Festtagsgrüße

Ich wünsche allen Heiden ein ausgelassenes Yule, allen Christen eine besinnliche Weihnacht, allen Antichristen viel erhebendes Machtgefühl, allen Heideggerianern viel Dasein, allen Hegelianern viel Glück mit dem absoluten Wissen im nächsten Jahr und allen Kapitalisten schöne Konsumfreuden ( – und entschuldige mich natürlich bei allen, die ich aus purer Unzulänglichkeit meines Geistes vergessen habe zu erwähnen)!

Auf dem Blog wird es in den nächsten Tagen voraussichtlich etwas ruhiger werden, die sinnliche Welt da draußen ruft.

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Kurze Phänomenographie des Verstehens

Verstehen kann etwas nur, wer es schon verstanden hat. Verstehen heißt nicht: Etwas Neues finden. Verstehen heißt: Etwas wiederfinden, das Andere im Eigenen wiedererkennen. Oder: Das Eigene zum ersten Mal anders sehen. Verstanden-Werden heißt Eins-Werden im Geiste, wenn auch nur für den Moment. Verstehen ist synthetisch. Verstehen ist Einsicht in einen Zusammenhang, auch in den Zusammenhang des Unterschiedes. Verstehen ist Erleichterung. Der Stachel des Verstehen-Wollens lässt von uns ab. Verstehen ist ein bloßer Punkt, ein Moment, kaum greifbar. Und Verstehen ist ein Prozess, der zum Verständnis führt. Verstehen heißt: Für den Moment nicht mehr zweifeln, sondern wissen. Dann wieder am Wissen, am Verstehen zweifeln. Verstehen ist Sehen, Klar-Sehen, ist Einsicht, ist Aussicht in das Eine. Verstehen ist der Kick, das High des Philosophen. Verstehen ist Losgelöst-Sein, Erlöst-Sein, ganz kurz, von der Unvollkommenheit. Verstehen ist Erkenntnis. Verstehen ist ein Gefühl, das Hochgefühl der Erkenntnis. Verstehen ist manchmal falsch, ein Schein-Verstehen, leise dann, und mit fadem Beigeschmack, eklig fast, klebrig – auch übermütig, vorschnell, voreilig, vergesslich. Missverständnis ist Dissonanz, und Frustration. Das andere, den anderen nicht zu verstehen heißt ihn nicht zu erkennen, ihn nicht zu sehen, ihm fremd zu bleiben, selbst ein Fremder im Anderen, Noch-nicht-Eigenen. Verstehen ist auch Aneignung des Fremden, Vermehrung des Eigenen, Inbesitznahme des Anderen. Leugnung des Anderen als Anderes – denn das Verstandene ist schon immer ein Eigenes. Ausdehnung des Ich. Irgendwann Auflösung des Ich, Vollkommenheit des Ich. Verstehen ist irrational. Das Denken hört auf, wo das Verstehen einsetzt. Verstehen ist Fügung, ist Frieden. Verstehen ist Höhepunkt und Verstehen ist Endpunkt. Verstehen will nicht Verstehenmachen. Nicht-Verstehen will Verstehenmachen, zwingt zum Verstehen-Wollen. Verstehen ist tückisch. Es besänftigt, wo es zuvor noch erhöht hat. Verstehen ist Einheit von bewusst und unbewusst. Verstehen ist Einfalt, Entfaltung des Mannigfaltigen. Verstehen schafft Wissen, erzeugt Kompakta des Wissens, schnürt Wissenspakete – die wir nicht mehr verstehen müssen, bald schon nicht mehr verstehen. Wer verstehen will, muss immer wieder verstehen. Das Vertraute, Einmal-Verstandene immer wieder neu verstehen. Schon Verstandenes macht vergesslich, Wissen macht träge. Verstehen ist Entgrenzung, Befreiung. Verstehen ist eine Stimmung der Potentialität, der Möglichkeit. Verstehen ist das Gegenteil von Zwang. Verstehen ist Freiheit.

Zitat: Wahrheitsminister Heiko Maas

„Es ist nicht ganz einfach, eine Institution zu schaffen, die sozusagen in Form einer Wahrheitskommission entscheidet, was ist wahr und was nicht.“

(Bundesjustizminister Heiko Maas, dpa)

Was ist noch bedrohlicher für den Bürger als Hate Speech? Genau: Fake News. Aber keine Sorge, unsere Regierung kümmert sich schon drum. Übrigens mit Rückenwind aller Parteien im Bundestag, inklusive der Linken und den Grünen (siehe den ausführlichen Artikel).

Update: Offensichtlich wurde der Artikel inzwischen um die Hälfte gekürzt. Das Zitat ist dort nicht mehr zu finden.
Update 2: Alternativquellen mit dem gleichen oder leicht abgewandelten dpa-Text findet die Google-Suche: z.B. Horizont, Zeitungsverlag Waiblingen, Südwest-Presse, Nordbayerischer Kurier, Thüringer Allgemeine, Neckar-Chronik, Web.de, Welt.de, Süddeutsche , das Greenpeace-Magazin und zahlreiche weitere Blätter mehr – Ein Hoch auf die Meinungsvielfalt unserer Medienlandschaft!

Sehr hübsch auch beim Postillon aufgegriffen:
Der Postillon: Bundeskanzler Dreher will Fake-News unter Strafe stellen

Via Schrottpresse.
Quelle: Frankfurter Neue Presse (bzw. dpa)

Apologie der Irrationalität I: Vernunft und Rationalität

paintings-by-lia-melia18209-8898508-7_905Die wilden Wogen der Irrationalität – Ist Kunst rational? Künstlerin: Lia Melia

Glaubt man der Rede von der Postfaktizität, so erleben wir gerade eine Zeitenwende: Das Zeitalter der Rationalität und des harten wissenschaftlichen Faktums hat ausgedient und der Mensch begnügt sich von nun an mit dem Vertrauen auf sein „bloßes“ Gefühl. Bedeutet das eine Rückkehr in die Barbarei, in eine vorvernünftige Periode? Ist es mit der Aufklärung nun endgültig vorbei? Oder ist „der vernünftige Mensch“ vielleicht doch kein Ideal, nach dem wir bedingungslos streben sollten? Sollten wir die „Ära der Herrschaft des Gefühls“ vielleicht begrüßen, weil wir so keine Angst haben müssen, eines Tages den perfekten rationalen Robotermenschen herangezogen zu haben, der alles sinnliche Gefühl an- und ausschalten kann, wie er will, um seine Berechnungen der Wahrheit vollkommen zu objektivieren, dabei aber leider auch der wahren Empathie nunmehr entbehrt? Wie sehr haben wir die Rationalität nötig? Wie weit kann, wie weit soll sie reichen? Wie sehr leben wir „noch“ in einem rationalen Zeitalter und was bedeutet das?

Der Mensch definiert sich als Art gerne über das Denken, er ist „das vernünftige Tier“. Bei der Vielzahl anthropologischer Definitionen läuft es doch immer wieder auf diesen Punkt hinaus. Traditionell, jedenfalls seit offiziellem Beginn unserer abendländischen Denkgeschichte, die üblicherweise irgendwo bei den sogenannten „Vorsokratikern“ angesetzt wird, ist die Vernunft durchweg positiv konnotiert, sie zeichnet den Menschen vor allen übrigen Lebewesen aus, erhebt ihn über diese als Art, so wie er sich mittels seines abstrakten Denkens von ihnen entfernen und über sie erheben kann. Das Denken ermöglicht dem Menschen, von der übrigen Natur zurückzutreten und sich nun nicht weiter über diese zu definieren, sondern die Natur selbst als eine bestimmte, andere Entität neben der eigenen, spezifisch menschlichen oder eben vernünftigen Entität zu begreifen. Der Mensch ist selbst nicht (mehr) genuin Natur, er ist etwas Anderes, Eigenes, zwar immer noch sinnlich verhaftet, aber doch gleichzeitig über die Sinnlichkeit hinaus. Dieses „Andere“ am Menschen ist eben sein Denken, sein Geist, seine Vernunft – etwas Übersinnliches, und darin, so die übliche Vorstellung, gleicht er dem „Göttlichen“, der göttlichen Vernunft selbst, welche in ihm unmittelbar durch seine Verbindung mit dieser wirksam ist. Das Göttliche ist dabei das per se Abstrakte, das Nicht-Stoffliche, Nicht-Vergängliche, das Ewige, welches ihn darin letztlich auch unsterblich macht.

Diese Ansicht findet sich in unterschiedlicher Form, implizit und explizit, z.B. bei Platon, im Christentum, und seit der „Überwindung“ der mittelalterlich-christlichen Philosophie bei vielen westlichen Denkern ab der Neuzeit. Seit die Vernunft dabei selbst als eigenständige und schöpferische Fähigkeit des Menschen wieder besonders hervorgehoben und von ihrer Bindung an das „Göttliche“ zusehends entfernt wird, kommt es auch immer wieder zu Gegenbewegungen und Vernunftkritik. Mal ist die Vernunft emanzipatorische Kraft und Befreierin des Menschen aus verkrusteten, dogmatischen und unterdrückerischen Verhältnissen (etwa im Aufbruch der neuzeitlichen Naturwissenschaft, in der Aufklärung), dann wiederum wird sie selbst als dogmatisch und supprimierend empfunden, wo sie das „Leben“ und das Gefühl scheinbar oder tatsächlich nicht mit zu integrieren vermag, sondern diese ihr vielmehr als „Sklaven“ unterstellt sind. – Ich würde dafür argumentieren, dass wir uns aktuell wieder – und immer noch – in einer Phase befinden, in der „die Vernunft“ sich von ihrer unterdrückerischen Seite zeigt. Gleichzeitig würde ich mich jedoch für mehr Vernunft aussprechen. Aber kann das eigentlich zusammengehen?

Das Motiv der Herrschaft der Vernunft hat eine lange Tradition, bei Platon z.B. sehr anschaulich gemacht durch das Bild des „Seelenwagens“, bei dem die Vernunft die Zügel in der Hand hält und die beiden Pferde am Wagen, den Mut und die Begierde, kontrolliert – notfalls eben mit der Peitsche. (Nietzsche greift dieses Bild bekanntlich später ironisch auf und kehrt es um) Die traditionelle Vorstellung der Vernunft ist die der Herrscherin, Führerin. Die Vernunft wird – nicht nur inhaltlich, sondern auch explizit sprachlich und metaphorisch – als Befehlshaber der Seele aufgefasst, sie diktiert dem übrigen Geistesleben, was zu tun ist. Sie hat alleinige Autorität über die Seelenfunktion. Und wahrlich, diese braucht es auch, denn das übrige Seelenleben begehrt ständig auf. Ständig wollen wir irgendwas, von dem wir wissen, dass es eigentlich schlecht für uns ist. Ständig wollen wir unseren Impulsen nachgehen. Ständig wollen wir schlimme Dinge tun, haben grausame Gedanken. Allein die Vernunft, unser guter, weiser Machthaber, weiß, was richtig und wichtig ist und hält uns davon ab – ein Glück. Sie fesselt und knebelt unsere Gedanken und Taten, bevor sie Schaden anrichten können. Sie schiebt dem Bösen in uns den Riegel vor. Sie tötet in uns ab, was schädlich ist, manchmal auch schon, was verdächtig ist – sicher ist sicher. Sie kontrolliert uns, wo wir gehen und stehen, allein im Traume zieht sie sich zurück und wir erfahren, was es heißt, unseren dunklen Trieben, uns selbst ausgeliefert zu sein. Die große Masse in uns, der Pöbel des Unterbewusstseins: sich selbst regieren? Niemals! Zu gefährlich, zu unsicher!

Wie ist die Vernunft in diese Rolle geraten? War es schon immer so, war sie schon immer Alleinherrscher? Was ist mit dem übrigen Menschen? Ist der, sind unsere Triebe „von Natur aus“ böse oder zumindest stets potentiell korrumpierbar? Hat die Natur uns den Egoismus und die Gewaltlust eingegeben, Gott aber den Funken der Vernunft, der uns aus der ganzen „natürlichen“ Misere allein erlösen kann? (Gut, nach heutiger Auffassung hat das Recht des Stärkeren selbst die Vernunft hervorgebracht, aber insgeheim hält man sich ja doch für ein „höheres Wesen“.) Wie sind wir dahin geraten, dass wir überhaupt „kontrolliert“ werden müssen – und damit nicht nur durch uns selbst? Ist die Vernunft ein Geschenk, das uns „erhebt“ und Großes ermöglicht, oder haben wir das Denken schlichtweg nötig? Weil ohne es sofort die „blonde Bestie“ (Nietzsche) herausbrechen würde? Existiert das Gute nur in der Vernunft? Besteht das Gute nur in der Kontrolle des Schlechten?

Treten wir noch einen Schritt zurück und fragen uns: Was ist eigentlich Vernunft? Leider ist das überhaupt nicht geklärt, wenn von Vernunft geredet wird. Ebenso von der Rationalität: „Rational“ und „vernünftig“, das meint nun seit langer Zeit schon das Gleiche. Dabei ist Rationalität eigentlich, wenn überhaupt, nur Vernunft in einem sehr engen Sinne: ratio heißt nämlich ursprünglich „Rechnung“, „Geschäft“ oder „Vorteil“. Das rationale Denken (das „rechnerische Denken“ bei Heidegger, aber den hole ich jetzt mal nicht raus, sonst wird mir nachher noch „struktureller Antisemitismus“ vorgeworfen… ) ist ein berechnendes Denken, das auf seinen Vorteil aus ist. Dieser Vorteil kann der Vorteil der Wahrheit sein, muss es aber nicht. „Rationalität“ ist mehr Methode als Vermögen und ist, wenn sie gelingt, eine Fähigkeit namens „Klugheit“ (z.B. bei Kant) oder heute auch gerne mal „Intelligenz“. Rationalität ist ein Denken, das seinen Schwerpunkt auf die Form und reine Struktur von Gedanken legt, das abstrahierend und analytisch operiert, das von Inhalten und Anschauungen absieht, um die Wahrheit allein durch Freilegung der diesen innewohnenden Substanz zu finden. Es sieht von Inhalten ab, um ohne Umwege zum Ziel zu kommen – aber damit sieht es auch von der übergroßen Fülle geistiger Inhalte ab, die den menschlichen Geist in überwiegendem Maße bevölkern. Es operiert an der Oberfläche des Bewusstseins und leugnet, dass unterbewusste geistige Prozesse überhaupt als „Denken“ gelten dürfen. Es lässt nur das zu, was es in Worte fassen und einhegen kann und übersieht das Übrige. Es versteht das Unterbewusste nicht, hat keinen Zugang zu ihm, also kümmert es sich nicht darum oder schiebt es beiseite, sperrt es weg.

Es ist diese Art Denken, das den Machthaber spielt, und es kann etwas mit Vernunft zu tun haben, muss es aber nicht. Denn „die Vernunft“ herrscht nicht. „Vernunft“ leitet sich ab von „vernehmen“ und meint schlicht eine richtige Auffassungsgabe. Vernunft hat etwas mit Wahrheit zu tun und damit, dass wir imstande sind, diese einzusehen. Handeln wir vernünftig, so handeln wir besonnen, nämlich so, dass es sinnvoll ist, was wir tun, und zwar nicht nur in unserem eigenen Sinne, zu unserem privaten Interesse. Denken wir vernünftig, so denken wir in Sinnzusammenhängen, wir sind einsichtig. Wir denken und tun das Richtige (was das auch sein mag). Nun kann dieses Richtige – nun kann dieses Vernehmen des Richtigen natürlich auch durch rationales Denken zustande kommen, welches, wie gesagt, in erster Linie eine Methode bezeichnet. Aber es mag auch anders zustande kommen. Bei Kant etwa ist die Grundlage der Moralität – ich habe es im letzten Post erwähnt – ein unmittelbares Wissen vom Sittengesetz. Dieses ist einfach da, wir haben es nicht mittels Rationalität „herbeivernünftelt“. Aber – und das ist unsere große Tragik – wir mussten es notwendigerweise durch Rationalität wiederentdecken. Der unmittelbare Zugang dazu ist uns verloren gegangen, die bloße, „naive“ Einsicht haben wir nicht mehr oder sie genügt uns nicht mehr und wir müssen sie erst wiederfinden, uns wiedererinnern (vgl. Platons „anamnesis-Lehre“) – und zwar mittels der Rationalität – der Sprache, die wir heute sprechen, die wir heute allein als Autorität über unsere Handlungen akzeptieren und die uns heute bestimmt.

Ich will nicht sagen: Rationalität ist schlecht. Das wäre zu einseitig gedacht. Im Gegenteil: Ich sage, Rationalität ist nötig, mehr denn je. Wir sind darauf angewiesen, anders werden wir nicht überzeugt. Wir brauchen Rationalität, wir brauchen Klarheit, Nüchternheit, Objektivität und Abstraktion, um durch Analyse zu dem wieder vorzudringen, was wir vielleicht einmal „einfach so“ gewusst haben und wahrscheinlich im Grunde immer noch wissen. Aber wir dürfen dabei – es dürfte jetzt nicht mehr allzu paradox klingen – die Vernunft nicht vergessen. Wir dürfen und müssen dabei durchaus auch „unseren Gefühlen folgen“. Das gemeinhin so genannte „Bauchgefühl“, das uns leitet, wenn die Ratio versagt: Was ist es, wenn nicht vernünftig? Aber rational ist es eben nicht. Ist Liebe unvernünftig? Rational ist sie nicht. Aber sinnlos, falsch, unrichtig?

Schwierig wird es freilich dann, wenn das „Bauchgefühl“ Dinge sagt wie „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher und Vergewaltiger“ oder auch „Alle, die nicht mit mir einer Meinung sind, sind Nazis/Antisemiten/Rassisten/Sexisten usw.“. An dieser Stelle setzt für gewöhnlich – und durchaus berechtigerweise – die Kritik an der „Irrationalität“ an. Hier hat die betreffende Person nämlich offensichtlich den Bezug zur „vernünftigen Einsicht“ verloren. Aber ist damit das Irrationale per se zu kritisieren? Ist dem „Gefühl“ per se zu misstrauen, wenn es auf diese Weise fehlschlägt? Und wenn ja, z.B. weil es besonders oft fehlschlägt, warum tut es das? Warum ist das Irrationale so „fehlerhaft“, so oft irregeleitet? Weil es der Kontrolle durch die Ratio entbehrt (hier wären wir wieder beim Diktat der „Vernunft“)? Ist es einfach, von Natur aus, so? Und hält allein die Rationalität – die Führerschaft der Rationalität den Schlüssel zur Sittlichkeit in der Hand? Als übermenschliche Weiterentwicklung des ewig verdorbenen Menschentieres?

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich vertritt in Abgrenzung zu Freud eine sehr interessante Theorie der menschlichen Charakterstruktur, welche ihm zufolge aus drei Schichten besteht (ich zitiere ausführlich aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus):

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewusst, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern [meine Hervorh.] unmittelbar in Kontakt wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche ‚Unbewusste‘ oder ‚Verdrängte‘ dar […].

[…]

Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den ‚biologischen Kern‘ nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen [meine Herv.] ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational [hier eben i. S. v. begründet, vernünftig] hassendes Tier.
Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung [eine Methode Reichs, Anm. d. Verf.] des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein.“

Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 11.

Ich würde gerne noch weiter zitieren, weil es noch sehr lesenswert weitergeht, das würde hier aber zu weit führen – vielleicht in einem der nächsten Texte dann mehr zu Wilhelm Reich. Worauf es hier aber ankommt, ist, dass Reich nicht bei der traditionellen, typisch dualistischen Auffassung stehenbleibt, die im Wesentlichen aus den Gleichungen „Rationalität = gut, erhaben, göttlich“ und „Irrationalität = schlecht, niedrig, primitiv“ besteht und folglich auf einer Kontrolle der „Sinnlichkeit“ (Kant) durch die Vernunft, oder eben, genauer, Rationalität besteht. Der Mensch nach Reich ist nicht „von Natur aus“ schlecht, böse und pervers, er besitzt keinen natürlichen „Todestrieb“ (Freud) oder gar ein „egoistisches Gen“ (Richard Dawkins), das ihn auf ewig davon abhält, gut zu handeln, wenn er nicht „von außen“ – durch die eigene Rationalität, oder eben auch durch die Rationalität des Familienoberhauptes, des Staates, oder eines personalen Gottes – kontrolliert wird. Das soll aber auch nicht im Umkehrschluss heißen, dass dieser „natürliche“ Mensch keine Fehler hat und die vollendete Sittlichkeit personifiziert. Aber dennoch stellt bei ihm, dieser Theorie nach, „das Böse“, das Hinterhältige, das Egoistische, das Sadistische usw. nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme dar. – Während in unserer Gesellschaft der Egoismus als Regel – wenn man auch nicht zugeben mag, dass er vorherrscht – doch zumindest forciert wird.

Ist es so naiv und optimistisch anzunehmen, dass „das Gute“ stattdessen einmal vorgeherrscht haben mag, trotz mangelndem „Fortschritt“ der Rationalität? Ist es nicht vielmehr zynisch und kurzsichtig anzunehmen, dass es gar nicht anders geht als heute? Dass zukünftiger Fortschritt auch im Guten (nicht nur in der Technik…) bloß durch einen inneren Kontrollmechanismus im Geiste erreicht werden kann, der die Gefühle und Impulse für immer im Zaum hält und einsperrt? Kann ein so strukturierter Geist „frei“ werden? Kann er eine freie Gesellschaft entwerfen oder gar leben? Oder wird er sich nicht vielmehr auch in denjenigen gesellschaftlichen Strukturen wohlfühlen und diese einfordern, die er auch in sich selbst vorfindet? Und immer wieder nach Herrschaft verlangen, ob für sich selbst oder als Untertan? (Hierzu auch wiederum mehr bei Reich)

Rationales Denken, dass den Sinn im Denken nicht vergisst und das „bloße“ Gefühl nicht verleugnet, sondern mutig dogmatische Grenzen aufbricht und seinen Vorteil in der Einsicht sucht, kann zur Überwindung seiner eigenen Vorherrschaft beitragen, die bisher immer mit einer Unterdrückung von Trieben und Sinnlichkeit einherging. Wir brauchen eine vernünftige Rationalität, die das Gute will statt den persönlichen Vorteil, und das Sinnliche dabei nicht unterdrückt.

Mehr dazu im nächsten Teil über das Gefühl.

Kants ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘: Comic Strip

Kants berühmter Kategorischer Imperativ durchläuft in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten verschiedene Stufen der Ausformulierung. Da geht es erst um eine Maxime, die allgemeines Gesetz werden soll, dann um dieselbe, die Naturgesetz werden soll, dann um die Menschheit als Zweck an sich selbst, dann um die Selbstgesetzgebung bzw. Autonomie des Willens und schlussendlich um die Freiheit des Willens und Kants Grunddualismus zwischen Sinnen- und Verstandeswelt, der die ganze Sache erst möglich macht.

Eigentlich haben wir es dabei aber mit einer wunderbaren tautologischen Struktur zu tun, denn das Sittengesetz selbst, so Kants Überzeugung, ist jedem Menschen ganz natürlich beigegeben. Bloß wurde es in der Vergangenheit durch allerlei „vernünftelnde“, falsche Philosophie und die eigene Bestrebung des Menschen, es seinen sinnlichen Neigungen besser anzupassen, verdeckt und verdunkelt, sodass es nun eines kritischen Kants bedarf, um es gleichsam zu entschleiern und für die (philosophische) Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Wo wir bei der Lektüre der Grundlegung gestartet sind, kommen wir aber im Grunde auch am Ende an, nämlich beim guten Willen selbst. Nicht auf eine äußere moralische Vorschrift kommt es Kant an, sondern auf die Aufdeckung desjenigen Gesetzes, das unserer vernünftigen menschlichen Natur schon immer inhärent ist; auf die Aufklärung der nicht weiter erklärbaren Tatsache, dass wir das Gute wollen.

Hier also die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, stark vereinfacht und in Kürze:

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Schopenhauer: Hegel-Bashing

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Als ich in meinem ersten Semester zwangsweise einen einjährigen Kurs zu Hegels Phänomenologie des Geistes besuchen musste, las ich heimlich unter dem Tisch Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung und feixte innerlich vor Genugtuung. Wie unausstehlich war mir Hegels schwerfälliger, redundanter und versponnen-romantischer Stil! Dabei steckt darunter ja so manche fein- und tiefsinnige Idee, allen voran die der (historischen) Dialektik selbst (– ich habe inzwischen meinen Frieden mit Hegel gemacht).

Dennoch, wie wohl tat es, meinen Frust mit einem von mir sehr bewunderten und damals gerade erst entdeckten Denker zu teilen. Hinzu kam, dass Schopenhauer nicht nur ein wahrer Meister der philosophischen Prosa, sondern auch der geistreichen und kreativen Beleidigung ist. Daher möchte ich im Folgenden einiges von dem bemerkenswerten Schimpf, den ich damals gesammelt habe, hier teilen. Leider muss ich sagen, dass ich aus Schreibfäule ziemlich bald damit aufgehört habe, es kam einfach viel zu häufig vor..

Noch eine Anekdote: In der Region, in der ich aufgewachsen bin, ist „Hegel“ übrigens ein Schimpfwort. An Bushaltestellen und auf Parkbänken steht also sowas wie „Ey Alter, **** ***** ****** du Hegel“. Ich weiß bis heute nicht wieso. Aber das war meine erste Berührung mit dem Begriff „Hegel“. Dass „Hegel“ auch einen Philosophen bezeichnet, erfuhr ich erst später. Noch später begann ich wiederum zu ahnen wieso… Aber lassen wir Schopenhauer zu Wort kommen:

Hegel: Alternativbezeichnungen:

  • „Scharlatan“ (WWV, S. 17)
  • „plumper Scharlatan“ (Vierfache Wurzel, S. 10)
  • „geistiger Kaliban“ (WWV, S. 18)
  • „durchweg erbärmlicher Patron“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • „frecher Unsinnschmierer“ (Vierfache Wurzel, S. 128)

Hegels Philosophie:

  • „Windbeutelei und Scharlatanerei“ (WWV, S. 17)
  • „hohlster Wortkram“ (WWV, S. 22)
  • „unsinnige Hegelsche Afterweisheit“ (WWV, S. 557)

Der deutsche Idealismus überhaupt:

  • Fichte, Schelling, Hegel: „die drei berühmten Sophisten der nachkantischen Periode“ (WWV, S. 17); „Neospinozisten“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Fichte und Schelling: „Windbeutel“ (WWV, S. 17); „dreistes vornehmthuendes Schwadroniren“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Verderbung der Jugend: „durch das Aufnehmen rasender Wortzusammenstellungen, bei denen etwas zu denken der Geist sich vergeblich martert und erschöpft, sind ihre Köpfe desorganisiert.“ (WWV, S. 22)

Und wiederum der Gipfel der Scharlatanerie in der Person Hegels:

  • „Jedoch die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte, trat endlich im Hegel [das Hegel, n.?, Anm. d. Verf.] auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaserie bleiben wird.“ (WWV, S. 548)

Wer noch mehr kennt, möge mir bitte schreiben. Ich nehme es dann in die Sammlung auf. Ansonsten zum Abschluss eine Charakter-Analyse des scharfsichtigen Psychologen Friedrich Nietzsche, der in notwendiger Antithese zu Schopenhauer auch durchaus Positives an Hegel zu finden vermag, nämlich esprit:

  • „Von den berühmten Deutschen hat vielleicht Niemand mehr esprit gehabt, als Hegel, – aber er hatte dafür auch eine so grosse deutsche Angst vor ihr, dass sie seinen eigenthümlichen schlechten Stil geschaffen hat.
    Dessen Wesen ist nämlich, dass ein Kern umwickelt und nochmals und wiederum umwickelt wird, bis er kaum noch hindurchblickt, verschämt und neugierig, – wie ‚junge Frau‘n durch ihre Schleier blicken‘, um mit dem alten Weiberhasser Aeschylus zu reden – : jener Kern ist aber ein witziger, oft vorlauter Einfall über die geistigsten Dinge, eine feine, gewagte Wortverbindung, wie so Etwas in die Gesellschaft von Denkern gehört, als Zukost der Wissenschaft, – aber in jenen Umwickelungen präsentirt es sich als abstruse Wissenschaft selber und durchaus als höchst moralische Langeweile!
    Da hatten die Deutschen eine ihnen erlaubte Form des esprit und sie genossen sie mit solchem ausgelassenen Entzücken, dass Schopenhauer‘s guter, sehr guter Verstand davor stille stand, – er hat zeitlebens gegen das Schauspiel, welches ihm die Deutschen boten, gepoltert, aber es nie sich zu erklären vermocht.“ (Morgenröte, 166-167)

Quellen:

  • Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Gesamtausgabe hrsg. v. Ludger Lütkehaus, München 2008.
  • Arthur Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Über den Willen in der Natur, Kleinere Schriften I, hrsg. v. Angelika Hübscher, Zürich 1977.
  • Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft, Krit. Studienausgabe hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München 2015.

Postfaktizität und Philosophie

merkel_la_philosophe_postfaktischMerkel la philosophe

Eigentlich war ich versucht, die Besprechung dieses neuen Unwortes dezent unter den Tisch fallen zu lassen, denn ich möchte ungern wiederholen, was an anderer Stelle schon häufig genug gesagt wurde. Redundanz ist wie Tröpfchenfolter. Dennoch will ich es nicht unterlassen, mich ihm zumindest von einem explizit philosophischen Standpunkt aus zu nähern, denn: Mit der Rede von der Postfaktizität ist die Erkenntnistheorie endlich in der Gesellschaft angekommen! Plötzlich philosophiert die ganze Welt darüber, was eigentlich „Fakt“ ist, was „Wahrheit“ bedeutet (im Englischen heißt es ja „post-truth-era“) und was wir wissen oder nicht wissen können oder sollen.

Ich finde das wunderbar. Denn der Begriff selbst lädt eigentlich schon zum Nachdenken ein: Warum eigentlich „post“? Und warum schon wieder ein „post“? Was heißt das eigentlich? Warum leben wir in einer Gesellschaft, die sich so gerne „nach“ etwas einordnet? Ist das nun gut oder schlecht, „später“ zu sein? Haben wir damit etwas gewonnen oder verloren? Oder beides? Ist das „Faktische“ nicht selbst per definitionem ein Vergangenes (factum ist schließlich PPP von facere, so viel weiß ich noch aus dem Latein-Unterricht)? Was bedeutet es, dass wir uns nach einem Vergangenen befinden, bedeutet es überhaupt irgendetwas? Und was ist dieses „Faktische“ denn überhaupt und warum kann man es offenbar mit „Wahrheit“ problemlos gleichsetzen?

Natürlich ist die ganze Sache alles andere als unproblematisch. Wie schon mehrmals an anderer Stelle angesprochen wurde, suggeriert der Begriff „postfaktisch“ oder „postfaktisches Zeitalter“, dass wir zuvor in einem „faktischen Zeitalter“ gelebt hätten, einer Zeit also, in der die Fakten vorherrschen. Diese Annahme als groben Irrtum und arrogante Anmaßung zu entlarven, dürfte dem aufgeklärten Geist nicht allzu schwer fallen. Der affirmativen Rede vom postfaktischen Zeitalter aber nach befinden wir uns dank social media, Verschwörungstheorien, Homöopathie, Populismus und Donald Trump mittendrin. Insbesondere die social media sind verantwortlich, vor allem Facebook – damit soll aber gar nicht der Konzern Facebook und seine finsteren Machenschaften kritisiert werden, nein, es geht um das soziale Instrument Facebook an sich und sein überaus bedrohliches Potential, „allgemein anerkannte“, harte wissenschaftliche Fakten und Wahrheiten zu zerstören und mit reichlich Hatespeech und bloßen, irrationalen Gefühlen zu ersetzen.

Die Zeit schreibt: „Wenn immer mehr Menschen in Deutschland „postfaktisch“ denken, also ihrem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken, dann gibt es dagegen nur ein Gegengift: noch bessere Daten, noch bessere Recherche.“ Aus diesem Satz lernen wir: „postfaktisch“ heißt: „seinem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken“ und dieses Verhalten ist „giftig“. Damit die armen infantilen Bürgerlein sich aber durch ihr stupides bloßes Gefühl nicht noch mehr vergiften, muss die (amtliche) Wissenschaft mit noch größeren Anstrengungen der Daten und Statistiken dagegenhalten. Diese Anstrengungen waren zwar schon sehr groß und die Daten und die Recherche waren schon sehr gut, aber es geht eben noch besser. Muss noch besser gehen, denn sonst ist alle Hoffnung auf das alleinige Gegengift, auf das einzige Heilmittel gegen postfacteritis malora verloren.

So weit, so unsinnig. Probieren wir mal, das Problem philosophisch aufzudröseln. Zugrunde liegt zunächst die altbekannte Unterscheidung zwischen absolutistischer und relativistischer Wahrheitsauffassung. Affirmative Vertreter der „Lehre von der Postfaktizität“ sprechen sich implizit für die Existenz einer absoluten Wahrheit aus und bauen darauf ihre Argumentation auf. Relativistisch-subjektivistische Ansätze werden gar nicht erst als gleichberechtigt in Erwägung gezogen, sondern kommen bloß in karikierend-verzerrter Form in der Argumentation vor, nämlich in Gestalt des sogenannten Postfaktischen, das eben dadurch schon von Anfang an diskreditiert wird, dass es immer – per definitionem – „irrational“ bleiben muss. Nun spricht an sich gar nichts gegen die Auffassung der Existenz einer absoluten Wahrheit. Die meisten Erklärungsansätze setzen eine solche zumindest implizit voraus, selbst Naturwissenschaftler und Relativisten (mögen sie sie auch nicht als solche bezeichnen, denn „absolute Wahrheit“ klingt eben irgendwie „esoterisch“ und religiös, und damit in Verbindung gebracht zu werden wäre rufschädigend.) Im Gegenteil, allein schon von einem pragmatischen Standpunkt aus ist es sinnvoll, von der Existenz „der“ Wahrheit auszugehen, denn: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ (frei nach Aristoteles) Wissen von dem, was ist, nicht (sekundär) von dem, was die Wahrnehmung der Summe aller Subjekte ist. Mag es auch „die“ Wahrheit an sich nicht geben, so ist es zumindest sinnvoll, davon auszugehen, wenn man auf der Suche nach ihr ist – wenn man wissen will, „was Sache ist“.

Es ist aber etwas anderes, schlicht zu leugnen, dass unterschiedliche Annäherungsversuche an diese „Wahrheit an sich“ existieren. Dass Subjektivität und Relativität in empirischen Felde dessen, was wir von der Wahrheit zu erhaschen meinen, eine sehr große Rolle spielen. Dass unser Wissen von der Wahrheit bedingt ist, bedingt sein muss – und sich als solches immer mehr oder weniger von der Wahrheit unterscheidet.

Es ist gleichfalls etwas anderes – und darum geht es eigentlich – zu leugnen, dass von der „amtlichen“ (s. o.) oder gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten Auffassung dessen, was Wahrheit ist, unterschiedene, aber ebenso mögliche alternative Auffassungen existieren können. Es ist etwas anderes, diese allein deshalb schon nicht in Erwägung zu ziehen, weil sie nicht „amtlich“ und (noch) nicht gesellschaftlich akzeptiert sind. Es ist schließlich etwas ganz anderes, zu behaupten, die gesellschaftlich anerkannte Auffassung von der Wahrheit sei nicht nur ein weiterer „Annäherungsversuch“, sondern sei mit der Wahrheit gleichzusetzen – und hierin liegt die große Anmaßung. Im Übrigen ist es widersprüchlich, implizit mit gesellschaftlicher Anerkennung zu argumentieren, wenn gerade diese Anerkennung durch nicht unerheblich große Teile der Gesellschaft infrage gestellt wird. Vom traditionell auch in der Philosophie anerkannten und noch immer herrschenden Vorurteil, „rational“ und „gefühlsmäßig“ strikt zu trennen und dabei das Gefühl als minderwertig (und „weibisch“ und „sinnlich“ und „schwach“) zu diskreditieren, will ich erst gar nicht anfangen, denn das würde hier zu weit führen.

Annahmen einer Absolutheit der (singulären) Wahrheit und der Relativität der (pluralen) Wahrheitsannäherungen schließen sich also gar nicht aus, dürfen als solche aber nicht miteinander gedankenlos vermengt werden. Gerade das geschieht aber gegenwärtig – und natürlich geht es in Wirklichkeit nicht um einen überzeugenden logischen Nachweis des „postfaktischen Phänomens“ oder um epistemologische Spitzfindigkeiten, sondern um Macht und Manipulation. Mehr noch, es geht wieder einmal um die enge Beziehung von Wahrheit und Macht, von Wissen und Macht und um Deutungshoheit und den alleinigen Anspruch auf Wahrheit.

„Postfaktizität“ ist die antinomische Antwort auf „Lügenpresse!“. Wo der Wutbürger in Dresden vor der Semperoper oder auf Facebook „seinen Gefühlen freien Lauf lässt“ und seine Wahrheitsauffassung frustriert herausschreit, da hält der Gut- und Bildungsbürger gesittet inne, um dann mit unnachahmlicher rhetorischer und intellektueller Gewandtheit im Sprachlabor des Feuilletons aus bewährten lateinischen Floskelzutaten ein neues Begriffsungetüm zu kreieren, das den Pöbel und sein unverständliches (weil dummes) Verhalten mal so richtig durchanalysiert. „Lügner!“ schallt es aber im Endeffekt aus beiden Richtungen her, im einen Fall jedoch so hübsch in Vernunft gebadet und in „wissenschaftlicher Anerkennung“ verpackt, dass dem rational gesinnten Zeitungsleser sofort klar sein sollte, wem er zu glauben hat, wenn er nicht im „Zeitalter des ungesunden Menschenverstandes“ (FAZ) den populistischen Volksverführern auf dem Leim gehen will, die nur darauf warten seinen durch zu viele Wahrheitsvarianten verwirrten Geist mit postfaktizitärem Gift einzunebeln. ( – Wie schön übrigens, dass wir uns mal wieder auf dem metaphorischen Begriffsgebiet der medizinischen Sprache bewegen, die wirkt noch am besten!)

Man verstehe mich nicht falsch. Natürlich sind die „Hass-Redner“ im Internet eine Gefahr. Wo erst einmal Misstrauen geweckt ist und vor allem Enttäuschung und Wut darüber, geblendet worden zu sein, ist es ein leichtes, sich in dieser Wut zu ergehen und aus der Erfahrung von Lügen umgekehrt fälschlich zu folgern, alles, was jemals in der „Lügenpresse“ thematisiert worden sei, verhalte sich „in Wahrheit“ genau gegensätzlich dazu. Insbesondere wenn dabei alte Vorurteile und -ahnungen bestätigt werden. Wenn „die Flüchtlinge“ positiv dargestellt wurden, dann sind sie in Wirklichkeit alle Verbrecher und Islamisten. Wenn Putin dämonisiert wird, dann ist er in Wirklichkeit ein friedliebender Humanist. Dieses Verfallen ins andere Extrem, in die Antithese, ohne den nächsten Schritt zur Synthese zu gehen, und die Bereitschaft, beim bloßen Empörungsgefühl stehen zu bleiben, sind tatsächlich gefährlich und werden von bestimmter Seite aus gezielt gebündelt und instrumentalisiert.

Was uns aber alle zu Recht empören sollte, ist überhaupt die Ansicht, egal von welcher Seite aus, mit der eigenen Weltauffassung alleinigen Anspruch auf die Wahrheit zu haben und den Menschen allgemein abzusprechen, diese selbst erschließen zu können. „Postfaktisch“ ist dabei nach „Verschwörungstheoretiker“ nur der nächste Kampfbegriff. Zur Versöhnung trägt er nicht bei. Den denkenden Menschen beleidigt er und den wütend-verstockten wiegelt er nur noch mehr auf.

Was er und ähnliche Begriffe – oder überhaupt eine offene Debatte über diese – aber leisten können – wenn auch indirekt – ist, wie ich oben schon andeutete, mehr zum Nachdenken und Über-das-Gewohnte-hinaus-Denken anzuregen. – Auch wenn „postfaktisch“ aus philosophischer Perspektive ein Unsinns-Wort ist, da diese ein willkürliches und unreflektiertes Verständnis von „Fakten“ oder gar „Wahrheit“ nicht akzeptieren kann, welches seine Bedeutung außerdem dahingehend dogmatisch einschränkt, dass „nicht-wissenschaftliche“ und „nicht-amtliche“ Herangehensweisen an die Wahrheit gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Vielmehr ist der Wahrheitsbegriff der Affirmatoren des postfaktischen Zeitalters zirkulär: Was als Wahrheit oder als Fakt gilt, das ist vorher fest definiert und bestätigt sich selbst, alles andere fällt gleich aus dem Kreis heraus.

Dennoch, der Begriff des Postfaktischen lässt sich fruchtbar machen: Versteht man das „Faktische“ nämlich als Ergebnis einer gesellschaftlich vorgegebenen, normierten Herangehensweise an die Wahrheit, so bietet uns der Eintritt ins „Postfaktische Zeitalter“ die Gelegenheit, diese endlich hinter uns zu lassen und sie retrospektiv nur als eine von vielen Möglichkeiten zu begreifen. So gesehen hat eine philosophische Perspektive auf das Faktische schon immer Postfaktizität eingeschlossen, war das philosophische Denken schon immer selbst genuin postfaktisch. – Nicht in einem zeitlichen, sondern in einem strukturellen Sinne, indem es nämlich an allgemein anerkannten Wahrheiten zweifelte und den Zweifel selbst dabei als Methode kultivierte. Das postfaktische Zeitalter, so verstanden, ist eine Chance, durch die direkte Konfrontation mit einer Bandbreite von Sichtweisen und Weltbildern eine eigene differenzierte Sichtweise zu entwickeln. Wir müssen bloß ehrlich dazu bereit sein, sie zu nutzen, anstatt uns mit einer Bipolarisierung der Gesellschaft zufriedenzugeben, weil wir uns unzweifelhaft und von Anfang an „auf der richtigen Seite“ wissen.