Zitat: Nietzsche

„Es ist ein richtiges Urtheil der Gelehrten, dass die Menschen aller Zeiten zu wissen glaubten, was gut und böse, lobens- und tadelnswerth sei.
Aber es ist ein Vorurtheil der Gelehrten, dass wir es jetzt besser wüssten, als irgend eine Zeit.“

(Nietzsche, Morgenröthe, KSA 3, S. 20)

Ein wahres Wort von Nietzsche, wenn auch in einem durchaus zweifelhaften Kontext. Dazu bald später mehr in einem ausführlichen Nietzsche-Fazit.

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Wikipedia-Spielerei zum Wochenende: Der letzte Grund des Wissens ist die Philosophie, also das institutionalisierte Nicht-Wissen

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Seriöse Quelle Nr. 1 aller Fakten im postfaktischen Zeitalter: Wikipedia. Zu blöd, dass man, will man es ganz genau wissen, letztlich nicht bei Antworten, sondern bei noch mehr Fragen landet, nämlich im obskuren Feld der Philosophie.

Das Spiel geht so: Man suche sich einen x-beliebigen Wikipedia-Artikel und klicke auf den ersten Link in diesem Artikel. Wichtig: Die Links in der philologischen Erläuterung in Klammern auslassen! Im nächsten Artikel, bei dem man dann landet, klicke man wieder auf den ersten Link. So fahre man fort (manchmal dauert es etwas) und staune: Am Ende landet man nämlich immer beim Artikel zur Philosophie. Weiter geht es nicht.

Wir lernen: Die Philosophie ist noch immer die Königin der Wissenschaften. Quod erat demonstrandum.

Meine Beispielkette ging so: Uli Hoeneß → Deutschland → Bundesstaat → Staat → Sozialwissenschaften → Wissenschaft → Wissen → Erkenntnistheorie → Philosophie

In nur acht Schritten von Uli Hoeneß zur Philosophie! Wer kann das toppen?

Zum Verhältnis von Einfachheit und Komplexität

tumblr_milhd8rfo51qz5u3do1_1280Künstler: Javier Cruz

Im letzten Text zum Thema Verallgemeinerungen und Vorurteile hatte ich es schon angedeutet, würde es gerne aber nochmals genauer ausführen: das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität. Ausgangspunkt sei dabei die heute populäre Ansicht, unsere Welt sei zu komplex geworden, um sie noch verstehen zu können. Frühere Herangehensweisen, ein Denken in Systemen und Ordnungen, würden nicht mehr greifen, seien veraltet, würden der heutigen, komplexen Welt nicht mehr gerecht. Stattdessen bliebe uns übrig, im Kleinen Fragen zu stellen, in Spezialbereichen zu analysieren und zu differenzieren, wo wir können. – Eine Sichtweise nicht nur von immenser Bedeutung für unser Denken überhaupt, sondern auch für die Philosophie und ihre traditionelle Rolle als „Expertin fürs Allgemeine“, welche damit in Frage gestellt wird.

Fragen wir zunächst ganz basal: Was heißt „einfach“? Was heißt „komplex“? Einfachheit bezeichnet eigentlich etwas, das nur einmal vorhanden ist, das einzeln ist und eben nicht vielfach, mehrfach, mannigfach. Seine Singularität ist deshalb von Bedeutung, weil sie für uns „einfach“ – im übertragenen Sinne – zu erfassen ist. Das Einfache kann ich leicht überblicken, beim Vielfachen ist meine Aufmerksamkeit bereits geteilt und es wird „schwieriger“. Wird es damit auch komplexer?

Das Komplexe ist ein anderer Fall. Es bezeichnet eigentlich nicht das Gegenteil des Einfachen. Vielmehr handelt es sich dabei selbst um ein Einfaches. „Komplex“ kommt vom lateinischen complecti, das „zusammenfassen, einschließen, einfassen, umschließen“ heißen kann. Auch plectere, „flechten, ineinanderfügen“ steckt drin. Nennen wir etwas komplex, meinen wir damit in der Regel eben dieses Verflochtene, Verwickelte an einer Sache. Wir übersehen aber die kleine Vorsilbe com- dabei, die das vielfach Geflochtene nochmals betont in eins zusammenfasst: Der Kom-plex bezeichnet also eine Einheit, die in sich mannigfaltig verwoben und strukturiert ist.

Unterscheidet sich das Komplexe damit grundsätzlich vom Einfachen? Nein, denn Einfachheit und Komplexität betonen schlicht zwei verschiedene Aspekte der einzelnen, lebendigen Entität: Etwas, das einfach ist, sieht nur von außen betrachtet so aus (das Gänseblümchen, der Baum, eine Schneeflocke, von mir aus auch das Smartphone im minimalistischen Design), ist aber in Wirklichkeit ein Komplex, d.h. innerlich mannigfach verwickelt und verflochten. Diese äußerlich wahrgenommene Verbundenheit aber, z.B. in Gestalt der glatten Haut, die einem Menschen, einer Frucht oder einer Zelle auch ästhetisch das Ansehen der Ganzheit und Einheit gibt, ist es, die die – im wörtlichsten Sinne oberflächliche – Verstehbarkeit und Übersichtlichkeit erzeugt, die das Komplexe zum Einfachen macht.

Anders verhält es sich jedoch, wenn wir selbst Teil des Komplexes sind, wenn wir im Geflecht, im Gewebe selbst eingeschlossen sind, ohne das wir es von außen übersehen können. So verhält es sich mit der Welt und so verhält es sich mit dem kleinen Ausschnitt der Welt, den wir Erde und unsere Heimat nennen – und den wir als so anstrengend unübersichtlich empfinden, dass Philosophien, Religionen und Ideologien erfunden wurden, um uns eine Orientierung zu verschaffen, um die Verbindung der Fäden untereinander zumindest gedanklich aufzudröseln und nachvollziehen zu können. Und dieser gedankliche Modus des als ob ist unsere eigentliche Errungenschaft, unsere Chance zu sehen, was uns eigentlich ewig verborgen geblieben wäre. Unsere Vorstellungskraft erlaubt es uns, die Welt als Einheit zu begreifen, wo sie uns zunächst nur als uns umgebende Vielheit entgegentritt.

Aber wieso erscheint uns dieses Geflecht heute verwickelter, schwieriger als zuvor? Was hat sich verändert? Ein ideologischer Rahmen (Christentum und Kirche) ist weggebrochen und wurde durch einen neuen ersetzt (das naturwissenschaftliche, materialistisch genannte Weltbild). Der neue aber hat seine Lücken und blinden Flecke, Bereiche, die er nicht oder nur ungenügend erklärt. Er ist nicht so umfassend wie sein Vorgänger, mag dieser auch in anderer Hinsicht äußerst fehlerhaft gewesen sein. Wie erklärt die Naturwissenschaft befriedigend die Stellung des Menschen in der Welt und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft? Welche Legitimationen erhalten ökonomische, politische und soziale Prozesse im naturwissenschaftlichen Weltbild? Auch kleinere Rahmen im großen (Kapitalismus, Marxismus) scheitern. Zurück bleiben die bloße, nackte Mannigfaltigkeit und der tiefe Zweifel und Pessimismus des Individuums, das sein Bedürfnis nach Struktur und Sicherheit in partikularen Sinnverbänden zu befriedigen sucht – sei es der vereinzelte (geistes-)wissenschaftliche Zweig, den der Akademiker besteigt, oder überhaupt die Arbeit, die als Mittel zur „Selbstverwirklichung“ neue religiöse Höhen erreicht, oder der seinsvergessene, selbstvergessene Konsum, wo Sinn und Lust nicht mehr zu unterscheiden sind (ganz aktuell darf man sich auch wieder „links“ oder „rechts“ befinden).

Etwas anderes hat sich verändert. Obwohl das Weltgeflecht um uns verworren ist: der Komplex Welt ist einfacher geworden. Viele kleine Welten sind zu einer Welt geworden, wurden absorbiert im Globalen. Die Globalisierung, schnellste technische Transport- und vor allem Kommunikationsmittel haben das erste Mal in der Geschichte wirklich eine Welt geschaffen. Der (äußere) Weltkomplex ist geschrumpft, hat sich in eins zurückgezogen (Stichwort „global village“), während scheinbar paradoxerweise das (innere) Weltgeflecht auf eine geradezu monströse Größe angewachsen ist, sich aufgebläht hat. Die Vielheit der Kulturen, die sich zuvor lange Zeit nur langsam einander angenähert und miteinander durch Handel und Kriege verwoben hatten, sind innerhalb kürzester Zeit unnatürlich schnell verwachsen. Nicht nur westliche, alle Kulturen, die es nur irgendwie vermochten, haben sich an die durch technische Standarte definierte neue globale Wirtschafts- und Herrschafts-Kultur angepasst (oder wurden angepasst). Was durch diesen Prozess aber geschaffen wurde, ist nicht eine wahre neue Weltkultur, die die Besonderheiten der einzelnen Kulturen harmonisch in eine neue Einheit, einen kulturellen Weltorganismus integriert und damit auch aufbewahrt, sondern – ein Flickenteppich, ein löchriges, instabiles Gewebe, das nicht durch gemeinsamen Willen zusammenhält, sondern durch Gewalt und Zwang. Das Weltgeflecht heute ist kein natürlicher Organismus, sondern eine schlecht laufende, fehlerhafte und gefährliche Maschine.

Und dieser Umstand ist es eigentlich, den wir meinen, wenn wir davon sprechen, die Welt sei zu komplex, zu diffizil geworden. Es ist nicht die neue, vergrößerte Vielfalt an sich, die Probleme macht. Es ist auch nicht so, dass durch die bloße innere Vergrößerung des Weltgeflechts notwendig das Chaos entsteht. Das neue Weltgeflecht ist nicht, oder jedenfalls nicht primär, chaotisch. Es ist vielmehr der gewalttätige Charakter der vorhandenen allgemeinen Ordnungsstrukturen, der das Chaos verursacht. Und diese, vorher im Kleinen, bzw. auf eingeschränktem Gebiet wirkend, zeigen nun erstmals ihr globales Potential, verstärkt und beschleunigt durch den technischen Fortschritt. Die alten Herrschaftsmuster, nun intensiviert, global überdehnt, erzwingen in ihrem Interesse die Einheit der Vielheit – und Widerstand regt sich: Menschen flüchten sich zurück ins Altbekannte und vermeintlich -bewährte, bauen sich neue, alte Feind- und Erlöserbilder auf oder schotten sich ab. Vermeintlich progressive, aber genauso blinde Kräfte, feiern diese Einheit als Fortschritt von Liberalität und Toleranz – ohne zu sehen, dass mit Gewalt, auch mit gewaltsamer Einheit, kein Frieden zu machen ist.

Es ist nicht ein Mangel an ordnender Struktur, der unsere Welt unübersichtlich macht, sondern es ist die falsche ordnende Struktur und die Unfähigkeit der Meisten, diese erstens als wirkend und zweitens als falsch zu erkennen – wiederzuerkennen, denn sie ist ein alter, längst totgeglaubter alter Bekannter in anderer Gestalt.

Wenn wir uns heute sagen: „Die Welt ist zu komplex geworden, um sie zu verstehen.“, dann dient uns das als Entschuldigung dafür, es gar nicht erst zu versuchen. Und es endet als Kapitulation, es endet damit, dass wir sie uns von Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern und (anderen) Populisten erklären lassen. Wir machen uns selbst aus Bequemlichkeit unmündig, und natürlich merken wir es nicht, halten die Gedanken anderer für unsere Gedanken und sind insgeheim froh, überhaupt Erklärungen erhalten zu haben, denn die Welt ist ja so komplex.

Ja, die Welt ist ein Komplex geworden, aber damit paradoxerweise einfacher als je zuvor. Wir müssen es nur wagen, sie gedanklich als Einheit zu fassen, sie gleichsam von außen zu betrachten und zu verstehen, was es ist, das sie im Inneren zusammenhält und dabei gleichzeitig zerrüttet und zersprengt. Dass sich heute im Wesentlichen nichts verändert hat, außer den Dimensionen in Raum und Zeit, der globalen Ausdehnung und Beschleunigung. Und wir müssen überlegen, wie wir diese Strukturen, die Zwangs- und Gängelbänder, die Fesseln des Weltgeflechts, in lebendige Strukturen umwandeln können, abseits vom Lager- und Schulendenken, abseits von Ideologien linker, rechter oder wie auch immer gearteter Gesinnung. Jede Generation muss ihre Probleme neu denken, auch wenn es im Grunde noch die gleichen Probleme sind.

Wir müssen unsere Welt als lebendigen Organismus begreifen, als Sinneinheit verstehen, und dazu müssen wir den Mut haben zu verstehen – auch wenn das heißt, in einem quantitativen Sinne, nicht alles verstehen zu können. Aber darum geht es nicht, sondern es geht um das Ganze. Verstehen ist wesenhaft qualitativ. Wir können versuchen, allgemeine Tendenzen und Strukturen nachzuvollziehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Einzelne außen vor zu lassen. Denn die wichtigsten Strukturen und Wahrheiten wirken im Großen genauso wie im Kleinen. Komplexität und Einfachheit schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich.

Etymologie: Einfluss

Einfluss m. ‚Einwirkung, Geltung‘. Das in der Mystik aufkommende mhd. invluʒ wird neuerdings als Übersetzung von mlat. influentia (zu lat. influere ‚hineinfließen, -strömen‘) angesehen, vgl. Heisig in: PBB (T) 86 (1964) 338ff. Der Ausdruck bezeichnet nach der Mystik Bernhards von Clairvaux ‚das durch göttliche Gnade bewirkte Einströmen des Heiligen Geistes in eine sich ihm bereitwillig öffnende Seele‘. Dieser metaphysische Gehalt wird später aufgegeben, doch bleibt der vorwiegend übertragene Sinn erhalten. […]

Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 269.

Man denke an „Einflussnahme in der Politik“ und ähnliche Sprachgebilde und staune darüber, welch langen und wechselhaften Weg ein Begriff machen kann, der die Erfindung eines christlichen Mystikers im Mittelalter war und seinen weiteren Ursprung noch mindestens irgendwo bei Platon bzw. Plotin sucht (man denke an die berühmte Emanationslehre). Wo immer also heute jemand „Einfluss geltend macht“, mag man sich ihn als gottgleiche Entität vorstellen, die durch bloße Gnadenwirkung Ähnlichkeit des Geistes, der Meinung und der Tat hervorbringt. Der Einfluss Schopenhauers auf Nietzsche ist ebenso zu denken, genauso der Einfluss der Beatles auf die Musikgeschichte. Wenn ich in einen Text Sarkasmus einfließen lasse, bitte, man verstehe es von jetzt an so. Das Begriffspaar „Macht und Einfluss“ erhält nun auch gleich einen ganz anderen, wenn auch durchaus treffenden, Beigeschmack. Es ist immer wieder schön zu sehen, wo die Philosophie- und Geistesgeschichte ihre subtilen Spuren im Alltag hinterlässt.

Zitat: Goethe

„Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten.
Diese allgemeinen Bewegungen und Bestimmungen werden wir auf die verschiedenste Weise gewahr, […] jedoch immer als verbindend oder trennend, das Dasein bewegend und irgendeine Art von Leben befördernd.“

(Goethe im Vorwort seiner Farbenlehre)

Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

Wenn ich auf diesem Blog eine allgemeine Aussage treffe – und das kommt häufig vor – dann setze ich stillschweigend einiges beim Leser voraus. Zum Beispiel wenn ich eine Aussage treffe wie „Heute ist die Gesellschaft so und so beschaffen“, dann heißt das übersetzt: Ich habe aufgrund meiner Wahrnehmung und Erfahrung den subjektiven Eindruck (die Bandbreite reicht dabei von Vermutung bis Überzeugung), dass sich eine Sache überwiegend so und nicht anders verhält. Ich behaupte mit meiner allgemeinen Aussage nicht, dass sie absolut wahr ist und dass ich andere Positionen völlig ausschließe – schließlich habe ich mich schon oft getäuscht in der Vergangenheit und es wird wieder vorkommen. Ich behaupte außerdem nicht, dass Ausnahmen von dieser Aussage unmöglich sind, und wenn ich sie nicht explizit erwähne, bedeutet das nicht, das ich sie bewusst und mutwillig ausschließe.

Das Verrückte ist, dass heute gerade das oft unterstellt wird. Allgemeine Aussagen haben sich spätestens seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts per se verdächtig gemacht. Sie stehen im Verdacht, bloße Verallgemeinerungen zu sein, zu vereinfachen, zu nivellieren und zu diskriminieren. In spezielleren Fällen nennt man sie Vorurteile. In noch spezielleren Fällen Klischees.

Baue ich kein einschränkendes oder relativierendes Wortpartikelchen in meine Aussage ein, oder hänge sofort mehrere Neben- und Hauptsätze mit dran, die Ausnahmen von besagter Aussage aufzählen, habe ich nicht differenziert. Ich habe das, so eine weit verbreitete Annahme, entweder aus Ignoranz oder aus böser Absicht getan – denn wenn ich um Ausnahmen weiß und sie nicht erwähne, halte ich sie offenbar für unwichtig und damit für minderwertig. Oder: Ich bin naiv und bemitleidenswert, denn ich sehne mich nach „Vereinfachung“ in einer „zunehmend komplexer werdenden Welt“ – ich habe offensichtlich nicht verstanden, dass die Welt so komplex (geworden) ist, dass man sie gar nicht verstehen kann! Ist doch klar, das lässt sich in jedem zweiten Feuilleton-Artikel nachlesen. Die Wirtschaft kriselt und es gibt eine einfache Erklärung dafür? Armut und Kriminalität – das lässt sich in einem Satz begründen? Kann gar nicht sein, denn: zu einfach! Einfache Erklärungen sind notwendig falsche oder zumindest schlechte Erklärungen, so der Tenor, denn sie lassen Einzelfälle einfach außen vor.

Offensichtlich herrscht eine nicht kleine Verwirrung darüber vor, was eigentlich Erklärungen und Aussagen bzw. Urteile so ausmacht. Zunächst: Urteile sind ihrem Wesen nach immer allgemein, sie können lediglich durch zusätzliche Bedingungen weiter eingeschränkt werden (damit meine ich nicht Aussagen wie: „Dieser Stuhl hat vier Beine.“) Behaupte ich zum Beispiel „Vögel können fliegen.“, so habe ich damit eine gängige oder „normale“ Eigenschaft von Vögeln beschrieben – obwohl ich weiß, dass es durchaus Vögel gibt, die nicht fliegen können. Ich habe nicht gesagt: „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“, sondern meine Aussage hat lediglich den Normalfall, die Regel beschrieben. Damit habe ich aber gerade nicht Ausnahmen ausgeschlossen, sondern implizit eingeschlossen. Es ist eine Binsenweisheit: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Aber es stimmt: Die Ausnahme bestätigt tatsächlich die Regel, die Regel ist sogar notwendig durch die Ausnahme bedingt und umgekehrt. Wir können gar nicht Regelmäßigkeiten beschreiben ohne dabei Ausnahmen mitzudenken, denn sonst wären es nicht Regelmäßigkeiten, sondern Absolutheiten, die so (bis auf Ausnahmen…) gar nicht real vorkommen.

Dennoch wird eine solche Aussage heute häufig missverstanden. Es wird unterstellt, „Vögel können fliegen.“ sei gleichbedeutend mit „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“ und man habe damit nicht nur eine falsche und ignorante Aussage getroffen, sondern mehr noch, man habe alle Ausnahmen dabei benachteiligt und ausgegrenzt. Man habe dabei gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass jeder Vogel, der nicht fliegen kann, gar kein „normaler“ und damit „richtiger“ Vogel sei, sondern eben ein „komischer Vogel“ (entschuldigt den schlechten Witz, liebe Leser).

Völlig unverfroren wird hier also mal wieder von Sein auf Sollen geschlossen, ein sehr beliebter logischer Fehler. Problematisch sind dabei natürlich die Wörter „normal“ und „Regel“ selbst, denn sie legen eine Vorschrift, ein Sollen nahe, auch wenn sie im alltäglichen Sprachgebrauch häufig nicht so benutzt werden, sondern lediglich, wie oben beschrieben, den üblichen, überwiegenden oder gängigen Fall meinen (ähnlich verhält es sich übrigens auch mit „Sitte“ und „Sittlichkeit“). Wollen wir also, trotz aller allgemeiner Aussagen, präzise sein und Missverständnisse vermeiden, ist es hilfreich, weitestgehend auf diese Begriffe zu verzichten, da sie durch ihre ambivalente Deutung das eigentliche Problem, eben den logischen Fehlschluss, verschleiern.

Dieser besteht aber in der Annahme, dass ein beschreibendes Urteil mit einem wertenden oder gar normativen Urteil identisch sei. Das ist es nicht. Ich habe durch meine Aussage nicht gleichzeitig ausgedrückt, dass alle nicht-fliegenden Vögel minderwertige Vögel seien und ihre Art also weniger schützenswert sei. Ich habe lediglich festgestellt, dass es meiner Erfahrung nach für Vögel üblich ist, fliegen zu können – mit Ausnahmen.

Das Problem besteht aber weiterhin darin, dass der Weg von einer deskriptiven zu einer normativ-wertenden Aussage nicht weit ist und viele Menschen eine deskriptive Aussage zum Anlass nehmen, diese normativ zu werten (was, wie gesagt, einen logischen Fehlschluss darstellt). Ein weiterer Schlüsselbegriff ist hier auch der des „Natürlichen“. Es sei „natürlich“ für Vögel zu fliegen, denn das tun sie üblicherweise, das habe ich beobachtet. Also folgt daraus, sei es „unnatürlich“ für Vögel nicht zu fliegen und das wiederum sei falsch, weil „wider die Natur“. Diesem Schlussgebilde liegen besondere Annahmen zugrunde, nämlich: 1.) „Die Natur“ schreibe normativ vor, was richtig sei und 2.) sie tue das, indem sie die überwiegende Zahl einer Spezies (z.B. der Vögel) mit der „richtigen“ Eigenschaft ausstatte, eine Minderzahl aber ausspare. Das sei ihr Weg, uns zu demonstrieren, was die Norm und was zu tun sei. Der Gedanke, dass die Natur vielleicht ihr gesamtes Potential erst ausschöpfen kann, indem sie auch die Ausnahme schafft und somit überhaupt erst ein vielfältiges Spektrum entsteht, dass sie als Natur wahrhaft vollkommen macht, kommt hier nicht vor. Denn „die Natur“ als Gesamtheit allen Lebens wird in diesem Schluss gleichgesetzt mit „der Natur“ im Sinne einer bestimmten Wesenseigenschaft („Es ist die Natur des Vogels, dass …“). Als Folge entsteht eine Hierarchie, bei der die eine (übliche, gängige) Eigenschaft höher gewertet wird als die andere (die Ausnahme), da sie als mit dem „Gesetz“ der allmächtigen Natur, die alles bestimmt, identisch gesetzt wird.

Wir sehen hier schon, eigentlich müsste man auch heute noch „Gott“ statt „Natur“ setzen, wenn es um solche Zusammenhänge geht, denn viel zu sehr ist unser Denken durchdrungen von autoritären Strukturen, die überall ein Gebot, ein Gesetz oder eine Vorschrift erwarten, wo eine bloße Regelmäßigkeit herrscht. Nein, eigentlich müssten wir sagen: Wo eine bloße allgemeine Struktur wirkt und das Mannigfaltige durchdringt. Ordnung und allgemeine Strukturen sind eben nicht überall gleichbedeutend mit Herrschaft und erwarten im Gegenzug von uns Gehorsam, auch wenn unser Geist hierauf seit Jahrtausenden trainiert ist und wir aus unserem Alltag nichts anderes gewohnt sind.

So viel also in Kürze zu den möglichen Ursachen für den oben aufgeführten logischen Fehlschluss. Wir können also feststellen: Eine derartige allgemeine Aussage enthält die Möglichkeit oder gar die Gefahr (wenn aus ihr konkrete, falsche Handlungen abgeleitet werden) einer normativen Wertung. Sie enthält aber nicht zwingend eine Wertung, sondern kann vielmehr lediglich ein Versuch sein, besagte komplexe Welt zu verstehen, indem allgemeine Strukturen in entsprechenden Aussagen festgehalten werden. Verstehen aber, und das ist wichtig, heißt eben Zusammenhänge erkennen, nicht Differenzen aufdecken. Zwar sollen und müssen wir den Weg der Differenzierung gehen, um zu verstehen, die Dinge auseinanderhalten, um uns ihrer Besonderheit bewusst zu werden. Aber eben zu dem Zweck, sie innerhalb eines größeren Zusammenhangs richtig einordnen zu können. Der letzte Schritt im Verständnisprozess ist immer synthetisch, nicht analytisch. Es sind Allgemeinheiten, allgemeine Strukturen, die im Verstehen erkannt werden. Misstrauen wir dem allgemeinen Urteil überhaupt und unterstellen ihm eine implizite Abwertung des Nicht-Allgemeinen, gefährden wir langfristig unsere Verständnisfähigkeit. Genau das aber passiert: Das allgemeine Urteil ist per se verdächtig, weil wir uns nicht von unseren autoritären Denkmustern lösen können.

Noch ein paar Worte zum Vorurteil. Das Vorurteil unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Urteil dadurch, dass es verfrüht getroffen wird – auf einer unzureichenden Erfahrungsbasis, die das Urteil mitunter erheblich verfälschen kann. Es steht dem oft gepriesenen „fundierten Urteil“ (wofür meist „Experten“ zuständig sind) entgegen. Doch wo endet das Vorurteil, wo fängt das fundierte Urteil an? Wie viel Erfahrung, wie viele empirische Daten brauchen wir, um ein richtiges Urteil zu treffen? Sehr streng genommen muss jedes Urteil letztlich Vorurteil bleiben, denn unser Erfahrungshorizont endet nicht, er könnte beständig erweitert werden. Andererseits kann er niemals vervollständigt werden, denn wir als „endliche Vernunftwesen“, wie es bei Kant so schön heißt, haben nunmal begrenzte Kapazitäten. Hinzu kommt, dass manche Menschen auf der Grundlage scheinbar gleicher „Daten“ unterschiedlich richtige Urteile treffen. Manche haben ein präziseres Auge oder auch ein „gutes Gespür“, dass ihnen trotz dünner Erfahrungsbasis zu einem richtigen Urteil verhilft (freilich ist das ein riskantes Unterfangen). Tatsächlich sind die meisten unserer Urteile Vorurteile, denn in vielen Wissensgebieten ist es uns gar nicht möglich, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Und urteilen müssen wir, denn die Alternative hieße blind zu glauben.

Genau so wie wir nicht vorschnell urteilen sollten, sollten wir auch nicht vorschnell Urteile als „bloße Vorurteile“ abtun, wenn sie nicht mit unserem eigenen (Vor-)Urteil übereinstimmen. Denn wie genau können wir wirklich die Erfahrung und Urteilskraft des anderen einschätzen? Umgekehrt ist es gefährlich, „Expertenmeinungen“ vorbehaltlos als vorurteilsfrei zu akzeptieren.

Insgesamt schadet die Tabuisierung des Vorurteils, und auch des allgemeinen, scheinbar notwendig verflachenden Urteils einem vernünftigen öffentlichen Diskurs. Denn wie überhaupt bei allgemeinen Aussagen wird auch dem Vorurteil häufig sofort eine böswillige Absicht des Urteilenden unterstellt. Dabei ist es tatsächlich möglich, ein Vorurteil zu haben, sogar zu „heiklen“ Themen wie gesellschaftlichen Minoritäten, ohne dabei eine böse Absicht zu hegen und jemanden mutwillig beleidigen oder diskriminieren zu wollen. Es kann schlicht das Wissen fehlen. Ignoranz ist kein Vergehen. Wird sie aber dem Urteilenden vorgeworfen oder diese Möglichkeit gar überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen (sondern die böse Absicht als alleinige Option vorgestellt), dann führt das schnell zu Verwerfungen und verhärteten Fronten. Die eine Seite sieht sich zu unrecht beschuldigt, bevormundet und einer „Meinungsdiktatur“ ausgesetzt, was wiederum häufig zu Trotzreaktionen und damit zu wirklichen Beleidigungen und Diskriminierungen führt. Die andere Seite, ein Leben lang Opfer gewesen, hat bloß gelernt, den Anderen als Täter zu sehen und sieht gar nichts anderes mehr; durch die provozierten Trotzreaktionen fühlt sie sich dann wiederum bestätigt. Dabei ist eben nicht jede gefühlte Diskriminierung eine Diskriminierung. Entscheidend ist die Absicht und der Ton des Urteilenden. Abfällige, abwertende Äußerungen sind als solche in der Regel erkennbar. Und selbst mit negativen Vorurteilen und Klischees lässt sich spielerisch und (selbst-)ironisch umgehen, solange sie nicht gehässig werden. Wo sich dennoch eine Diskrepanz zwischen gefühlter Diskriminierung und fehlendem Bewusstsein von Diskriminierung einstellt, lässt sich auch zumindest theoretisch vernünftig miteinander reden, ohne dass sofort Vorwürfe fallen.

Leider sind wir von einer vernünftigen Diskussionskultur weit entfernt. Das heftige Misstrauen gegenüber allgemeinen Urteilen und Vorurteilen ist Symptom einer verunsicherten Gesellschaft: Altes gilt nicht mehr, Sicherheit gibt es nicht mehr, also ist alles, was Sicherheit vermeintlich suggeriert – allgemeine Aussagen, einfache Erklärungen – an sich verdächtig. Eine wohl proportionierte und berechtigte Vorsicht gegenüber vorschnellen Aussagen ist einer irrationalen Angst gewichen. Überall wittert man das Böse, wo nicht explizit versichert wird, dass es sich dabei nicht um den Teufel handelt (als wäre das Kriterium!). Der Teufel selbst wird nicht mehr als der Zersetzende (der „Differenzierende“) empfunden, sondern wer nach Gemeinsamkeiten sucht, ist des Teufels. Wehe dem, der vorschnell eine Gemeinsamkeit postuliert! Es könnte sich dabei um Rassismus oder Sexismus handeln! Also steinige man ihn lieber gleich, ohne genauer hinzusehen, er könnte ja gefährlich sein! So stürzen sich alle Wächter der vermeintlichen Toleranz und Offenheit auf Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Ob wirklich ein „Toleranzvergehen“ vorlag, ist Nebensache. Derweil lachen sich die wahren Verursacher und Bewahrer der ganzen gesellschaftlichen Misere ob dieser Spiegelfechterei ins Fäustchen, denn an gravierenden sozialen Problemen – den eigentlichen Verursachern von Diskriminierung und Intoleranz – wird nicht gerührt, die Aufmerksamkeit liegt woanders.

Anmerkung: Anlass für diesen Text war unter anderem die ernsthafte Auffassung gewisser Kreise der Gender Studies, man solle es doch besser ganz aufgeben, den „Menschen“ philosophisch definieren zu wollen, also die Sache mit der Anthropologie ganz sein lassen – man könnte ja versehentlich jemanden dabei diskriminieren.

Die besten Sprüche von… Paul Feyerabend

  • „Science is an essentially anarchic enterprise.“ (AM, S. 9.)
  • „Die Wissenschaft selbst mit ihren unterschiedlichen Strategien und Ergebnissen und metaphysischen Einsprengseln ist nicht konsistent. Sie ist selbst eine Collage, nicht ein System.“ (Zeitverschwendung, S. 194)
  • „The only principle that does not inhibit progress is: anything goes.“ (AM, S. 14)
  • „Science needs people who are adaptable and inventive, not rigid imitators of ‚established‘ behavioural patterns.“ (AM, S.159)
  • „Science will profit from everyone doing his own thing.“ (AM, S. 159)
  • „There is no idea, however ancient and absurd, that is not capable of improving our knowledge.“ (AM, S. 33)
  • „Although science taken as a whole is a nuisance, one can still learn from it.“ (AM, S. 162-163)
  • „We must approach science like an anthropologist approaches the mental contortions of the medicine-men of a newly discovered association of tribes. And we must be prepared for the discovery that these contortions are wildly illogical (when judged from the point of view of a particular system of formal logic) and have to be wildly illogical in order to function as they do.“ (AM, S. 191-192)
  • „We must stop the scientists from taking over education and from teaching as ‚fact‘ and as ‚the one true method‘ whatever the myth of the day happens to be.“ (AM, S. 162)
  • „Confusionists and superficial intellectuals move ahead while the deep thinkers descend into the darker regions of the status quo or, to express it in a different way, they remain stuck in the mud.“ (AM, S. 53)
  • „Successful research does not obey general standards; it relies now on one trick, now on another; the moves that advance it and the standards that define what counts as an advance are not always known to the movers.“ (AM, S. 1)
  • J: What is your profession? F: My profession was: I was a professor of philosophy. This means: a civil servant, ein Denkbeamter. That’s all I was. What do I do? I write essays which upset people. (Worst enemy of science, S. 165)
  • „Professor Feyerabend is an act I put on down there for monetary gain. These things have to be clearly separated, or else in the end you take seriously what you are doing and then you are in a big mess.“ (Science, S. 534)

Wer war Paul Feyerabend?

paul_feyerabend_berkeleyQuelle: Wikimedia Commons

Paul Feyerabend (1924 – 1994) war ein österreichischer Wissenschaftsphilosoph, wissenschaftstheoretischer Anarchist, Nestroy- und Karl-Kraus-Liebhaber und schärfster Kritiker Karl Poppers. Er polemisierte gern und führte den Wissenschaftsbetrieb vor, dem er vorhielt, sich selbst nicht an die eigenen rationalistischen Regeln zu halten, sondern stattdessen mit unbewussten metaphysischen Einsprengseln, Irrationalismen und rhetorischen Kniffen zu hantieren (exemplarisch wies er das an Galilei nach). Darüber hinaus war er der Ansicht, dass gute Wissenschaft sich sowieso nicht an Regeln hält. Nicht ganz so radikale Artverwandte: Imre Lakatos und Thomas Kuhn. Wichtigstes Werk: Against Method (komplizierte Editionsgeschichte, am besten aktuellste Ausgabe auf Englisch lesen).

Beim nächsten Mal: Die härtesten Sprüche von Nietzsche.

Feyerabend, Paul, Against Method. Outline of an anarchistic theory of science [=AM], London 1993.
Feyerabend, Paul,
Zeitverschwendung, Frankfurt 1995.
Preston, J., Munévar, G., Lamb, D. (Hrsg.):
The Worst Enemy of Science? Essays in Memory of Paul Feyerabend, Oxford 2000.
Broad, W. J.: „Paul Feyerabend. Science and the Anarchist.“ in: Science 4418 (1979), S. 534–537.