Vorlesung bei Prof. Han – Ein Erfahrungsbericht

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Eine echte, analoge und fruchtbare Hortensie mit Schaublüten um die Blütenstände. Was Han zum Licht sagen würde? Das Photo jedenfalls ist digital. Quelle: Wikimedia Commons

Schon vor Beginn der Vorlesung eine ungewöhnlich gespannte Stimmung: Der Raum ist noch nicht offen, in den Fluren stehen dicht gedrängt Grüppchen von Kunststudenten, aufgeregt plappernde Erstsemester genauso wie coole, abgeklärte Spätsemester, viele extravagante Erscheinungen, und natürlich die Gasthörer, mit grauen Haaren, bisweilen nach existentialistischer Mode um den Hals geschwungenem Schal und dem Feuilleton-Teil der FAZ unter dem Arm. Ich fühle mich an das Schaulaufen auf der Art Basel erinnert, aber die Atmosphäre hat eher etwas von einem Rockkonzert: ein Haufen „alternativer“ Menschen, die gespannt warten, dass die Türen sich öffnen, um sich dann hereinzudrängen und die besten Plätze zu sichern. Bloß kiffen sie nicht und keiner hat seinen Iro aufgestellt. Auch eine Art Türsteher gibt es: Eine Koordinatorin achtet darauf, dass die Studenten zuerst eingelassen werden und danach erst die Gasthörer.

Ich sichere mir einen guten Platz neben einer Gasthörerin, die sich mit hineingemogelt hat. Ihre Haare sind nicht grau. Aus der Philosophie sichte ich niemanden. Vorne (ich bin versucht zu sagen: „auf der Bühne“) werkelt der Hiwi an der Technik herum. Bald ist auch der Meister selbst erschienen. Auch er trägt einen dieser intellektuellen Schals, seiner ist ganz dünn, eher Band als Schal. Die dunklen Haare hat er zum Zopf zusammengebunden und unter seinem schlechtsitzenden, hastig zugeknöpften schwarzen Jackett lugen ein grauer Pullunder und ein weißes Hemd hervor. Die Hose ist auch schwarz, vermutlich eine Jeans. Prof. Han ist guter Laune. Er macht Witzchen mit dem Hiwi, während dieser das Bild der Kamera anpasst, die den Inhalt des Tisches vor Prof. Han auf die Leinwand bringt. Zuerst liegt da nur ein Schlüssel, wohl um die Größe des Bildes einzuschätzen. Dann Blüten und Blätter. Ich wundere mich ein bisschen, aber auch nicht zu viel, schließlich sind wir hier unter Künstlern.

Han-Seonsaeng legt los. Er beginnt die Vorlesung mit einer Einleitung, die bis zum Ende der Vorlesung andauern wird. Es wird sehr persönlich. Han erzählt von seinem Sommer und von seiner Liebe und seinem Glück. Im Sommer hat er an einem Film mitgearbeitet, einem Liebesfilm, mit zwei Schauspielerinnen von der Volksbühne. Dort hat er sich um Licht und Kamera gekümmert, und am Ende um alles. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens, sagt er.

Man sieht ihn dabei nicht mehr, während er das erzählt, er hat sich an den Tisch gesetzt und fingert an den Blüten herum. Aber man glaubt ihm, was er sagt. Er spricht klar, gewählt und in kurzen Sätzen, so wie er schreibt. Er schafft es, viel Tiefe in diese kurzen Sätze hineinzulegen. Sein Deutsch ist tadellos, wenn auch mit deutlichem koreanischen Akzent. Er spricht von der Liebe und vom Licht. Im Sommer hat er viel über das Licht gelernt. Ich lerne: „Byung-Chul“ bedeutet „helles Licht“. Es gibt liebendes und es gibt feindseliges Licht. Das Licht im Hörsaal ist feindselig, also hat er sein eigenes Licht mitgebracht, Liebes-Licht. Der Hiwi macht das feindselige Licht aus und Han springt auf, um das gute Licht (in Form eines Scheinwerfers, „Made in Germany“, er liebt Made in Germany, „Made in Japan“ geht aber auch manchmal) richtig auszurichten. Es dauert etwas, bis er zufrieden ist, die ersten Reihen erleiden derweil kurzzeitige Blendschäden. Dann sitzt er wieder und erzählt.

Er will uns ein Geheimnis verraten, sagt er, denn eigentlich ist es gar keines mehr. Das Geheimnis ist: „Ich habe zwei Jahre intensiv als Gärtner gearbeitet.“ In seinem Garten in Wannsee hat er viele Rosen und Engel, und alle Blumen versammelt, die im Winter blühen. Kostproben davon hat er mitgebracht und zeigt sie uns: Hortensien, Funkien, Winter-Jasmin, Seggen und andere, „deren Namen Sie wahrscheinlich gar nicht kennen, oder? Weil Sie immer nur wischen, auf Ihrem Smartphone wischen, bei Whatsapp wischen, an Ihrem Ego wischen.“ „Werfen Sie endlich Ihr Smartphone weg und streicheln Sie ein Blatt.“ Er streichelt ein Blatt, während er das sagt. Meine Nachbarin rechts von mir, ein kicherndes Erstsemester, hört nur halb zu und wischt unter dem Tisch über ihr Smartphone. Die Gasthörerin links von mir ist ganz vertieft und lächelt beseelt. „Schauen Sie. Die Adern.“ Er streicht über die Blattadern. „Genau wie bei einem Menschen.“ „Hören Sie endlich auf zu wischen und fangen Sie an, zu streicheln. Nicht das Display, sondern Ihren Nachbarn.“

So spricht er fortwährend weiter, von der Liebe und vom Streicheln und von Blumen und sein Publikum reagiert teils belustigt, teils bewundernd. Es gibt viel heiteres Gekicher, während er so spricht, nicht respektlos, sondern eher munter und staunend, aber auch ein bisschen unbehaglich. Da spricht ein erwachsener und so bekannter Mann, ein Professor, vom „Streicheln“ und von der Liebe, was ist davon zu halten? Meint er das ernst? Die coolen Kunststudenten und Intellektuellen sind verunsichert. Han selbst fährt fort mit subtilem Humor, in seinem Tonfall liegt dabei stets ein Hauch von Verschmitztheit und sein Lachen ist ein trockenes Atmen. Er erinnert mich darin etwas an einen koreanischen Bekannten, bei dem ich etwas Ähnliches beobachten konnte und der mir damals mit dem Satz in Erinnerung geblieben ist: „Ihr Europäer seid im Grunde alle noch Cartesianer.“ Er hatte Recht. Der Dualismus in unserem Denken zieht sich weiter bis in die scharfe Trennung zwischen Ernst und Heiterkeit. Nicht so bei Han. Andächtig schwärmt er von seinen Rosen und schimpft über Smartphones und meint es auch so – aber nie ohne den Schelm im Augenwinkel. Sein teutonisch-blonder HiWi hingegen sitzt stocksteif und lauscht preußisch-ernst den Worten des Meisters, als säße der neue Heidegger persönlich neben ihm, stets sich bereithaltend, eine mögliche Anweisung sofort auszuführen.

Prof. Han liest uns Gedichte von Rilke vor. Er liebt Rilke. Bis zum Ende der Sitzung werden wir sicher zehn davon gehört haben. Die Gedichte handeln von Rosen und Engeln und von der Liebe – daher also Hans Begeisterung. Han ist glücklich. Und übernächtigt. „Nur Idioten schlafen, wenn sie verliebt sind. Wenn man im Glück ist, darf man nicht schlafen.“ Er zeigt uns einen kurzen Ausschnitt aus seinem Film, eine Hortensie in Nahaufnahme, unterlegt mit den Goldbeck-Variationen von Bach. „Herrlich!“ Die Szene hat er nachts in seinem Garten gedreht, die Hortensien sind vom gleichen Licht erhellt, das er mit in Vorlesung gebracht hat. „Mein Nachbar dachte, ich wäre ein Einbrecher“, sagt er und lacht. Dabei hat er doch nur in seinem Garten gesessen und die Blüten gestreichelt. Die echten Blüten, nicht die Blätter. Denn was man gemeinhin bei Hortensien für Blüten hält, sind bloß farbige Blätter, lerne ich. Die echte Blüte, „die Königin“, hat man weggezüchtet und die Pflanze so unfruchtbar gemacht.

Wenn er nicht von seinem Garten spricht und von Rilke, gibt er seinen Studenten Tipps in Sachen Kameras und Objektiven. Über den Sommer ist er unfreiwillig zum Spezialisten geworden, sagt er. Am besten sind die von Zeiss. Leider kann er sich die allerbesten noch nicht leisten, aber er hat auf Ebay ein Objektiv für 900 ersteigert, das eigentlich 10.000 kostet. Er besitzt auch viele digitale Objektive. „Ich liebe das Digitale!“, stellt er klar, Technik bedeute auch immer Emanzipation. Er verurteile bloß bestimmte Formen des Digitalen (wie die Smartphone-Wischerei). Er kritisiert, dass wir verlernen, die Wirklichkeit wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren. So würden wir auch das Glück verlernen.

Eine halbe Stunde vor Schluss versichert er uns, jetzt mit der Vorlesung anzufangen. Fünf Minuten später hat er es wieder vergessen. Oder nicht? Die Vorlesung trägt den Titel „Analog/Digital“. Bisher hat er das Thema ganz gut eingebracht. Am Ende hat er zwar nicht doziert, dafür aber vermittelt und inspiriert. Fünf Minuten vor Schluss trägt er noch ein Rilke-Gedicht vor. Es handelt vom Küssen. Die letzten Zeilen flüstert und haucht er bloß noch. Zusammen mit seinem koreanischen Akzent verstehe ich längst kein Wort mehr. Die Zuhörer klatschen trotzdem begeistert. Klatschen, nicht Klopfen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei. Bis nächste Woche.

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Ein Gedanke zu “Vorlesung bei Prof. Han – Ein Erfahrungsbericht

  1. „Die scharfe Trennung von Ernst und Heiterkeit“ und andere scharfe Trennungen … unser Kulturverhalten ist damit sehr treffend auf den Punkt gebracht. Interessante Vorlesung – und wieder bestätigt sich, dass es nicht so sehr darauf ankommt, worüber jemand spricht, sondern wie die Zuhörer/innen ein- und zuordnen. Danke für den ausführlichen Bericht. lg

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