Zitat: Kant

„Ein Gedanke, der so leicht, so natürlich ist, den man endlich so oft sagt, daß er gemein wird und Leute von zärtlichem Geschmacke verekelt, kann sich nicht lange im Ansehen erhalten. Was hat man denn für Ehre davon, mit dem großen Haufen mit zu denken und einen Satz zu behaupten, der so leicht zu beweisen ist? Subtile Irrthümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, welche die eigene Stärke gerne fühlt; offenbare Wahrheiten hingegen werden so leicht und durch einen so gemeinen Verstand eingesehen, daß es ihnen endlich so geht wie jenen Gesängen, welche man nicht mehr ertragen kann, so bald sie aus dem Munde des Pöbels erschallen. Mit einem Worte: man schätzt gewisse Erkenntnisse öfters nicht darum hoch, weil sie richtig sind, sondern weil sie uns was kosten, und man hat nicht gerne die Wahrheit gutes Kaufs.“

(Kant, Versuch einiger Betrachtungen über den Optimismus (1759), AA II, S. 29.)

Kant über Wahrheiten, die zu einfach sind, um sie einsehen zu wollen. Wehe der Pöbel-Konnotation!

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5 Gedanken zu “Zitat: Kant

    • Hallo Nirmalo,
      Kant bringt hier gut die Geringschätzung mancher Leute gegenüber Gedanken und Ansichten auf den Punkt, die prominenterweise nicht unbedingt von Gelehrten, sondern von „einfachen Menschen“ vertreten werden und damit in den Augen dieser Leute allein deshalb an Wert verlieren bzw. für „zu einfach“ gehalten werden. Kant macht sich weiter darüber lustig, wie diese stattdessen von den komplexesten Gedankengebäuden fasziniert werden, mögen sie auch völlig falsch und fehlgeleitet sein. Es reizt sie, die eigene gedankliche Stärke beim Erschließen dieser Gebäude zu fühlen, indem sie erfolgreich (theorie-immanente) Verständnis-Schwierigkeiten überwinden – ob diese Theorien Aufschluss über die Wirklichkeit geben bleibt dabei nebensächlich.
      Ich denke, Kants Beobachtung ist auch heute noch relevant, daher habe ich sie hier geteilt. 😉
      Beste Grüße zurück

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  1. Danke, Anna…
    für deine Übersetzung.

    Also: Philosophie ist keine elitäre Angelegenheit,
    sondern potenziell jedem Menschen möglich, da
    allen der Zugang zur Weisheit offen steht. Ob der
    Einzelne davon weiß, oder nicht.

    Herbstnebligen Gruß,
    Nirmalo

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    • Weisheit ist kurzlebig.

      Das Paradoxe ist, daß es ausgerechnet in den „philosophischen“ Fakultäten den Kern der Philosophie – nämlich Weisheit – gar nicht geben k a n n , da sie letztlich nicht vermittelbar ist.

      Aufgeschriebene Weisheit ist wie
      ein aufgespießter Schmetterling.

      Wir kennen die Galerien präparierter Schmetterlinge hinter dünnen Glasscheiben? Jeder kann deren Aussehen studieren und über die unter ihnen angehefteten Beschriftungen Weiteres über sie erfahren. Nur eines findet man dort garantiert nicht: Einen einzigen… Schmetterling.

      Der Weisheit und dem
      Schmetterling ist eines gemein:
      Der Versuch, sie einzufangen, bringt sie um.

      Den Schmetterling und die Weisheit, beide können wir in einem konkreten Augenblick ERLEBEN – aber mehr nicht. Beide können wir nicht konservieren. Sammeln und bewahren können wir nur ihre leblosen Hüllen.

      In den Bibliotheken und Vitrinen
      gibt´s nur den Staub von Leichen.

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  2. Immanuel Kant: „Ein Gedanke, der so leicht, so natürlich ist, den man endlich so oft sagt, daß er gemein wird und Leute von zärtlichem Geschmacke verekelt, kann sich nicht lange im Ansehen erhalten.“

    Im Ansehen bestimmter Leute, weniger Leute, einer Handvoll. Das ist völlig unbedeutend, ist ein intellektuelles Vergnügen, das mit nur Wenigen geteilt werden kann. Vergleichbar etwa mit Fingerhakeln oder dem Bierdeckel-Sammeln. Ansonsten: Keine Relevanz.

    Immanuel Kant: „Irrthümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, welche die eigene Stärke gerne fühlt“

    Heute haben wir einen Begriff für diese Art Albernheiten… EGO.

    Immanuel Kant: „offenbare Wahrheiten hingegen werden so leicht und durch einen so gemeinen Verstand eingesehen“

    Denn Wahrheit hat nichts
    mit dem Intellekt zu tun.

    Wahrheit ist einfach und damit für den Intellektuellen im Blick auf sein Ansehen… uninteressant.

    Immanuel Kant: „Was hat man denn für Ehre davon, mit dem großen Haufen mit zu denken und einen Satz zu behaupten, der so leicht zu beweisen ist?“

    Keine.

    Dafür ist die Wahrheit zu simpel; sie ist für Jedermann.

    Immanuel Kant: „man schätzt gewisse Erkenntnisse öfters nicht darum hoch, weil sie richtig sind“

    Dabei ist nur das Philosophie: Die Liebe zur Wahrheit. Und diese…

    Die Wahrheit ist der Kern der Weisheit.

    Anna Torus: „Kants Beobachtung ist auch heute noch relevant“

    Hier fand in 258 Jahren scheint´s keine Entwicklung statt.

    Ein sonnig-
    heiteres Wochenende
    wünscht Nirmalo

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