Zitat: Freud

„Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen – wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle in bewußter Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität – , und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen.
Sie sehen, das ist eigentlich nur die theoretische Verklärung des weltbekannten Gegensatzes von Lieben und Hassen, der vielleicht zu der Polarität von Anziehung und Abstoßung eine Urbeziehung unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine Rolle spielt.“

(Sigmund Freud in einem Brief an Albert Einstein, in: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften, Frankfurt a. M. 1994, S. 171.)

Ah, Freud. Sind Zerstörung und Aggression natürliche Triebe oder doch pathologisch?

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10 Gedanken zu “Zitat: Freud

  1. Interessante Frage. Du legst die Antwort (deine?) ja schon nahe.

    So weit mein Blick reicht, kann ich weder einen Aggressionstrieb, noch einen Destruktionstrieb – eben als „Trieb“ – erkennen.

    Das Verdienst als Pionier des Psychologischen wird durch Unzulänglichkeiten nicht geschmälert.

    Pathologisch mag ich den Ausdruck von Aggression und Destruktion aber auch nicht nennen. Eher scheinen sie mir ein Hinweis auf irgend eine Form von Un-Balance zu sein.

    Archaische Formen der Energie, die – letztlich – auf ihren Ausgleich zielen.

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    • Ich neige zu der Ansicht, dass Aggression und Destruktion sekundären Charakter haben. Ob man sie „natürlich“ oder pathologisch nennt, kommt wohl auch auf die Weite des Naturbegriffs an. Meint man mit „natürlich“ eine ideale Natürlichkeit, im Sinne der Gesundheit oder, weiter, die Gesamtheit dessen, was ist und als Natur vorkommt.
      Ich denke, Freud geht vielleicht in der Benennung der zwei „Urtriebe“ des Menschen zu weit. „Destruktion“ ist sehr extrem gefasst, ich würde eher davon ausgehen, dass im Menschen, wie sonst auch im Kosmos, die Prinzipien von Vereinigung und Trennung herrschen, welche sich ganz vielfältig äußern.

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  2. „Das Gefühl, das wir Trieb nennen, erscheint als an einen physiologischen Vorgang gebunden, in dem gespannte Energien auf ihre Lösung drängen; indem jene sich in ein Tun umsetzen, endet der Trieb; wenn er wirklich ein bloßer Trieb ist, so ist er »befriedigt«, sobald er durch das Tun sozusagen sich selbst losgeworden ist.“
    (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Suhrkamp 1989: 254)

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    • Danke für die interessante Ergänzung! Die Frage ist natürlich auch, ob wir nicht zwischen primären, sozusagen „gesunden“ Trieben und sekundären, „krankhaften“ Trieben unterscheiden können, wobei krankhafte Triebe solche wären, die eine Umkehrung der gesunden Triebe darstellen und ihre Energie daraus beziehen, und dadurch auch nicht minder stark wirken. Also, ist „Trieb“ an sich schon etwas Ursprüngliches oder gibt es hier mehrere Stufen.

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      • In der klinischen Psychologie wird der Begriff Trieb, glaube ich, kaum noch verwendet. Womit Freud, Simmel, Elias und Co. sicher recht haben, ist, dass für das Leben in einer menschlichen Gemeinschaft eine jeweils spezifische Art der Affekt- oder Gefühlsregulation und -modulation von zentraler Bedeutung ist. Eine spezifische Regulation und vielleicht auch Dämpfung von leiblichen Regungen scheint Voraussetzung zu sein für das, was wir Vernunft oder Rationalität nennen. Andererseits werden bestimmte „Triebe“ vielleicht erst durch eine starke Regulation und Einhegung als solche so stark. So wird „Sexualität“ vielleicht erst durch eine starke Beschränkung des „Sexualtriebs“ hervorgebracht. Einerseits ist es problematisch, etwas Ursprüngliches oder Natürliches anzunehmen, denn wir wissen ja nie genau, was Natur ist. Andererseits kommen wir nicht aus, ohne etwas Anfängliches, einen Rohstoff, eine Natur anzunehmen – nur so kann ja Einhegung, Regulation oder Unterdrückung überhaupt gedacht werden; seien es nun Triebe, oder Gene, oder Bedürfnisse. Die grundlegende Unterscheidung, die manchmal gemacht wird, ist jene zwischen Angst (das ist: Schmerz spüren, erkennen, antizipieren und vermeiden) und Begehren (im weiteren Sinne auch: Libido).

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      • Ich rede lieber von Bedürfnissen als von Trieben und halte es da mit Rousseau: wir müssen zwischen natürlichen und künstlichen Bedürfnissen unterscheiden. Die natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen, macht uns stark, während der Versuch, die künstlichen Bedürfnisse zu befriedigen, uns schwach macht. Künstlich ist alles, was uns andere einreden, was wir angeblich brauchen. Also der ganze Konsummist.
        Wenn ich also das Bedürfnis nach Ruhe habe und jemand nervt mich damit, daß er das nicht respektieren will und ständig in meine Ruhezone eindringt, und ich dann aggressiv reagiere, dann hat das nichts mit einem ‚Trieb‘ zu tun, den ich ausagiere. Und wenn ich Streit suche und auf andere Menschen losgehe, sollte ich vielleicht mal schauen, welche Bedürfnisse bei mir gerade brachliegen, daß sie sich auf diese Weise Bahn brechen.
        Triebhaftigkeit ist keine anthropologische Kategorie.

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