Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

img_81652In der Klarheit liegt Schönheit. Welchen Anteil daran hat die Dunkelheit? Foto: AT

Das menschliche Gefühl kommt im üblichen Vergleich mit der Vernunft nicht gut weg. Steht die Vernunft – gemeint ist häufig die Rationalität – für das Göttliche, das eigentlich Menschliche im Menschen, so steht das Gefühl für das Primitive, Tierhafte, ein Rudiment, das es möglichst zu beherrschen und irgendwann hoffentlich zu überwinden gilt. Die Idealvorstellung des vielgelobten Aufklärers Kant etwa ist ein vollkommenes Reich der Vernunft, in dem diese endlich die „Sinnlichkeit“ gezähmt, sie an ihren rechtmäßigen Platz verwiesen und nunmehr die ewige Herrschaft des Guten, Wahren und Schönen auf Erden eingeläutet hat. Der allgemeine Tenor unserer westlichen Geistesgeschichte: die Sinnlichkeit als Widersacher der Vernunft, des Fortschritts, der wahren Menschlichkeit. Das Gefühl als innerer Störenfried des Geistes, das sich immer wieder der Vernunft-Kontrolle entzieht, die sorgfältig anerzogene apatheia des Weisen infragestellt, seine Vollkommenheit gefährdet. Wo die Sinnlichkeit herrscht, hat der Geist verloren, da bricht Chaos aus, Barbarei, rohe Gewalt ohnegleichen – das Raubtier im Menschen, sein eigentlicher, innerster Kern, bricht aus, wütet zügellos, maßlos, frisst, säuft und kopuliert bis zur Besinnungslosigkeit, völligen Schamlosigkeit, roh, grob, ranzig, ohne Kultur – wo die Vernunft ihm nicht maßregelnd Einhalt gebietet. Wo sie ihm nicht Fesseln anlegt und es gehorchen lehrt, Kunststücke der Höflichkeit und Formalität. Nein-Sagen. Sich-nicht-Hingeben. Innehalten. Sich bewusst verdrehen. Sich umkehren. In der Entbehrung höhere Freude finden. Sich sublimieren. Geist werden. Mensch werden! – In der Kontrolle des Selbst. (Das gilt heute übrigens noch genauso wie früher, wenn nicht noch mehr, Stichwort Selbst-Optimierung.)

Die Herrschaftsstruktur unseres Geistes spiegelt die Herrschaftsstruktur unserer Gesellschaft wider. Die Einheit im Inneren wie im Äußeren wird hauptsächlich durch Zwang erhalten – mag dieser sich auch gelegentlich als Freiheit verkleiden. Warum ist das so? Warum müssen wir etwas in uns kontrollieren, um zu leben? Müssen wir das? Können wir das? Was ist dieses andere in uns, von dem wir uns so entfernt haben, wenn wir, rational, Ich sagen? Weshalb ist Irrationalität eine Gefahr für die Stabilität unseres Ich, für die Stabilität unserer Gesellschaft?

Was ist Gefühl? Die polyvalente Bedeutung dieses Begriffs ist ein Problem, das selten Erwähnung findet. Gefühl, das kann zunächst schon ein rein physischer Sinneseindruck sein: eine Oberfläche kann sich z.B. rauh oder glatt anfühlen, angenehm oder unangenehm. „Gefühl“ ist auch ein anderes, veraltetes Wort für den Tastsinn überhaupt, ein Vermögen des Fühlens also. Analog dazu und häufiger noch gebrauchen wir „Gefühl“, um psychische Sinneseindrücke zu bezeichnen, die nicht unmittelbar an eine körperliche Berührung gekoppelt sind. Hier fühlen wir in besonderer Deutlichkeit uns selbst, nicht ein anderes. Um die Frage „Wie fühlst du dich?“ beantworten zu können, tasten wir gleichsam nach uns selbst, sollte sich der Eindruck nicht ohnehin aufdrängen. Die Grenze zwischen physischem und psychischem Eindruck verläuft hier fließend, beide aber (z.B. die Leichtigkeit des Herzens und die Freude, oder der kalte Schmerz im Herzen und die Verzweiflung) beziehen sie sich auf das Ich, bezeichnen sie die sinnliche Beschaffenheit, das Gefühl des Selbst. – Während das Gefühl als äußerer Sinn (Tastsinn) sich auf alles „Äußere“, auf alles Nicht-Ich bezieht. Ebenso kann mit „Gefühl“ der innere Tastsinn bezeichnet werden, das Vermögen also, unser Ich zu „ertasten“, Sinneseindrücke (einzelne „Gefühle“ in der engeren Bedeutung) in Bezug auf unser Ich zu empfangen.

Schließlich kann „Gefühl“ auch ein dunkles Wissen meinen, eine Intuition („Ich habe es im Gefühl, dass …“). „Gefühl“ meint hier nicht eine innere Sensation im üblichen Sinne, die meist mit einer Wertung einhergeht oder in dieser aufgeht (etwas fühlt sich „gut“ oder „schlecht“ an), sondern eine Notion, einen Gedankeninhalt, von dem der ihn Denkende nicht oder nur sehr ungenau zu sagen vermag, woher jener entstammt oder auf welchen Voraussetzungen oder Argumenten er beruht. Es handelt sich aber um ein Wissen, um die Kenntnis eines Sachverhalts. Mit „Gefühl“ wird dieses Wissen deshalb bezeichnet, weil es etwas Wichtiges mit dem Gefühl im Sinne einer inneren Empfindung gemeinsam hat: Beide verlassen sie die Sphäre des Unbewussten nicht oder nur teilweise – gerade so viel, dass sie überhaupt zu Bewusstsein kommen. Ihre genaue Form aber, ihr spezifischer Charakter und ihre Struktur bleiben diffus. Die Charakterisierung durch Begriffe des Bewusstseins ist (noch) nicht oder nur ungenügend erfolgt.

Bei Kant nimmt die Sittlichkeit interessanterweise ursprünglich im Menschen genau diese Form an: Das Sittengesetz ist als solches unmittelbar in uns angelegt, jedoch verdeckt durch allerlei andere Gemütsinhalte wie Wünsche, Neigungen und falsche Moralvorstellungen. Erst die Aufklärungsarbeit des Geistes, die kritische Beseitigung aller falschen Prinzipien und die vernünftige Einsicht in die „Reinheit“ der Sittlichkeit fördern diese als klares, eben nicht mehr „dunkles“ Wissen zutage.

Hier stoßen wir also auf eine bemerkenswerte Schnittstelle von Vernunft und Gefühl: beide, traditionell grundverschieden gedacht, begegnen sich im Unterbewusstsein. Sie tun es deshalb, weil sie eben nicht grundsätzlich voneinander getrennt werden können. Was wir häufig im erweiterten Sinne als „Gefühl“ bezeichnen, meint gerade jenen Teil des Geistes, den wir bloß dunkel, also noch nicht durch das Bewusstsein erfasst, an uns wahrnehmen und der eine Mannigfaltigkeit an geistigen Inhalten umfasst. „Gefühle“ im engeren, präziseren Sinne der inneren „Tastempfindungen“ gehören dieser Sphäre der geistigen Indifferenziertheit genauso an wie noch unbestimmte „Gedanken“, die häufig eine primitive Form von „Bildern“ annehmen, solange sie die Ratio noch nicht erfasst hat (Kant spricht von „Vorstellungen“).

Mehr noch, jedem unserer „äußeren“ Sinne, entspricht sein Zwilling im Inneren: Unser Geist umfasst nicht nur Bilder und innere Tasteindrücke, auch Abdrücke von Geruch, Geschmack und Gehör enthält er. Und diese Eindrücke beschränken sich nicht bloß auf Erinnerungen, sondern können sich auch – ist das jeweilige Sinnesvermögen entsprechend geschult – auch zu neuen, komplexeren „Vorstellungen“ zusammensetzen (etwa bei der Kreation einer neuen Speise, eines neuen Parfüms oder Musikstücks). Hier hantieren wir nicht mit Begriffen, sondern mit Eindrücken, die sich uns gleich wieder entziehen, versuchen wir sie zu lange im Bewusstsein festzuhalten. Der Wirkraum dieser „inneren Sinne“ ist jedoch dahingehend eingeschränkt, dass diese stets selbstbezüglich bleiben müssen – erst in der Interaktion mit dem Außen, mit dem Nicht-Ich, können sie sich entfalten, können sie überhaupt erst ihre Wirkung entfalten. Denn in Wirklichkeit sind die inneren von den äußeren Sinnen nur in ihrer Ausrichtung unterschieden. „Sinnlichkeit“, das heißt vor allem: Öffnung. Und offen sind unsere Sinne nach außen wie nach innen.

Ein Sinn hat es dabei den Gelehrten besonders angetan: das Auge. Stets ist es der „edelste“ Sinn von allen, denn das Auge ist ein Organ der Übersicht, der Scharfsicht und der Differenz. Es erweitert den Bezugsrahmen des menschlichen Lebens ungemein, denn allein das Auge kann unglaubliche Distanzen überwinden: bis zu den Sternen kann es sehen, und damit sogar in die Vergangenheit. Ein sehender Mensch sieht die Welt, während der bloß tastende nur seine unmittelbarste Umgebung wahrnehmen würde. Das Auge ist damit das Analogon der Vernunft. Die Sprache des Denkens (oder besser: der Erkenntnis) ist voller Sehmetaphern, kommt gar nicht ohne sie aus. Das Auge ist „sonnenhaft“ (Goethe) und wie die Sonne uns sehend macht, so lässt uns die „Idee des Guten“ Vernunfteinsichten gewinnen (Platons Ideenschau). Wir sprechen vom „Licht der Vernunft“ und davon, dass es gilt, die Dinge „klar zu sehen“, wenn wir ihre Wahrheit erkennen wollen. Nicht ohne Grund sprechen mystische Denktraditionen außerdem vom „dritten“ oder „inneren Auge“ und von „Erleuchtung“.

Doch eines übersehen unsere Herren Sonnenanbeter (wo die Philosophiegeschichte eine bloße Fußnote zu Platon ist, ist sie eine Geschichte der Sonnenanbeter) leider immer wieder: Klares Sehen erfordert nicht nur Licht, es erfordert auch Schatten. Was wir vergessen, wenn wir vom „Licht der Erkenntnis“ schwärmen: Zum klaren Sehen braucht es der klaren Konturen, es braucht des Schattens, des Dunkels, welches das Licht dämpft, erträglich macht, verträglich. Bloßes Licht blendet, macht blind, tut weh. Wenn wir erkennen, blicken wir nicht in die Sonne, wir sehen in den Schatten, der von der Sonne erhellt ist und so seine Konturen offenbart, die Grenzen der Dinge (die Grenze ist genuin Dunkelheit). Kants berühmter Satz „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ ist streng genommen falsch, ja, sinnlos. Die Sinne täuschen nicht. „Anschauungen“ oder andere Erzeugnisse der vielgeschmähten Sinnlichkeit können nicht „blind“ sein. Menschen sind blind. Sie sind es dann, wenn sie entweder in völliger Dunkelheit ihres Geistes verharren, oder dann, wenn sie ihren Geist mit Gewalt ins Licht drängen und sich so selbst Gewalt antun, mutwillig selbst blenden.

Im grellen Licht der bloßen Rationalität übersehen wir das Wesentliche. Gedanken ohne Inhalt sind leer, dieser andere Satz Kants gilt. Der Inhalt, das ist die Fülle an Farben, die die Dunkelheit ausmachen. Die Farben sind nicht „Söhne“ des Lichtes. Die Dunkelheit gebiert das Licht, das Licht aber lässt die Welt erscheinen. Erst im Verein von Schatten und Licht wird Klarheit möglich.

Wo das Auge sonnenhaft ist, ist das Gefühl mondhaft. Wo jenes geachtet ist, ist dieses geächtet, wenn es um Erkenntnis geht (die Anbeter/innen der Mondgöttin sind lange ausgestorben). Das Gefühl ist der primitivste aller Sinne, auch der onto- und phylogenetisch erste. Die Berührung ist die ursprünglichste aller Sensationen, sie definiert erst die Grenze von Ich und Anderem, lässt also Trennung verspüren, Verschiedenheit. Das Tasten nach unserem Ich ist die Urform des Selbstbezuges und der Reflexion. Gleichzeitig bestimmt die Art und Weise der Berührung, ob die Sensation der Verschiedenheit zementiert wird (etwa durch einen gewaltsamen Akt) oder in der Erfahrung von Gemeinsamkeit aufgeht (etwa bei der sanften Berührung, die eine Verbindung erzeugt). Das Gefühl bedarf dabei aber immer, im Gegensatz zum Auge der direkten Nähe. Die Unmittelbarkeit, mit der das Andere dem Ich zugeführt wird, ist die Stärke des Gefühls. Eine intensivere Erfahrung als die des Fühlens können wir nicht machen, da wir allein im Fühlen, in der Berührung mit dem Anderen dieses Andere direkt und in seiner ganzen Ausdehnung erfahren können. In der Berührung ist für einen kurzen Moment die Trennung, die doch erst durch die Möglichkeit des Berührens und der Wahrnehmung des Anderen zustande kommt, aufgehoben, oder doch zumindest infrage gestellt. Je nach Art der Berührung erfolgt innere Abwehr des Andern oder Öffnung. In beiden Fällen wird aber der Gegenstand sehr intensiv erlebt, da er den unmittelbaren Kontakt zum Ich herstellt.

Das Gefühl steht häufig stellvertretend für die Sinnlichkeit überhaupt (als Widersacherin der Vernunft), da kein anderer Sinn den Distanzverlust und damit die (wenn auch temporäre) Aufgabe der eigenen Individualität, die Aufgabe der inneren Abwehr des Ichs gegen die Aufnahme ins Außen, die Hingabe, so sehr in sich trägt. Und gerade auf diese Distanz, auf die Trennung von Ich und Außen kommt es der analytischen Vernunft, der operierenden Rationalität an: Sie hält die Dinge auseinander, differenziert. Das Gefühl behindert diesen Prozess. Kein Sinn ist außerdem so vielfältig, und so allgegenwärtig: Jede andere Sinneswahrnehmung, jede andere geistige oder allgemein lebendige Tätigkeit geht, bewusst oder unbewusst, deutlich oder kaum bemerkbar, mit irgendeiner Art von Gefühl einher.

Auge und Gefühl – hier, wie auch zuvor schon natürlich im doppelten Sinne von Innen und Außen gemeint – repräsentieren den Dualismus der westlichen Denktradition, der sich fortsetzt in Begriffspaaren wie Vernunft – Sinnlichkeit, Geist – Körper, Idealismus – Materialismus und Rationalität – Irrationalität, wobei bei letzterem auffällig ist, wie der Rationalität die alleinige Definitionshoheit zugestanden wird und das „Nicht-Rationale“ nicht mal mehr eines eigenen Namens bedarf. Unsere Kultur versteht sich als eine Kultur des Sehens, nicht des Fühlens. Wir haben gelernt, dem Fühlen zu misstrauen, da es unsere Ansprüche an Deutlichkeit und Klarheit nicht erfüllt. Durch seine Eigenart der direkten Gebundenheit an das Ich, fällt es uns schwer, in der Bandbreite seiner Eindrücke zu unterscheiden, verschiedene Gefühle festzustellen – also unser Instrumentarium der Rationalität auch auf das Gefühl anzuwenden. Wie einfach ist es, zwischen Gegenständen der „Außenwelt“ zu unterscheiden, die uns das Auge dankenswerterweise in so viele Farbnuancen auftrennt, wie schwer dagegen, Gegenstände der Innenwelt festzuhalten, die dahinfliehen wie Schatten?

Wir misstrauen dem Gefühl und seiner diffusen Herrschaft über einen übergroßen Teil unseres Geistes, empfinden es bald als Störenfried unserer „objektiven“ Kalkulation. Wo wir die Dinge sehen wollen, wie sie „an sich“ sind, versuchen wir unsere Subjektivität, unser Ich, dass sich vor allem durch Gefühl äußert, auszuklammern, fernzuhalten. Wir kommen nicht darauf, ihm stattdessen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn erst, wo wir unser Gefühl verstehen, können wir auch uns selbst verstehen. Und erst wo wir uns selbst verstehen, können wir richtig zwischen Ich und Außen unterscheiden, können wir das Andere auch verstehen.

Wir können unser Gefühl nicht künstlich von unserer Rationalität abkoppeln. Es ist immer da, bloß verdrängt und verschleiert, es lässt sich aber nie vertreiben. Nichts behindert die Erkenntnis mehr, als zu meinen, sie könnte losgelöst von Gefühl und Subjektivität stattfinden. Erst wenn wir unser Gefühl bewusst zulassen und seinen Charakter begreifen, können wir auch letztlich von ihm Abstand nehmen. Andernfalls fehlt uns eine tiefgreifende Erfahrung als Basis der Erkenntnis, nämlich die Erfahrung unseres Selbst.

Klammern wir das Gefühl im Erkenntnisprozess aus, sprechen wir ihm außerdem ab, überhaupt objektiven Charakter haben zu können. Dabei ist dem ganz und gar nicht so. Wie die anderen Sinne ist das Gefühl eigentlich per se objektiv, indem es nämlich lediglich eine Öffnung für Eindrücke – aus dem Ich wie aus dem Anderen – darstellt. Erst nachträglich, im rationalen Denkprozess, lesen wir diese Eindrücke und ordnen sie ein. „Subjektiv“ ist das Gefühl bloß, wenn es sich auf das Ich bezieht. Es gibt damit aber eine objektive Darstellung von Ich. Wo wir „Ich“ auch als ein Objekt betrachten, uns dem Anderen in uns konsequent öffnen, erkennen wir uns selbst.

Erkenntnis kann sich außerdem nicht in Rationalität erschöpfen. Was Rationalität kann, ist unterscheiden, die Welt präzise in ihren Einzelheiten begreifen und damit umfassender, mannigfaltiger machen, ihre Komplexität durchdringen und ihre Vielfalt bestimmen. Rationalität strebt nach klaren Konturen, nach Schärfe des Begriffs. Ihre Optik ist nicht die der Unschärfe, der verschwommenen Impression, wie sie das Gefühl hervorbringt. Ein „messerscharfer Verstand“ kann korrigierend eingreifen, wo die Eindrücke der Sinnlichkeit sich bunt vermengen, einander überlappen, sich assoziativ zusammenflechten und das Ich in ihrem Strom fortzureißen drohen. Die Rationalität lehrt uns Innehalten, lehrt uns Vorsicht und Kontrolle unserer Umwelt, Lenkung unseres Ich. Was sie aber nicht kann, ist ein umfassendes Bild der Welt zu schaffen, wenn sie von der Sinnlichkeit absieht. Sie teilt wahrlich nicht nur in Schwarz und Weiß, aber das tut das Gefühl auch nicht. Stattdessen schafft die Rationalität Graustufen, und in großer Präzision, feinster Nuancierung. Sie zeichnet Linien, konstruiert einen Plan der Wirklichkeit, in dem jedes Ding seine reine Form und seinen idealen Platz findet. Aber die Farbe vergisst sie, und damit die Lebendigkeit, die die Welt auszeichnet, die sich bewegt, schillert. Die nicht nur aussieht, sondern schmeckt, riecht, sich wie Wirklichkeit anhört und anfühlt.

Die Wissenschaft hat es bisher nicht geschafft, die Welt zu begreifen, weil sie das Lebendige nicht begreift. Es entzieht sich ihr, verflüchtigt sich, flieht vor ihr. Und sie lässt es entfliehen, weil sie nicht hinsieht. Weil das Auge der Vernunft niemals auf dem ruht, das es von vornherein als nebensächlich abgetan hat. Die Biologie seziert Totes, das Tote ist Ausgangspunkt der Medizin. Die Physik ergeht sich in der Mathematik und in Maschinen, die das Lebendige noch weiter auftrennen sollen. Die Psychologie hat uns wenigstens das Unbewusste zu Bewusstsein gebracht, aber wie weit? Wir verdrängen es weiterhin. Die Wissenschaften untereinander sind zersplittert, vergessen den Sinn.

Es soll gar nicht darum gehen, die Kontrolle unseres Geistes an die Sinnlichkeit abzugeben. Aber wir können irgendwann vielleicht dahin kommen, diese nicht mehr kontrollieren zu müssen. Sittlichkeit werden wir nur da erreicht haben, wo wir sie abgeschafft haben, wo sie – als moralisches Zaumzeug – nicht mehr nötig ist. Wo wir die selbstgeschaffene Dualität innerhalb unseres Geistes einmal aufheben – nicht indem wir immer geistigere Höhen der Abstraktion erklimmen, sondern indem wir neugierig das vielgeschmähte Dunkle, Diffuse unseres Geistes erforschen und uns nicht davor fürchten oder seiner schämen. Indem wir uns öffnen, unser Ich selbst als Sinn begreifen. Indem wir unsere Rationalität behutsam einsetzen, unseren Geist (und auch das Andere) wie ein Knäuel geduldig aufdröseln, nicht aber seine Fäden gewaltsam zerschneiden, um sie in Form zu zwängen.

Mehr Gefühl – wie schnell wird diese Forderung als sentimental verlacht, als schwächlich und „weibisch“ (typisch weiblich!) abgetan, mindestens aber als realitätsfern proklamiert. Meistens vom Zyniker, vom Verbitterten, vom Pessimisten, der, schwer enttäuscht und verletzt von einer kalten Gesellschaft, vermeint, sich dieser anpassen zu müssen, indem er sich selbst alle Gefühle, alles aufrichtige Mitgefühl mit sich selbst (nicht etwa bodenloses Selbstmitleid) verbietet und verneint. Der lange stumpf geworden ist, um nicht leiden zu müssen, um das Leid der Welt nicht mitfühlen, nicht mittragen zu müssen. Dessen Sinnlichkeit dumpf geworden ist und dem nur noch der Exzess, das ausschweifende Extrem der Sinne ein Lebensgefühl verschafft. Der völlig verhärtet und stupide geworden ist, gegenüber sich selbst und dem Anderen – weil er nicht sehen will, nicht sehen kann, nicht fühlen will, nicht fühlen kann, was ihm schreckliches Leid bereiten würde. Aber eben auch: Erkenntnis, Verstehen. Und damit die Einsicht, dass es anders, richtiger gehen würde und gehen kann.

Wo wir uns selbst mehr Gefühl erlauben, können wir auch dem Anderen mit Gefühl begegnen. Wo wir Mitgefühl in der Gesellschaft vermissen, können wir selbst ein Stück weit diese Lücke füllen. Sinnlichkeit ist auch ein Sich-Öffnen gegenüber dem Anderen. Die rationale Begegnung bleibt eine Begegnung auf Distanz.

Wir haben einen Sinn für das Gute, wir haben einen Sinn für die Wirklichkeit, wir haben einen Sinn für das Schöne. Wo wir die Zügel der Rationalität nicht für einen Moment abgeben, wo wir sie nicht locker lassen können, wird davon jedoch nichts zu uns vordringen.

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26 Gedanken zu “Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

  1. Wahrscheinlich überraschend, àber als eine der ersten Culturleistungen, die Kant am ‚Muthmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte‘ dem Menschen zuschreibt (s. Muthmaßlicher Anfang, 1786): „Der Mensch fand bald: daß der Reiz des Geschlechts, der bei den Thieren bloß auf einem vorübergehenden, größtentheils periodischen Antriebe beruht, für ihn der Verlängerung und sogar Vermehrung durch die Einbildungskraft fähig sei, welche ihr Geschäft zwar mit mehr Mäßigung, aber zugleich dauerhafter und gleichförmiger treibt, je mehr der Gegenstand den Sinnen entzogen wird, und daß dadurch der Überdruss verhütet werde, den die Sättigung einer bloß thierischen Begierde 1 bei sich führt. ….“

    Erwäge auch: R 1014.   
            Durch das Bewustseyn bekomt keine von unseren Fahigkeiten eine       andere Natur und Nahmen, denn daß beleuchtet sie nur.
    LG katharina screena

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    • Hey, danke für deinen Kommentar. Aber überraschend ist der Abschnitt doch nicht? Kant beschreibt hier ja, wie der Mensch anfing sich zu „kultivieren“, indem er den bloß tierischen Liebestrieb zu einem menschlichen „sublimierte“, indem er sich dessen unmittelbaren Genuss versagte. Hier lobt er also mal wieder die Entsagung von der Sinnlichkeit. Für mich typisch Kant. Aber vielleicht meintest du auch etwas anderes?

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  2. Wieder ein schöner, interessanter Text!
    Zitat:“Die Wissenschaft hat es bisher nicht geschafft, die Welt zu begreifen, weil sie das Lebendige nicht begreift“. Weil ich eben einen Film über Wittgenstein gesehen habe, möchte ich versuchen, einen seiner Grundgedanken (über die Bedeutung der Worte / Sprachspiele) hier anzuwenden: Vielleicht ist es ja gar nicht Aufgabe der Wissenschaft „zu begreifen“ (= sensualistisch, Tastsinn, die Wissenschaft kann ja nicht „fühlen“), sondern zu „er-klären“? ….Und vielleicht ist die Welt auch gar zu groß, um sie endgültig „zu begreifen“?

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    • Ich weiß nicht, für mich hat „Begreifen“ auch mit Klarheit („Erklärung“) zu tun und umgekehrt. Die Wissenschaft als solche mag institutionalisierte Rationalität sein, wird aber dennoch von Menschen betrieben, die dabei auch immer etwas fühlen – ob sie wollen oder nicht. Dass diese Gefühle nicht oder nur selten von der Wissenschaft in den Blick genommen werden, dabei aber doch unterschwellig keine geringe Rolle spielen, führt zu einem verzerrten Bild der Wirklichkeit. Ich denke Erkenntnis hat sehr viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Erkennt die Wissenschaft sich selbst, anerkennt sie ihre irrationalen, menschlichen Voraussetzungen und macht sich diese vielleicht sogar bewusst zu nutze, kann sie auch das „Außen“, das Objekt besser erkennen, kann sie die vielbeschworene Objektivität auch eher verwirklichen. Die Welt „an sich“ mag zu groß sein, um sie zu begreifen, aber vielleicht reicht uns auch „unsere“ Welt, um uns in ihr besser zurechtzufinden. Statt sich einem vermeintlich feststehenden Außen einseitig zuzuwenden, ist vielleicht mehr gewonnen, wenn das Innen in den Blickpunkt rückt.
      Danke für den Kommentar!

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  3. Sehr schöner Text. Tiefgehend, trotzdem klar formuliert. Zum Weiterdenken fiele mir die Schwierigkeit ein, die viele Philosophen mit der Ästhetik haben. Sie erkennen ihre Wichtigkeit, scheuen aber die Subjektivität wie ein nervöses Pferd den Schatten an der Wand.

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    • Stimmt, da könnte man in der Tat weiterdenken. Nicht zufällig benennt man hierzulande die Beschäftigung mit dem Schönen mit dem Namen der Wahrnehmung (aisthesis). Insbesondere im Schönen treffen Subjektivität und Objektivität auf interessante Weise aufeinander.

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  4. „…Die Idealvorstellung des vielgelobten Aufklärers Kant etwa ist ein vollkommenes Reich der Vernunft,…“
    Wirklich? Kant hat die Vernunft von der Moral getrennt und sie (die Moral) dem Glauben überschrieben.
    Seine deontologische Ethik und Vorstellung von Pflicht ebnete den Weg des preussischen Beamtenstaats und Obrigkeitsgehorsams.

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    • Danke für deinen Kommentar.
      Aber da haben wir wohl einen unterschiedlichen Kant gelesen. Kant trennt die Vernunft gerade nicht von der Moral, sondern setzt beide gleich: Das Gute ist das Vernünftige, und das Vernünftige das Gute. Er trennt allerdings zwischen theoretischer und praktischer Vernunft. Die theoretische Vernunft befasst sich mit dem, was ist, die praktische mit dem, was sein soll. Die korrekte Anwendung der praktischen Vernunft besteht gerade im sittlichen Handeln. Und sittliches Handeln bedarf damit gerade nicht des Glaubens oder der Religion. Daher war Kant nach Abtreten Friedrichs II. auch so ein Aufreger, da er ziemlich offen die Unabhängigkeit der Moralität von der Religion lehrte. Seiner moralischen „Pflicht“ kommt der Mensch nach Kant da nach, wo er sich dem selbstgesetzten Sittengesetz seiner eigenen Vernunft willentlich unterwirft und dieses aktiv bejaht. Den Glauben braucht er dazu gerade nicht. Der Glaube besetzt bei Kant allerdings den Bereich der „Hoffnung“ (die berühmten drei Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen?) und kommt erst da zum Tragen, wo vorher die Kompetenzen der Erkenntnis und der Sittlichkeit jeweils an die theoretische und die praktische Vernunft verteilt wurden.

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      • Frau Torus,
        dem armen Kant geht es da wohl wie vielen anderen großen Toten.
        Sie können sich damit trösten, nicht alleine zu stehen mit einer fehlerhaften Interpretation. In den Hochschulen wird es eben so gelehrt und kaum ein Student wagt es, Kant gerade an seinem Kern zu kritisieren. Allerdings war er sich selbst nie sicher in Sachen Vernunft, KdrV revidierte er komplett und schon der Titel erlaubt unterschiedliche Definitionen; der KI ist schlicht redundant und eher biblisch als vernünftig.

        Der ewige Verdienst der Philosophie von Immanuel Kant ist, dass sie erstmalig eine eindeutige Trennung zwischen Wissen und Glaube vollzog. Sie belässt der Wissenschaft ungehindert die gesamte Welt der Phänomene und konserviert, auf der anderen Seite, das ewige Recht des Glaubens zur Interpretation des Lebens und der Welt vom Standpunkt der Ethik. Die „Geist-Körper Dichotomie“ spaltete den Mensch in eine materielle Welt (die er selbst als nicht-real betrachtete) und behütete die Moral für die Gläubigen. Die kantische Aufteilung ermöglicht es zwar der menschlichen Vernunft die materielle Welt zu erobern, beseitigt aber die Vernunft von der Auswahl der Ziele welche für die materiellen Erfolge erforderlich sind. Nach Kant bedeutet dies, dass zielgerechte Handlungen, Entscheidungen und Wertsetzungen irrational bestimmt werden, durch den Glauben – nicht der Vernunft.
        MaW: Tatsächlich ist Kant der Zerstörer der Vernunft. Ein freundlicher Rat: Wenn Sie die Vernunft ehrlich erkennen wollen – für sich und andere – sollten Sie sich von der platonischen Linie wegbewegen und mehr mit der aristotelischen beschäftigen.

        Dass wir uns nicht missverstehen: Kant war ein geistiger Riese, aber wie jeder andere auch ein Produkt seiner Epoche – der deutschen Gesinnung hat er sicher keinen Gefallen getan!

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        • Ich sehe, Sie verstehen unter „Vernunft“ etwas anderes als Kant, nämlich die Vernunft als Gegensatz zu allem Metaphysischen, als Rationalität. Das Spannende an Kant ist ja gerade, dass er den Vernunftbegriff trotz seines kritischen Tons bis ins (aus mehrfacher heutiger Sicht) Irrationale zu hypostasieren vermag. Er „zerschmettert“ die Metaphysik in der KdrV, um sie dann wieder einzuführen und in seiner praktischen Philosophie aufzuheben. Für Kant sind „theoretische“ Vernunft und „praktische“ Vernunft zwei Seiten des gleichen Vermögens im Menschen, und zwar eines „übersinnlichen“ – der Geist unserer Zeit würde so nicht mehr denken, aber Kant war ein guter Christ. Er verachtete die kirchlichen Autoritäten. Doch er hatte größte Hochachtung vor der göttlichen Autorität und vor ihrer Wirkkraft im Menschen. „Vernunft“ war etwas Göttliches, das den Menschen vor allem anderen Irdischen, das letztlich bloß „Sache“ war, erhob. Tat er der deutschen Gesinnung damit einen Gefallen? Mit Sicherheit nicht, er verankerte die Autoritätshörigkeit nur noch mehr in ihrer Psyche. „Freiheit“ ist für Kant synonym mit Autonomie, also Selbstgesetzgebung. Der Mensch ist frei, wenn er seinem eigenen Gesetz folgt. Doch dieses Gesetz ist ganz klar bestimmt, es ist „vernünftig“, d.h. stimmt mit dem göttlichen Gesetz überein. Ich habe auf diesem Blog häufiger die Macht der inneren Autoritätsbejahung kritisiert. Kants Philosophie beruht genau darauf. Sie verankert im Geist eine Machtstruktur, die sich durch Gehorsam auszeichnet, nämlich Selbstgehorsam – was viel effektiver ist als alle äußere Autorität. Sie verordnet dem Menschen, seine „Sinnlichkeit“ unter Kontrolle zu halten, Mitleid ist aus der Moralität gefälligst zu entfernen, weil sie angeblich die Reinheit des Moralitätsgedankens unterläuft. Was ist Vernunft? Bei Kant geht sie gerade nicht in Rationalität auf, sondern bläht sich bis ins Irrationale auf. Die „Gewissheit“ vom moralischen Gesetz, von der Kant spricht, und auf der seine Ethik letztlich beruht, ist seiner Ansicht nach ein Produkt der Vernunft – die Prämissen seiner dualistischen Weltauffassung lassen es gar nicht anders zu. Denken wir außerhalb seines Systems, könnten wir „moralisches Gesetz“ dagegen durchaus durch „moralisches Gefühl“ austauschen, denn jenes Gesetz bleibt etwas Dunkles, das nicht erklärbar ist. Aber Kant selbst hätte hier protestiert, er hätte darauf bestanden: Nein, das moralische Gefühl dient als „bloßer Sinn“ bloß der Empfängnis des moralischen Gesetzes, ist aber sekundär – auf die Vernunft kommt es an, denn diese kommt von Gott. Kant mag in gewisser Hinsicht also die Vernunft „zerschmettert“ haben, nämlich indem er ihren Wirkbereich – ganz platonisch, wie Sie sagen – bis in die Sphäre des Irrationalen ausdehnte. Aber er selbst hätte diesen Ehrentitel mit Sicherheit nicht zugelassen.
          Nicht umsonst habe ich außerdem im letzten Blogbeitrag versucht, zwischen „Vernunft“ und „Rationalität“ zu trennen, denn diese Begriffe, besonders der der Vernunft, sind unscharf, und werden je nach Denkrichtung, je nach Epoche unterschiedlich gefasst. Wissen WIR heute mit Genauigkeit zu sagen, was Vernunft ist?

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          • Danke für Ihre Replik.
            Nun, Kant ist nicht die Quelle des Vernunftbegriffs, seine Widersprüche und Verwirrung muss man nicht übernehmen. Vernunft sollte für alle das gleiche bedeuten; wenn es nicht so ist, liegt es an den Philosophen des deutschen Irrationalismus (siehe Georg Lukacs “Die Zerstörung der Vernunft”). Wesentlich ist, dass K. daran scheiterte, die Moral mit der Vernunft zu verbinden. Natürlich hatte der Glaube noch einen starken Griff an den meisten zeitgenössischen Denkern und die deutsche Denkweise verhinderte die Adaption z.B. eines John Locke. Ihre Dialektik erinnert jedoch an das Argument der Theologen “es ist vernünftig zu glauben” Aus irrationalen Prämissen lässt sich keine Gewissheit erlangen. Wer über die Bedeutung von Vernunft nicht im Klaren ist, hat sie eben noch nicht in sich gefunden – die Grenze zum Reich der Emotionen ist scharf genug und jeder Übertritt läss die Vernunft zurück. Da gibt es keine „Überblähung“.
            “Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit” von Josef Dietzgen (paar Euro antiquarisch) wäre eine exzellente Ergänzung zu Ihrem beachtlichen Wissen.

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            • Danke für den interessanten Literaturhinweis.
              „Vernunft sollte für alle das gleiche bedeuten“ – Solchen Ansprüchen auf absolute Definitionshoheit stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Auch geht für mich Irrationalität nicht in „Emotion“ auf, deren Grenze zur Vernunft noch scharf genug sein mag. Sondern ich meine mit Irrationalität jenen immensen Komplex des menschlichen Geistes, der sich dem unmittelbaren Zugriff des Bewusstseins und seiner rationalen Denkoperationen entzieht. Beide aber sind verbunden und beziehen sich aufeinander, auch Glaube und Vernunft. Theologen haben die spitzfindigsten rationalistischen Mittel zur Verteidigung ihres Glaubens entwickelt, viele Wissenschaftler glauben hingegen dort, wo sie meinen zu wissen und endgültig „bewiesen“ zu haben. Ich interessiere mich sowohl für die kritische Trennung beider Begriffe als auch für ihre Verbindung. Ich möchte mir ein vorschnelles Urteil dazu aber nicht anmaßen.

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              • Zunächst: „Sollte“ beschreibt mitnichten eine „absolute Deutungshoheit“.
                Irrationalismus (i.d. Philosophie) ist der gefühls-und glaubensmäßige Einfluss auf – im Grunde rationale – Ansätze (so fällt in diesem Sinne z.B. die „Summa Theologica“ des Aquinats nicht unter den Irrationalismus). Rationalisieren eines Problems ist die Endstufe des Pragmatismus, der häufig mit Vernunft verwechselt wird – daher vielleicht die Unsicherheit.

                „…viele Wissenschaftler glauben hingegen dort, wo sie meinen zu wissen…“
                es liegt ein entscheidender Unterschied zwischen „glauben“ und einer z.B. durch Deduktion erfolgten Annahme (wir lösen auch keine mathematischen Probleme durch Glaube an das Resultat).
                Wir versuchen uns nichts anzumaßen, haben haber Gewissheit über einige Dinge.
                Wir bedanken uns für die wertvolle Diskussion und wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihren Studien.

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          • Herr Zöllner,
            1. Wo in unserem Text befindet sich der Begriff „Gesinnung“?
            2. Wo sehen Sie das „un-“ in diesen beiden Wörtern?
            Dieses Fehlurteil widerspricht Ihrer Selbstdarstellung in Ihrem Blog als nicht „politisch korrekt“.
            3. Wer war ein „Weltbürger“ Mitte d. 18.Jahrhds.? Kant, der die meiste Zeit seines Lebens in Königsberg verbrachte sicher nicht.
            4. „…Kant war kein deutsch ‚gesinnter‘ Denker…“
            Wie dachte er denn? Wie ein britischer Republikaner?

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            • Herr alphachamber, zu 1.: „Dass wir uns nicht missverstehen: Kant war ein geistiger Riese, aber wie jeder andere auch ein Produkt seiner Epoche – der deutschen Gesinnung hat er sicher keinen Gefallen getan!“
              Zu 2.: Mittlerweile ist es ziemlich verbreitet, sich selbst als politisch unkorrekt zu bezeichnen. Das bringt immer Pluspunkte. Des halb ist es inzwischen schon politisch unkorrekt, politisch korrekt zu sein.

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              • Richtig. Diesen Text hat unser Co-Autor eingetippt. Persönlich habe ich „Denkweise“ vorgezogen.
                Was wichtiger ist, wollen Sie uns trotzdem erklären, was genau „deutsch“ und „Gesinnung“ für Sie zu „Unworte“ macht?
                Zu 3. und 4. haben Sie eine Stellungsnahme?
                Ihr letzter Satz – um es mit Kant zu sagen – ist eine „elende Ausflucht“ (Kants Antwort auf den Determinismus)

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                • „unser Co-Autor“
                  Interessant: ich korrespondiere also mit einem Kollektiv. Das paßt ja zur online community.
                  Ich antworte auf diejenigen Punkte, die ich für beantwortenswert halte. Punkt 3 und 4 bleiben also unbeantwortet.
                  Es ist nicht das Wort, das sich als Unwort auszeichnet, sondern sein Gebrauch. Ich kenne keinen Gebrauch des weit ins 19. Jhdt. zuröückreichenden Wortes, das mir gefällt. Es gibt keine deutsche Gesinnung, weil es so viele verschiedene deutsche Gesinnungen gibt, wie es Menschen in Deutshcland gibt.
                  „elende Ausflucht“?: Mit der politischen Unkorrektheit wird inzwischen erfolgreich Politik gemacht. AFD und Donald Trump bilden das unschöne Vorbild dafür.

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                  • Wie „wir“ sehen haben Sie sich auf unseren Blog bemüht. Auf der Startseite links oben haben wir dies angegeben. Spricht etwas gegen ein Autorenkollektiv?

                    „Es ist nicht das Wort, das sich als Unwort auszeichnet, sondern sein Gebrauch.“
                    Nennen Sie bitte ein Wort das n i c h t gebraucht wurde.

                    „…weil es so viele verschiedene deutsche Gesinnungen gibt, wie es Menschen in Deutschland gibt.“
                    Toll, dann haben wir ja 7 Milliarden Gesinnungen auf der Welt.

                    Bez.: Politische Korrektheit – warum erwähnen Sie es dann unter Ihrem Profil?

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  5. Wieder ein schöner Text! Sinn lässt sich ohne Sinn-lichkeit weder erfahren noch begreifen. Sicher ist eine fein abgestimmte Regulation von Affekten und Emotionen die Voraussetzung für die Entwicklung und Schulung des rationalen Denkens. Das bringt überhaupt erst die Trennung von Subjekt und Objekt hervor. Erst die Distanz – und nicht das diffuse ununterschiedene, verwickelte, magische oder unbewusste Zusammenfallen – erlaubt die Betrachtung eines Objektes, was vom Subjekt geschieden ist. So lässt es sich zumindest in Anlehnung an Georg Simmels Relativismus verstehen. Hermann Schmitz hat ja versucht zu zeigen, dass die Vorstellung eines „Seeleninnenraums“, bei dem Gefühle nur im Individuen stattfinden, eine Erfindung der Neuzeit ist. Vielleicht wäre es jedoch angemessener Gefühle auch kollektiv zu denken, als gemeinsam erzeugte und erfahrene Stimmungen und Atmosphären.

    Erstaunlich wie sehr sich das rationale Denken von seinem Grund entfernt und über ihn erhoben hat. Das rationale Denken versucht zu begreifen, zerlegt die Phänomene in dies und das, bezeichnet und vermisst sie, versucht sie zu kontrollieren und zu beherrschen – und vergisst dabei die Bedingung der Möglichkeit dafür. Kann sie vielleicht strukturell bedingt gar nicht sehen, ebensowenig wie sich das Auge selbst beim Sehen zusehen kann?

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    • Vielen Dank für deine Anmerkungen. Ja, Gefühl und Sinnlichkeit lassen sich mit Sicherheit noch vielfältig anders betrachten und verstehen, besonders der kollektive Ansatz ist interessant, denn Gefühle können tatsächlich nur im Mit- oder Gegeneinander entstehen, wirken erst innerhalb dieser Beziehung (und sei es die Beziehung zu sich selbst). Entspricht dem „Weltgeist“ auch ein „Weltgefühl“?
      Aber ich denke, Rationalität kann Gefühle schon „sehen“, im Sinne von begreifen, aber sie kann sie eben nicht fühlen. Sie wird sich ihrer nur mittelbar bewusst, wie – um dein Bild zu übernehmen – das Auge sich beim Sehen nur mittels eines Spiegels zusehen kann. Aber besser eine unvollkommene Vermittlung als gar keine, würde ich sagen. 😉

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  6. Pingback: Fremde Federn: Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit | sunflower22a

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