Zum Verhältnis von Einfachheit und Komplexität

tumblr_milhd8rfo51qz5u3do1_1280Künstler: Javier Cruz

Im letzten Text zum Thema Verallgemeinerungen und Vorurteile hatte ich es schon angedeutet, würde es gerne aber nochmals genauer ausführen: das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität. Ausgangspunkt sei dabei die heute populäre Ansicht, unsere Welt sei zu komplex geworden, um sie noch verstehen zu können. Frühere Herangehensweisen, ein Denken in Systemen und Ordnungen, würden nicht mehr greifen, seien veraltet, würden der heutigen, komplexen Welt nicht mehr gerecht. Stattdessen bliebe uns übrig, im Kleinen Fragen zu stellen, in Spezialbereichen zu analysieren und zu differenzieren, wo wir können. – Eine Sichtweise nicht nur von immenser Bedeutung für unser Denken überhaupt, sondern auch für die Philosophie und ihre traditionelle Rolle als „Expertin fürs Allgemeine“, welche damit in Frage gestellt wird.

Fragen wir zunächst ganz basal: Was heißt „einfach“? Was heißt „komplex“? Einfachheit bezeichnet eigentlich etwas, das nur einmal vorhanden ist, das einzeln ist und eben nicht vielfach, mehrfach, mannigfach. Seine Singularität ist deshalb von Bedeutung, weil sie für uns „einfach“ – im übertragenen Sinne – zu erfassen ist. Das Einfache kann ich leicht überblicken, beim Vielfachen ist meine Aufmerksamkeit bereits geteilt und es wird „schwieriger“. Wird es damit auch komplexer?

Das Komplexe ist ein anderer Fall. Es bezeichnet eigentlich nicht das Gegenteil des Einfachen. Vielmehr handelt es sich dabei selbst um ein Einfaches. „Komplex“ kommt vom lateinischen complecti, das „zusammenfassen, einschließen, einfassen, umschließen“ heißen kann. Auch plectere, „flechten, ineinanderfügen“ steckt drin. Nennen wir etwas komplex, meinen wir damit in der Regel eben dieses Verflochtene, Verwickelte an einer Sache. Wir übersehen aber die kleine Vorsilbe com- dabei, die das vielfach Geflochtene nochmals betont in eins zusammenfasst: Der Kom-plex bezeichnet also eine Einheit, die in sich mannigfaltig verwoben und strukturiert ist.

Unterscheidet sich das Komplexe damit grundsätzlich vom Einfachen? Nein, denn Einfachheit und Komplexität betonen schlicht zwei verschiedene Aspekte der einzelnen, lebendigen Entität: Etwas, das einfach ist, sieht nur von außen betrachtet so aus (das Gänseblümchen, der Baum, eine Schneeflocke, von mir aus auch das Smartphone im minimalistischen Design), ist aber in Wirklichkeit ein Komplex, d.h. innerlich mannigfach verwickelt und verflochten. Diese äußerlich wahrgenommene Verbundenheit aber, z.B. in Gestalt der glatten Haut, die einem Menschen, einer Frucht oder einer Zelle auch ästhetisch das Ansehen der Ganzheit und Einheit gibt, ist es, die die – im wörtlichsten Sinne oberflächliche – Verstehbarkeit und Übersichtlichkeit erzeugt, die das Komplexe zum Einfachen macht.

Anders verhält es sich jedoch, wenn wir selbst Teil des Komplexes sind, wenn wir im Geflecht, im Gewebe selbst eingeschlossen sind, ohne das wir es von außen übersehen können. So verhält es sich mit der Welt und so verhält es sich mit dem kleinen Ausschnitt der Welt, den wir Erde und unsere Heimat nennen – und den wir als so anstrengend unübersichtlich empfinden, dass Philosophien, Religionen und Ideologien erfunden wurden, um uns eine Orientierung zu verschaffen, um die Verbindung der Fäden untereinander zumindest gedanklich aufzudröseln und nachvollziehen zu können. Und dieser gedankliche Modus des als ob ist unsere eigentliche Errungenschaft, unsere Chance zu sehen, was uns eigentlich ewig verborgen geblieben wäre. Unsere Vorstellungskraft erlaubt es uns, die Welt als Einheit zu begreifen, wo sie uns zunächst nur als uns umgebende Vielheit entgegentritt.

Aber wieso erscheint uns dieses Geflecht heute verwickelter, schwieriger als zuvor? Was hat sich verändert? Ein ideologischer Rahmen (Christentum und Kirche) ist weggebrochen und wurde durch einen neuen ersetzt (das naturwissenschaftliche, materialistisch genannte Weltbild). Der neue aber hat seine Lücken und blinden Flecke, Bereiche, die er nicht oder nur ungenügend erklärt. Er ist nicht so umfassend wie sein Vorgänger, mag dieser auch in anderer Hinsicht äußerst fehlerhaft gewesen sein. Wie erklärt die Naturwissenschaft befriedigend die Stellung des Menschen in der Welt und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft? Welche Legitimationen erhalten ökonomische, politische und soziale Prozesse im naturwissenschaftlichen Weltbild? Auch kleinere Rahmen im großen (Kapitalismus, Marxismus) scheitern. Zurück bleiben die bloße, nackte Mannigfaltigkeit und der tiefe Zweifel und Pessimismus des Individuums, das sein Bedürfnis nach Struktur und Sicherheit in partikularen Sinnverbänden zu befriedigen sucht – sei es der vereinzelte (geistes-)wissenschaftliche Zweig, den der Akademiker besteigt, oder überhaupt die Arbeit, die als Mittel zur „Selbstverwirklichung“ neue religiöse Höhen erreicht, oder der seinsvergessene, selbstvergessene Konsum, wo Sinn und Lust nicht mehr zu unterscheiden sind (ganz aktuell darf man sich auch wieder „links“ oder „rechts“ befinden).

Etwas anderes hat sich verändert. Obwohl das Weltgeflecht um uns verworren ist: der Komplex Welt ist einfacher geworden. Viele kleine Welten sind zu einer Welt geworden, wurden absorbiert im Globalen. Die Globalisierung, schnellste technische Transport- und vor allem Kommunikationsmittel haben das erste Mal in der Geschichte wirklich eine Welt geschaffen. Der (äußere) Weltkomplex ist geschrumpft, hat sich in eins zurückgezogen (Stichwort „global village“), während scheinbar paradoxerweise das (innere) Weltgeflecht auf eine geradezu monströse Größe angewachsen ist, sich aufgebläht hat. Die Vielheit der Kulturen, die sich zuvor lange Zeit nur langsam einander angenähert und miteinander durch Handel und Kriege verwoben hatten, sind innerhalb kürzester Zeit unnatürlich schnell verwachsen. Nicht nur westliche, alle Kulturen, die es nur irgendwie vermochten, haben sich an die durch technische Standarte definierte neue globale Wirtschafts- und Herrschafts-Kultur angepasst (oder wurden angepasst). Was durch diesen Prozess aber geschaffen wurde, ist nicht eine wahre neue Weltkultur, die die Besonderheiten der einzelnen Kulturen harmonisch in eine neue Einheit, einen kulturellen Weltorganismus integriert und damit auch aufbewahrt, sondern – ein Flickenteppich, ein löchriges, instabiles Gewebe, das nicht durch gemeinsamen Willen zusammenhält, sondern durch Gewalt und Zwang. Das Weltgeflecht heute ist kein natürlicher Organismus, sondern eine schlecht laufende, fehlerhafte und gefährliche Maschine.

Und dieser Umstand ist es eigentlich, den wir meinen, wenn wir davon sprechen, die Welt sei zu komplex, zu diffizil geworden. Es ist nicht die neue, vergrößerte Vielfalt an sich, die Probleme macht. Es ist auch nicht so, dass durch die bloße innere Vergrößerung des Weltgeflechts notwendig das Chaos entsteht. Das neue Weltgeflecht ist nicht, oder jedenfalls nicht primär, chaotisch. Es ist vielmehr der gewalttätige Charakter der vorhandenen allgemeinen Ordnungsstrukturen, der das Chaos verursacht. Und diese, vorher im Kleinen, bzw. auf eingeschränktem Gebiet wirkend, zeigen nun erstmals ihr globales Potential, verstärkt und beschleunigt durch den technischen Fortschritt. Die alten Herrschaftsmuster, nun intensiviert, global überdehnt, erzwingen in ihrem Interesse die Einheit der Vielheit – und Widerstand regt sich: Menschen flüchten sich zurück ins Altbekannte und vermeintlich -bewährte, bauen sich neue, alte Feind- und Erlöserbilder auf oder schotten sich ab. Vermeintlich progressive, aber genauso blinde Kräfte, feiern diese Einheit als Fortschritt von Liberalität und Toleranz – ohne zu sehen, dass mit Gewalt, auch mit gewaltsamer Einheit, kein Frieden zu machen ist.

Es ist nicht ein Mangel an ordnender Struktur, der unsere Welt unübersichtlich macht, sondern es ist die falsche ordnende Struktur und die Unfähigkeit der Meisten, diese erstens als wirkend und zweitens als falsch zu erkennen – wiederzuerkennen, denn sie ist ein alter, längst totgeglaubter alter Bekannter in anderer Gestalt.

Wenn wir uns heute sagen: „Die Welt ist zu komplex geworden, um sie zu verstehen.“, dann dient uns das als Entschuldigung dafür, es gar nicht erst zu versuchen. Und es endet als Kapitulation, es endet damit, dass wir sie uns von Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern und (anderen) Populisten erklären lassen. Wir machen uns selbst aus Bequemlichkeit unmündig, und natürlich merken wir es nicht, halten die Gedanken anderer für unsere Gedanken und sind insgeheim froh, überhaupt Erklärungen erhalten zu haben, denn die Welt ist ja so komplex.

Ja, die Welt ist ein Komplex geworden, aber damit paradoxerweise einfacher als je zuvor. Wir müssen es nur wagen, sie gedanklich als Einheit zu fassen, sie gleichsam von außen zu betrachten und zu verstehen, was es ist, das sie im Inneren zusammenhält und dabei gleichzeitig zerrüttet und zersprengt. Dass sich heute im Wesentlichen nichts verändert hat, außer den Dimensionen in Raum und Zeit, der globalen Ausdehnung und Beschleunigung. Und wir müssen überlegen, wie wir diese Strukturen, die Zwangs- und Gängelbänder, die Fesseln des Weltgeflechts, in lebendige Strukturen umwandeln können, abseits vom Lager- und Schulendenken, abseits von Ideologien linker, rechter oder wie auch immer gearteter Gesinnung. Jede Generation muss ihre Probleme neu denken, auch wenn es im Grunde noch die gleichen Probleme sind.

Wir müssen unsere Welt als lebendigen Organismus begreifen, als Sinneinheit verstehen, und dazu müssen wir den Mut haben zu verstehen – auch wenn das heißt, in einem quantitativen Sinne, nicht alles verstehen zu können. Aber darum geht es nicht, sondern es geht um das Ganze. Verstehen ist wesenhaft qualitativ. Wir können versuchen, allgemeine Tendenzen und Strukturen nachzuvollziehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Einzelne außen vor zu lassen. Denn die wichtigsten Strukturen und Wahrheiten wirken im Großen genauso wie im Kleinen. Komplexität und Einfachheit schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich.

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6 Gedanken zu “Zum Verhältnis von Einfachheit und Komplexität

  1. Die Natur ist in ihrer Komplexität eine Einheit, lebt man in und mit ihrem Rhythmus, so ist man im Einklang.
    Möglicherweise haben viele Menschen den Zugang zu diesem Rhythmus verloren.
    Manchen ist die Natur ein notwendiges Übel im durch strukturierten Alltag.
    Geld entstand nicht aus der Natur.
    Geld ist einfach, aber es brachte uns weg vom Einklang, hinein eine eine Komplexität von Missklängen.
    Wir brauchen die Natur nicht zu retten, laß ich mal, sondern wir müssen und retten.
    Wenn wir dem Einklang mit der natürlichen Einheit wiederfinden dann wird es wohl wieder einfacher werden für uns Menschen.

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  2. „Das Weltgeflecht heute ist kein natürlicher Organismus, sondern eine schlecht laufende, fehlerhafte und gefährliche Maschine“ …. oder: diese schlecht laufende fehlerhafte und gefährliche Maschine ist ein natürlicher Teil des Organismus? „Natürlicher Organismus“ heißt meiner Ansicht nach nicht immer gut und richtig und rein, sondern genau das Gegenteil: wild, chaotisch, unkontrollierbar, unvorhersehbar. So sehe ich das Weltgeflecht und unsere Bemühungen, es in eine Ordnung zu bringen.

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    • Ja, das ist die große Frage nach der Natur von Natur, nach Kosmos oder Chaos, danach, was überhaupt das Wesen der Welt ist. Birgt sie das Chaos in sich? Ich denke schon. Aber mir scheint die Welt dadurch eben nicht primär chaotisch, sondern, in letzter Hinsicht, geordnet. Das Chaos ist im Kosmos aufgehoben, nicht umgekehrt. Letztlich läuft es für den Menschen auf eine pragmatische Bewertung hinaus: Will er ein, für sich als Art, erfülltes Leben führen, muss er aufhören, blind wider die Natur zu wirken und sie als Widerpart, als das Andere zu begreifen. Jede Maschine bleibt immer nur Kopie der Natur, fügt sich aber gleichzeitig immer auf die eine oder andere Art in die Natur ein. Die Frage ist eben wie. Spaltet sie sich bewusst ab, produziert sie eher Fehler, bleibt lückenhaft, weil sie den größten Teil ihrer Existenz ausblendet, ihre Abhängigkeit und ihren Ursprung als bloßem Teil des Ganzen verleugnet. Kopiert der Mensch die Natur hingegen, um sie zu ergänzen, nicht, um sie zu überwinden, operiert er aus einer ganz anderen Perspektive hinaus, nämlich aus der Perspektive des Friedens. Die Frage ist, was wir wollen, Krieg oder Frieden. Manche (z.B. Nietzsche) halten den Krieg für die lebendigere Option. Beide sind natürlich Teil des Ganzen, aber sind sie damit gleichberechtigt?

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  3. Glückwunsch Anna,
    ein großartiger Text, ein gelungener Versuch „Komplexität“ zu entlarven.
    Die vielen Facetten deiner Arbeit hast Du gelungen miteinander verwoben.
    Ich bin schwer beeindruckt.

    Eine Frage zu dem Tool „Text“. Und wo finde ich es im WP-Dashboard?

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    • Freut mich, dass es dir so gefällt! 🙂 Meines Wissens gibt es kein „Text-Tool“. Ich schreibe das in Open Office vor, füge es ein und nenne es dann einfach Text, als Rubrik (oder „Kategorie“, wie es bei WP heißt). Werke hier sowieso viel manuell rum, da mich WP nicht so umhaut mit seinen Funktionen (in der Free-Version jedenfalls…).

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