Apologie der Irrationalität I: Vernunft und Rationalität

paintings-by-lia-melia18209-8898508-7_905Die wilden Wogen der Irrationalität – Ist Kunst rational? Künstlerin: Lia Melia

Glaubt man der Rede von der Postfaktizität, so erleben wir gerade eine Zeitenwende: Das Zeitalter der Rationalität und des harten wissenschaftlichen Faktums hat ausgedient und der Mensch begnügt sich von nun an mit dem Vertrauen auf sein „bloßes“ Gefühl. Bedeutet das eine Rückkehr in die Barbarei, in eine vorvernünftige Periode? Ist es mit der Aufklärung nun endgültig vorbei? Oder ist „der vernünftige Mensch“ vielleicht doch kein Ideal, nach dem wir bedingungslos streben sollten? Sollten wir die „Ära der Herrschaft des Gefühls“ vielleicht begrüßen, weil wir so keine Angst haben müssen, eines Tages den perfekten rationalen Robotermenschen herangezogen zu haben, der alles sinnliche Gefühl an- und ausschalten kann, wie er will, um seine Berechnungen der Wahrheit vollkommen zu objektivieren, dabei aber leider auch der wahren Empathie nunmehr entbehrt? Wie sehr haben wir die Rationalität nötig? Wie weit kann, wie weit soll sie reichen? Wie sehr leben wir „noch“ in einem rationalen Zeitalter und was bedeutet das?

Der Mensch definiert sich als Art gerne über das Denken, er ist „das vernünftige Tier“. Bei der Vielzahl anthropologischer Definitionen läuft es doch immer wieder auf diesen Punkt hinaus. Traditionell, jedenfalls seit offiziellem Beginn unserer abendländischen Denkgeschichte, die üblicherweise irgendwo bei den sogenannten „Vorsokratikern“ angesetzt wird, ist die Vernunft durchweg positiv konnotiert, sie zeichnet den Menschen vor allen übrigen Lebewesen aus, erhebt ihn über diese als Art, so wie er sich mittels seines abstrakten Denkens von ihnen entfernen und über sie erheben kann. Das Denken ermöglicht dem Menschen, von der übrigen Natur zurückzutreten und sich nun nicht weiter über diese zu definieren, sondern die Natur selbst als eine bestimmte, andere Entität neben der eigenen, spezifisch menschlichen oder eben vernünftigen Entität zu begreifen. Der Mensch ist selbst nicht (mehr) genuin Natur, er ist etwas Anderes, Eigenes, zwar immer noch sinnlich verhaftet, aber doch gleichzeitig über die Sinnlichkeit hinaus. Dieses „Andere“ am Menschen ist eben sein Denken, sein Geist, seine Vernunft – etwas Übersinnliches, und darin, so die übliche Vorstellung, gleicht er dem „Göttlichen“, der göttlichen Vernunft selbst, welche in ihm unmittelbar durch seine Verbindung mit dieser wirksam ist. Das Göttliche ist dabei das per se Abstrakte, das Nicht-Stoffliche, Nicht-Vergängliche, das Ewige, welches ihn darin letztlich auch unsterblich macht.

Diese Ansicht findet sich in unterschiedlicher Form, implizit und explizit, z.B. bei Platon, im Christentum, und seit der „Überwindung“ der mittelalterlich-christlichen Philosophie bei vielen westlichen Denkern ab der Neuzeit. Seit die Vernunft dabei selbst als eigenständige und schöpferische Fähigkeit des Menschen wieder besonders hervorgehoben und von ihrer Bindung an das „Göttliche“ zusehends entfernt wird, kommt es auch immer wieder zu Gegenbewegungen und Vernunftkritik. Mal ist die Vernunft emanzipatorische Kraft und Befreierin des Menschen aus verkrusteten, dogmatischen und unterdrückerischen Verhältnissen (etwa im Aufbruch der neuzeitlichen Naturwissenschaft, in der Aufklärung), dann wiederum wird sie selbst als dogmatisch und supprimierend empfunden, wo sie das „Leben“ und das Gefühl scheinbar oder tatsächlich nicht mit zu integrieren vermag, sondern diese ihr vielmehr als „Sklaven“ unterstellt sind. – Ich würde dafür argumentieren, dass wir uns aktuell wieder – und immer noch – in einer Phase befinden, in der „die Vernunft“ sich von ihrer unterdrückerischen Seite zeigt. Gleichzeitig würde ich mich jedoch für mehr Vernunft aussprechen. Aber kann das eigentlich zusammengehen?

Das Motiv der Herrschaft der Vernunft hat eine lange Tradition, bei Platon z.B. sehr anschaulich gemacht durch das Bild des „Seelenwagens“, bei dem die Vernunft die Zügel in der Hand hält und die beiden Pferde am Wagen, den Mut und die Begierde, kontrolliert – notfalls eben mit der Peitsche. (Nietzsche greift dieses Bild bekanntlich später ironisch auf und kehrt es um) Die traditionelle Vorstellung der Vernunft ist die der Herrscherin, Führerin. Die Vernunft wird – nicht nur inhaltlich, sondern auch explizit sprachlich und metaphorisch – als Befehlshaber der Seele aufgefasst, sie diktiert dem übrigen Geistesleben, was zu tun ist. Sie hat alleinige Autorität über die Seelenfunktion. Und wahrlich, diese braucht es auch, denn das übrige Seelenleben begehrt ständig auf. Ständig wollen wir irgendwas, von dem wir wissen, dass es eigentlich schlecht für uns ist. Ständig wollen wir unseren Impulsen nachgehen. Ständig wollen wir schlimme Dinge tun, haben grausame Gedanken. Allein die Vernunft, unser guter, weiser Machthaber, weiß, was richtig und wichtig ist und hält uns davon ab – ein Glück. Sie fesselt und knebelt unsere Gedanken und Taten, bevor sie Schaden anrichten können. Sie schiebt dem Bösen in uns den Riegel vor. Sie tötet in uns ab, was schädlich ist, manchmal auch schon, was verdächtig ist – sicher ist sicher. Sie kontrolliert uns, wo wir gehen und stehen, allein im Traume zieht sie sich zurück und wir erfahren, was es heißt, unseren dunklen Trieben, uns selbst ausgeliefert zu sein. Die große Masse in uns, der Pöbel des Unterbewusstseins: sich selbst regieren? Niemals! Zu gefährlich, zu unsicher!

Wie ist die Vernunft in diese Rolle geraten? War es schon immer so, war sie schon immer Alleinherrscher? Was ist mit dem übrigen Menschen? Ist der, sind unsere Triebe „von Natur aus“ böse oder zumindest stets potentiell korrumpierbar? Hat die Natur uns den Egoismus und die Gewaltlust eingegeben, Gott aber den Funken der Vernunft, der uns aus der ganzen „natürlichen“ Misere allein erlösen kann? (Gut, nach heutiger Auffassung hat das Recht des Stärkeren selbst die Vernunft hervorgebracht, aber insgeheim hält man sich ja doch für ein „höheres Wesen“.) Wie sind wir dahin geraten, dass wir überhaupt „kontrolliert“ werden müssen – und damit nicht nur durch uns selbst? Ist die Vernunft ein Geschenk, das uns „erhebt“ und Großes ermöglicht, oder haben wir das Denken schlichtweg nötig? Weil ohne es sofort die „blonde Bestie“ (Nietzsche) herausbrechen würde? Existiert das Gute nur in der Vernunft? Besteht das Gute nur in der Kontrolle des Schlechten?

Treten wir noch einen Schritt zurück und fragen uns: Was ist eigentlich Vernunft? Leider ist das überhaupt nicht geklärt, wenn von Vernunft geredet wird. Ebenso von der Rationalität: „Rational“ und „vernünftig“, das meint nun seit langer Zeit schon das Gleiche. Dabei ist Rationalität eigentlich, wenn überhaupt, nur Vernunft in einem sehr engen Sinne: ratio heißt nämlich ursprünglich „Rechnung“, „Geschäft“ oder „Vorteil“. Das rationale Denken (das „rechnerische Denken“ bei Heidegger, aber den hole ich jetzt mal nicht raus, sonst wird mir nachher noch „struktureller Antisemitismus“ vorgeworfen… ) ist ein berechnendes Denken, das auf seinen Vorteil aus ist. Dieser Vorteil kann der Vorteil der Wahrheit sein, muss es aber nicht. „Rationalität“ ist mehr Methode als Vermögen und ist, wenn sie gelingt, eine Fähigkeit namens „Klugheit“ (z.B. bei Kant) oder heute auch gerne mal „Intelligenz“. Rationalität ist ein Denken, das seinen Schwerpunkt auf die Form und reine Struktur von Gedanken legt, das abstrahierend und analytisch operiert, das von Inhalten und Anschauungen absieht, um die Wahrheit allein durch Freilegung der diesen innewohnenden Substanz zu finden. Es sieht von Inhalten ab, um ohne Umwege zum Ziel zu kommen – aber damit sieht es auch von der übergroßen Fülle geistiger Inhalte ab, die den menschlichen Geist in überwiegendem Maße bevölkern. Es operiert an der Oberfläche des Bewusstseins und leugnet, dass unterbewusste geistige Prozesse überhaupt als „Denken“ gelten dürfen. Es lässt nur das zu, was es in Worte fassen und einhegen kann und übersieht das Übrige. Es versteht das Unterbewusste nicht, hat keinen Zugang zu ihm, also kümmert es sich nicht darum oder schiebt es beiseite, sperrt es weg.

Es ist diese Art Denken, das den Machthaber spielt, und es kann etwas mit Vernunft zu tun haben, muss es aber nicht. Denn „die Vernunft“ herrscht nicht. „Vernunft“ leitet sich ab von „vernehmen“ und meint schlicht eine richtige Auffassungsgabe. Vernunft hat etwas mit Wahrheit zu tun und damit, dass wir imstande sind, diese einzusehen. Handeln wir vernünftig, so handeln wir besonnen, nämlich so, dass es sinnvoll ist, was wir tun, und zwar nicht nur in unserem eigenen Sinne, zu unserem privaten Interesse. Denken wir vernünftig, so denken wir in Sinnzusammenhängen, wir sind einsichtig. Wir denken und tun das Richtige (was das auch sein mag). Nun kann dieses Richtige – nun kann dieses Vernehmen des Richtigen natürlich auch durch rationales Denken zustande kommen, welches, wie gesagt, in erster Linie eine Methode bezeichnet. Aber es mag auch anders zustande kommen. Bei Kant etwa ist die Grundlage der Moralität – ich habe es im letzten Post erwähnt – ein unmittelbares Wissen vom Sittengesetz. Dieses ist einfach da, wir haben es nicht mittels Rationalität „herbeivernünftelt“. Aber – und das ist unsere große Tragik – wir mussten es notwendigerweise durch Rationalität wiederentdecken. Der unmittelbare Zugang dazu ist uns verloren gegangen, die bloße, „naive“ Einsicht haben wir nicht mehr oder sie genügt uns nicht mehr und wir müssen sie erst wiederfinden, uns wiedererinnern (vgl. Platons „anamnesis-Lehre“) – und zwar mittels der Rationalität – der Sprache, die wir heute sprechen, die wir heute allein als Autorität über unsere Handlungen akzeptieren und die uns heute bestimmt.

Ich will nicht sagen: Rationalität ist schlecht. Das wäre zu einseitig gedacht. Im Gegenteil: Ich sage, Rationalität ist nötig, mehr denn je. Wir sind darauf angewiesen, anders werden wir nicht überzeugt. Wir brauchen Rationalität, wir brauchen Klarheit, Nüchternheit, Objektivität und Abstraktion, um durch Analyse zu dem wieder vorzudringen, was wir vielleicht einmal „einfach so“ gewusst haben und wahrscheinlich im Grunde immer noch wissen. Aber wir dürfen dabei – es dürfte jetzt nicht mehr allzu paradox klingen – die Vernunft nicht vergessen. Wir dürfen und müssen dabei durchaus auch „unseren Gefühlen folgen“. Das gemeinhin so genannte „Bauchgefühl“, das uns leitet, wenn die Ratio versagt: Was ist es, wenn nicht vernünftig? Aber rational ist es eben nicht. Ist Liebe unvernünftig? Rational ist sie nicht. Aber sinnlos, falsch, unrichtig?

Schwierig wird es freilich dann, wenn das „Bauchgefühl“ Dinge sagt wie „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher und Vergewaltiger“ oder auch „Alle, die nicht mit mir einer Meinung sind, sind Nazis/Antisemiten/Rassisten/Sexisten usw.“. An dieser Stelle setzt für gewöhnlich – und durchaus berechtigerweise – die Kritik an der „Irrationalität“ an. Hier hat die betreffende Person nämlich offensichtlich den Bezug zur „vernünftigen Einsicht“ verloren. Aber ist damit das Irrationale per se zu kritisieren? Ist dem „Gefühl“ per se zu misstrauen, wenn es auf diese Weise fehlschlägt? Und wenn ja, z.B. weil es besonders oft fehlschlägt, warum tut es das? Warum ist das Irrationale so „fehlerhaft“, so oft irregeleitet? Weil es der Kontrolle durch die Ratio entbehrt (hier wären wir wieder beim Diktat der „Vernunft“)? Ist es einfach, von Natur aus, so? Und hält allein die Rationalität – die Führerschaft der Rationalität den Schlüssel zur Sittlichkeit in der Hand? Als übermenschliche Weiterentwicklung des ewig verdorbenen Menschentieres?

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich vertritt in Abgrenzung zu Freud eine sehr interessante Theorie der menschlichen Charakterstruktur, welche ihm zufolge aus drei Schichten besteht (ich zitiere ausführlich aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus):

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewusst, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern [meine Hervorh.] unmittelbar in Kontakt wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche ‚Unbewusste‘ oder ‚Verdrängte‘ dar […].

[…]

Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den ‚biologischen Kern‘ nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen [meine Herv.] ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational [hier eben i. S. v. begründet, vernünftig] hassendes Tier.
Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung [eine Methode Reichs, Anm. d. Verf.] des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein.“

Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 11.

Ich würde gerne noch weiter zitieren, weil es noch sehr lesenswert weitergeht, das würde hier aber zu weit führen – vielleicht in einem der nächsten Texte dann mehr zu Wilhelm Reich. Worauf es hier aber ankommt, ist, dass Reich nicht bei der traditionellen, typisch dualistischen Auffassung stehenbleibt, die im Wesentlichen aus den Gleichungen „Rationalität = gut, erhaben, göttlich“ und „Irrationalität = schlecht, niedrig, primitiv“ besteht und folglich auf einer Kontrolle der „Sinnlichkeit“ (Kant) durch die Vernunft, oder eben, genauer, Rationalität besteht. Der Mensch nach Reich ist nicht „von Natur aus“ schlecht, böse und pervers, er besitzt keinen natürlichen „Todestrieb“ (Freud) oder gar ein „egoistisches Gen“ (Richard Dawkins), das ihn auf ewig davon abhält, gut zu handeln, wenn er nicht „von außen“ – durch die eigene Rationalität, oder eben auch durch die Rationalität des Familienoberhauptes, des Staates, oder eines personalen Gottes – kontrolliert wird. Das soll aber auch nicht im Umkehrschluss heißen, dass dieser „natürliche“ Mensch keine Fehler hat und die vollendete Sittlichkeit personifiziert. Aber dennoch stellt bei ihm, dieser Theorie nach, „das Böse“, das Hinterhältige, das Egoistische, das Sadistische usw. nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme dar. – Während in unserer Gesellschaft der Egoismus als Regel – wenn man auch nicht zugeben mag, dass er vorherrscht – doch zumindest forciert wird.

Ist es so naiv und optimistisch anzunehmen, dass „das Gute“ stattdessen einmal vorgeherrscht haben mag, trotz mangelndem „Fortschritt“ der Rationalität? Ist es nicht vielmehr zynisch und kurzsichtig anzunehmen, dass es gar nicht anders geht als heute? Dass zukünftiger Fortschritt auch im Guten (nicht nur in der Technik…) bloß durch einen inneren Kontrollmechanismus im Geiste erreicht werden kann, der die Gefühle und Impulse für immer im Zaum hält und einsperrt? Kann ein so strukturierter Geist „frei“ werden? Kann er eine freie Gesellschaft entwerfen oder gar leben? Oder wird er sich nicht vielmehr auch in denjenigen gesellschaftlichen Strukturen wohlfühlen und diese einfordern, die er auch in sich selbst vorfindet? Und immer wieder nach Herrschaft verlangen, ob für sich selbst oder als Untertan? (Hierzu auch wiederum mehr bei Reich)

Rationales Denken, dass den Sinn im Denken nicht vergisst und das „bloße“ Gefühl nicht verleugnet, sondern mutig dogmatische Grenzen aufbricht und seinen Vorteil in der Einsicht sucht, kann zur Überwindung seiner eigenen Vorherrschaft beitragen, die bisher immer mit einer Unterdrückung von Trieben und Sinnlichkeit einherging. Wir brauchen eine vernünftige Rationalität, die das Gute will statt den persönlichen Vorteil, und das Sinnliche dabei nicht unterdrückt.

Mehr dazu im nächsten Teil über das Gefühl.

Advertisements

20 Gedanken zu “Apologie der Irrationalität I: Vernunft und Rationalität

  1. Erst mal ein Lob, daß Du Dich ohne dünkelhafte Angst vor naturalistischem Fehlschluß in die Abgründe und damit auf den festen, naturwissenschaftlichen Boden der Psychologie begibst. Ich glaube ja, Natur- und Geisteswissenschaft sollten aufs engste verzahnt zusammenarbeiten, denn sie verhalten sich zueinander wie Kants berühmtes Paar Anschauung und Verstand bzw Begriffe.
    Das Vorurteil nun entspricht unserer Art, die Welt zu erfassen. Es ist die These oder der Versuchsaufbau. Und unser erfolgsgieriges Ego sucht sie stets zu bestätigen. Erst mal nichts schlimmes, solange man sich der Falsifizierung nicht verweigert. Für die Selbsterhaltung ist es ja erst mal nicht schlimm, alle Ausländer als kriminell zu verunglimpfen. Gefährlich wird es, wenn man sich blauäugig vom Landsmann betrügen läßt, dem man sowas ja nie zugetraut hätte.
    Oder aus der Perspektive des beliebten Urmenschen, der mit natürlicher Vernunft und in perfekter Harmonie mit 30 bis 50 Clangenossen durch die Urzeit nomadisiert (ich mag die Urmenschen, sie eignen sich herrlich als Beispiele, weil noch nie jemand einen gesehen oder mit einem geredet hat): Fremden ist mit Vorsicht und Mißtrauen zu begegnen. Denn in der Mehrzahl der Fälle bringen sie Unruhe, Gewalt, fremdartige Krankheitserreger und gefährden überhaupt das Fortbestehen der Gruppe. Die Weisheit des Häuptlings muß aber auch bedenken: In den seltenen Fällen, wenn durch zufällige persönliche Sympathie, komplizierte Freundschaftsrituale und vielleicht eine erfolgreiche gemeinsame Jagd eine Verständigung möglich ist, bringen die Fremden neues Wissen, Techniken und frisches Blut, das vor Inzest schützt.
    Die Vernunft also ein Dompteur und Kindergärtnerin, in ewiger Anstrengung den Sack Flöhe von Bauchgefühlen, Begierden und ihrem Rationalen Durchsetzungswillen zusammenzuhalten?

    Gefällt mir

  2. „Die Vernunft als Dompteur“ – Ja, so jedenfalls die gängige rationalistische Position, aber nicht meine, falls du das so aufgefasst haben solltest. 😉
    Zur Rede vom „Urmenschen“: Da hier aufgrund mangelnder „Fakten“ das Spekulationspotential sehr hoch ist (wie du ja auch andeutest) stelle ich immer wieder zwei gegenläufige Tendenzen fest: Die einen romantisieren die „Urzeit“ als idealen, aber auf ewig verlorenen Harmoniezustand des Menschen (in der Bibel war es das Paradies), zu dem wir wieder „zurück“ müssen, in schwärmerischer Hoffnung vielleicht, die anderen wiederum belächeln diese Auffassung als naiv und „realitätsfern“ (und vielleicht sogar irrational), denn „in Wirklichkeit“ – das steht für sie von vornherein fest – verhält es sich ja ganz anders, man muss ja nur die Nachrichten einschalten oder in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, um immer wieder nur auf Gewalt und Egoismus zu treffen. Problematisch ist eben, dass diese „Urzeit“ nicht mehr offiziell zur Geschichte zählt, sondern als „Vorgeschichte“. Wir können nichts Genaues wissen. Eben darum sollten wir sehr vorsichtig mit unseren Schlüssen sein, denn die Gefahr besteht, dass wir dabei immer irgendwas, ob unseren eigenen Zynismus oder vermeintlichen Realismus, oder unsere Hoffnung, stets aber unsere gegenwärtigen Denkmuster und Wertkategorien, hineinprojizieren. Wir können nur spekulieren. Aber wir können sinnvoll spekulieren und auf der Grundlage unseres Wissens – nicht nur der „Funde“ und Artefakte – sondern auch z.B. auf Grundlage unserer philosophischen und psychologischen Kenntnisse fundierte Thesen dazu formulieren, wie es nun am ehesten gewesen sein mag. Dabei bleibt offen, ob der „Wille zur Macht“ eben schon immer die Herrschaft innehatte oder ob es auch in der Menschheitsgeschichte vielleicht mal eine Periode des – relativen – Friedens gegeben hat.
    Ich denke, diese Frage ist trotz dünner „Beweislage“ alles andere als unsinnig, weil es um unsere eigene Geschichte und Herkunft geht, um uns selbst und unser Wesen. Es macht einen großen Unterschied, ob wir täglich mit dem Bewusstsein leben, „dass es schon immer so war“ – und sich folglich auch nie ändern wird, oder ob wir mit der Vorstellung oder gar schon mit der Vermutung leben, dass es mal besser gewesen ist. Wie hätte sich also ein Stamm „Fremden“ gegenüber verhalten? Wir wissen es nicht. Vielleicht hatten sie einen ganz anderen Begriff von „Fremdheit“ als wir?
    Aber ich denke auch, Natur- und Geisteswissenschaft sollten sich wieder annähern. Anders klappt es auch kaum mit dem Denken außerhalb gewohnter Bahnen.

    Gefällt mir

  3. Ich habe im ‚Wörterbuch der philosophischen Begriffe‘ nachgeschlagen. Meinen Vernunft und Rationalität nicht ungefähr das gleiche? Oder, zumindest so: die Vernunft ist jene, die eine Vernunftmäßigkeit ausübt. Nahe an einem weißen Schimmel. Schade, dass Sie Heidegger ziemlich schnell wieder in die Ecke gestellt haben. Ich weiss, das Timing ist nicht gut, man muss ziemlich kaltblütig sein, um mit Heidegger und seinen Werkzeugen zu arbeiten, aber die schwarzen Hefte dürfen den Bildscxhirm nicht schwärzen. Da sind ganz andere Dinge angreifbarer: die ‚als‘-Struktur als Metaphysik in einem schlechten Sinne, um Graduierungen zwischen Entitäten vorzunehmen, das Lesen von 2000 Jahre Philosophie in einer großen Bewegung der Vergasung: hier ist die Frage des Seines immer noch nicht richtig gestellt, ein Element der Zuhandenheit überbetont etc. pp. Beginnend mit dem Freiburger Kriegssemester von 1919, hin zu ‚Sein und Zeit‘ – danach könnte er einen Autounfall gehabt haben, man stelle das sich vor, als Gedankenexperiment, dann würde die schneidende Schärfe des bis dahin alles pulverisieren, ein für alle mal – ist alles eigentlich vollendet. Das grundlegende Problem ist: das Sein ist nicht Präsenz. Das Sein ist zerrissen in einer dreifaltigen Struktur, der Zeitlichkeit. Es ist nicht präsent. Es zieht sich in eine Verborgenheit zurück, muss immer wieder enthüllt, in eine Unverborgenheit (da ist sie, ἀλήθεια, Aletheia) geführt werden. Dazu kommt noch die Tiefe der Dinge selbst, die nie vollständig erschöpft werden können, immer nur einen Teil ihres Ganzen an den Oberflächen re-präsentieren. Das Problem mit der Postfaktizität ist, dass die Frage der Wahrheit, die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit, des Fragens nach Wahrheit überhaupt, in einer vollen Tragweite bisher noch nicht bewusst gewesen sind. Ebenso das Problem der Differenz von Phainomen/Noumenon. Das Noumenon verlässt die Limitationen eines Phänomenalen und verwandelt die Zeit als dreifaltige Struktur: Vergangenes in eine Traumstruktur, die sich verschleisst, die Gegenwart in reine Präsenz: wird sie erkennbar, ist sie schon immer vergangen, hat sich ereignet, und schließlich die Zukunft, reine Vorstellung zwischen den Polen von Hoffnung und Furcht. Angesichts des Reichs der Dinge, welche immer schon in den terminalen Punkten einer Bedeutung stehen, einen Kurs vorgeben, unabhängig des Zugriffs eines Erkennenden, verwandelt sich die Zeit einer Erkenntnis in ein Werkzeug der Annahmen, das im besten Falle a posteriori Absolution bekommt. A priori, das war gestern. Foucault schließlich spricht bei der Untersuchung der Parrhesia nicht von Wahrheit, einem Ding, dass man in die Tasche stecken kann, sondern von Wahrsprechen, also eher einer herzustellenden Relation zwischen Acteuren/Actanten, in einem Netzwerk, auch dieses nicht statisch, sondern in Bewegung. Aporie; Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos, dieses Gefühl stellt sich ein, bei der Entfaltung.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den ausführlichen Kommentar. Ich gebe zu, dass ich Heidegger einfach noch nicht gut genug kenne, um ein fundiertes Urteil über seine Ansichten treffen zu können. Eine intensive Beschäftigung steht noch aus, wird aber mit Sicherheit noch kommen. Ich wollte ihn nur in dem Kontext nicht unerwähnt lassen, weil mir der Begriff des „rechnerischen Denkens“ in den Sinn kam. Mit meiner Bemerkung wollte ich mich auch vielmehr von seinen kurzsichtigen Kritikern distanzieren, nicht aber tatsächlich „den Schwanz einziehen“. Auf Selbstzensur verzichte ich gerne. Wenn ich mich wirklich (jedenfalls für mich) in befriedigendem Maße zu Heidegger fundiert äußern kann, wird es auf dieser Seite auch in Zukunft mehr „heideggern“. 😉 Leider wird es an meinem Standort Berlin wohl eher auf eine Privatbeschäftigung hinaus laufen, hier „rechnet“ man doch lieber mit formallogischen Formeln…
      Ja, Vernunft und Rationalität … jede Definition ist irgendwo unbefriedigend. Was ich in diesem kurzen Text eigentlich zumindest anreißen und worauf ich besonders hinweisen wollte, war die Herrscherrolle der Vernunft, oder eben Rationalität. Die Rationalität als herrschende Vernunft, im Gegensatz zu der bloß einsichtigen. Und hier also die Verbindung anzeigen von der parallelen Herrschaftsstruktur unserer Psyche und unserer Gesellschaft.
      Ja, das Sein, die Wahrheit zeigt sich nicht… Zeigt sie sich doch, dann eben nur als Sich-Zeigende, nie als sich selbst. Können wir die Wahrheit im Leben jemals anders erkennen? Können wir wirklich ins Sein hineinsehen ohne zu erblinden? Ich denke nicht. Den Bruchstücken meiner persönlichen ontologischen Auffassung nach ist das reine Sein mit dem Nichts identisch. Es ist das Nicht-Seiende, das Gegenteil des „Lebens“, des Lebenswandels, dabei aber seine notwendige Bedingung. Die Grenze, der Tod, dort wirkt das Nichts positiv als reines Sein, es schafft die Umgrenzung des Seienden. Es ist ein Abgrund nur für alldiejenigen, die aus der Perspektive der Vergänglichkeit in es hineinblicken.

      Gefällt mir

      • Heidegger ist das missing link, um eine kontinentale und analytische Philosophie wieder zu vermählen, aber auch fernöstliches und westliches Denken (siehe auch Yoshiko Oshima, Zen-anders Denken?), dieser Gegensatz ein obsolet gewordener Gedanke. So auch Markus Gabriel in ‚Fields of Sense‘ (dt. Sinn und Existenz). Ich nähere mich Heidegger mit meinem ‚Heidegger für Dummies-Proramm‘: Vierfaches Objekt von Graham Harman lesen, sacken lassen. ‚Sein und Zeit‘ kaufen, berühren, aber nicht lesen. ‚Tool-Being‘ von Graham Harman lesen, die 12 Punkte der Einführung selbst ins Deutsche übersetzen, die Heidegger-Zitate nachschlagen. Dazwischen Briefe von Heidegger und Jaspers aus dessen Briefwechsel. Als Ersatz des Geraunes, auch dem nach 45 geschriebenen, Gedichte von Paul Celan. Wenn man einen Kommentar zum „Espenbaum“ von Paul Celan schreiben kann, ohne in eine Historizität zu fallen, ist man auf einem richtigen Weg (dazu der „Frieder und das Catherlieschen“ von den Gebrüdern Grimm lesen, als Traumstruktur, Vorhandenheit/Zuhandenheit betreffend). Hilfreich sind ausserdem von Graham Harman: ‚Guerilla Metaphysics‘ und ‚Heidegger explained‘. Für Liebende, abseits der oben angerissenen Thematik: ‚Dante’s broken hammer‘. Nicht den skrupolösen Heidegger-Exegeten glauben. Es geht nicht um seine Vita. Es geht um den Teilchenbeschleuniger des Denkes, den er uns hinterlassen hat. Die Zeug-Analyse (das zerbrochene [Werk]Zeug), das Konzept der Zuhandenheit, die duale, zweiachsige Struktur des Gevierts und das Mantra: das Sein ist nicht Präsenz. Die Sprache eines Heideggers darf nicht abschrecken. Weil die Frage des Seins nicht richtig gestellt war, entwickelte er seinen eigenen Thesaurus, um die Konditioniertheit seiner Schüler aufzubrechen bedingt durch eine Begrifflichkeit, um sie zum Kern führen zu können. ‚Warum kam der Bhoddidharma aus Westen? Der Gingko im Vorgarten.‘ Heidegger lesend, bekomme ich einen Zugang zum Zen. Und Zen ist nicht mit Esoterik zu verwechseln oder Buddhismus. Zen ist nach oben offen, jenseits der Eins und des Dualen, aber eben auch keine Dialektik.

        Gefällt mir

        • Danke für die Tipps und Anregungen. Graham Harman habe ich mal in Basel gesehen, konnte mit ihm aber nicht warm werden. Ich bin mit Heideggers Denken auch schon durch diverse Vorlesungen in Berührung gekommen und habe auch einige Textauszüge und Aufsätze gelesen. Ich werde also für die tiefere Lektüre lieber direkt ins Original einsteigen. Die Verbindung zum fernöstlichen Denken ist mir bekannt, Heidegger wird ja insbesondere in Japan und Korea viel rezipiert – was ich sehr spannend finde, da es zeigt, dass hier ein westlicher Denker einen Nerv getroffen hat. Ich freue mich jedenfalls auf die Lektüre.

          Gefällt mir

  4. Dieses Thema ist m.E. Erachtens ein sehr zentraler Punkt, denn immer wieder wird die Vernunft in Anschlag GEGEN das irrationale Gefühl gebracht. Immer wieder ist es die Vernunft, die uns retten soll. Immer wieder ist es der intelligente Mensch, der sich für überlegen hält. Dumm zu sein, gilt als schwere moralische Verfehlung – ein Vorwurf, der regelmäßig erhohebn wird. Kurzum: Rationalität ist normativ. Also: Vielen Dank für diese Ausführungen!

    Noch ein paar Gedanken von mir dazu:
    (1) Die Philosophie und Sozialwissenschaften konzepieren den Menschen überwiegend als reines Geistwesen. Ausgehend von dieser Annahme wunderten sich ganze Generationen von Sozialtheoretikern, wie man erklären kann, dass sich rationale, atomistische Akteure überhaupt kollektiv verhalten. Manchmal kommen (dunkle) Triebe bzw. Leidenschaften vor, wie du es auch erwähnst, die durch die Vernunft gezähmt werden müssen. Das nennt man dann Erziehung. Der Mensch, diese Krone der Schöpfung, muss sich erstmal selbst bezwingen.
    (2) Meines Erachtens ist die grundlegende anthropologische Bestimmung des Menschen diese: Der Mensch ist zunächst und vor vielem anderen ein emotionales Bindungswesen. Am Beginn des Lebens steht (emotionale) Zuwendung und Fürsorge – oder der Tod.
    (3) Jegliches Denken muss immer von Grundannahmen ausgehen. Es muss „reine Gedankendinge“ (Kant) bzw. eine Unterscheidung (Luhmann) erstmal einführen.
    (4) Seit Antonio Damasios „Descartes Irrtum“ wird diskutiert, dass rationales Denken ohne emotionale und somatische Einbettung und Stützung überhaupt nicht möglich wäre. Wir brauchen irgendeine Form von Wissen bzw. Entscheidung, wann ein Gedankengang bzw. ein Argument an sein vorläufiges Ende gelangt ist, sonst würden wir ewig im Kreis denken. Das kann in letzter Instanz nur ein leibliches Spüren sein.
    (5) Denken/Vernunft lässt sich als eine Bewältigungsstrategie des Menschen gegen überwältigende Gefühlswallungen, vor allem gegen die Angst betrachten. Stichwort: Kontrolle. Wir können beobachten, dass immer mehr Kontrolle nicht unbedingt zu mehr Sicherheit führt und dass das Denken selbst zu einer Quelle der Angst werden kann.

    Ich glaube: Denken GEGEN Fühlen auszuspielen, wird den Menschen immer vor eine unlösbare Zereißprobe stellen. So verstehe ich auch deine Ausführungen. Die Frage wäre also: wie können Fühlen und Denken zusammengehen? Oder anders gefragt: wie sonst als mit Gefühlen und vor allem mit Mitgefühl sollten sich vernünftige Wertentscheidungen überhaupt treffen lassen?

    Gefällt mir

    • Danke für deine interessanten Anmerkungen. Ja, genau so habe ich es gemeint. Was mich sehr beschäftigt ist die innere „Zerrissenheit“ des Menschen, sein Dualismus – der nicht nur als Weltbild immer noch greifbar ist, sondern sich auch stets in seinem Handeln ausdrückt, darin, wie er seine Umwelt bewertet oder seine Gesellschaft formt und erhält. Wie kommt es dazu, dass der Mensch sich selbst bezwingen MUSS? Woher kommt die Zerrissenheit? Und wo fängt Rationalität an, wo hört sie auf? Mündet alles Rechnen, alle Logik nicht letztlich in dunklen, unbewussten Annahmen? Interessant auch, was du zur anthropologischen Bestimmung des Menschen sagst. Wenn das unsere Grundlage ist, dann ist es natürlich katastrophal, wenn wir uns über eine sekundäre Rationalität definieren, die sich bewusst dazu abgrenzt. Die Auswirkungen dieser Denkart spüren wir dann wörtlich „am eigenen Leib“.

      Gefällt 2 Personen

      • „Wie kommt es dazu, dass der Mensch sich selbst bezwingen MUSS? Woher kommt die Zerrissenheit?“
        Nur ganz kurz dazu: Ich glaube, das ist Teil eines historischen, sozio-kulturellen Prozesses der Probierbewegungen des Menschen mit seiner Position in der Welt zu Recht zu kommen: in die Welt geworfen und von der Welt getragen, im Spannungsfeld von Angst und Begehren. Das ist zugleich ein Prozess der Entwicklung vom magischen Denken zum mentalen Bewusstsein, über den Mythos zur Rationalität, von der Verwobenheit und Verstrickung mit einer magischen Welt zur Kontrolle und Beherrschung einer objektiven Welt. Das ist sicher nicht das Ende der Fahnenstange einer Entwicklung des Bewusstseins und auch nicht für den Mensch, es sei denn er löscht sich als Spezies vorher aus.

        “ Die Auswirkungen dieser Denkart spüren wir dann wörtlich ‚am eigenen Leib‘.“ Ganz genau. Man könnte sagen: Das Wort ist Fleisch geworden.

        Gefällt 2 Personen

  5. Das rationale Bewusstsein mit dem wir heute hier sind, ist nur eine vorübergehende Stufe, welche die Menschheit durchschreiten wird, denke ich. Die Wirklichkeit ist nicht begrenzt auf die Ratio und die Sprache des rationalen Denkens. Sie ist sehr hilfreich und nützlich, aber es gibt darüber hinaus die Dimension des transrationalen (oder „mystischen“) Bewusstseins. Das darf aber nicht mit Vernunftfeindlichkeit verwechselt werden. Meister Eckhart sagte, dass das „Fünklein der Vernunft“ das „Haupt in der Seele“ ist. Doch bei ihm ist die Vernunft wesentlich mehr, als nur das rationale Denken des Menschen. Er kennt darüber hinaus den göttlichen Logos, als die weltdurchwaltende Vernunft. Durch die Teilhabe an dieser, so denkt er, wird der Mensch zum „Sohn Gottes“. Die christliche Spiritualität spricht in diesem Zusammenhang auch von der „visio beatifica“ (Gottesschau). Besteht nicht der Sinn der Philosophie darin in diese umfassende „Schau des Seins“ zu gelangen? Leibniz spricht von der „philosophia perennis“, die niemals auf die bloße Formsprache reduziert werden kann, so wenig wie Musik auf die bloße Partitur reduziert werden kann.
    Nur im Akt des Hörens und inneren Erlebens kann der Sinn von Musik wirklich erfasst werden. Ebenso weist die Philosophie über alle rationalen Begriffe hinaus: von der Oberfläche, welche wir mit Begriffen beschreiben, in die „Tiefe der Existenz“, jene höchste Schau jenseits der Verbalisierung, die bei all jenen, die einen Einblick in sie gewonnen haben, als Liebe und Mitgefühl erkennbar wird, so wie es in dem bekannten buddhistischen Gelübde sichtbar wird: „Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten“. In diesem erweiterten Bewusstsein erkennt der Mensch, dass seine egozentrische Sicht der Dinge sehr begrenzt oder sogar illusionär („Maya“) war (im Vergleich zu der Wirklichkeit, die er schauen durfte). Thomas von Aquin sagte nach einer mystischen Erfahrung: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.“ oder um ein buddhistisches Wort zu verwenden: die Begriffe kamen ihm leer vor. Doch das darf nicht als Irrationalität verstanden werden. Neben Rationalität und Irrationalität gibt es auch noch die Transrationalität. Dort würde ich auch die künstlerische Tätigkeit einordnen.

    Liebe Grüße,
    Mark

    Gefällt 1 Person

    • Besten Dank für deinen Kommentar.
      Du sprichst Dinge an, die auch mich teils zu diesem Essay inspiriert haben (v.a. über meine Platon-, Schopenhauer- und Meister Eckhart-Lektüre). Mich interessiert vor allem der oberflächliche Charakter des rationalen Denkens, oder eher dessen, was ich im Text als Rationalität relativ eng definiert habe (man könnte diesen Begriff sicher genauso gut auch noch weiter fassen). Die Tiefe dessen, was ist, steht dieser Rationalität gegenüber, die Rationalität ist ein Bewusstsein VON etwas, sie enthält in sich notwendig den Dualismus von Denkendem und Gedachtem, dem also, worauf sich ihr Denken bezieht. Das Nicht-Begriffliche, Irrationale (irrational wieder im wörtlichen Sinne) füllt diesen Raum erst aus, gibt ihm Inhalt und Substanz, oder: Irrationalität bedingt Rationalität. Anders gesagt: Mich interessiert die Rolle, die die Irrationaliät, oder auch das Unbewusste, beim rationalen Denken spielt und was dieses Verhältnis für unsere Erkenntnis bedeutet. Das „Problem“ mit der Einsicht ist ja, dass unser Denken mit ihr aufhört – es ist am Ziel angekommen.
      „Transrational“ ist auch ein guter Begriff. Aber ist es nötig, so einen dritten einzuführen? Mich würde interessieren, wo genau du die Trennung vollziehst zwischen „transrational“ und „irrational“? Ist „transrational“ eben das: „vernünftig“, aber nicht „rational“ im engeren Sinne? „Irrational“ aber dann das „Unvernünftige“, also das Falsche, Schlechte, Nicht-Eingesehene? Ich habe im Text bewusst „irrational“ als Begriff gewählt, weil durch seinen häufigen und fast ausschließlich negativen Gebrauch meiner Ansicht nach das Nicht-Rationale als Ganzes leider höchst einseitig verleumdet wird. (Natürlich wieder vorausgesetzt, dass wir hier Rationalität nicht mit Vernunft gleichsetzen).
      Was nötig ist, ich denke, da sind wir uns wahrscheinlich einig, ist Bewusstseinserweiterung: das Irrationale bewusst erfahren, es weiter erkunden, wo es noch nicht verstanden ist und es auch – rational – begreifen, und anderen begreiflich machen.

      Gefällt 1 Person

  6. „Vernunft“ kommt von „vernehmen“, wie Du richtig sagst. Hier sei darauf hingewiesen, dass Johannes von Kreuz den Weg der Kontemplation, als „liebendes Aufmerken“ bezeichnete. „Die Mitte der Seele ist Gott“, so lehrt er, doch diese Mitte kann nur durch liebendes Aufmerken und Horchen nach innen entdeckt werden. Der Mensch soll alle Vorstellungen von Gott loslassen und eine zarte, behutsame Beziehung zum Mittelpunkt des eigenen Seins entwickeln, um es auf diese Weise wirklich vernehmen zu können.

    Gefällt mir

    • Das erinnert mich auch an Eckharts Motiv der „Gelassenheit“, das dir ja wahrscheinlich bekannt ist.
      Ich muss sagen, ich habe es wenig mit dem Christentum, aber gerade die christlichen Mystiker haben einige interessante Gedankengänge und Bilder entwickelt.

      Gefällt 1 Person

      • Schön, dass Du auf den Begriff der Gelassenheit hinweist. Vielen ist vermutlich gar nicht bewusst, dass er auf Meister Eckhart zurück geht. Ohne „Gelassenheit“ oder „Besinnung“ kann es kein echtes Denken geben im Sinne einer Durchdringung der Existenz. Oder Selbsterforschung. Ich denke, selbst wenn der Mensch nach Gott fragt, so fragt er in Wahrheit immer nach dem Mysterium seiner eigenen Existenz. Das „Erkenne dich selbst!“ ist wohl der zeitlose Wahlspruch jeder nennenswerten Philosophie.

        Gefällt 1 Person

  7. Vielleicht gefällt Dir dieser Vortrag: „Jenseits der Illusionen: Über Rationalität und Mystik“ von Michael Schmidt-Salomon. https://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/default/files/mss_salzburg_2013.mp3 die Wissenschaft ist in der Lage jene unauflösliche Verbindung des Teils mit dem Ganzen zu erklären, die der Mystiker in seiner Verschmelzung mit dem Kosmos erfährt. Insofern sei „das Mystische rational geworden und das Rationale mystisch“.

    Vielleicht kannst Du damit etwas anfangen 🙂

    Gefällt 1 Person

  8. Pingback: Die Lautlose | Der Blog der großen Fragen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s