Freiheit und der Nutzen der Philosophie

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Licht in Platons Höhle

Dies hier ist ein Philosophie-Blog. Nützt er etwas? Nützt die Philosophie etwas? Soll sie überhaupt etwas nützen? Kann sie etwas nützen?

Muss alles nützlich sein? Zeichnet es nicht vielmehr das „Höhere“ aus, dass es kein „Nutzding“ ist, dass es auf keinen Nutzen reduziert werden kann, dass es nicht, durch einen Anderen, „benutzt“ wird wie ein bloßes Utensil, als bloßes Werkzeug, als Mittel, als Zwischenglied zu einem Andern, Höheren? Ist das Höchste nicht gerade ein „An sich“, auch in dem praktischen Sinne, dass es sich nicht benutzen lässt, dass sich seine Benutzung verbietet, indem seine bloße Existenz gerade darin aufgeht: im bloßen Sein und Für-sich-Bestehen, aber niemals für einen Anderen? Ah, und die Praxis überhaupt, hat das Höchste die Praxis etwa nötig? Das Tun, die Arbeit, das Neg-Otium?

Ist die Philosophie nicht das Höchste? Und ist sie etwa nicht, das einzige Tun, als Muße, welches dem Höchsten auf Erden, dem vielbeschworenen „höheren Menschen“ in seinem Wesen entspricht? Schmückt ihn nicht der Luxus der Philosophie? Ist die Philosophie nicht die Herrin der Wissenschaften, die Königin, die äußerste Form des menschlichen Schaffens überhaupt, indem sie sich ihrem Charakter nach notwendig über das Schaffen stellen muss, um es von dieser Höhe aus übersehen zu können?

Größenwahnsinn? Doch so reden die Philosophen. Auch diejenigen noch, die – wie Nietzsche – meinen, sie mit dem Hammer zertrümmert zu haben (diese wollen bloß eine andere, eine Philosophie des Zertrümmerns, nicht des Bauens). Philosophie ist ihnen allen, wo sie so sprechen, vor allem die höchste Form der Macht. Die Macht der Gedanken und die Macht über Gedanken. Die Philosophie wird zum Selbstzweck erklärt, verklärt, da sie an sich schon für die Verwirklichung des göttlich-menschlichen Potentials gilt. Wo der Mensch am meisten Mensch, am meisten bei sich sei, da philosophiere er, denn darin sei sein Denken allein frei, da sei die Vernunft allein rein (und der Mensch ist primär ein Vernunftwesen, wie wir alle wissen). Die Philosophie brauche nicht zu nützen, denn der Nutzen würde ihr bereits Fesseln anlegen, sie einem Anderen zu Diensten machen und so in ihrer Freiheit einschränken.

Und tatsächlich tut die Bedingtheit der Philosophie nicht gut. Wo sie sich einem Nutzen unterwirft, macht sie sich abhängig, richtet ihr Denken auf ein bestimmtes Ziel aus und beschneidet sich so Wege, die anderswo hinführen. Die Philosophie, das heißt die Praxis des Erkennens, die eigentlich tautologisch allein die Erkenntnis selbst zum Ziel hat und dazu nach allen Richtungen frei umherschweifen kann, gibt sich durch die Fessel der Bedingtheit ein bereits als erkannt Vorausgesetztes (den Nutzen) als ihr Fundament und ihren Richtungsweiser. Über dieses selbstgelegte Fundament darf sie nicht hinaus, sie wird nicht tiefer graben.

Doch was mag es wert sein, sie so einzuschränken? Darf etwas die freie Erkenntnis in Schranken weisen? Es müsste sich dabei um einen höheren Wert handeln als Erkenntnis. Existiert aber ein solcher Wert?

Natürlich. Es ist der Wert des schon Erkannten, der Wert dessen, das im Begriff der Erkenntnis schon immer mitgemeint ist, wenn wir sie loben. Es ist der Wert der Freiheit, der Lebendigkeit und der Menschlichkeit im besten Sinne. Auf diesen Werten bauen wir auf, wenn wir erkennen wollen und wenn wir „frei“ sein wollen in unserem Erkennen. Wir müssen ein Fundament nicht erst herbeischaffen, es ist schon da, geht allem weiteren Erkennen implizit voraus und ermöglicht es. Erst die Bedingung der Freiheit macht freies Denken möglich und hebt den Charakter seiner Bedingtheit dadurch auf. Die Einschränkung durch den Wert der Freiheit ist keine Einschränkung.

Aber die freie Philosophie zweifelt auch noch an ihrer Freiheit. Als solche darf und muss sie das sogar vielleicht tun, vor allem um die weit verbreiteten Schein-Freiheiten zu enttarnen. Aber sie kann dennoch nicht über die von ihr vorausgesetzte und gelebte Freiheit im Denken hinaus, ohne sich selbst dabei zu behindern und mit jedem Schritt auf‘s Neue und immer tiefer in den Abgrund des Skeptizismus zu fallen. Der Skeptizismus ist dort das Ende aller Philosophie, wo der Zweifel alleine herrscht. Er wird aber ihr fruchtbarer Boden, wo die Freiheit ihn auffängt und ihm zeigt, dass er erst da zum Ziel der Erkenntnis kommt, wo er ihr, als positiver, so-seiender Freiheit zu den Vortritt lässt und sich nicht immer tiefer in ihren negativen Charakter, der Freiheit von, eingräbt. Das freie Denken ist in letzter Instanz ein schaffendes Denken, eines, das gebärt, nicht zerstört. Auch Nietzsches Seiltänzer brauchte sein Seil, um über dem Abgrund zu tanzen. Es war das Seil der Freiheit, nicht der Knebel der einschränkenden Bedingung.

Die Freiheit ist Bedingung des freien Denkens, in ihrer Bedingung wird es frei. Doch bisher bedeutet diese Struktur kaum mehr als Tautologie, denn erst das befreite Denken ist freies Denken. Unser Denken trägt nicht die logischen Fesseln der vorausgesetzten Freiheit (eigentlich nur ein Spiel für Sophisten), es trägt die wahren Fesseln der unsichtbaren Unfreiheit. Diese wiederum halten uns da am stärksten gefangen, wo wir sie fälschlicherweise für Freiheit halten. Es sind die vielen kleinen Fesseln und Gewichte unseres Denkens, die uns versprechen, Freiheit zu bringen, indem sie konkret Freiheit verkörpern und diese an bestimmte Dinge und Erfahrungen außerhalb unseres Ich koppeln. Sie verheißen die Freiheit nur, verlagern sie, identifizieren sie mit dem Besitz und der Aneignung eines Dings (einer Fähigkeit, einer Erfahrung, eines Menschen, …). Freiheit wird in ihnen über Abhängigkeit definiert, über die Abhängigkeit zu einem Äußeren. Freiheit ist aber nur von sich selbst abhängig. Und das freie Ich ist nur vom Ich und seiner eigenen Befreiung abhängig.

Die Philosophie soll nützen. Sie soll freies Denken sein und als solches kann sie nur nützen. Sie kann der Freiheit nützen. Und sie soll. Sie muss. Denn das gegenwärtige Denken ist, zu einem großen, überwiegenden Teile, nicht frei. Und wo es nicht frei ist, wird die Philosophie auch nicht Philosophie sein können. Sie muss frei sein und sie muss befreien, um frei zu sein.

Das Denken muss und kann sich nur selbst befreien. Jedes Ich, das denkt, kann sich nur selbst befreien, denn es liegt in eigenen, geistigen Fesseln. Doch hat es sich diese Fesseln nicht in jedem Fall selbst angelegt. Die Fesseln eines Ichs sind verbunden mit denen eines anderen Ichs, mit denen vieler anderen. Jeder einzelne Geist liegt in Fesseln und alle Geister sind untereinander verbunden durch ein Netz von Fesseln. Daher fürchten sie auch so sehr die geistige Verbindung, den Geist der Vielen. Denn sie kennen diese Verbindung nur als Gefangenschaft, nicht als Freiheit. „Freiheit“ kennen sie nur als (vermeinte) Unabhängigkeit. Sie kennen aber nicht die Abhängigkeit als Freiheit. Das Ich fürchtet die weitere, verstärkte Ankettung, Unterjochung, Beschwerung, wo es sich auf Verbindung mit einem anderen Ich einlässt. Und seine Befürchtung ist nicht unbegründet, denn nur ein freier Geist wird ihn nicht noch weiter beschweren (sondern in der Verbindung größer, weiter, freier machen). Im Normalfall aber erfolgt mit der Verbindung die erneute Fesselung oder die Verstärkung einer alten Fessel. Und das Ich nimmt es resigniert hin, denn es ist es gewöhnt und es ist sein gewohnter Preis, den es für Gemeinschaft zahlt.

Die Philosophie aber, die eine sein will und das philosophierende Ich haben die Aufgabe – mindestens seit Platons „Höhle“ schon – diese Fesseln nicht hinzunehmen, nicht weiter zu festigen oder gar neue hinzuzufügen, durch neue Dogmen, neue starre Systeme, neue Moral- und Denkvorschriften, sondern sie zu zerschlagen. Dazu wiederum muss das philosophierende Ich zuerst von seinen eigenen Fesseln loskommen. Es muss diese als solche erkennen, bevor es sie entfernen kann. Hier hilft ihm sein Vorsatz der Freiheit, denn die Philosophie ist nicht wie andere Disziplinen gekoppelt an „kanonische“ Methoden – nicht wenn man sie recht versteht. Hat es eine Fessel entfernt, soll es sie denen zeigen, die diese noch tragen. Es soll sie ihnen genau beschreiben, sodass sie sie möglichst leicht selbst in sich erkennen. Und es soll sich nicht als Befreier ihrer Fesseln, als neuer Herr über ihre vermeintliche Freiheit feiern lassen. Es soll nicht damit aufhören, die eigenen Fesseln in sich zu entdecken. Das ist seine Aufgabe und die Aufgabe der Philosophie. Es ist die Bedingung der Freiheit der Philosophie.

Das philosophische Ich muss sich aus dem Netz der Gefangenschaft herauslösen, auch wenn es bedeutet, sich aus der Gemeinschaft der Gefangenschaft herauszulösen. Platons befreiter Höhlenbewohner wird verspottet und bedroht, der historische Sokrates wurde hingerichtet. Spott, Hohn und Verleumdung sind immer noch verbreitet. Gegenwärtig gelten gar Begriffe wie „Freigeist“ und „Querdenker“ schon als Schimpfwort, denn „frei“ ist ein Geist den Verleumdern und Spöttern nur da, wo er ihnen sagt, was sie hören wollen. Sie möchten gerne hören: „Alles wird gut, ich mache das schon für dich, kümmere dich nicht, mache weiter wie bisher.“ Sie möchten gerne Balsam haben, den sie auf den schmerzhaften Abrieb ihrer Fesseln schmieren können. Sie wollen nicht wissen, wie sie sie loswerden können, denn dazu müssten sie ihr Elend bewusst und deutlich ansehen, ihre Wahrnehmung öffnen, ihre Fesseln spüren. Und sie fürchten so sehr die Einsamkeit und den Ausstoß aus der Gemeinschaft.

Daher soll das philosophische Ich, das frei denkende Ich eine neue Gemeinschaft schaffen. Das befreite Ich soll nicht in seiner negativen Befreiung verharren und nur bei sich bleiben. Es soll ein neues Netz knüpfen, auch um in seiner neu gefundenen Freiheit nicht zu erstarren, dogmatisch zu werden, sondern diese lebendig zu erhalten und offen zu bleiben. Nur so wird es auch auf Dauer Kraft schöpfen können.

Doch wieso eigentlich die Rede von der Philosophie? Ist nicht das freie Denken überhaupt gemeint? Dass das freie Denken nützlich ist, hat man ja irgendwie geahnt. Aber Philosophie, ist das nicht: schwere Bücher, Bibliothekenstaub, ernste Mienen, hohe Stirnen, Autorität des Prof. Dr. Dr.‘s, Studenten, die mit achtzehn und Anzug sich schon siezen, dunkle, tiefe Gedanken, die doch nichts bedeuten, nichts verstehen, nicht verstehen machen, eher verzweifelt machen, klein machen, das Ich sich klein und dumm fühlen lassen? Oder, Philosophie, ist das nicht (jetzt spricht das trotzige, erniedrigte, jetzt erniedrigende Ich): Gelaber, Getue, Schein, Steuerverschwendung, Orchideen-Schmarotzertum, Elfenbeinturm, Realitätsverweigerung, Zeitverschwendung? Was nützt mir die Philosophie?

Die Philosophie ist heute ein Rudiment der Wissenschaften. Einmal hat sie alle unter sich vereint, war die Mutter der Wissenschaften, doch ihre Kinder sind ihr eines nach dem anderen davongelaufen, groß geworden, selbständig, unabhängig, undankbar, haben sie nie wieder besucht. Sie weinte darüber und weint immer noch leise, denn sie spürt eine Leere in sich, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Sie hält stattdessen ihre Enkel hoch, die großen Philosophen, die in die Geschichte eingegangen sind, oder sie mischt sich in die Angelegenheiten ihrer Kinder ein, obwohl sie keines dort haben will. Sie trägt neumodische Kleidung, gibt sich neue Namen und will so vergessen machen, dass sie alt ist und nicht mehr zeitgemäß. Sie fühlt sich überflüssig und minderwertig und versucht es zu überdecken, indem sie ihre alte Krone vor sich herträgt. „Ach“, seufzt sie, „ich kann ja mein Tun nicht messen, ich kann ja keine Ergebnisse liefern, auch keine Daten oder Fakten, was bin ich denn wert in dieser Gesellschaft? Ich habe keine Ahnung mehr von Physik, von Biologie, von Chemie, von Mathematik, von Psychologie, von Soziologie, von Wirtschaft, von Politik, das können meine Kinder inzwischen alle viel besser als ich! Zu was bin ich denn noch nutze?“

Fatal ist der Kleinmut und die Tatenlosigkeit der Philosophie. Denn auch wenn sich ihr Nutzen nicht quantifizieren lässt, sie kann vieles noch, was sie früher konnte und heute fast keiner mehr kann: Sie kann Zusammenhänge erkennen, sie kann die Vielheit der Erscheinungen als Einheit begreifen. Sie kann andererseits aber auch tief in diese Zusammenhänge eindringen, bis in seine kleinsten Teile differenzieren, wenn es nötig ist. Sie kann über Grenzen gehen, die sonst keiner sieht. Sie kann das Selbstverständlichste problematisieren und dadurch erst verstehen machen. Sie kann Dinge sehen und zeigen, die niemand mehr sieht, weil keiner hinschaut oder sich dafür interessiert, weil er glaubt, es sei unwichtig. Sie kann scharf kritisieren, ohne zu verletzen. Sie kann tief zweifeln, ohne sich zu verlieren. Sie kann die Voraussetzungen der Wissenschaft, des Denkens, des Erkennens und der Existenz selbst untersuchen, wenn sie sich nur traut. Sie kann angesichts des Ganzen und mittels der Logik Sinn erfahrbar machen, sogar fühlbar machen, wo es früher nur die Religion, innerhalb dogmatischer Grenzen, konnte und die Naturwissenschaft niemals wird vollständig tun können.

Die Philosophie ist als akademische Disziplin immer noch erstaunlich wenig gebunden. Sie dient keinem, oder jedenfalls nicht direkt einem (in Euro- oder Dollarscheinen) messbaren gesellschaftlichen Zweck. Sie untersucht auch nicht als Wissenschaft einen bestimmten Bereich, wie „die Psyche“ oder „den Organismus“ oder „den Mechanismus“. Ihr Auftrag ist nicht dem Zeitgeschmack gemäß genau definiert. Sie sieht das als Schwäche an, aber es ist eigentlich ihre Stärke. Denn die Fragmentarisierung der Gesellschaft herrscht in allen Lebensbereichen. Die Wissenschaften vereinzeln sich (Versuche der „Interdisziplinarität“ ausgenommen), der Mensch auch. Wert wird über die glatte Oberfläche des einzelnen Dings definiert und über die Summe der einzelnen Dinge. Die Philosophie kann, wenn sie nur ihre Position als Außenseiterin begreift, und als Chance begreift, diese Fragmentarisierung aufheben, indem sie sich bewusst neben – oder meinetwegen auch „über“ – den anderen Wissenschaften und Lebensbereichen positioniert und diese als einheitlichen Prozess fasst, dessen Struktur es zu finden gilt. Sie kann – und soll – Konturen glätten, wo diese zum Verständnis der Einheit beitragen und sie soll Konturen da scharfstellen oder gar einzeichnen, wo es an Differenzierung fehlt und bisher bloß oberflächlich nivelliert wird. Sie soll vor allem erst die Konturen sichtbar machen, den Schleier der Oberfläche von den Dingen reißen. Die Philosophie soll die Dinge nackt hinstellen, ohne geheuchelte Verkleidung, ohne süßliches Parfüm, sie soll ihre Hässlichkeit begreifen machen, wo sie hässlich sind. Aber auch in ihrer nackten Schönheit zeigen, wo sie schön sind. Sie soll und sie kann, weil sie – noch – frei ist. Und sie kann erst frei werden, frei bleiben, wenn sie an der Befreiung des Menschen arbeitet. Nur der freie Mensch ist auch ein freier Denker, ein freier Philosoph.

Doch „die Philosophie“ wird nichts tun, wenn die Philosophen und Philosophinnen nichts tun. Auch sie liegen in Fesseln. Allerlei alltägliche Fesseln des Privat- und Berufslebens, Fesseln, die meistens mit Geld, oft mit Stolz, „Ruf“, Neid und Angst zu tun haben. Sie sind überall gebunden in den neuen Moden der Philosophie, in ihrer „Spezialisierung“ und ihren diversen „-Ismen“, die alle 6 Monate wechseln wie Lagerfelds Kollektionen. Sie sind gebunden in ihrer Rolle als Philosoph, oder besser, als Angestellter des akademischen Philosophiebetriebs, der von ihnen ganz selbstverständlich die persönliche Aufopferung verlangt. Für die Philosophie und das freie Denken? Nein, für die Schnörkel und Scharniere der akademischen Parallelwelt, die sie achten und polieren müssen, um sich ein Quäntchen Freiheit in ihr zu erwerben. Sie sind keine Seiltänzer, sie klammern sich kriechend an ihr Seil, denn ihr Absturz würde ihr finanzielles und berufliches Aus bedeuten. In ihrer dauernden Beklemmung geht ihnen das freie Denken aber verloren. Und sitzen einige wenige von ihnen irgendwann einmal doch auf dem Thron des Ordinarius, haben sie es meist längst verlernt. Sie haben sich an die „echte Welt“ und die „Realität da draußen“ angepasst, auch im Denken.

Nützen sie so? Sich selbst, der Gesellschaft, der Freiheit? Nein, sie schmücken bloß, sich selbst, die Universität, die Bücherregale. Ein zweifelhafter Schmuck, der bald zerfällt. Stattdessen könnten sie ihren Putz – ihren Dr., ihren Prof. – dafür einsetzen, dass man ihnen zuhört. Ihre missliche Lage, oder die ihrer Nachfolger, ist die Lage der Gesellschaft, die sie nicht oder viel zu zaghaft kritisieren. „Prof. Dr.“ aber sind magische Worte in den Ohren der Menge, der Zauber der Autorität zeigt Wirkung. Sie könnten diese Autorität ausnutzen, indem sie sie hinterfragen, indem sie vermehrt öffentlich Fragen stellen, die richtigen Fragen. Sie könnten, sie sollten, den Luxus ihres breiten philosophischen Wissens nutzen, um zu nützen. Nicht zuletzt sich selbst. Sie sollen keine neue Ideologie entwerfen, aber sie können Gedanken sähen, neue Perspektiven, auch Zweifel, da wo er Not tut. Sie haben die Regeln des logischen Denkens an der Universität gelernt und gelehrt, warum weisen sie nicht darauf hin, wo sie alltäglich politisch und journalistisch missachtet werden? Was nützt die analytische Philosophie, die sich bloß selbst zerlegt? Sie können nur wahrhaft über sich hinauskommen, wo sie aus sich herauskommen. Zu wenige noch trauen sich das. Doch erst eine freie Gesellschaft wird den freien Denker frei sein lassen.

Die Philosophie wird sich den Titel des „Höheren“ verdienen müssen. Und erst da verdient haben, wo es ihr gelingt, den Menschen zu erhöhen. Die Macht der Gedanken wird erst dort frei, wo sie nicht mehr von der Unfreiheit der Gedanken anderer abhängig ist, wo sie sich nicht erst abgrenzen und erhöhen muss. So wie der Herr in seiner Herrschaft vom Beherrschten abhängig bleibt, unfrei letztlich, in seiner Macht beschränkt durch die Notwendigkeit der ständigen Beschränkung des Anderen. Die Philosophie aber soll nicht herrschen, sie soll befreien. Sie soll der Freiheit nützen.

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16 Gedanken zu “Freiheit und der Nutzen der Philosophie

  1. Liebe Anna,
    Chapeau!
    Ein wuchtiger, leidenschaftlicher Text für de Freiheit des Denkens
    Ein klein wenig gelenkt und inspiriert von einem, durchaus berechtigten, Zorn?

    So erschien mir dieses leidenschaftliche und von tatsächlichen, einfachen Wahrheiten des Lebens unterfütterte Plädoyer pro Philosophie, die sich wieder stark machen sollte, sich wieder in den Vordergrund bringen soll und muss. Und ihre „erwachsenen Kinder“ mahnend, leitend (?), zumindest aber unterstützend wieder (?) begleiten soll.

    Nicht nur im Bereich der Wissenschaften sich ihrer alten Stärke und ihrer wahren Aufgaben bewusst werden soll, sondern auch ihre Fähigkeiten und ihren Nutzen der gesamten Gesellschaft verdeutlichen und wieder andienen muss.

    Sich selbst wieder einbringen muss, die Fesseln anderer Wissenschaften (wie Jus, BWL, VWL et al) aufzeigt und den Menschen eine Unterstützung im eigenständigen Denken ist.

    Die Menschen aus ihrer gewollten und absichtlich herbeigeführten Inkompetenz (politisch, sozial, gesellschaftlich) heraus hilft.

    So habe ich deinen Text verstanden, ich würde es begrüßen, wenn die Akademiker aus der Philosophie sich dahin gehend einbringen wollen.
    Und ich muss deinen Text noch einige Male lesen, denn er bietet so viele Themen, so viele weitere Gedankenansätze.

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  2. Natürlich kann jeder ins Blaue hinein philosophieren und das hat sicher auch einen Nutzen für den betreffenden Philosophen und sei es der reine Zeitvertreib. Ich persönlich philosophiere seit ich Denken kann und habe es immer als Nutzen betrachtet.
    Die Frage aber, die hier ja gestellt wird, ist die nach dem Nutzen für andere. Leistet also die Philosophie einen Beitrag zur Gesellschaft und zu deren Entwicklung? Nun kommt es drauf an, ob sich die Philosophen für „höher“ gestellt sehen oder ob sie sich in Dienst nehmen lassen und was das dann bedeutet.
    Die Universität kann natürlich den Philosophen ein Plätzchen zum Denken schaffen und ein paar Professoren bezahlen, ganz gleich wie sie ihre Freiheit dann nutzen. Dann kann man sich mittels Schriften vermarkten und jede Menge Einnahmen generieren. Da kann man dann das Gefühl haben, man habe eine besondere Stellung einen Einfluss. Das kann aber täuschen.
    Ich halte es für sinnvoller, sich im Selbst-Denken zu üben und sich nicht von Philosophen was vormachen zu lassen. Ein guter Philosoph bzw. Denker geht mitten unters Volk und verwickelt sie in Dialoge aus Freude am Gespräch und natürlich auf Augenhöhe. Von einer Sonderrolle hat Sokrates nie was gehalten.

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  3. Guter Text!

    Genau das ist ein ‚Problem‘ der Philosophie wie anderer Geisteswissenschaften. Sie lässt sich ohne Verbiegen nicht in irgendeinem wirtschaftlichen, gewinnbringenden Sinne ausschlachten. Sobald versucht wird, sie zu zwingen, verweigert sie sich dem. Denn philosophische Erkenntnis bedeutet auch das Nachdenken über den Sinn einer zu etwas gezwungenen, ausgerichteten – Zweck – Philosophie und die hätte dann keinen mehr, diente sie doch nur dem Besttigen eines vorgefassten und gewollten Ergebnisses.

    Damit führte sich auch das freie Denken an sich ad absurdum mit der Erkenntnis von siehe oben. Den Begriff der Freiheit wird man wohl nie zu Ende definieren können, die Option bar jeder Zwänge und gewollter Ergebnisse über alle und alles nachdenken zu können, wann immer man mag, kommt dem schon ziemlich nahe. Ähnliches gilt abseits freien Denkens für das Handeln ebenso und daher ist erst dann eine Gesellschaft eine freie, in der jedes Individuum frei von Zwängen auch tun kann, was, wann und wie es das tun will.
    Das heisst nicht, die Füsse hochzulegen und zu gammeln, aber es soll keiner um der nackten Existenz oder dem persönlichen oder irgendeines anderen scheinbaren Vorteils willen gezwungen sein, gegen seinen Willen zu handeln. Sondern Beschäftigung auch zum Wohle der Allgemeinheit/Community sollte freiwllig und altruistisch erfolgen – eben ohne das Kosten/Nutzen-Prinzip tue ich dies – bekomme ich das.

    Philosophie sehe ich gleichberechtigt mit anderen Wissenschaften, sie müsste wegen mir auch keine Sonderstellung haben. In einer gewissen Art war sie doch selbst ohne direkt sicht- und messbare Ergebnisse immer eine Art Katalysator beim Fortbringen der menschlichen Gesellschaft, sei es zu Zeiten der alten Griechen, der Aufklärung und des Humanismus oder jetzt.

    Mit Begriffen wie Freigeist/Querdenker bin ich etwas vorsichtig, da diese leider oft missbraucht werden, um eben dieses gezwungene Denken zu verklären und Ansichten zu verbreiten, die eben mit freiem Denken nichts zu tun haben. Stattdessen wird darüber nur eine scheinbar vom Mainstream unterdrückte Meinung legitimiert und sich selbst darüber der Opferstempel aufgedrückt, das geht oft und schnell in Richtung Verschwörungstheoretiker, Esoterik usw.

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    • Besten Dank für den Kommentar!
      Zu den Begriffen Freigeist/Querdenker: Es ist gerade fatal, dass man diese Begriffe bestimmten Gruppen/Strömungen alleine überlässt und sie vereinnahmen lässt, statt sie bewusst positiv zu besetzen. Im Netz sind z.B. Rechtsextreme unterwegs, die diese für sich beanspruchen. Das führt wiederum dazu, dass die Medien alleine in diesem Zusammenhang berichten und prompt werden diese Begriffe unbewusst mit Rechtsextremismus assoziiert. Trifft man dann auf andere Individuen/Gruppierungen, die tatsächlich an Freiheit und freiem Denken interessiert sind, sind sofort große Berührungsängste da, wenn sie nur bestimmte Begriffe verwenden, die vorher in einem anderen Kontext negativ aufgeladen wurden. Um das zu umgehen, muss man zwangsläufig auf andere Begriffe ausweichen. Das aber wiederum führt zu einer Beschneidung und Verarmung der Sprache, zur Unterdrückung einfacher, passender Begriffe für die eigene Sache und stellt eine Kapitulation vor eben jenem Missbrauch des Begriffs dar. Politische Probleme sind auch Sprachprobleme. Derzeit beobachte ich einen Trend, diesen durch bloße Sprachkorrektur auszuweichen. Damit werden die Probleme aber nicht gelöst, sondern verdrängt – was wieder neue Probleme verursacht.
      Auch „Verschwörungstheoretiker“ und „Esoterik“ selbst sind Begriffe, die sehr negativ aufgeladen sind. Auch das ist problematisch. Denn hiermit betitelte Personengruppen sind sehr heterogen, meistens völlig harmlos (extreme Sekten, Gurus etc. sind wohl eher die Ausnahme, mir erschließt sich nicht ganz, woher genau die allgemeine Panikmache, die Angst und der Hass immer herrühren), und haben sie sich erst einmal diesen Titel durch die Medien „verdient“, dann ist eine sachliche Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Themen meistens ausgeschlossen. Auch das freie Denken wird so beschnitten. Stößt man mit seinem Denken Themen an, die die Mehrheit lieber nicht hören möchte, kann man sich schnell in dieser „Ecke“ wiederfinden. Ich durfte sogar schon in der ZEIT lesen, wie Byung-Chul Han in die Nähe von Verschwörungstheoretikern gerückt wurde, weil er „Big Data“ und Überwachungstechniken kritisiert und vor allem klar benannt hat.
      Die Angst vor Diffamierung und Missverständnis seitens der Gesellschaft und der Medien, führt bei vielen Wissenschaftlern und Journalisten dazu, dass sie bestimmte Themen und Begriffe lieber gar nicht erst anfassen – das darf nicht sein.

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      • Freigeister/Freidenker haben ihren Ursprung in einer Zeit, als die Kirche als Allerklärer immer mehr angezweifelt wurde und sich daraus Aufklärung und Humanismus entwickelte. Im Grunde war es zu dieser Zeit ein gewollter geistiger Gegenpol zur Kirche.
        Das muss man jetzt vielleicht auch nicht weiter auseinander klamüsern, sondern das ist nur der Versuch, das Freidenkertum auf das Wesentliche zu reduzieren, aus dem heraus es entstand.

        Insofern halte ich das Eiern um die Begriffe sowieso für überholt. Das Pendant zu Freidenken/Freigeist ist dann die Phrase, dass es keine Denkverbote geben darf, obwohl doch das gewollte Ergebnis im Verbund mit dieser Aussage meist bereits feststeht.
        Die Aussage ist deshalb sowas von inhaltslos, weil dem „Denken“ weder etwas verboten ist noch hat es Grenzen – es ist immer „frei“. Denkverbote erteilt sich höchstens der Denkende selbst – und verstiesse dabei beim Denken doch ständig dagegen – oder sie werden von außen auferlegt, wenn die bereits gedachten Gedanken geäußert werden und jemandem nicht in den Kram passen. Da sind wir wieder beim Zwang und das hast Du trefflich herausgearbeitet.

        Die eigentliche Freidenkerbewegung existiert heute nur noch rudimentär und es gibt nur noch wenige gute Seiten wie die des Oeffinger Freidenkers, bei denen gesellschaftliche und andere Vorgänge von einer rationalen Basis aus im philosophischen Sinne kritisiert werden.

        Genau das ist der Unterschied zu VT und Esoterik, die eben nicht tatsachenbegründet und beweisbar und somit auch auf einem festen Fundament stehend versucht, etwas zu erklären. Meist wird dann etwas konstruiert, das nur in der selbstgebastelten Kausalkette funktioniert oder im Esoterischen gleich als gegeben vorausgesetzt wird ohne zu hinterfragen. Wird dann so ein geistiges Bild mit Fakten ad absurdum geführt, ist genau der Beweis das Argument, das es keinen Beweis gibt und die angebliche Ratio nur dazu dient, vermutete Geheimnisse zu verbergen.
        Anhänger dieser Sichtweisen schwiemeln sich ihre Welt und bewegen sich in aller Regel dann auch mehr und mehr nur noch in dieser, mit dem bescheidenen Rest des Universums wird nur noch abweisend oder im Konflikt gelebt.

        Und so harmlos sind etliche Menschen nicht, die kruden Weltsichten anhängen, sei es weil sie sich und ihre Angehörigen dadurch in etwas hineinziehen, was den eigenen Körper und die Seele kaputt macht oder sie ihr Umfeld dadurch mehr und mehr versuchen zu beeinflussen.
        Welche Folgen das scheinbar so harmlose und gerne als lediglich etwas weltfremd gesehene Treiben haben kann, sieht man in Einzelfällen an religiös motivierten Terroristen und im Großen an solchen Mitmenschen wie den Reichsbürgern, Scientology und anderen Sekten und sektenähnlichen Vereinigungen. Die Ursprünge liegen in aller Regel in solchen selbstgebastelten Blasen, die dann beim Aufgehen in solchen Vereinen in einer regelrechten Gehirnwäsche endet. Abgegriffen werden die meisten natürlich in einer persönlich schwierigen Zeit, in denen vielleicht der zwischenmenschliche Halt fehlt. Diesen scheinen dann die Seelenfänger geben zu können und haben meist doch nur wieder materiellen Hintergrund. Das ist auch der Grund, weshalb in wirtschaftlich/gesellschaftlich rauhen Zeiten solche Dinge starken Zulauf haben (und partiell auch die Kirchen).

        Frei im Denken sind solche Menschen jedenfalls definitiv nicht, denen fehlt nämlich meist schon die Zeit, um wirklich Gedanken zu entwickeln.

        Aber ich will Dir Deinen guten Text nicht zerquatschen, der jede Menge sinnvoller und ausbaufähiger Ansätze enthält. Philosophie wird sich daran messen lassen, ob sie kritisch und selbstkritisch im Wandel der Zeiten in der Lage ist, sich als Wissenschaft zu behaupten. Da bin ich jedoch guter Dinge. Das tut sie, seit es Nachdenken im tieferen Sinn überhaupt gibt und solange es solche bereits in jungen Jahren reflektierende Menschen wie Dich gibt…

        …auf neue Texte bin ich schon gespannt, auch als Passiv-Leser, aber bitte nicht das Studium schleifen lassen;-)

        Adorno würde sagen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

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        • Ich kenne und verstehe die Argumente zu Verschwörungstheoretikern und Esoterikern, ich sehe auch die Probleme. Dennoch halte ich eben auch das vorschnelle Abschieben von Menschen in diese Kategorien für problematisch, was eben leider auch da geschieht, wo tatsächlich rational gedacht wird (wie mein Beispiel mit Byung-Chul Han deutlich machen sollte). Und wo fängt Esoterik z.B. an? Yoga, Pflanzenheilkunde, „fernöstliche Philosophie“ – sind das gefährliche Sekten? Wie esoterisch ist Platons „Timaios“ oder Schopenhauers Willensverneinung? Es ist so einfach nicht und so sehr ich die Aufklärung und die Emanzipation von der Kirche gutheiße – die Emanzipation von Dogmen überhaupt ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Ich versuche einfach, meine philosophische Skepsis auch auf die Skepsis selbst auszuweiten, vor allem da, wo sie nur ein bestimmtes Objekt (v.a. die Religion, sozusagen der Erbfeind des kritischen Denkens) im Blick hat und sich selbst dabei zu bezweifeln vergisst (die Wissenschaft muss sich immer wieder auch selbst kritisieren). Aber das wären alles auch noch Ansätze für weitere Texte und ich höre jetzt besser auf, denn derzeit spannt mich das Studium tatsächlich mehr ein, weshalb hier auch so wenig auf dem Blog passiert ist die letzte Zeit. 😉
          Ich freue mich über dein Interesse!
          Beste Grüße
          Anna

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        • Hallo Siewurdengelesen.

          Zitat: „Freigeister/Freidenker haben ihren Ursprung in einer Zeit, als…“

          Freidenker und Freigeister haben keinen Ursprung, keine Linie, keinen „Guru“ oder sonst einen Ursprung oder eine Struktur.

          Der Freidenker gibt sich (selbst !) einfach die Erlaubnis, über ALLES nach- und vor-zudenken, wonach ihm der Sinn steht. Das macht ja gerade einen Freidenker oder Freigeist aus, daß er sich eben an nichts und niemanden orientiert, sich keiner (z.B. Frankfurter) Schule zugehörig oder verantwortlich fühlt, was ja seine Freiheit einschränken, zerstören würde.

          Übrigens steht der Freigeist über dem Freidenker.
          Der Freidenker ist nicht so frei wie sein Kollege 🙂

          Zitat: „(keine Denkverbote) weil dem „Denken“ weder etwas verboten ist noch hat es Grenzen – es ist immer „frei“…“

          Stimme zu: Denkverbote gibt es nicht, nur Rede- und Text-Veröffentlichungs-Verbote kann es geben. Selbst ein (im Wortsinne) „Schreibverbot“ wäre wohl schwer durchsetzbar.

          Zitat: „Denkverbote erteilt sich höchstens der Denkende selbst“

          Nur ist er dann kein Freidenker / Freigeist (mehr).

          Ein Freidenker kann allerdings nur dann wirklich frei denken, wenn ihm auch seine Konditionierungen bewußt sind. Das aber setzt ein sehr hohes Maß an Bewußtheit und außerdem auch noch Mut zur Wahrhaftigkeit voraus. Damit schränkt sich ihre Zahl schon erheblich ein 🙂

          Denn alles was wir internalisiert haben (z.B. der gesamten Moral-Komplex) ist nicht von uns selbst, ist nicht aus unserer Freiheit heraus entstanden, sondern wurde uns von Außen angeliefert.

          Zitat: „will Dir Deinen guten Text …, der jede Menge … ausbaufähiger Ansätze enthält…“

          🙂 Ja, Philosophie ist nicht das Reden um des Redens willen, sondern die unbedingte Bereitschaft zur Weisheit.

          Klarheit ist ein wichtiges Kriterium, also auch die Reduktion auf das Wesentliche und Verständliche.

          Philosophie ist
          Freigeistigkeit.

          (andernfalls handelt es sich vielleicht um Belletristik, aber nicht um Philosophie)

          Schönen Frühling,
          Nirmalo

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  4. Es lohnt sich, immer mal wieder hier rein zu schauen.
    Bemerkenswert finde ich die Situationsbeschreibung:

    Das Denken muss und kann sich nur selbst befreien. Jedes Ich, das denkt, kann sich nur selbst befreien, denn es liegt in eigenen, geistigen Fesseln. Doch hat es sich diese Fesseln nicht in jedem Fall selbst angelegt. Die Fesseln eines Ichs sind verbunden mit denen eines anderen Ichs, mit denen vieler anderen. Jeder einzelne Geist liegt in Fesseln und alle Geister sind untereinander verbunden durch ein Netz von Fesseln. Daher fürchten sie auch so sehr die geistige Verbindung, den Geist der Vielen. Denn sie kennen diese Verbindung nur als Gefangenschaft, nicht als Freiheit.

    Daher liegt das Geistige im Dissenz, zieht sich auf sich selbst zurück und lauert argwöhnisch auf die Gefahr fremder Gedanken. Dabei ist das, was man da in sich sieht nicht das Eigene. Es ist die normierte Gedankenwelt eines Macht- und Herrschaftssystems, das sich zuerst in den Köpfen der Menschen findet um dann nach außen zu wirken.
    Der Weg der Menschen zu dem, was von Haus aus wohl in jedem von ihnen schlummert, nämlich dem Philosophen, ist noch weit und muss vom fremd Bestimmten befreit werden. Das geht nur durch sich selbst und das größte Hindernis es anzugehen ist – die Angst.

    Herzliche Grüße, ped43z

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    • Besten Dank für den Kommentar. Stimme völlig zu. Das große und reale Problem ist, dass die Menschen ihnen fremde und aufoktroyierte Gedanken- und Herrschaftsgefüge als die eigenen empfinden und sogar noch vehement als solche verteidigen. Und ich denke auch, die Angst ist es, die dem Zweifel daran im Wege steht, auch die Angst, sich selbst zu verlieren.
      Schöne Grüße!

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  5. Anna: „Ist die Philosophie nicht das Höchste?“

    Nein. Philosophie ist nicht das „Höchste“.

    Wenn wir die Philosophie nur nicht verunglimpfen, ist sie schon „hoch“ genug. Wenn wir nur das äußern, was die (der (echten !) Philosophie immanenten) entscheidenden Kern-Werte passieren kann, ist schon viel gewonnen.

    Unterhalb dessen handelt es sich um einen zu hohen Anteil an Luftpolsterung, um zu wenig Essenz. Dann handelt es sich um unverbindliche Belletristik, um elaboriert klingende Trivialliteratur, aber nicht um Philosophie.

    Philosophie ist nicht
    das Absondern von
    Geräuschblasen.

    Anna: „Das philosophische Ich muss sich aus dem Netz der Gefangenschaft herauslösen“

    Ein „philosophisches Ich“ gibt es so wenig wie ein „dachdeckendes“, ein „putzendes“ oder ein „gärtnerndes Ich“. Ego ist Ego – egal wo und wie es sich zeigt.

    EGO = ist unbewußte Identifizierung mit einem Persönlichkeitsbild.

    In der Philosophie geht es um Weisheit.
    Dort hat das Ego per se nichts verloren.

    Anna: „auch wenn es bedeutet, sich aus der Gemeinschaft der Gefangenschaft herauszulösen“

    Das ist der Grund, warum es so wenig „frei denkende…“ gibt: Für autonomes Denken braucht es Eier: „Sapere aude!“, denn…

    Die Reputation könnte flöten gehn 😉

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  6. Anna: „Muss alles nützlich sein?“

    Eine erste Unterscheidung zwischen…

    A – Wesentlichem / Bedeutendem (immateriell)
    B – Nützlichem (materiell)

    …kann schon nützlich sein. Weitere Differenzierung:

    B1 – Wichtiges
    B2 – Nützliches
    B3 – Unterstützendes –
    B4 – Belangloses
    B5 – Schädliches

    B1 – Wichtiges (Beispiele: Leben, Nahrung, Freiheit, Wohnung Teilhabe, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Möglichkeiten der Selbstentfaltung, Weisheit)

    B2 – Nützliches gehört zum Materiellen, es fördert unseren Wohlstand. (Beispiel: Der gesamte Produkt-Bereich von Wirtschaft und Handel) Achtung: Nicht alles Nützliche ist gleichzeitig auch wichtig und: Nichts Nützliches ist bedeutend oder wesentlich.

    B3 – Unterstützendes hat keinen Wert an sich, sondern bezieht seinen Wert erst und nur im wert-untergeordneten Zusammenwirken mit dem Nützlichen. (Beispiel: Werkzeuge aller Art)

    Wichtiges, Nützliches und Unterstützendes sind ohne Bezug nicht denkbar.
    .

    A – Bedeutendes (oder Wesentliches) ist bereits immateriell. Es gehört auch nicht mehr dem Sozialen an. Wesentliches liegt an der Schwelle zum Geistigen, zum Geistlichen, zum Spirituellen. (Beispiele: Freude, Liebe, Vertrauen, Spiel, Mitgefühl, Wahrheit, innere Stille)

    Bedeutendes ist bezuglos. Es kann auf einfache Weise (mit-)geteilt werden. Alles andere, alles, was kompliziert klingt, ist v i e l l e i c h t nützlich, aber nicht bedeutend.

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  7. Anna sagt: „Die Philosophie wird sich den Titel des „Höheren“ verdienen müssen. Und erst da verdient haben, wo es ihr gelingt, den Menschen zu erhöhen.“

    1. Die Philosophie ist keine Dienerin, sie muß sich nichts verdienen.

    2. Nur das Ego ist an „Höherem“ interessiert und nur das Ego ist an Titeln interessiert, aber nicht die Wahrheit, nicht die Weisheit und auch nicht die Liebe – also auch nicht die Philosophie.

    Sich der Weisheit zu öffnen, reicht völlig aus. Dabei nur nicht vergessen, das Ego in den Hintergrund zu stellen: Es versperrt ihr sonst bräsig die Tür 😉

    3. Die Philosophie ist kein Hebel, mit dem irgendjemand erhöht werden könnte oder sollte. Philosophie ist kein Objekt, mit dem man überhaupt… etwas hebeln könnte.

    Philosophie = ist die individuelle Bereitschaft zur Öffnung für Weisheit.

    Daß sich etwas verändert, je mehr Menschen sich für Wahrheit, Liebe und Weisheit öffnen, steht auf einem anderen Blatt. Das nennen wir dann einen… Nebeneffekt.

    Und wer immer sich der Weisheit öffnet, ist a priori philosophisch tätig – ob er davon weiß oder nicht.

    Weisheit ist nun mal (leider?) keine akademische Profession.

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  8. Endlich habe ich mal Zeit gefunden mir diesen Beitrag mal in Ruhe durchzulesen. Bin mal drüber gestolpert und fand die ersten Sätze bereits sehr interessant. Braucht das „An sich“ einen Nutzen? Diese Frage kam in den letzten Tagen immer wieder hoch. Sehr schön auch die Erklärung des Wertes der Freiheit. Dieser Wert ist gar nicht hoch genug zu schätzen.

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  9. Ein sehr schöner Beitrag über die Freiheit! Auch den Satz, dass Philosophie die Bereitschaft zur Weisheit wäre finde ich sehr schön. In Platons 7. Brief gibt es eine Beschreibung, die ein Ereignis schildert, das nach langer Zeit philosophischen Bemühens sehr plötzlich eintreten kann und es heißt da, es wäre so wie sich plötzlich aus einem Funken eine Flamme entwickelt. Erst wenn man hinter das Geheimnis kommt was es damit auf sich hat, wird man Weisheit gewonnen haben und die volle Tragweite des Begriffes Freiheit erfassen können.

    Aristoteles hat, obwohl er 17 Jahre in Platons Akademie gewesen ist, dies plötzlich entstehende persönliche Ereignis nie selbst erlebt. Wahrscheinlich war er zu sehr mit dem Aufschreiben seiner eigenen Philosophie beschäftigt.

    Herauszufinden was dieses Ereignis ist, dahinzukommen es selbst zu erleben, ist m. E. das Ziel der Philosophie – und dieses Ziel besteht natürlich darin Weisheit zu gewinnen.

    Platon hat dieses Geheimnis nicht schriftlich niedergelegt, weil er wusste, dass es nur für sehr fortgeschrittene Philosophen hilfreich gewesen wäre, aber für anderes Publikum unverständlich bleiben würde.

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