungstheorien und ihre Vertreter scheint gesamtgesellschaftlicher Konsens zu sein, jedenfalls wenn man einer Stichprobe im „Spektrum“ der sogenannten Leitmedien von FAZ bis TAZ folgt. Erschreckend ist dabei das Niveau, auf dem gegen Verschwörungstheoretiker argumentiert wird, nämlich meist selbst dermaßen irrational, unlogisch und dabei noch herablassend-verhöhnend, dass es beim Lesen wehtut. Schnell ist man dabei, sich genau der Methoden zu bedienen, die man gerade noch an den Verschwörungstheoretikern kritisiert hat. Ab und an kommt es sogar vor, dass mit eigenen Verschwörungstheorien gekontert wird. Besonders beliebt ist die Theorie, dass das Verschwörungsgeschehen vom Kreml aus gesteuert wird, um die Menschen im Westen in ihren „westlichen Werten“ zu verunsichern (Zum Beispiel in diesem FAZ-Artikel).

In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen „orthodoxen“ und „heterodoxen“ Verschwörungstheorien hilfreich, welche im (empfehlenswerten) Band „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens“ (Wiesbaden, 2014) von den Herausgebern Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter eingeführt wird: Bei orthodoxen Verschwörungstheorien handelt es sich dabei um solche, die von der Allgemeinheit akzeptiert und vertreten werden, bei heterodoxen um solche, die nur eine Minderheit vertritt. Eine Theorie, die behauptet, dass Al-Quaida sich verschworen hat, die Anschläge vom 11. September zu verüben etwa wäre eine orthodoxe Verschwörungstheorie, eine Theorie, die stattdessen behauptet, es sei die CIA gewesen, eine heterodoxe.

Im oben geschilderten Fall wird also einer heterodoxen Verschwörungstheorie (oder genauer: überhaupt Verschwörungstheorien) eine orthodoxe Verschwörungstheorie entgegengesetzt. Der Unterschied liegt darin, dass man eine orthodoxe Verschwörungstheorie für gewöhnlich nicht so nennen würde, da die negativ-wertende Bedeutungsebene in der öffentlichen Meinung vorherrscht. Die Reduktion des Begriffs auf diese Ebene engt aber den Blick auf das gesamte Bedeutungsspektrum des Begriffs ein und birgt nicht geringe Gefahren in sich. Zum Beispiel werden so alle Theorien, die Geschehnisse mit Verschwörungen zu erklären suchen, pauschal verurteilt und in die Nähe von „Spinnerei“ gerückt – unabhängig davon, ob sie rational argumentieren oder nicht. Der Begriff „Verschwörung“ selbst erhält eine anrüchige Färbung, wird tabuisiert. Im Resultat meiden Wissenschaftler oder Journalisten Erklärungsansätze, die Verschwörungen als Ursache vermuten – sie wollen oder können ihre Reputation nicht riskieren, von der auch ihr finanzielles Auskommen abhängt. Das Risiko, als Verschwörungstheoretiker dauerhaft gebrandmarkt zu werden ist zu groß (und tatsächlich greift hier die Metapher der Brandmarkung gut, ein Stempel ist schließlich abwaschbar). Der Verschwörungstheoretiker ist die personifizierte Unwissenschaftlichkeit und Unseriosität – sicherer ist es also, sich theoretisch gar nicht erst in die Nähe von Konzepten zu begeben, die bereits „verschwörungstheoretisch besetzt“ (also von Spinnern dominiert) sind. Hierdurch werden auch ganze Themenkomplexe an den Rand der akademischen Auseinandersetzung verdrängt und isoliert. Ein Zirkel entsteht: Was einmal mit dem Label „verschwörungstheoretisch“ versehen wurde, wird von der Wissenschaft lieber gar nicht erst angefasst und so bleibt und gedeiht ein Thema ausschließlich im außerakademischen Bereich, wo es eben mangels der Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Kontrolle möglicherweise in der Erklärung noch groteskere Blüten treibt, sodass es für die Wissenschaft erst recht zum Tabu wird usf.

Die Haltung vieler Wissenschaftler, Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungstheorien ohne vorherige Nachforschung pauschal zu verurteilen, entlarvt auch ihre Doppelmoral im Hinblick auf „Wissenschaftlichkeit“, zu der eine pauschale Verurteilung eben eigentlich nicht zählen sollte. Es entlarvt auch ihre Engstirnigkeit und ihr dogmatisch verkrustetes Weltbild, in dem „das Andere“ nur Platz findet, solange es das bisherige Weltbild bestätigt. Dabei sollten sich Skepsis und Offenheit, kritisches Nachfragen und wahre Neugier in der Wissenschaft ergänzen, vor allem aber Mut anstelle von Kleingeistigkeit treten, um echte Freiheit der Wissenschaft entstehen zu lassen – ein hehres Ideal, dass durch die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaftler leider so gut wie unmöglich gemacht wird.

Die fast durchgängig einheitlich abwertende Meinung der etablierten Medienorgane in Bezug auf Verschwörungstheorien entlarvt ebenso eine erschreckende Uniformität der Medienlandschaft – die Vorwürfe gegen die Wissenschaft lassen sich dabei problemlos übertragen, allen voran wieder die Doppelmoral: Wo Vorurteile gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen zuvor aufs Schärfste verurteilt wurden (zu Recht!), findet man gleich daneben einen Artikel, der vor diffamierenden Vorurteilen gegenüber den „Verschwörungstheoretikern“ nur so überquillt, verleumdende Aussagen eingeschlossen. Besonders gerne wird die Verbindung zu Rechtsextremismus und Antisemitismus gezogen. Die Logik funktioniert dabei meist so: 1.) Es gibt rechtsextreme/antisemitische Verschwörungstheoretiker. 2.) Also sind alle Verschwörungstheoretiker rechtsextrem/antisemitisch. (Aristoteles würde sich im Grabe umdrehen) Konkret auch: Auf einer Demo mit verschwörungstheoretischen Inhalten wurden unter anderem Nazis gesichtet (oder was man heute so alles „Nazi“ tauft). Nazis finden offenbar verschwörungstheoretische Inhalte gut. Also müssen diese schlecht/falsch und ihre Vertreter auch Nazis oder jedenfalls irgendwie mit diesen assoziiert sein.

Wenn ein Inhalt nur lange genug mit einem solchen in Verbindung gebracht wird, der Unbehagen hervorruft, wird es nicht lange dauern, bis man beim ersteren, der vielleicht völlig wertneutral ist, bald auch Unbehagen spürt – einfache Konditionierung. Nehmen wir etwa an, es wäre ein Hauptmerkmal von Nazis, die Natur und alles Grüne wunderbar zu finden (und tatsächlich gab und gibt es ja da eine Neigung, Stichwort Blut-und-Boden-Ideologie). Würde uns nur lange genug diese Verbindung vor Augen gehalten, schon bald würden wir anfangen (unbewusst, versteht sich) überhaupt alle enthusiastischen Appelle für Natur-Bejahung misstrauisch zu beäugen – es könnten ja Nazis dahinterstecken!

Leider passiert in der medialen Berichterstattung genau das: Verschwörungstheorien und ihre Vertreter werden immer wieder in Zusammenhang mit Rechtsextremismus gebracht, ohne dabei zwischen tatsächlich Rechtsextremen und eindeutig nicht Rechtsextremen zu unterscheiden. In diesem FAZ-Artikel etwa geschieht das im Falle Jürgen Elsässer und Ken Jebsen („der Mann mit den wütenden Augen“). Liest man Elsässers Blog, kann einem leicht schlecht werden, wenn z.B. von „Flüchtlingsbesoffenheit“ oder „Rapefugees“ die Rede ist. Hört man Jebsen zu und überwindet anfängliche Vorurteile, was Aussehen und Stimmlage betrifft (die „wütenden Augen“), merkt man schnell, dass da mit „Rechts“ gar nichts ist, mit Antisemitismus ebensowenig und der Mann bei aller Neigung zu Wasserfall-Redeschwall und Empörungsrhetorik eine sehr gute Sendung macht, bei der er interessante Leute interviewt und diese auch noch ausreden lässt. Trotzdem kann es sein, dass beide bei aller Unterschiedlichkeit bestimmte Positionen teilen – das macht sie eben noch nicht gleich (vgl. oben).

Übrigens beruht der Antisemitismus-Vorwurf meist auf einem ähnlichen logischen Fehlschluss wie dem oben ausgeführten und offenbart darüber hinaus eher die unbewusste antisemitische Haltung desjenigen, der den Vorwurf erhebt, als dass er den Beschuldigten überführt: Kritisiert eine Person z.B. Israel (und damit ist die israelische Regierung gemeint – wohlbemerkt hat eine Regierung leider meist nur sehr wenig mit den Menschen gemein, die sie regiert) oder, etwas allgemeiner, gewisse steinreiche Banquiersfamilien, so hat sie damit in den Augen mancher schon eine antisemitische Äußerung getan – denn den so kritisierten Personen kommt nun einmal auch die Eigenschaft „jüdisch“ zu, ganz gleich ob die Kritik etwas mit dieser Eigenschaft zu tun hatte oder nicht. Wir brauchen nun eigentlich gar kein logisches Propädeutikum durchlaufen zu haben, um zu sehen, dass hier etwas falsch läuft. Es darf nicht sein, dass wir Menschen diffamieren, weil sie jüdisch sind. Es darf aber auch nicht sein, dass wir Menschen, die vielleicht große Verbrechen begehen, dafür nicht kritisieren dürfen, weil sie jüdisch sind.

So aber reiht sich der Begriff des „Antisemiten“ neben den des „Nazis“ und des „Spinners“ ein in eine Reihe von Begriffen, die inzwischen so inflationär gebraucht werden, dass nach inhaltlicher Entsprechung meist verzweifelt gesucht werden muss – zu sehr zielen sie häufig lediglich nur darauf ab, Personen zu diskreditieren. Umso schwerer fällt es, den tatsächlichen Antisemiten und tatsächlichen Nazi oder auch den tatsächlichen „Spinner“ – wobei man diese Bezeichnung an sich eigentlich schon aus Gründen der Menschlichkeit einfach sein lassen könnte – zu identifizieren. Zusammen bilden sie eine Kette von Eigenschaften, die dem Verschwörungstheoretiker angeblich zukommen.

Warum ruft ein solches Verhalten der Medien nicht mehr Kritik hervor? Was treibt Menschen dazu, einerseits Toleranz zu predigen, andererseits die Sache mit der Toleranz gegenüber bestimmten Menschengruppen nicht ganz so ernst zu nehmen – eigentlich eine unerträgliche Heuchelei? Der Fall zeigt, wie sehr wir Menschen Herdentiere sind und bei aller angeblicher Individualität (die Postmoderne! das Individuum!) es noch immer vermeiden, gegen den Strom zu laufen, sobald es unangenehm werden könnte. „Der Verschwörungstheoretiker“ darf als solcher verleumdet werden, ohne das jemand großartig daran Anstoß nehmen würde, weil er am Rande der Gesellschaft steht und als „aussätzig“ gilt – er gehört einer Minderheit an, zudem einer Minderheit, die einen sehr schlechten Ruf genießt. Der Mensch als Herdentier wendet sich also instinktiv von einem so gebrandmarkten ab, erwidert nichts, erhebt keinen kritischen Einwand oder stimmt sogar in die Tirade mit ein, um besonders authentisch zu beweisen, dass er nicht dazugehört zum Aussätzigen, zum Kranken („Geistesgestörten“) und mit diesem nicht in Berührung kommen will. Er ist normal, gehört zu den Normalen, gehört zur Herde. Die Angst des Einzelnen, aus der Gruppe verstoßen zu werden, zeigt sich hier sehr deutlich. Zu tief sitzt sie, die Urangst vor der Isolation, vor dem Alleinsein, vor dem Ab-artig-Sein. Und der Urinstinkt, in der Gruppe eine Einheit zu bilden ist dabei gar kein schlechter, er sichert den Zusammenhalt, stärkt die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft jedoch das Falsche tut, wird es gefährlich. – Wir kennen diesen Mechanismus, wir haben ihn gelernt – schon in der Schule bei der Mobbingprävention. Dennoch fällt es uns oft sehr schwer, ihn außerhalb der auswendiggelernten Kontexte verwirklicht zu sehen.

Weshalb aber dieses emphatische Plädoyer für Verschwörungstheorien, ist die Kritik daran nicht berechtigt? Als ich einmal viel Zeit hatte, habe ich mich in den digitalen „Sumpf“ (dieser Ausdruck ist durchaus treffend) der Verschwörungstheorien begeben, um eben genau das herauszufinden. Mein Fazit: Das Spektrum der Verschwörungstheorien (in der wörtlichen Bedeutung) reicht tatsächlich von „völlig verrückt“ bis „überhaupt nicht verrückt und vollkommen rational“, es reicht von der Vorstellung, dass Alien-Reptilienmenschen unter uns leben und seit Ewigkeiten das Weltgeschehen steuern bis zu präziser und umsichtiger Kritik an der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 9/11 (ich denke hier vor allem an den Schweizer Publizisten und Historiker Daniele Ganser). Tatsächlich ist die Welt der Verschwörungstheorien so bunt, dass sich hier alles versammelt, Gutes wie Schlechtes, Wahres und Falsches, Plausibles und Unwahrscheinliches, jede nur denkbare Vorstellung und Erklärung, Wissenschaftliches, Spirituelles, Religiöses, Rationales, Emotionales, Ekelhaftes und Verachtenswertes (die üblichen Phantasien von der Herrenrasse z.B.), aber auch Interessantes und Aufrüttelndes. Niemand sagt einem, was davon tatsächlich stimmt (bzw. alle tun es), man ist auf sich selbst gestellt. Man bringe Zeit und Geduld mit, aber auch eine gehörige Portion Offenheit und Skepsis, und man kann das Selbst-Denken neu lernen. Ganz praktisch wird man schließlich vor eine urphilosophische Herausforderung gestellt: Wem glaube ich? Was glaube ich? Was weiß ich? Was kann ich wissen? Man kann am Ende gar nicht anders, als dem eigenen Urteil zu vertrauen – und dieses, bereinigt von allem Autoritäts-Glauben, ist die einzige Sicherheit, die wir haben.

Mein Appell also: Man bilde sich ein eigenes Urteil. Man sei offen gegenüber sogenannten „Verschwörungstheorien“, auch wenn sie im ersten Moment abstrus klingen mögen. Man sei besonders skeptisch gegenüber dem Altbewährten und Selbstverständlichen, gegenüber der Mehrheitsmeinung, und stelle bewusst kritische Fragen. Man suche sich aber auch nicht umgekehrt „auf der anderen Seite“ neue Autoritäten, sondern hinterfrage auch hier wieder kritisch. Man prüfe Quellen nach. Man halte sich fern von Gift und Hass, man halte Ausschau nach Frieden und Liebe (man verwechsle aber auch nicht Empörung mit Hass). Man sage vielleicht nicht zu allem völlig Ja oder völlig Nein, sondern zu diesem Ja und zu jenem Nein, man differenziere. Man hinterfrage sich auch selbst und die eigenen Denk-Prämissen. Man habe Mut sich seines eigenes Verstandes zu bedienen.

 

Randnotiz: Auch Harry Potter musste schmerzlich erfahren, wie das ist mit der Wahrheit und der Verleumdung. Hilfe fand er bei der Verschwörungstheoretikerin Luna Lovegood, die ihm anbot, seine Version der Ereignisse im verschwörungstheoretischen Schundblatt „Der Klitterer“ (engl. „The Quibbler“) zu publizieren. Der Tagesprophet, die Hexenwoche – alle druckten sie die gleichen Lügen. 😉