Über Moral

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Moral mit der Peitsche. Abbildung: Caravaggio – Tempelreinigung

„Moral“ ist ein problematischer Begriff. Alle sind sich einig darüber, dass das, was moralisch ist, zu begrüßen sei, das Unmoralische dagegen nicht. Bloß über die Beschaffenheit des Moralischen ist man sich uneinig. Kriege werden im Namen der Moral und gegen die Unmoral geführt. Jeder Krieg ist moralisch legitimiert – die kriegsführende Partei tut es selbstverständlich aus moralischer Notwendigkeit heraus. Wie sonst die Unmoral wirkungsvoll beseitigen?

Moral gilt auch als Zeichen von Menschlichkeit, sie ist die dem Menschen eigentümliche Eigenschaft – neben der Vernunft freilich, die daher gerne mit ihr in einem Atemzug genannt wird. Der unmoralische Mensch aber gilt nicht mehr als Mensch – und er verdient also auch keine Moral und keine Menschlichkeit. Moral ist etwas explizit Menschliches, im Menschlichen findet sie Anwendung. Darüber hinaus aber darf auch der Mensch unmoralisch sein, er darf frei sein, frei von Moral. Mehr noch, es ist moralisch im Außermoralischen unmoralisch zu sein – wie auch nicht?

Moral, Ethik oder deutsch „Sittlichkeit“ – all diesen Begriffen ist gemein, dass sie bereits vor Anwendung alles moralischen Relativismus schon selbst zutiefst relativistisch sind. Moral ist eigentlich keine Frage von Gut und Böse, wie Nietzsche richtig herausstellte. Sie ist eine Frage von Richtig und Falsch, auf das Tun bezogen. Was aber richtig und falsch ist, das entscheidet – was das Feld des Moralischen angeht – keine göttliche Instanz oder intuitives Wissen, sondern – die Gewohnheit.

„Gewohnheit“ ist schlicht die ursprüngliche Übersetzung von „Moral“, „Ethik“, „Sittlichkeit“ (mos, ἔθος, site). Sie bedeuten alle das Gleiche, vor aller ideologischen Verklärung und Kanonisierung. „Moralisch“ handelt, wer tut, was alle im sozialen Umfeld schon so lange tun, dass sie sich daran gewöhnt haben. Moralisches Tun ist gewohnheitsmäßiges Tun. Moralisches Tun ist, ganz wörtlich genommen, normales Tun. Normal und normativ unterscheiden sich nicht in der Moral, auch wenn sie so tun mögen. Was normal ist, ist normativ, was normativ, normal. Moral ist das soziale Band, das eine Gemeinschaft zusammenhält. Moralisch richtig ist, was dem üblichen Tun der Gemeinschaft entspricht, moralisch falsch, was ihr widerspricht. Wer unmoralisch handelt, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Moral verfolgt nicht den Zweck eines idealischen „Guten“, sie verfolgt allein den Zweck ihrer eigenen Erhaltung, der Aufrechterhaltung der sozialen Verbindung. „Moralisch“ ist der Raum der Zwischenmenschlichkeit, der Menschen im Alltag aneinanderkoppelt (vgl. Watsuji). Moral ist zunächst einmal noch kein Gesetz, sondern ein Band. Sie schafft erst einen Verbund von Menschen, bindet zusammen, was ohne sie zerfallen würde. Sie entscheidet über den Handlungsspielraum des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft, darüber, wie weit der Einzelne sich bewegen kann, ohne hinauszufallen.

Das Band der Moral kann zweierlei Charakter haben. Eine disziplinarische Zwangsmoral fesselt den Einzelnen mittels Gewalt und schwerer, stählerner Bänder an den Anderen, und an ihr ehernes Gesetz, das sich als solches längst verselbständigt und die Gemeinschaft überstiegen hat. Innerhalb der Zwangsmoral wird am Gängelband des Einzelnen beständig gezogen, ohne das er selbst ziehen darf. Das moralische Band ist nicht flexibel, sondern hart und unnachgiebig.

Freie Moralität hingegen bedeutet nicht eine Kappung der Bänder, sondern einen Wechsel ihrer Qualität und Funktion. Das freie Band hat sich hin zur Leichtigkeit verflüchtigt, es lässt dem Einzelnen als Einzelnem Spielraum, es bindet ihn zwar, in Verantwortung, aber es fängt ihn auch, als Netz, mühelos auf. Die Moral hat sich hier nicht als Gesetz verfestigt und aus der Gemeinschaft selbst extrahiert, und über sie transzendiert, sondern geht in ihrer reinen, tätigen Immanenz auf.

Moralische Bänder lassen sich externalisieren und kontrollieren. Moralische Bänder dienen auch als Zügel zur Steuerung einer Gemeinschaft. Wem es gelingt, zu kontrollieren, was als richtig und als falsch gilt, über Moral und Normalität zu bestimmen, der hat keine weiteren Mühen seine Interessen durchzusetzen, da er den Menschen in seinem genuinen Mensch-Sein – und in dessen Verständnis von Mensch-Sein – bestimmt. „Menschlichkeit“ ist kein immanenter Wert der Zwischenmenschlichkeit mehr, er wird nunmehr definiert und gesetzt durch eine äußere Kraft, die sich selbst als „übermenschlich“ begreift – und dabei notwendigerweise unmoralisch werden muss. Die Gemeinschaft kennt fortan zwei Arten von Unmenschlichkeit: jene der äussätzigen Untermenschen, die es auszuschließen und niederzutreten gilt und jene der Übermenschen, die ihr als vollkommenere und höhere Form von Mensch erscheinen. Und erscheint der Übermensch auch manchmal unmoralisch, was versteht schon der gemeine Mensch davon? Mag auch der gemeine Mensch moralisch sein – das ist er ganz gewiss – der Übermensch ist sicher moralischer, wie auch sonst? Der Übermensch transzendiert nicht nur die Gemeinschaft, er transzendiert auch die Moral. Wer über die Moral bestimmt, kann der etwa auf gleiche Weise moralisch sein wie die Moralischen? Muss er nicht über der Moral stehen, die Moral selbst verkörpern? Die Moral ist eine Sache des gemeinen Menschen – an diese Moral hat sich der Mensch gewöhnt.

Der Mensch hat sich gewöhnt zwischen Mensch und Mensch zu unterscheiden. Nicht jeder Mensch ist Mensch. Nur der, welcher die Moral der Unterscheidbarkeit anerkennt. Der anerkennt, dass es Menschen gibt, die mehr Mensch sind und folglich solche, die weniger Mensch sind. Die externalisierte Moral, die sich über den Menschen erhebt, erhebt sich über die Menschlichkeit als solche. Die Menschlichkeit ist nunmehr eine nach Maß und Norm. Sie genügt nicht sich selbst, ist nicht zufrieden, bei sich zu sein, sondern strebt danach, einem Muster, einer Form, einer Idee gleichzuwerden – jener Idee der Übermenschlichkeit, die das eigentlich Menschliche negiert, indem sie das Außermenschliche propagiert.

Wir begreifen Fragen von Moralität und Ethik heute immer noch als Fragen von Gut und Böse. Wir haben uns lange daran gewöhnt. Das Christentum ist zwar als Dogma zugrundegegangen, als Moral wirkt es immer noch fort (vgl. Nietzsche, Genealogie der Moral, KSA 410) – ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Unsere heutige Moral ist ein Rudiment der lange angeeigneten christlichen Moral. Ihre Einkleidung hat sie verloren, sich säkularisiert – ihren Wesenskern dabei aber nicht verändert.

Wir verwechseln die christliche Moral von „Gut und Böse“ mit etwas Anderem. „Gut“ ist ein diffuser Begriff für uns, doch wir verstehen darunter häufig, frei zu sein, glücklich, friedlich, lebendig – menschlich. „Böse“ hingegen – wir verwenden diesen Begriff selten und doch meinen wir ihn oft – ist das Gegenteil von Gut, es bedeutet Gewalt, Krankheit, Angst, Leiden. „Böse“ ist, wer dies befördert, „gut“, wer sich dem Bösen widersetzt, wer es ablehnt, welcher das Gute lebt und fördert. Diese Auffassungen von Gut und Böse aber sind nicht gleichzusetzen mit moralischen Eigenschaften, bzw. Nicht-Eigenschaften, ganz im Gegenteil. Moral ist beliebig, relativ, die genannten Bestimmungen aber sind es nicht. „Gut“ und „Böse“ sind moralische Kategorien, deren tatsächlicher Inhalt variiert und ganz und gar nicht mit den obigen Auffassungen übereinstimmen muss. „Gut“ und „Böse“ sind Kategorien einer externalisierten Moral. „Gut“ ist der, der ihre Regeln befolgt, der die Zügel der Moral nicht als solche begreift, sondern bejaht. „Böse“ ist der, welcher das Gegenteil tut und sie infrage stellt.

Wir glauben häufig noch, Gut und Böse seien universale Bestimmungen, wir meinen, es gäbe eine Moral „an sich“, Moralität sei allgemein. Doch sie ist es nicht, und Gut und Böse als Kategorien sind es ebenso nicht, wenn sie an die Moral gekoppelt werden. Sie werden erst zu universalen Bestimmungen, wenn wir sie der Moral entkoppeln, und hier werden sie ganz und gar unmoralisch. Sie werden un- oder außermoralisch in dem Sinne, dass sie als lebensbejahende oder lebensverneinende Kräfte erst die Grundlage aller Moral bilden, d.h. Basis und Ausgangspunkt konkreter, relativer und gewohnheitsmäßiger menschlicher Handlungsweisen sind. Wenn wir von Gut und Böse im Duktus der Moral sprechen, vermischen wir diese zwei Ebenen: Einerseits meinen wir „gut“ im Sinne von lebensbejahend, den Fortbestand von Leben befördernd – ganz allgemein und kaum greifbar. Andererseits meinen wir „gut“ im spezifisch moralischen Sinne: Nicht als Bejahung des Lebens an sich, sondern des Handlungsrahmens, des spezifischen moralischen Gefüges, dem wir als Einzelne in der Gemeinschaft angehören. „Gut“ im Sinne einer bestimmten Gemeinschaft und ihrer besonderen Moral ist nicht gleichzusetzen mit „gut“ im Sinne einer allgemeinen Lebensbejahung und der Ablehnung seiner Zerstörung. Weil aber dieser universale Begriff des Guten so allgemein und unspezifisch ist und weil wir gleichzeitig erkennen, dass er uns fern ist und dass wir kein gutes Leben führen, suchen wir im Moralischen nach konkreten Handlungsanweisungen, von denen wir uns versprechen, dass sie uns ihm zuführen.

Die immanente, freie (und aktuell gewiss utopische) Moralität ist eine, die die Moral vergessen hat. Sie ist dadurch charakterisiert, dass sie die Frage nach dem Guten nicht stellt, es nicht problematisiert. In der freien Moralität ist die Moral das spezifische Sein der Gemeinschaft und als solche Ausdruck des allgemeinen Seins, des Lebens. „Gut“ und „gut“ sind sich gleich, das Prinzip der Lebensbejahung findet konkreten Ausdruck in der besonderen Lebensweise als lebensbejahender Lebensweise. „Menschlichkeit“ entspricht dem konkreten Mensch-Sein. Das besondere „Wie“ der Lebensführung ist dabei nicht entscheidend, bloß sekundär. Die Gemeinschaft hingegen, die ihre Moral externalisiert hat, hat diese Entsprechung verloren. Ihr Verständnis von Menschlichkeit hat sich in Unter-, Mittel- und Übermenschlichkeit gespalten. Eine außermoralische Instanz, die der Übermenschlichkeit, legt fest, was moralisch, was menschlich ist. Ihre Festlegung ist das moralische Gesetz. Der Übermensch hat die Menschheit damit an die Leine gelegt. Gebogen und geformt wird mit Honig, gezüchtigt wird mit der Peitsche, und trösten kann sich der Mensch, der Mittelmensch, damit, dass er den Untermenschen zum Ausgleich so viel peitschen darf wie er will. Die einfachen Bestimmungen von lebensbejahend und lebensverneinend haben sich aufgelöst in einer verselbständigten, expliziten, auswüchsigen Moral, welche mit ihren moralischen Kategorien alleinigen Anspruch darauf erhebt. In dieser veräußerten, verunmenschlichten Moral sucht der mit Honig verklebte Mittelmensch nach dem Leben und wundert sich, dass er es nicht findet. Und er versucht selbst Gesetze und Prinzipien aufzustellen, er ahmt nach, sucht innerhalb der Moral nach dem „eigentlich“ Moralischen, nach dem „An sich“ des Moralischen, nach der einen Vorschrift, nach der einen Formel, die doch noch funktioniert, die, regelmäßig angewandt und fleißig befolgt, ihm doch noch ein glückliches, ein menschliches Leben bescheren wird. Aber er sucht nicht dahinter, er hinterfragt die Moral nicht, sieht ihren relativischen Charakter nicht, sieht nicht, dass sie als eine Moral der Spaltung genuin lebensverneinend sein muss. Dass im falschen Leben kein richtiges möglich ist (Adorno). Oder genauer: Dass dort, wo die Verneinung, die Erniedrigung und Zerstörung des Lebens zum Prinzip wird, kein Leben möglich ist.

Und der Übermensch? Er ist der Herr aller Zeitalter, mit tausend Gesichtern. Er war und ist König, Kaiser, Papst, Patriarch, Gott, Vater, Führer, Präsident, Chef, „Machthaber“. Er ist derjenige, der außerhalb der Moral steht, die Moral transzendiert, die Moral schafft. Er sieht sich vergöttlicht, verwirklicht in seiner Stellung. Er hat es geschafft, die Moral zu übersteigen, aus ihr auszusteigen, das ist sein Begriff von Fortschritt. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft ist ihm nicht Verdruss, sondern Vergnügen. Er glaubt, in ihm sei die Menschheit zu sich selbst gekommen, indem sie über sich hinausgekommen ist. Er glaubt, er sei mit seinen Taten Motor des Lebens, seine Triebkraft, er glaubt, er sei Herr über den Krieg des Lebens und Vater aller Dinge. Er glaubt, durch sein Prinzip der Spaltung und immerzu fortwährende Teilung entstünde nicht Krebs, nicht Tod, sondern Wiedergeburt, Erneuerung, ein Höher, ein Besser, ein Näher an der Spitze der Welt. Die Spitze ist sein Ziel und seine Methode. Um selbst Spitze zu werden, spaltet und zersplittert er alles auf seinem Weg – und fühlt sich bestätigt. Bei alldem sieht er nicht, dass er die Verbundenheit des Lebens nicht aufheben kann, dass seine Kraft und Macht Illusion ist, dass er durch sein Wegbeißen aller Verbindung sich selbst immer kleiner, dünner und schwächer macht. Der „Übermensch“ – er fühlt sich göttlich in seiner Unmenschlichkeit und versteht nicht, dass es keine Menschlichkeit im Außermenschlichen geben kann, dass er aber trotz allem Mensch bleibt und sich selbst erniedrigt und verachtet, wenn er den Menschen erniedrigt und verachtet. Er selbst hat ihn erst verächtlich und dumm gemacht, den „Mittelmenschen“. In seiner Kleinheit hat er sich die anderen Menschen ganz klein gemacht, um sich größer fühlen zu können. Es ist nicht bloß das Leben des Mittelmenschen, das er verneint, es ist sein Leben. Doch er glaubt, er folge dem Plan Gottes oder „bejahe“ das Leben in seinem Willen zur Macht.

Er hat die Moral geschaffen, er hat sie dem Leben entfremdet und er hat diese lebensfremde Moral zur Lebensformel an sich ausgerufen, um sein Machtstreben zu legitimieren. – „Aber, aber“ werden einige „Realisten“ vielleicht anmerken, „das Leben ist doch nicht friedlich, freundlich, immerzu harmonisch! Man sehe sich doch das Leben da draußen an! Es ist Krieg, Tod, Zerstörung, es ist Ernst, Leiden, Krankheit, Verderben! Wir können froh sein, dass wir moralisch so weit fortgeschritten sind, diese ursprüngliche Barbarei zumindest annähernd im Griff zu haben!“ Wirklich? Ist das Leben? Erhält sich das Leben etwa durch Zerstörung? Oder greift hier unsere Moral in den Köpfen, die über-menschliche, über-natürliche Moral? Ist die Realität „gottgegeben“ oder doch menschlich geschaffen? Natürlich gäbe es ohne Teilung als Prinzip kein Leben, keine Vielfalt, keinen Wandel, keine Veränderung, keine Dynamik, keinen Fluss – und auch keinen Bestand. Aber bei aller Dynamik, bei aller ungreifbarer Wandelbarkeit des Lebens: das Leben ist, es ist durch seine Teile, die sind. Sie vergehen und sie bestehen nicht, aber sie sind. Nicht die Teilung hält das Leben zusammen, hält seine Teile am Leben, sondern die Verbindung. Diese geht der Teilung voraus und wo die Teilung alleine herrscht, folgt der gewaltsame, abrupte Tod, wo ein erfüllter, friedlicher möglich gewesen wäre. Krieg und Zerstörung sind nicht gleichzusetzen mit dem Prinzip der Teilung an sich, sie sind extreme Formen der Teilung, die ihre Abhängigkeit von der Verbundenheit hartnäckig verleugnen. Leiden, Krankheit und Gewalt gehören dem Leben an, sie sind aber nicht Prinzip des Lebens. Es ist die Teilung als solche, die Leben hervorbringt, nicht die Zerstörung.

„Aber gut! Den Übermenschen also einfach abschaffen, um alles wieder herzurichten? Schließlich ist er ja schuld, ist er allein verantwortlich. Bringen wir sie also zur Strecke, unsere Herren, unsere Unterdrücker, unsere ‚Klassenfeinde‘!“ – Welch vorbildlich moralisches Denken! Der Übermensch ist aber leider keine konkrete Person, er ist Ideologie. Die Ideologie der Übermenschlichkeit, der Spaltung des Menschlichen findet sich an allen Stellen innerhalb der Gemeinschaft. Der am meisten Erniedrigte, der Äussätzige verteidigt sie noch und fühlt sich als Herr in seinem Klein-Klein, innerhalb seiner hierarchischen Schar der Erniedrigten. Und wo er selbst hier der Niedrigste ist, kann er noch seinen Köter treten. Innerhalb der Ideologie der Übermenschlichkeit ist jeder Übermensch, ist jeder Mittelmensch, ist jeder Untermensch. Selbst die Alpha-Männchen in ihren Privatjets der unbegrenzten Möglichkeiten bekämpfen noch in sich den imaginierten Untermenschen.

Keine Moral, keine Ideologie wird den Wandel bringen. Die „richtige“ Moral ist die, welche sich selbst aufgehoben hat, welche sich nicht behaupten muss, welche sich nicht erkämpfen muss, besser zu sein als andere. Wo wir die Moral nötig haben, sind wir nicht „moralisch“ (sagen wir, und meinen menschlich, lebendig). Wo wir aber wirklich moralisch sind, sind wir frei von Moral in ihrer externalisierten Form. Wir sind nur. „Menschlichkeit“ ist kein Ideal der „Menschheit“, sie sind eins. Dazu müssen wir uns gar nicht anstrengen, gar nicht streben, sondern einfach loslassen und sein. Die Revolution im Innern ist viel bedeutender als die im Außen, sie allein hat Bestand, sie allein schafft Veränderung an der Wurzel der Probleme: der Struktur unseres Denkens, unseres Fühlens, unserer Weltauffassung.

(Anmerkung: Der Text ist stark inspiriert von Nietzsche, will aber keinesfalls eine Interpretation darstellen.)

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22 Gedanken zu “Über Moral

  1. Moral = ist ein Konstrukt, das den Zusammenhalt einer Familie, einer Gruppe, eines Stammes oder eines Landes begünstigen soll. Sie ist eine außergesetzliche, jedoch bindende Vorgabe. Moral ist ein regional-, gruppen- und/oder landes-gebundenes, also ein NICHT allgemein gültiges Konglomerat an Verhaltens-Regeln.

    In unserer Umgebung ist die Moral – zwar nicht nur, aber größtenteils – christkirchlich programmierten Ursprungs. Die Struktur dieser Moral hat uns – wie das im Tageslicht unsichtbare Myzel eines großen Pilzes – erfaßt und durchdrungen.

    Friedrich Nietzsche soll mal gesagt haben, das Christentum sei eine Herdenmoral.

    JEDE Moral ist eine Herdenmoral. Sie wird für die „Herde“ erfunden. Im Vor-Christentum wurde sie von Moses eingeführt. Sichtbares Zeichen waren die beiden Stein-Tafeln, auf denen die ersten Gebote eingeritzt worden waren. Moral ist eine vor-GESETZ-liche Instanz zur Zähmung.

    Der Moral gegenüber stehen (ungezähmt): Individualität, Spontaneität, Bewußtheit, Autonomie, Freiheit, Achtsamkeit, Lust & Liebe. Der größte Feind der Moral ist nicht die Unmoral (sie ist selber Teil der Moral), sondern die Liebe. Liebe ist ihrer Natur nach amoralisch; sie ist nicht handhabbar.

    Liebe ist anarchisch. Sie ist – anders als eine Moral – Orts-, Zeit- und Gesellschafts-unabhängig. Sie ist unbezähmbar, unstrukturierbar, spontan und immer authentisch.

    Bewußtheit ist ein weiterer Feind jeder Moral. Ein bewußt lebender Mensch ist kein Kunde irgend einer Moral.

    Henry Miller sagt: „Die Moral ist für Sklaven geschaffen, für Wesen ohne Geist.“

    Der Moral muß aber auch ein Lob ausgesprochen werden! Sie wird gebraucht, solange die nötige Reife in einer Gesellschaft nicht vorhanden ist und zumindest ein Großteil z.B. der Kerle versucht, der Verantwortung aus dem Weg zu gehen.

    MORAL ist eine „orthopädische“
    Stütze für die unbewußte Masse.

    Eine hilfreiche Unterstützung für den Teil der Menschen, die für ihr zwischenmenschliches Verhalten äußere Richtlinien benötigen. Sie ist für Menschen, die sich in ihrem Verhalten, bezüglich ihres Reifegrades vorwiegend unterhalb der Erwachsenen-Ebene (4) bewegen.

    Spätestens mit Einbruch der Geistigen Reife des Weisen (6) verliert die Moral als unterstützende Konstruktion ihre Relevanz. Nun können wir uns dankbar von ihr verabschieden. Sie kann gehen.

    Grüße*
    von Nirmalo

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    • Hallo Nirmalo, besten Dank für deinen Kommentar, so sehe ich es eigentlich auch. Bloß würde ich der Moral nicht unbedingt die Individualität alleine entgegenstellen, ich fürchte, das ist recht „westlich“ gedacht. Ich denke, der Mensch braucht individuelle Freiheit, aber er braucht ebenso Bindung an die Gruppe. Wie sonst ist Liebe möglich, als Zwischenmenschliches? Diese darf und kann aber natürlich keine Zwangsbindung sein. Ich finde es schön, wie du die Liebe als anarchisch beschreibst, das ist sehr passend. Nietzsche hat es (wenn ich mich recht erinnere) so gesagt: „Liebe ist immer schon jenseits von Gut und Böse“.
      Viele Grüße
      Anna

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      • Anna: „Bloß würde ich der Moral nicht unbedingt die Individualität alleine entgegenstellen“

        Hallo Anna,
        neben der Individualität hatte ich noch sieben (!) weitere wesentliche „Elemente“ genannt, die durch die keine Moral zu bändigen sind.

        Was von Außen gebändigt werden kann (soweit internalisiert, geschieht das bereits durch uns selbst) ist der Körper, die Psyche, das Denken und das Handeln.

        Anna: „Ich denke, der Mensch braucht individuelle Freiheit“

        Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig davon manche/viele Menschen recht zufrieden dreinschauen 🙂

        Anna: „der Mensch braucht … ebenso Bindung an die Gruppe“

        Ein Mensch braucht die (feste) Bindung an eine Gruppe, ein anderer braucht nur eine Gruppe und wieder ein anderer braucht gar keine Gruppe. Allenfalls ein sporadisches und (zwang)loses sich-beziehen. Vielleicht sogar ohne „brauchen“. Es ist eine Frage der (Geistigen) Reife.

        Anna: „der Mensch … braucht … Bindung … Wie sonst ist Liebe möglich, als Zwischenmenschliches?“

        Liebe kennt keine (Vor-)Bedingungen. Sie geschieht einfach. Liebe „braucht“ nicht. Liebe kennt keine Bindung – sie ist anarchisch.

        Unser Handeln können wir – wie einen Körper – in ein Korsett schüren, aber nicht die Liebe.

        Anna: „Wie sonst ist Liebe möglich, als Zwischenmenschliches?“

        Was du hier vermutlich meinst, sind Wünsche, Erwartungen, Sehnsüchte, auch die nach Ausschließlichkeit (Treue, Eifersucht), und nach Beständigkeit. Das alles sind Bedürftigkeiten.

        Bedürftigkeiten sind menschlich,
        haben aber nichts mit Liebe zu tun.

        Anna: „Liebe ist immer schon jenseits von Gut und Böse“

        So is.

        Lieben Gruß.
        Nirmalo

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        • Ich meinte hier „Liebe“ nicht als „Bindung“ im Sinne von ängstlicher Klammerung, „Bedürftigkeit“, weil man sich selbst als Individuum nicht genug wertschätzt, sonst verloren ist. Ich meinte keinesfalls romantische, sehnsüchtige Liebe. Da würde ich dir völlig zustimmen. Ich denke einfach allgemein, dass es Balance braucht, Verbundenheit innerhalb des sozialen Gefüges gehört dazu, ebenso wie die Wertschätzung des Eigenen, das Vertrauen in das individuelle Selbst.
          Ist Liebe kein Bedürfnis? Kein Grundbedürfnis wie Nahrung oder Schlaf? Ich denke, das ist sie sehr wohl. Sie geht ja nicht in der romantischen Liebe auf. Was tun etwa Kinder ohne elterliche Liebe? Sind sie nicht ihrer bedürftig? Alle Menschen sind Kinder gewesen, auch Individuen. Und Liebe sucht das Individuum auch noch über das Soziale hinaus, vielleicht vor allem da, wo es sie im Sozialen nicht findet (was nicht selten passiert), in der Liebe zur Kunst, zur Musik, zur Natur usw. All das ist Liebe in Verbundenheit.
          Wie du sagst, Liebe braucht nicht, aber Mensch braucht Liebe. 😉
          Beste Grüße

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          • Hi Anna,
            zumindest in der Philosophie sollten/müssen wir genauer hinsehen und folglich differenzierter sprechen. Nicht zu verwechseln mit elaboriert oder abgehoben. Es geht um klare Unterscheidung. Spontane Definitionen (nicht die von Brockhaus/Wikipedia/Nietzsche) können manchmal ebenfalls sehr hilfreich sein.

            Anna Torus UM 10:59 AM „Mensch braucht Liebe“

            Das mag ja sein. Nur befindet sich Mensch in diesem Moment nicht in Liebe, sondern in Bedürftigkeit.

            Befindest du dich im Schwingungsfeld der Liebe, ist keine Bedürftigkeit da. Bist du gerade im Feld der Bedürftigkeit, bist du bedürftig – nichts ist verkehrt. Für mich gilt natürlich das selbe: Befinde ich mich…

            Liebe hat nun mal die höhere Schwingung. Darum gehen Liebe und Treue nicht zusammen:

            Die Wurzel von
            Treue ist Angst.

            Der Wunsch nach Treue beruht auf Bedürftigkeit und letztlich… auf Angst.

            Liebe kennt
            keine Angst.

            Dein Thema ist hier die MORAL. Natürlich existieren Liebe und Moral ebenfalls in zwei verschiedenen Welten.

            Schönen Sonntagabend !
            Nirmalo

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  2. Kompliziertes Thema. Verständnisfrage: Externe Moral wäre, auf leeren Straßen an jedem Stopschild exakt zu halten, wie ein ängstlicher Fahranfänger? Internalisierte Moral dagegen, rücksichtsvoll fahrend sicher ankommen und dabei noch jemanden mitnehmen und für den kranken Nachbarn die Einkäufe transportieren? Das platonische Idealbild einer vernünftigen, nützlichen Straßenverkehrsordnung, der jeder freudig zustimmt. Allein, die durchsetzende Ordnung hat oft nicht die Zeit, die freudige Zustimmung zu erhandeln und nutzt lieber die übermenschliche Heiligung, und wird zur zwingenden Staatsgewalt. Wie krieg ich nur die vernünftige Liebe ins ungeduldige Herz jedes einzelnen richtig hereingeprügelt?

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    • Naja, der Mensch ist kein Auto. 😉 Ich denke, „gesunde“ Zwischenmenschlichkeit ist etwas so Selbstverständliches, und dabei so Feinsinniges und Konkretes, dass dabei äußere Instanzen völlig fehl am Platze sind. Es braucht keine „Regeln“ für das Menschlich-Sein (anders als im Straßenverkehr, wo Regeln keine moralische, sondern allein pragmatische Funktion haben). Man verhält sich aufrichtig menschlich oder tut es nicht. Moralische Regeln (ich habe es externalisierte Moral genannt) werden erst „nötig“, wo die Zwischenmenschlichkeit durch strukturelle Mangelerscheinungen (an Grundbedürfnissen, vor allem an Liebe und Hoffnung) gestört ist, wo sie vielleicht kaum noch zustande kommt. Aber ist die Moral erst einmal veräußerlicht, ist sie sich selbst entfremdet. Sie wird zu einem Fremdkörper im Menschlichen, der bloß dazu dient, den Schein der Menschlichkeit zu wahren. Ich denke, wir leben in einer Gesellschaft der entmenschlichten Strukturen, werden in eine solche hineingeboren. Die Gesellschaft, wie sie ist, ist aber die einzige, die wir als „menschlich“ kennen und wahrnehmen. Daher die Diskrepanzen darüber, was „menschlich“ heißt, ob der Mensch nicht von Natur aus böse ist (hier wirkt auch wieder die christliche Prägung fort: der Mensch als „Sünder“). Und eine Moral, die von der Menschlichkeit entkoppelt ist, lässt sich nach Gutdünken formen und verändern von solchen, die meinen davon einen Vorteil zu haben. Was sie dann als Moral „hineinprügeln“, kann mit Liebe und Vernunft nichts gemein haben, sondern sich bloß als solche tarnen. Sie wird zur Doppelmoral: Von Herr und Sklave.
      Aber die Moral ist natürlich ein sehr weites Feld und ich habe hier lediglich einige Punkte angerissen.

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      • Die Gesellschaft mit den menschlichen Strukturen: Hat es die mal gegeben, wird die kommen oder existiert die im Ideenhimmel? Ich selbst glaube da übrigens an Rousseau und Evolutionsbiologen: Es hat sie mal gegeben, als wir noch in Kleingruppen von 30 bis 120 Leuten umherzogen, wo jeder jeden kannte. Aufrichtiges menschliches Verhalten wäre demnach durch Vertrauen und das durch persönlichen Kontakt bedingt. Wie hilft hier Nietzsche meinem grundsätzlichen Pessimismus gegenüber zahlenmäßig zu großen Menschengruppen?

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  3. Das ist eine stark Nietzsche’ansche Betrachtung, wie mir scheint. Würden nicht Kant und die Utilitaristen widersprechen? Sie würden sagen, es geht bei der Moral nicht darum, was Menschen gewohnheitsmäßig tun, also was normal ist, sondern darum, was sie vernünftigerweise tun SOLLEN.
    „Keine Moral, keine Ideologie wird den Wandel bringen.“ Ja und nein. Jedes Tun in der Welt setzt eine Weltanschauung voraus, also eine Vorstellung von der Beschaffenheit der Dinge, wobei sich Tun und Anschauung wechselseitig durchdringen und beeinflussen. Wandel findet ohnehin die ganze Zeit statt, ob nun mit oder ohne Moral. Aber ein gerichteter, geplanter und beabsichtigter Wandel setzt eine Handlung voraus, die sich an Werten orientiert, was ich erstrebenswert und wünschenswert halte. Das heißt, ohne eine Anschauung der Welt verbunden mit Wertvorstellungen findet ein beabsichtigter Wandel nicht statt. Schon die Fragestellung impliziert, dass ein bestimmter Wandel dem nicht-Wandel oder einem anderen Wandel vorzuziehen wäre.

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    • Ich verstehe, was du meinst und ich habe mich tatsächlich stark an Nietzsche orientiert. Die Lektüre hinterlässt einfach Spuren. 😉 Aber nietzscheanisch würde ich meine Darstellung nicht nennen, im Gegenteil, denn Nietzsche bejaht gerade das, was ich im Text kritisiere. Er möchte eigentlich sehr gerne eine Moral haben, es soll nur bittesehr nicht die christliche Moral sein, sondern die „Herrenmoral“ der Griechen, in der Gewalt und Unterdrückung völlig ok und akzeptiert sind. Ich drehe Nietzsche hier also eigentlich um.
      Was ich vor allem ausdrücken wollte: Dass wir, wenn wir universelle Werte suchen, vielleicht von ihrer konkreten Ausführung Abstand nehmen sollten, die sich in der Moral ausdrückt. Ich wollte sagen, dass Moral als solche immer schon historisch entstanden, historisch bedingt ist und eigentlich heute in einem anderen Begriff aufgeht, nämlich in dem der spezifischen, bestimmten „Kultur“ (früher sagte man Sitten und Gebräuche). Wir benutzen aber heute den Begriff „Moral“ und meinen damit etwas anderes, nämlich Menschlichkeit, als universalen Wert an sich. Gleichzeitig meinen wir dabei eine bestimmte Moral, bestimmte untergeordnete Werte und Verhaltensregeln (zB die unserer Kultur) gleich mit. Das ist problematisch, weil zwei Ebenen gleichgesetzt werden: die der Universalität der Menschlichkeit und unserer konkreten Vorstellung davon – welche außerdem – hier kommt noch ein Punkt dazu – eine ideologisch besetzte Moral darstellt (Ideologie der „Abstufungen“ von Menschlichkeit). Ich wollte darauf hinweisen, dass es gefährlich ist, diese zwei Ebenen zu vermischen, weil sich Menschlichkeit eben nicht an bestimmten historisch bedingten Verhaltensweisen festmachen lässt. Was „moralisch“ ist ändert sich stetig (zB sind uneheliche Kinder lange Zeit unmoralisch gewesen oder freizügige Kleidung – diese freilich teilweise immer noch), was menschlich ist, nicht. Ich denke, Menschlichkeit sollte als Wert „an sich“ begriffen werden, aber nicht als transzendent, sondern immanent, dabei aber trotzdem immer allgemein, sich unmittelbar konkretisierend.
      Ich denke, dass der Begriff der Moral uns auf dem Gebiet der Menschlichkeit letztlich fehlleitet. Ich denke auch, dass wir mit dem „Sollen“ nicht weiterkommen, weil dieses von einem unmündigen Menschen ausgeht, der sich „verirrt“ hat und nicht weiß, was Menschlichkeit ist, sich also nach einem äußeren moralischen Gesetz richten muss. Diese Haltung befördert aber die Unmündigkeit nur, ist das, was ich „externalisierte Moral“ genannt habe. Natürlich mag eine Moral in dem genannten Doppelsinne „provisorisch“, pragmatisch von Nutzen oder sogar notwendig sein (wie der Kommentator Nirmalo nochmal deutlich gemacht hat), aber sie kommt dem Problem nicht auf den Grund. Kant widerspricht sich letztlich selbst: Er fordert Aufklärung und Mündigkeit, meint aber, dass wir „mündig“ werden, wenn wir nur lange genug, und fleißig und gehorsam genug, das moralische Gesetz in uns befolgen. Hier liegt schon die Vorstellung zugrunde, dass es in uns etwas „Übermenschliches“ gibt, das herrschen sollte und etwas „Untermenschliches“, dass es zu unterdrücken gilt. Kant und Nietzsche sind sich hier gar nicht so fern, interessanterweise.
      Ich will auch nicht die Werte abschaffen oder sie alle umwerten wie Nietzsche. 😉 Ich meine nur: wenn sie universal gelten sollen, können sie nicht moralisch sein in dem oben definierten Sinne. Statt uns an bestimmten, konkreten Werten zu orientieren, an einer konkreten, historisch-bedingten Pluralität von Werten, die eine Moral nunmal ausmachen, würde es ausreichen, dem Ideal der Menschlichkeit an sich zuzustreben, sich darauf zu besinnen, was „menschlich“ ist. Ich habe es versucht, mit dem Begriff „lebensbejahend“ zu fassen. Die Buddhisten zB machen es ähnlich und beschränken sich konkret auf bloße Leidvermeidung. Wir kennen das alle und doch landen wir immer wieder bei konkreten Moralvorschriften, die entsprechende Probleme mit sich bringen.

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      • Hallo Anna, ich teile deine Skepsis, was die Moral anbelangt. Auch das mit dem Paradox bei Kant mit der (Un)Mündigkeit sehe ich genau so. Wir finden das an vielen Stellen wieder – v.a. natürlich bei der Erziehung. Da soll der mündige Mensch, der sich ohne Leitung seines Verstandes bedient, durch systematische Bevormundung und Entmündigung hervorgebracht werden. Auch bei der sogenannten „aktivierenden Arbeitsmarktpolitik“ findet sich das. Wichtig finde ich auch, die Moral von anderen Begriffen v.a. vom Begriff des Wertes zu unterscheiden. Dann würde ich allerdings doch behaupten, dass die genuin moralische Unterscheidung jene von gut/böse ist, wobei das, was gut ist, auch das Richtige ist und das, was falsch ist, das Böse. Das Problematische an der Moral ist meines Erachtens nicht, dass sie sich als historisch kontingente Gewohnheiten, Sitten oder Kultur niederschlägt, sondern das Problematische ist, dass die Moral Überlegenheit postuliert. Die Annahme, dass eine Kultur zivilisierter, fortschrittlicher also besser, also überlegen, also mehr Wert ist als eine andere, ist eine Vorstellung, die die Quelle von sehr viel Leid war und ist. Tatsächlich ist es ja so, dass wir in unserem Alltagsdenken sehr dazu neigen über alles die moralische Folie zu stülpen. Der Feind, der Täter, der Verbrecher, brutal sein, lügen usw. usf. sind „böse“. Der Freund, das Opfer, nett sein usw. usf. sind „gut“.
        Menschlichkeit ist ebenfalls ein sehr schillernden Begriff. Menschlich ist zunächst, dass wir uns im Reich der Erfahrung befinden, also so etwas wie Schmerz oder Freude empfinden und dass wir uns an einem Sinn bzw. an Werten orientieren und ausrichten können. Im Buddhismus heißt es ja, dass der Schmerz unvermeidlich Bestandteil des Lebens ist und dass das Leiden Ursachen hat, die erkannt und überwunden werden können. Überwunden werden kann das Leid vor allem durch eine Ausweitung und Kultivierung von Bewusstheit und Mitgefühl. Dafür gibt es Empfehlungen, wie das Leben zu führen sei, welche zum Teil den abendländischen Moralvorstellungen recht ähnlich sind (8-fache Pfad: rechte Rede, rechter Lebenserwerb usw.). Ist das nun Moral? Ich würde so argumentieren: Wenn es dein Wunsch ist Leid zu lindern, dann gibt es bestimmte Praktiken, die sich bewährt haben, die dahingehend gut funktionieren, deshalb ist es empfehlenswert diese zu praktizieren – eine Garantie ist das freilich nicht, denn es gibt nicht den einen richtigen Weg der Leidlinderung. Genau genommen ist das nämlich bei jedem Menschen anders und einzigartig. Deshalb verzichte ich darauf zu behaupten, dieser Weg oder diese Methode sei überlegen oder besser im Sinne einer universellen oder absoluten Gültigkeit.
        Also wäre die Unterscheidung, dass die Moral ein Sollen verlangt, weil sie etwas für gut und richtig hält, während die Werte ein Können ohne Müssen bereithalten. Macht das Sinn?

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        • Ich denke, so könnte man durchaus auch sinnvoll unterscheiden. Es ist einfach auch eine (letztlich ebenso kontingente) Sache der Begriffsbestimmung und Definition. Für mich hat sich der etymologische Ansatz bewährt, weil ich denke, dass die Geschichte und der Ursprung eines Begriffs – und damit auch eines Gedankens, eines geistigen Konzepts – sich stets noch in irgendeiner Form in der gegenwärtigen Bedeutung des Begriffs niederschlägt und darin gewissermaßen „aufgehoben“ ist. So auch mit der Moral. Viele Bedeutungsebenen schwingen hier mit und stiften mitunter Verwirrung und Probleme, die ich ja teils ausgeführt habe. Mein Problem war daher auch nicht die historische Kontingenz der Moral überhaupt, sondern die Verwechslung ihrer historischen Kontingenz mit dem „an sich“ Guten, oder eben Richtigen, Menschlichen etc. In der Doppeldeutigkeit des Moralbegriffs entsteht meiner Ansicht diese Verwechslung, welche wiederum, in einem zweiten Schritt, zum Postulat der Überlegenheit führt.
          Ähnlich sehe ich es auch mit den Begriffen „Gut“ und „Böse“. Ich sehe diese Dichotomie in der Natur auch genauso am Werke und man kann sie durchaus auch als Synonyme für „Richtig“ und „Falsch“ im Menschlichen verwenden. Aber dennoch schwingt die christliche Konnotation dabei immer mit, und das macht sie für mich einfach etwas unpräzise, weil die christliche Tradition natürlich selbst schon historisch kontingent ist (auch wenn sie natürlich Gegenteiliges behauptet).
          Sorry, aber man saugt die Begriffspedanterie schon früh auf im Philosophiestudium. 😉
          Wenn ich die buddhistische Auffassung recht verstehe – so wie du sie ja auch beschreibst – vermeidet sie die moralische „Vorschrift“ und gibt sich mit „Weisungen“, „Empfehlungen“ zufrieden. Damit anerkennt sie ihre weltliche Kontingenz, ganz anders als unsere klassische moralische Tradition. Dieser Lösung würde ich auch stark zuneigen, weil sie die grundsätzliche Verwechslung von „An sich“ des „Guten“ und seiner Erscheinungsform nicht vollzieht.
          Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie ich den Begriff der „Werte“ am besten einordnen kann, weil schon in der Pluralität des Begriffs vielleicht die Gefahr der empirischen Bestimmtheit und damit Kontingenz einhergeht. Ein „Wert“ ist in manchen Kulturen zB auch Enthaltsamkeit oder ähnliche Dinge. Hier wird es wieder problematisch, da man sich erneut streiten kann, was als Wert gilt und was nicht. Das kann man nun beim sehr weiten Begriff der „Menschlichkeit“ freilich auch… Ich habe hier auch noch keine endgültige Lösung gefunden, aber man denkt ja nie aus … 😉
          Vielen Dank übrigens fürs Lesen und Mit-Denken. 🙂

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          • Sehr gerne! Im Sommersemester übrigens auch mal gerne bei einem Kaffee an der HU….

            An die Frage der Moral schließt ja auch die Frage des guten Lebens an, der sich die Philosophie in letzter Zeit wieder verstärkt zuwendet, während sich die Wissenschaften ja ansonsten auf den Standpunkt der ethischen Enthaltsamkeit zurückziehen. Ich denke da etwa an die Kritik der Lebensform von Rahel Jaeggi. In der Soziologie wäre Hartmut Rosas Resonanztheorie zu erwähnen.

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            • Zum Kaffee: Tendentiell gerne, aber da muss ich wohl leider passen, weil ich lieber nicht meine ohnehin schon fragile Anonymität aufgeben möchte… 😉 Hoffe, du verstehst.
              Ja, die Moral und das gute Leben, diese Dinge hat die Philosophie für sich gepachtet, seit sich der Einflussraum der Religion zurückzieht..

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  4. Was für ein hammermäßig guter Artikel!
    Sie haben – für mich in außerordentlich beeindruckender Weise – den Kontext von Moral und Ethik zu den Dipolen Macht und Verantwortung, Destruktivem und Konstruktiven, kollektivem Glück und dem selbst überhebenden das Ich zum Gott erhebenden Wahn dargestellt. Der Missbrauch von Moral ist ein Merkmal unserer Gesellschaften.
    Herzlichen Dank für diese Arbeit!

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  5. Anna, du sagst: „Wo wir die Moral nötig haben, sind wir nicht „moralisch“ (sagen wir, und meinen menschlich, lebendig). Wo wir aber wirklich moralisch sind, sind wir frei von Moral in ihrer externalisierten Form. Wir sind nur.“

    Wenn wir (die Gesellschaft) in deinem Sinne „moralisch“ sind, wird es den Begriff und sein Gegenteil nicht mehr geben. Es ist überflüssig. Die Menschen sind reif… für die Freiheit.

    Derzeit sind es vergleichsweise wenige Menschen oder nur kleine Gruppen, die die Moral abstreifen können, die sich emanzipiert haben.

    Die Moral (in welcher Ausprägung auch immer) hat ihre vor- oder außer-gesetzlich regelnde Funktion nur so lange, bis die Geistige Reife der Menschen sie obsolet macht. Dann fallen diese Regeln ab, wie trockenes Laub.

    Aber bis dahin…

    Ein sonniges Wochenende
    wünscht Nirmalo

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  6. Pingback: Die Lautlose | Der Blog der großen Fragen

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