Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

Wenn ich auf diesem Blog eine allgemeine Aussage treffe – und das kommt häufig vor – dann setze ich stillschweigend einiges beim Leser voraus. Zum Beispiel wenn ich eine Aussage treffe wie „Heute ist die Gesellschaft so und so beschaffen“, dann heißt das übersetzt: Ich habe aufgrund meiner Wahrnehmung und Erfahrung den subjektiven Eindruck (die Bandbreite reicht dabei von Vermutung bis Überzeugung), dass sich eine Sache überwiegend so und nicht anders verhält. Ich behaupte mit meiner allgemeinen Aussage nicht, dass sie absolut wahr ist und dass ich andere Positionen völlig ausschließe – schließlich habe ich mich schon oft getäuscht in der Vergangenheit und es wird wieder vorkommen. Ich behaupte außerdem nicht, dass Ausnahmen von dieser Aussage unmöglich sind, und wenn ich sie nicht explizit erwähne, bedeutet das nicht, das ich sie bewusst und mutwillig ausschließe.

Das Verrückte ist, dass heute gerade das oft unterstellt wird. Allgemeine Aussagen haben sich spätestens seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts per se verdächtig gemacht. Sie stehen im Verdacht, bloße Verallgemeinerungen zu sein, zu vereinfachen, zu nivellieren und zu diskriminieren. In spezielleren Fällen nennt man sie Vorurteile. In noch spezielleren Fällen Klischees.

Baue ich kein einschränkendes oder relativierendes Wortpartikelchen in meine Aussage ein, oder hänge sofort mehrere Neben- und Hauptsätze mit dran, die Ausnahmen von besagter Aussage aufzählen, habe ich nicht differenziert. Ich habe das, so eine weit verbreitete Annahme, entweder aus Ignoranz oder aus böser Absicht getan – denn wenn ich um Ausnahmen weiß und sie nicht erwähne, halte ich sie offenbar für unwichtig und damit für minderwertig. Oder: Ich bin naiv und bemitleidenswert, denn ich sehne mich nach „Vereinfachung“ in einer „zunehmend komplexer werdenden Welt“ – ich habe offensichtlich nicht verstanden, dass die Welt so komplex (geworden) ist, dass man sie gar nicht verstehen kann! Ist doch klar, das lässt sich in jedem zweiten Feuilleton-Artikel nachlesen. Die Wirtschaft kriselt und es gibt eine einfache Erklärung dafür? Armut und Kriminalität – das lässt sich in einem Satz begründen? Kann gar nicht sein, denn: zu einfach! Einfache Erklärungen sind notwendig falsche oder zumindest schlechte Erklärungen, so der Tenor, denn sie lassen Einzelfälle einfach außen vor.

Offensichtlich herrscht eine nicht kleine Verwirrung darüber vor, was eigentlich Erklärungen und Aussagen bzw. Urteile so ausmacht. Zunächst: Urteile sind ihrem Wesen nach immer allgemein, sie können lediglich durch zusätzliche Bedingungen weiter eingeschränkt werden (damit meine ich nicht Aussagen wie: „Dieser Stuhl hat vier Beine.“) Behaupte ich zum Beispiel „Vögel können fliegen.“, so habe ich damit eine gängige oder „normale“ Eigenschaft von Vögeln beschrieben – obwohl ich weiß, dass es durchaus Vögel gibt, die nicht fliegen können. Ich habe nicht gesagt: „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“, sondern meine Aussage hat lediglich den Normalfall, die Regel beschrieben. Damit habe ich aber gerade nicht Ausnahmen ausgeschlossen, sondern implizit eingeschlossen. Es ist eine Binsenweisheit: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Aber es stimmt: Die Ausnahme bestätigt tatsächlich die Regel, die Regel ist sogar notwendig durch die Ausnahme bedingt und umgekehrt. Wir können gar nicht Regelmäßigkeiten beschreiben ohne dabei Ausnahmen mitzudenken, denn sonst wären es nicht Regelmäßigkeiten, sondern Absolutheiten, die so (bis auf Ausnahmen…) gar nicht real vorkommen.

Dennoch wird eine solche Aussage heute häufig missverstanden. Es wird unterstellt, „Vögel können fliegen.“ sei gleichbedeutend mit „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“ und man habe damit nicht nur eine falsche und ignorante Aussage getroffen, sondern mehr noch, man habe alle Ausnahmen dabei benachteiligt und ausgegrenzt. Man habe dabei gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass jeder Vogel, der nicht fliegen kann, gar kein „normaler“ und damit „richtiger“ Vogel sei, sondern eben ein „komischer Vogel“ (entschuldigt den schlechten Witz, liebe Leser).

Völlig unverfroren wird hier also mal wieder von Sein auf Sollen geschlossen, ein sehr beliebter logischer Fehler. Problematisch sind dabei natürlich die Wörter „normal“ und „Regel“ selbst, denn sie legen eine Vorschrift, ein Sollen nahe, auch wenn sie im alltäglichen Sprachgebrauch häufig nicht so benutzt werden, sondern lediglich, wie oben beschrieben, den üblichen, überwiegenden oder gängigen Fall meinen (ähnlich verhält es sich übrigens auch mit „Sitte“ und „Sittlichkeit“). Wollen wir also, trotz aller allgemeiner Aussagen, präzise sein und Missverständnisse vermeiden, ist es hilfreich, weitestgehend auf diese Begriffe zu verzichten, da sie durch ihre ambivalente Deutung das eigentliche Problem, eben den logischen Fehlschluss, verschleiern.

Dieser besteht aber in der Annahme, dass ein beschreibendes Urteil mit einem wertenden oder gar normativen Urteil identisch sei. Das ist es nicht. Ich habe durch meine Aussage nicht gleichzeitig ausgedrückt, dass alle nicht-fliegenden Vögel minderwertige Vögel seien und ihre Art also weniger schützenswert sei. Ich habe lediglich festgestellt, dass es meiner Erfahrung nach für Vögel üblich ist, fliegen zu können – mit Ausnahmen.

Das Problem besteht aber weiterhin darin, dass der Weg von einer deskriptiven zu einer normativ-wertenden Aussage nicht weit ist und viele Menschen eine deskriptive Aussage zum Anlass nehmen, diese normativ zu werten (was, wie gesagt, einen logischen Fehlschluss darstellt). Ein weiterer Schlüsselbegriff ist hier auch der des „Natürlichen“. Es sei „natürlich“ für Vögel zu fliegen, denn das tun sie üblicherweise, das habe ich beobachtet. Also folgt daraus, sei es „unnatürlich“ für Vögel nicht zu fliegen und das wiederum sei falsch, weil „wider die Natur“. Diesem Schlussgebilde liegen besondere Annahmen zugrunde, nämlich: 1.) „Die Natur“ schreibe normativ vor, was richtig sei und 2.) sie tue das, indem sie die überwiegende Zahl einer Spezies (z.B. der Vögel) mit der „richtigen“ Eigenschaft ausstatte, eine Minderzahl aber ausspare. Das sei ihr Weg, uns zu demonstrieren, was die Norm und was zu tun sei. Der Gedanke, dass die Natur vielleicht ihr gesamtes Potential erst ausschöpfen kann, indem sie auch die Ausnahme schafft und somit überhaupt erst ein vielfältiges Spektrum entsteht, dass sie als Natur wahrhaft vollkommen macht, kommt hier nicht vor. Denn „die Natur“ als Gesamtheit allen Lebens wird in diesem Schluss gleichgesetzt mit „der Natur“ im Sinne einer bestimmten Wesenseigenschaft („Es ist die Natur des Vogels, dass …“). Als Folge entsteht eine Hierarchie, bei der die eine (übliche, gängige) Eigenschaft höher gewertet wird als die andere (die Ausnahme), da sie als mit dem „Gesetz“ der allmächtigen Natur, die alles bestimmt, identisch gesetzt wird.

Wir sehen hier schon, eigentlich müsste man auch heute noch „Gott“ statt „Natur“ setzen, wenn es um solche Zusammenhänge geht, denn viel zu sehr ist unser Denken durchdrungen von autoritären Strukturen, die überall ein Gebot, ein Gesetz oder eine Vorschrift erwarten, wo eine bloße Regelmäßigkeit herrscht. Nein, eigentlich müssten wir sagen: Wo eine bloße allgemeine Struktur wirkt und das Mannigfaltige durchdringt. Ordnung und allgemeine Strukturen sind eben nicht überall gleichbedeutend mit Herrschaft und erwarten im Gegenzug von uns Gehorsam, auch wenn unser Geist hierauf seit Jahrtausenden trainiert ist und wir aus unserem Alltag nichts anderes gewohnt sind.

So viel also in Kürze zu den möglichen Ursachen für den oben aufgeführten logischen Fehlschluss. Wir können also feststellen: Eine derartige allgemeine Aussage enthält die Möglichkeit oder gar die Gefahr (wenn aus ihr konkrete, falsche Handlungen abgeleitet werden) einer normativen Wertung. Sie enthält aber nicht zwingend eine Wertung, sondern kann vielmehr lediglich ein Versuch sein, besagte komplexe Welt zu verstehen, indem allgemeine Strukturen in entsprechenden Aussagen festgehalten werden. Verstehen aber, und das ist wichtig, heißt eben Zusammenhänge erkennen, nicht Differenzen aufdecken. Zwar sollen und müssen wir den Weg der Differenzierung gehen, um zu verstehen, die Dinge auseinanderhalten, um uns ihrer Besonderheit bewusst zu werden. Aber eben zu dem Zweck, sie innerhalb eines größeren Zusammenhangs richtig einordnen zu können. Der letzte Schritt im Verständnisprozess ist immer synthetisch, nicht analytisch. Es sind Allgemeinheiten, allgemeine Strukturen, die im Verstehen erkannt werden. Misstrauen wir dem allgemeinen Urteil überhaupt und unterstellen ihm eine implizite Abwertung des Nicht-Allgemeinen, gefährden wir langfristig unsere Verständnisfähigkeit. Genau das aber passiert: Das allgemeine Urteil ist per se verdächtig, weil wir uns nicht von unseren autoritären Denkmustern lösen können.

Noch ein paar Worte zum Vorurteil. Das Vorurteil unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Urteil dadurch, dass es verfrüht getroffen wird – auf einer unzureichenden Erfahrungsbasis, die das Urteil mitunter erheblich verfälschen kann. Es steht dem oft gepriesenen „fundierten Urteil“ (wofür meist „Experten“ zuständig sind) entgegen. Doch wo endet das Vorurteil, wo fängt das fundierte Urteil an? Wie viel Erfahrung, wie viele empirische Daten brauchen wir, um ein richtiges Urteil zu treffen? Sehr streng genommen muss jedes Urteil letztlich Vorurteil bleiben, denn unser Erfahrungshorizont endet nicht, er könnte beständig erweitert werden. Andererseits kann er niemals vervollständigt werden, denn wir als „endliche Vernunftwesen“, wie es bei Kant so schön heißt, haben nunmal begrenzte Kapazitäten. Hinzu kommt, dass manche Menschen auf der Grundlage scheinbar gleicher „Daten“ unterschiedlich richtige Urteile treffen. Manche haben ein präziseres Auge oder auch ein „gutes Gespür“, dass ihnen trotz dünner Erfahrungsbasis zu einem richtigen Urteil verhilft (freilich ist das ein riskantes Unterfangen). Tatsächlich sind die meisten unserer Urteile Vorurteile, denn in vielen Wissensgebieten ist es uns gar nicht möglich, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Und urteilen müssen wir, denn die Alternative hieße blind zu glauben.

Genau so wie wir nicht vorschnell urteilen sollten, sollten wir auch nicht vorschnell Urteile als „bloße Vorurteile“ abtun, wenn sie nicht mit unserem eigenen (Vor-)Urteil übereinstimmen. Denn wie genau können wir wirklich die Erfahrung und Urteilskraft des anderen einschätzen? Umgekehrt ist es gefährlich, „Expertenmeinungen“ vorbehaltlos als vorurteilsfrei zu akzeptieren.

Insgesamt schadet die Tabuisierung des Vorurteils, und auch des allgemeinen, scheinbar notwendig verflachenden Urteils einem vernünftigen öffentlichen Diskurs. Denn wie überhaupt bei allgemeinen Aussagen wird auch dem Vorurteil häufig sofort eine böswillige Absicht des Urteilenden unterstellt. Dabei ist es tatsächlich möglich, ein Vorurteil zu haben, sogar zu „heiklen“ Themen wie gesellschaftlichen Minoritäten, ohne dabei eine böse Absicht zu hegen und jemanden mutwillig beleidigen oder diskriminieren zu wollen. Es kann schlicht das Wissen fehlen. Ignoranz ist kein Vergehen. Wird sie aber dem Urteilenden vorgeworfen oder diese Möglichkeit gar überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen (sondern die böse Absicht als alleinige Option vorgestellt), dann führt das schnell zu Verwerfungen und verhärteten Fronten. Die eine Seite sieht sich zu unrecht beschuldigt, bevormundet und einer „Meinungsdiktatur“ ausgesetzt, was wiederum häufig zu Trotzreaktionen und damit zu wirklichen Beleidigungen und Diskriminierungen führt. Die andere Seite, ein Leben lang Opfer gewesen, hat bloß gelernt, den Anderen als Täter zu sehen und sieht gar nichts anderes mehr; durch die provozierten Trotzreaktionen fühlt sie sich dann wiederum bestätigt. Dabei ist eben nicht jede gefühlte Diskriminierung eine Diskriminierung. Entscheidend ist die Absicht und der Ton des Urteilenden. Abfällige, abwertende Äußerungen sind als solche in der Regel erkennbar. Und selbst mit negativen Vorurteilen und Klischees lässt sich spielerisch und (selbst-)ironisch umgehen, solange sie nicht gehässig werden. Wo sich dennoch eine Diskrepanz zwischen gefühlter Diskriminierung und fehlendem Bewusstsein von Diskriminierung einstellt, lässt sich auch zumindest theoretisch vernünftig miteinander reden, ohne dass sofort Vorwürfe fallen.

Leider sind wir von einer vernünftigen Diskussionskultur weit entfernt. Das heftige Misstrauen gegenüber allgemeinen Urteilen und Vorurteilen ist Symptom einer verunsicherten Gesellschaft: Altes gilt nicht mehr, Sicherheit gibt es nicht mehr, also ist alles, was Sicherheit vermeintlich suggeriert – allgemeine Aussagen, einfache Erklärungen – an sich verdächtig. Eine wohl proportionierte und berechtigte Vorsicht gegenüber vorschnellen Aussagen ist einer irrationalen Angst gewichen. Überall wittert man das Böse, wo nicht explizit versichert wird, dass es sich dabei nicht um den Teufel handelt (als wäre das Kriterium!). Der Teufel selbst wird nicht mehr als der Zersetzende (der „Differenzierende“) empfunden, sondern wer nach Gemeinsamkeiten sucht, ist des Teufels. Wehe dem, der vorschnell eine Gemeinsamkeit postuliert! Es könnte sich dabei um Rassismus oder Sexismus handeln! Also steinige man ihn lieber gleich, ohne genauer hinzusehen, er könnte ja gefährlich sein! So stürzen sich alle Wächter der vermeintlichen Toleranz und Offenheit auf Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Ob wirklich ein „Toleranzvergehen“ vorlag, ist Nebensache. Derweil lachen sich die wahren Verursacher und Bewahrer der ganzen gesellschaftlichen Misere ob dieser Spiegelfechterei ins Fäustchen, denn an gravierenden sozialen Problemen – den eigentlichen Verursachern von Diskriminierung und Intoleranz – wird nicht gerührt, die Aufmerksamkeit liegt woanders.

Anmerkung: Anlass für diesen Text war unter anderem die ernsthafte Auffassung gewisser Kreise der Gender Studies, man solle es doch besser ganz aufgeben, den „Menschen“ philosophisch definieren zu wollen, also die Sache mit der Anthropologie ganz sein lassen – man könnte ja versehentlich jemanden dabei diskriminieren.

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10 Gedanken zu “Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

  1. Pingback: Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen — Truth doesn’t make a noise | ReBlog! Hier findet sich alles was mir gefällt. Über "Kategorie" wirds dann übersichtlich :)

  2. Wir sind sozialisiert, vieles in unseren Köpfen läuft auf Autopilot. Das ist sehr sinnig, denn über jeden unserer Atemzüge nachzudenken, würde uns wohl überfordern. So ist es beim Radfahren, beim Essen, aber auch bei unserer Meinungsbildung.
    Dieser Autopilot vereinfacht unser Leben. Wir sehen eine ältere, goldbehangene Dame auf der Düsseldorfer Kõ und denken reich.
    So könnte man unendliche Beispiele finden. Wir bewerten, um zu ordnen, einzuordnen, Bewertungen sichern uns ab, sichern unser Leben.
    Wir nehmen so viele Dinge wahr, dass der Autopilot unverzichtbar ist, sonst würden wir mehr, als nur gegen Bäume laufen.
    Aber so ein Autopilot hat seine Tücken, ein Fehlercode nennt sich Vorurteil. Leider gewöhnen wir uns immer mehr an all die Autopiloten und je komplizierter diese Welt wird umso mehr verlassen wir uns auf GPS, Tracker, Suchmaschinen, Formeln, Statistiken, Algorithmen und gerade drum auf unseren persönlichen Autopiloten.
    Es lohnt sich, diesen allerdings mal auszuschalten, vielleicht finden wir in der reichen Dame eine einsame, arme Frau, die sich einmal fühlen möchte, wie früher. Vorurteile sind ein Teil unseres lebenswichtigen Autopiloten, wir sollten sie anerkennen, aber auch hinterfragen.
    Spannend ist, wenn uns der Autopilot meldet, „der da ist ja voller Vorurteile“, dann solltet wir schnellstens lächeln und den Autopiloten kurz ausschalten.

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  3. Ein sehr interessanter Text, insbesondere mit dem Bogen zur Diskussionskultur.
    Man darf es natürlich auch von der anderen Seite sehen.
    Viele Vorurteile sind nicht rational aus Erkenntnis gewachsen, sondern verkörpern vielmehr einen Glauben, der auch noch eng an das Ego gebunden ist. Das ist das, was Sie mit dem Begriff Sicherheit umschrieben. Glauben gibt Sicherheit. Aber Glauben hat auch etwas von einer Ideologie, ist eher starr und beharrt auf Vorurteilen, im gewerteten Sinn durch dessen Träger.
    Gerade viele Ansichten zu gesellschaftlichen Prozessen beruhen auf Vorurteilen, geboren aus Glauben und behandelt als Dogmen. Das gilt aber gleichsam für triviale Alltagsthemen.
    Das ist etwas anderes als das Vorurteil im rationalen, nach neuer Erkenntnis strebendem Wissensdrang, in dem es eine Zwischenstufe im Prozess beschreibt und durch Versuch und Irrtum weiter entwickelt oder verworfen wird.
    Die Verwendung des Wortes an sich ist es, die Konnotation. Im Sinne der Logik unserer deutschen Sprache ist das Wort wertfrei und beschreibt es genau so, wie Sie es abhandelten. Da steckt dann aber auch ein wissenschaftlicher Anspruch dahinter. Letztlich ist die „Krone“ des Vorurteils eine Theorie, die schwächere Form die These und noch eine Stufe tiefer die Hypthese. Dann darf der Skeptiker achtungsvoll kritisch auf diese Vorurteile eingehen.
    Unterhalb der Hypothese aber, so meine Ansicht, landen wir beim Ego.
    Und wenn uns jemand vorwirft, Vorurteile zu haben, meint er eben die auf unserem angekratzten Ego beruhenden affektiven Reaktionen in Diskussionsrunden – und spiegelt sich damit auch noch oft selbst. Dann geht es um unser Unterbewusstes und dessen Fähigkeit den kleinen geistigen Krieg zu führen. Dann geht es um Macht, die Wiedererlangung von Kontrolle und darum, dafür kämpfen zu können.

    Danke Ihnen für die interessante Sonntagslektüre
    Viele Grüße, ped43z

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    • Vielen Dank für Ihre wichtige Ergänzung. Es stimmt, wenn wir von Vorurteilen sprechen, meinen wir damit in der Regel verfrühte Urteile in einem bestimmten, negativ konnotierten Sinne, die mit rationaler, bewusster Erwägung wenig zu tun haben. Aber wie Sie auch sagen, hat das Vorurteil, oder das Urteil an sich, überhaupt eine große Bandbreite, die wahrscheinlich in erster Linie vom Urteilenden selbst abhängt und davon, wie rational oder emotional dessen Denken strukturiert ist. Es hängt vor allem auch viel davon ab, wie sehr er sich selbst der Bedingungen seines Urteils bewusst ist.
      Insgesamt halte ich es für wichtig, dass wir uns der Begriffe, die wir alltäglich verwenden, mehr bewusst werden. Die meisten besitzen ein multivalentes Bedeutungsspektrum und unzählige Missverständnisse und Streitigkeiten beruhen häufig gerade darauf, dass man glaubt, man könnte einen Begriff in genau einem und nur diesem Sinne verstehen, ohne darauf zu sehen, wie vielfältig eigentlich sein historischer und gegenwärtiger Gebrauch ist.
      Aber stimmt, zu oft wollen wir Menschen eben eigentlich nicht verstehen, sondern Recht behalten und eine Diskussion wie einen Kampf „gewinnen“.
      Noch einen schönen Rest-Sonntag!

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  4. Pingback: Zum Verhältnis von Einfachheit und Komplexität | Truth doesn't make a noise

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