Etymologie: Materie

Materie f. ‚objektive Realität, stoffliche Substanz, Masseteilchen, Gegenstand, Inhalt, Thema‘, mhd. materje, materge ‚Stoff, Körper, Gegenstand, Flüssigkeit im Körper (bes. Eiter)‘ ist entlehnt aus lat. materia ‚Stamm und Schößlinge von Fruchtbäumen und Weinreben, Bauholz, Nutzholz, (Grund-)stoff, Aufgabe, Anlage, Ursache‘, einer Ableitung von lat. mater ‚Mutter‘ (s. Mutter). Materie entwickelt sich in zwei Bedeutungssträngen: einerseits bezeichnet es den ‚Stoff, aus dem etw. gefertigt ist‘ (im 18. Jh. abgelöst durch Material, s. d.), andererseits gilt es in der Sprache der Philosophie als die ‚stoffliche Seite eines Naturkörpers‘ (14. Jh.), als ‚Möglichkeit des Seins‘, das seine Bestimmung erst durch die Form erhält. – materiell Adj. ‚die Materie betreffend, stofflich, körperlich, wirtschaftlich (18. Jh.), von frz. matériel, entlehnt aus lat. materialis ‚zur Materie gehörig‘.

– Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 847–848.

Im Ursprung des Begriffes „Materie“ offenbart sich viel über unser Denken und unsere Geschichte, vor allem vieles, das wir vergessen haben. Die frühere Auffassung von der Welt als einer Fruchtbaren und Lebendigen, von der „Mutter Erde“, die Leben gibt, vom „Mutterstoff“, aus dem alles Seiende geformt ist, weicht einer völlig verkrüppelten und pervertierten Bedeutung des Begriffs „Materialismus“. „Materialismus“ heute bedeutet gerade sein Gegenteil, nämlich die Rückführung alles Seienden auf „tote“ Materie, auf „bloßen“ Stoff. In Opposition dazu steht sein glänzender Widerpart, der Idealismus, in dem die „Idee“, der „Geist“ als Hauch Gottes über das „bloß“ Stoffliche, Passive herrscht. Angeblich haben wir heute diesen Dualismus überwunden. In Wirklichkeit vertreten wir eine nekrophile Weltauffassung: Gott, der große Patriarch, ist tot, doch nicht „die große Mutter“ ist wieder an seinen Platz getreten. Stattdessen beten wir tote Körper an, wir umgeben uns mit ihnen, tragen sie am Leibe, schmieren sie auf die Haut, essen, trinken, verkonsumieren sie, und wo wir das Lebendige nicht wegerklären können, führen wir es wieder auf Totes zurück, der Mensch: das Gehirn.

Mehr dazu ein andermal.

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3 Gedanken zu “Etymologie: Materie

    • Offiziell nein, man bemüht sich seit Langem solche Reduktionen zu überwinden. Andererseits gibt es in der Philosophie einen neuen Trend: Die Kooperation mit den Neurowissenschaften und überhaupt mit der „Cognitive Science“. Man hat Angst, hier überholt zu werden und mischt kräftig mit. Andererseits ist aber natürlich (und zum Glück) auch die Philosophie eine der ersten, die Einwände erhebt, wenn sie merkt, dass dort verkürzt gedacht wird. Das kommt ganz auf die Richtung im weiten Feld der Philosophie an, das trotz einiger Moden recht heterogen bleibt (auch hier viel Spezialistentum).

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      • Danke für deine Antwort.
        Ich hatte kürzlich ein Buch des Philosophen Markus Gabriel gelesen, dessen Titel schon vielsagend ist: Ich ist nicht Gehirn. Dem stimme ich zu. Dieses verkürzte Denken dort, deren materialistische Reduktionsbemühungen sind in meinen Augen zum scheitern verurteilt, weil sie lediglich Wunschdenken sind.

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