Schopenhauer: Hegel-Bashing

deathtohegel

Als ich in meinem ersten Semester zwangsweise einen einjährigen Kurs zu Hegels Phänomenologie des Geistes besuchen musste, las ich heimlich unter dem Tisch Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung und feixte innerlich vor Genugtuung. Wie unausstehlich war mir Hegels schwerfälliger, redundanter und versponnen-romantischer Stil! Dabei steckt darunter ja so manche fein- und tiefsinnige Idee, allen voran die der (historischen) Dialektik selbst (– ich habe inzwischen meinen Frieden mit Hegel gemacht).

Dennoch, wie wohl tat es, meinen Frust mit einem von mir sehr bewunderten und damals gerade erst entdeckten Denker zu teilen. Hinzu kam, dass Schopenhauer nicht nur ein wahrer Meister der philosophischen Prosa, sondern auch der geistreichen und kreativen Beleidigung ist. Daher möchte ich im Folgenden einiges von dem bemerkenswerten Schimpf, den ich damals gesammelt habe, hier teilen. Leider muss ich sagen, dass ich aus Schreibfäule ziemlich bald damit aufgehört habe, es kam einfach viel zu häufig vor..

Noch eine Anekdote: In der Region, in der ich aufgewachsen bin, ist „Hegel“ übrigens ein Schimpfwort. An Bushaltestellen und auf Parkbänken steht also sowas wie „Ey Alter, **** ***** ****** du Hegel“. Ich weiß bis heute nicht wieso. Aber das war meine erste Berührung mit dem Begriff „Hegel“. Dass „Hegel“ auch einen Philosophen bezeichnet, erfuhr ich erst später. Noch später begann ich wiederum zu ahnen wieso… Aber lassen wir Schopenhauer zu Wort kommen:

Hegel: Alternativbezeichnungen:

  • „Scharlatan“ (WWV, S. 17)
  • „plumper Scharlatan“ (Vierfache Wurzel, S. 10)
  • „geistiger Kaliban“ (WWV, S. 18)
  • „durchweg erbärmlicher Patron“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • „frecher Unsinnschmierer“ (Vierfache Wurzel, S. 128)

Hegels Philosophie:

  • „Windbeutelei und Scharlatanerei“ (WWV, S. 17)
  • „hohlster Wortkram“ (WWV, S. 22)
  • „unsinnige Hegelsche Afterweisheit“ (WWV, S. 557)

Der deutsche Idealismus überhaupt:

  • Fichte, Schelling, Hegel: „die drei berühmten Sophisten der nachkantischen Periode“ (WWV, S. 17); „Neospinozisten“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Fichte und Schelling: „Windbeutel“ (WWV, S. 17); „dreistes vornehmthuendes Schwadroniren“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Verderbung der Jugend: „durch das Aufnehmen rasender Wortzusammenstellungen, bei denen etwas zu denken der Geist sich vergeblich martert und erschöpft, sind ihre Köpfe desorganisiert.“ (WWV, S. 22)

Und wiederum der Gipfel der Scharlatanerie in der Person Hegels:

  • „Jedoch die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte, trat endlich im Hegel [das Hegel, n.?, Anm. d. Verf.] auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaserie bleiben wird.“ (WWV, S. 548)

Wer noch mehr kennt, möge mir bitte schreiben. Ich nehme es dann in die Sammlung auf. Ansonsten zum Abschluss eine Charakter-Analyse des scharfsichtigen Psychologen Friedrich Nietzsche, der in notwendiger Antithese zu Schopenhauer auch durchaus Positives an Hegel zu finden vermag, nämlich esprit:

  • „Von den berühmten Deutschen hat vielleicht Niemand mehr esprit gehabt, als Hegel, – aber er hatte dafür auch eine so grosse deutsche Angst vor ihr, dass sie seinen eigenthümlichen schlechten Stil geschaffen hat.
    Dessen Wesen ist nämlich, dass ein Kern umwickelt und nochmals und wiederum umwickelt wird, bis er kaum noch hindurchblickt, verschämt und neugierig, – wie ‚junge Frau‘n durch ihre Schleier blicken‘, um mit dem alten Weiberhasser Aeschylus zu reden – : jener Kern ist aber ein witziger, oft vorlauter Einfall über die geistigsten Dinge, eine feine, gewagte Wortverbindung, wie so Etwas in die Gesellschaft von Denkern gehört, als Zukost der Wissenschaft, – aber in jenen Umwickelungen präsentirt es sich als abstruse Wissenschaft selber und durchaus als höchst moralische Langeweile!
    Da hatten die Deutschen eine ihnen erlaubte Form des esprit und sie genossen sie mit solchem ausgelassenen Entzücken, dass Schopenhauer‘s guter, sehr guter Verstand davor stille stand, – er hat zeitlebens gegen das Schauspiel, welches ihm die Deutschen boten, gepoltert, aber es nie sich zu erklären vermocht.“ (Morgenröte, 166-167)

Quellen:

  • Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Gesamtausgabe hrsg. v. Ludger Lütkehaus, München 2008.
  • Arthur Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Über den Willen in der Natur, Kleinere Schriften I, hrsg. v. Angelika Hübscher, Zürich 1977.
  • Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft, Krit. Studienausgabe hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München 2015.
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4 Gedanken zu “Schopenhauer: Hegel-Bashing

    • Soweit ich weiß wurde „Du Hegel!“ so ähnlich wie „Du Vogel!“ oder „Du Pfosten!“ benutzt, was wohl beides eine Minderbemitteltheit ausdrücken soll. Mein damaliger Philosophielehrer meinte, es stamme tatsächlich vom Philosophen Hegel, aber leider habe ich ihn nicht näher danach befragt. Ich schätze mal, dass „Hegel“ irgendeine schwäbisch-bäurische Etymologie hat, die in der Bedeutung in einer Liga mit „Vogel“ oder „Pfosten“ spielt. Aber wer weiß. 😀

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