Simone de Beauvoirs patriarchaler Feminismus – Eine Kritik

simone-de-beauvoir-jean-paul-sartre-fairground-at-porte-d_orlc3a9ans-1929Der blinde Schuss. Französische Intellektuelle (De Beauvoir und Sartre) beim lustigen Zeitvertreib. Abbildung: OpenCulture

Der Feminismus hat heute eine bedenkliche Gestalt angenommen. Neben Öko-Bewusstsein, Vintage-Trend und neuem Biedermeier gehört er zum „Lifestyle“ des (vermeintlich) toleranten, welt- und zukunftsoffenen, (post-)modernen Menschen ebenso dazu wie der Jutebeutel zum alltäglichen Einkauf im Bioladen. Das Links-Sein, das Öko-Sein, das Revolutionär- und Überhaupt-irgendwie-anders-Sein haben ihren Platz gefunden im neuen, „hippen“ Bürgertum unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Sie sind aufgehoben und – hurra! – endlich angekommen. Damit aber auch, leider, weitestgehend unschädlich gemacht. So auch das Feministisch-Sein, ehemals ein selbstverständlicher Teilaspekt der aufrichtig fortschrittlichen Gesinnung, die alle Formen der Unterdrückung beseitigt sehen wollte, jetzt bloß ein selbstverständlicher Teilaspekt des guten Gewissens, das sich auf der richtigen Seite der (inzwischen verschobenen) öffentlichen Meinung wissen möchte und dies auch gerne öffentlich demonstriert, um sich des Beifalls der Allgemeinheit sicher sein zu können – den Anstrich des Kontroversen, Politischen, Kritischen gibt es gratis dazu.

Ein schönes Beispiel hierfür liefert die Modewelt: Designer und Modeketten gleichermaßen übertreffen sich gegenseitig mit immer neuen Kampagnen zu „Gender-Equality“, Frauenpower, echter, „natürlicher“ Schönheit und Selbstliebe. Karl Lagerfeld – übrigens der letzte echte Nietzscheaner, aber dazu ein andermal – inszeniert eine feministische Demonstration auf dem Laufsteg für Chanel, H&M bringt eine neue Unisex-Linie heraus und Modemagazine und Fashionblogger gleichermaßen zögern nicht, reflexartig die wichtigen „Statements“ dieser Marketing-Kampagnen in den Himmel zu loben. Es geht schließlich „in die richtige Richtung“, „es bewegt sich etwas“, die ehemals bösen Kapitalisten haben offensichtlich endlich ihr Gewissen entdeckt und was noch besser ist: man kann es sich mit Geld kaufen.

Girl boss“ statt „Fashion victim“ – Herrschaft statt Knechtschaft

Die emanzipierte Frau von heute legt Wert auf selbstbewusste Weiblichkeit, sie kokettiert nicht mehr damit, „fashion victim“ zu sein, sondern strebt es an, „girl boss“ zu werden, selbst die Herrschaft zu übernehmen – und hier beginnen bereits die Probleme. Selbst Herrschaft anzustreben mag nämlich ein wirksames Mittel sein gegen die eigene Unterdrückung, nicht aber gegen Unterdrückung überhaupt. Innerhalb der Polarität von Herrschaft und Knechtschaft – der wir in unserer Gesellschaft zugegebenermaßen momentan leider noch nicht entfliehen können – kann sich das Verhältnis bloß umkehren, es kann nicht aufgehoben werden. „Girl boss“ zu sein impliziert, das Spiel mitzuspielen und die Unterordnung anderer – auch anderer Frauen – in Kauf zu nehmen. Ein solches Ziel kann einer Übergangsphase entsprechen, es darf aber nicht Endzweck werden. Doch gerade dieses Bewusstsein einer (wohl notwendigen) Übergangsperiode wird selten mitgedacht. Unter Emanzipation wird verstanden, es den männlichen Herrscherpersönlichkeiten dieser Welt möglichst gleichzutun, ohne letztere in ihrer Struktur selbst radikal infrage zu stellen.

Diese Einstellung ist nicht zufällig und nicht neu. Im folgenden möchte ich zeigen, wie sie bereits in den Ansichten von Simone de Beauvoir angelegt ist, deren berühmtestes Werk Das andere Geschlecht (1949, Le deuxième sexe) nicht nur immensen Einfluss auf die sog. „zweite Welle“ des Feminismus in den 60er Jahren hatte, sondern obendrein heute zur Bibel des zeitgenössischen Hipster-Feminismus stilisiert wird. Einige allgemeine und anerkennende Worte dazu vorweg: Das Werk ist insgesamt durchaus lesenswert, allein deswegen schon, weil es ein Stück Zeitgeschichte darstellt, zum einflussreichen Klassiker geworden ist. De Beauvoir liefert auf knapp 900 Seiten (deutscher Übersetzung – pardon, mein Französisch ist nicht gut genug) eine äußerst umfangreiche, genaue und detaillierte Studie des weiblichen Geschlechts. In verschiedenen Teilen untersucht sie Biologie, Geschichte, Mythos und aktuelle Situation der Frau vom kleinen Mädchen bis zur alten Dame, von der Prostituierten bis zur „anständigen“ Ehefrau und Mutter. Ihr Blick ist dabei ehrlich, schonungslos und scharf. Wo die Frau Opfer der patriarchalen Gesellschaftsordnung wird, wird dies nüchtern festgestellt. Aber ebenso wird ihre oft allzu schnelle Bereitschaft, diese Opferrolle anzunehmen, scharf kritisiert.

Eine der wichtigsten Kernaussagen des Werks ist sicherlich auch die bekannteste: De Beauvoir argumentiert strikt gegen eine essentialistische Auffassung des Weiblichen: „Dem ‚Ewigweiblichen‘ entspricht die ‚schwarze Seele‘ und der ‚jüdische Charakter‘.“, schreibt sie (20). In diesem Sinne ist auch der berühmte Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ (334) zu verstehen. Es existiert kein Wesen, kein „An sich“, keine absolute Idee des Weiblichen, das es als solches festlegt, sondern die Vorstellung des Weiblichen ist eine historisch und gesellschaftlich gewordene, die sich selbst immer wieder neu dadurch reproduziert, das sie als essentiell wahrgenommen wird. Hierdurch wiederum wird sie Realität, Wirklichkeit: Die weibliche Frau macht sich zu dem, was als weiblich gilt, indem sie es annimmt (und in entsprechend strukturierten Gesellschaften bleibt ihr auch kaum eine andere Möglichkeit): sie wird tatsächlich „sinnlich“, kokett, mystisch, mittelmäßig, unterwürfig, schüchtern etc. (vgl. 753) Eine Realität, die nun zirkulär als Ausgangspunkt einer essentialistischen Argumentation dienen kann. Was Nietzsches „moralischer Mensch“ ist, ist De Beauvoirs „weibliche Frau“: historisch geworden, kontingent, nicht aber „ursprünglich“ oder „natürlich“.

Die so wesenhaft als „weiblich“ definierte Frau kennzeichnet weiterhin, so De Beauvoir, eben kein eigentlich Wesenhaftes zu sein. Sie wird gesetzt als „das Andere“, als passives Objekt gegenüber dem aktiven, männlichen Subjekt. Sie ist das Unwesentliche, lediglich eine notwendige Zwischenstufe zwischen Mensch und Natur, die es dem Mann erlaubt endgültig über diese zu triumphieren (vgl. 334). Diese Setzung wiederum hat für De Beauvoir – und hier beginnen schon die vielen Probleme und Widersprüche, die Dem anderen Geschlecht zu eigen sind – einen ursprünglich menschlichen Charakter: das „Andere“ ist eine „ursprüngliche Kategorie“ im Menschen, dem außerdem ein „ebenso ursprüngliche[r] Anspruch auf die Beherrschung des Anderen“ zukommt (82). An der gleichen Stelle ist vom „imperialistischen menschlichen Bewußtsein“ die Rede. Das kommt nicht von ungefähr, denn der Mensch als „Existierender“, hat die „Tendenz […], sich in seiner radikalen Individualität zu definieren, seine Existenz als autonom und getrennt zu behaupten“ (80). Er hat eine Tendenz, sich zu „entfremden“, sich also zu entäußern, zu übersteigen, zu „transzendieren“, um fortzuschreiten, sich als autonomes Werden zu verwirklichen und in seiner Subjektivität zu bestätigen.

Anti-Essentialismus versus essentieller Herrschaftsanspruch der menschlichen Natur

Das andere Geschlecht ist durch und durch in existentialistischer Philosophie getränkt und das macht es paradoxerweise zu einem eigentlich unphilosophischen Werk. In De Beauvoirs Werk ist der Existentialismus zum Dogma erstarrt. Jede Erklärung, die De Beauvoir abgibt, hat existentialistische Prämissen, alternative Erklärungen kommen nicht vor oder werden abgelehnt, wenn sie den Menschen nicht als Existenz im von Sartre festgelegten Sinne begreifen. So bleibt auch die Analyse des Weiblichen in existentialistischen Prämissen über das Wesen des Menschen stecken – Prämissen, die überaus anfechtbar und problematisch sind, wie auch durch die sich daraus ergebenden Widersprüche begreiflich wird: „die Definition des Menschen lautet, daß er kein gegebenes Wesen ist, sondern eines, das sich zu dem macht, was es ist.“ (59) Der Mensch ist mit Merleau-Ponty „keine natürliche Spezies“, sondern „eine historische Idee“ (ebd.). Er ist „ein Wesen, welches Transzendenz und Überschreitung ist“ (ebd.) Das existentialistische Menschenbild legt diesen wesenhaft als unwesenhaft fest, d.h. als einziges Wesen, dem kein fester Charakter zukommt, sondern bloßes Werden und Über-sich-hinaus-Treten. Als Konsequenz zieht De Beauvoir daraus allen Ernstes: „die Tierarten sind ein für allemal festgelegt“, „wohingegen die Menschheit unauflöslich im Werden ist“ (57) (die existentialistische Auffassung beruht auf einer starren, eigentlich längst überholten Mensch-Tier- bzw. Mensch-Natur-Dichotomie). Die Ablehnung der menschlichen Essenz, das Postulat der Existenz als Nicht-Festgelegtheit und fortwährende Transzendenz des Menschen hält De Beauvoir allerdings nicht davon ab, die wesentliche Unbestimmtheit des Menschen weiter zu spezifizieren, und dadurch festzulegen: Wie oben angeführt, wird die Transzendenz im Sinne eines starken, einseitig gerichteten Individualismus verstanden. Der Mensch, wesentlich Subjekt (auch die Subjekt-Objekt-Relation bleibt klassisch bestehen), strebt nach Expansion seines Ich, welche nur durch Beherrschung und Unterdrückung eines gesetzten Anderen (s. o.) zustande kommen kann:

„Ich habe bereits die These aufgestellt, daß, wenn zwei menschliche Kategorien da sind, jeder der anderen ihre Souveränität aufzwingen will. […] Ist eine von beiden irgendwann im Vorteil, trägt sie den Sieg über die andere davon und bemüht sich, diese in Unterdrückung zu halten. So wird verständlich, daß der Mann den Willen hatte, die Frau zu beherrschen“ (86).

Die Unterdrückung der Frau wird also durch die spezifisch menschliche Neigung zur Souveränität erklärt, die mit Herrschaft und Unterdrückung gleichgesetzt wird. Nietzsches „Wille zur Macht“ findet hier, vermittelt über Heidegger, ganz deutlich seine aktualisierte Form wieder. Weitere Passagen bestätigen diesen Eindruck:

„Sobald das Subjekt sich zu behaupten sucht, braucht es das Andere, das es begrenzt und negiert: nur über diese Realität, die es nicht ist, gelangt es zu sich selbst. Deshalb ist das Leben des Menschen nie Fülle und Ruhe, es ist Mangel und Bewegung, es ist Kampf.“ (190)

„Jedes Bewußtsein strebt danach, sich allein als souveränes Subjekt zu setzen. Jedes versucht, sich selbst zu erfüllen, indem es das andere knechtet.“ (191)

„Herrscher“ ist man ‚jenseits von männlich und weiblich‘:

„Die Frauen, die mit den Männern Vergleichbares geschafft haben, waren solche, die durch die Macht der sozialen Institutionen über jeden geschlechtlichen Unterschied hinausgehoben wurden. Isabella die Katholische, Elisabeth von England, Katharina von Rußland waren weder männlich noch weiblich: sie waren Herrscher. [meine Herv.]“ (181)

Die „höchste Vollendung“ und „Wahrheit“ des Menschen sieht De Beauvoir in den Tugenden der „Freundschaft und Hingabe“. Doch auch sie werden, so die folgerichtige Annahme, nur durch einen konsequenten Vollzug der menschlichen Transzendenz ermöglicht:

„Aber diese Wahrheit ist die eines unentwegt aufgenommenen, unentwegt zunichte gemachten Kampfes: sie verlangt, daß der Mensch sich in jedem Augenblick überschreitet. Anders ausgedrückt erreicht der Mensch eine gültige moralische Haltung, wenn er auf das bloße Sein verzichtet und seine Existenz auf sich nimmt.“ (191)

„Je mehr der Mann sich individualisiert und seine Individualität für sich in Anspruch nimmt, um so mehr wird er auch in seiner Gefährtin ein Individuum und eine Freiheit erkennen.“ (227)

Die Entwertung der Frau stellt eine notwendige Etappe in der Menschheitsgeschichte dar“

Der Heilsweg des Individualismus fordert Opfer und Märtyrer, er fordert die Setzung des Anderen. So erscheint auch die Unterdrückung der Frau in De Beauvoirs Augen nicht etwa als pathologische Entartung der menschlichen Spezies, sondern als notwendige Konsequenz der Nicht-Spezies Mensch. Pathetisch wird festgestellt:

„das männliche Prinzip hat […] triumphiert. Der Geist hat über das Leben gesiegt, die Transzendenz über die Immanenz, die Technik über die Magie und die Vernunft über den Aberglauben. Die Entwertung der Frau stellt eine notwendige Etappe in der Menschheitsgeschichte dar“ (101, vgl. auch 885)

Man ist geneigt, davon auszugehen, dass solche Passagen lediglich das Resultat eines literarischen „Als-ob-Modus“ seien. Eine gewöhnungsbedürftige Eigenart des Werkes ist nämlich, in lyrisch-literarische Szenerie-Beschreibungen auszuschweifen und so philosophische Kernthesen zu verwischen. De Beauvoir neigt dazu – eigentlich echt nietzscheanisch – fließend die Perspektiven zu wechseln und ihre existential-phänomenologischen Schilderungen jeweils aus Sichtweise ihrer gerade betrachteten „Charaktere“ und Rollen zu vollziehen. Liest man also Sätze wie „Der Große Pan beginnt zu verblassen, sobald der erste Hammerschlag erschallt und das Reich des Mannes seinen Anfang nimmt.“ (102) fragt man sich gelegentlich, wann man eigentlich gerade den Übergang zur Satire verpasst hat. Umso wundersamer ist es, feststellen zu müssen, dass bei gründlicher Lektüre dennoch der philosophische Grundgedanke, der mit solchen Passagen durchaus harmoniert, derselbe bleibt: Das gesellschaftlich kolportierte Männlichkeits-Ideal des starken, durchgreifenden, herrschenden Mannes, des durch die Technik über die weibliche Natur triumphierenden lichten Subjekts – es wird von De Beauvoir nicht etwa infragegestellt oder durchgestrichen, so wie von ihr das Weiblichkeits-Ideal durchgestrichen wird. Es wird im Gegenteil affirmiert und als das per se Menschliche gesetzt.

Gewaltanwendung als Transzendenzerfahrung

Gewiss, gewalttätige Ausschreitung und Unterdrückung werden verurteilt. Andererseits wird bemängelt, dass es dem kleinen Mädchen verwehrt bleibt, sich wie die Knaben zu raufen und so eine im wörtlichsten Sinne existentielle Erfahrung ihrer eigenen Souveränität als Subjekt zu machen (347-348). Oder wir finden Passagen wie folgende:

„Der schlimmste Fluch, der auf der Frau lastet, ist, daß sie von den Kriegszügen ausgeschlossen ist. Nicht indem er Leben schenkt, sondern indem er es einsetzt, erhebt sich der Mensch über das Tier. Deshalb wird innerhalb der Menschheit der höchste Rang nicht dem Geschlecht zuerkannt, das gebiert, sondern dem, das tötet. Das ist der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis.“ (89-90)

An anderer Stelle wiederum ein klares Bekenntnis:

„An der Gewalt zeigt sich zuverlässig, inwieweit jeder einzelne zu sich selbst, zu seinen Leidenschaften, zu seinem eigenen Willen steht. Wer sie radikal ablehnt, verweigert sich jede objektive Wahrheit, verschließt sich in abstrakter Subjektivität.“ (404)

Gewalt, Aggressivität – für de Beauvoir sind sie Grundkategorien des Menschseins, weil sie auf seinen eigentlich aktiven, sich stets transzendierenden Charakter hinweisen. De Beauvoir verurteilt diese nicht per se, sondern bemängelt bloß, dass sie dem weiblichen Geschlecht bisher verwehrt blieben. Aufgrund ihrer Biologie, ihrer gegebenen körperlichen Inferiorität – die de Beauvoir explizit nicht infragestellt – musste die Frau notwendig Sklavin des Mannes werden, nachdem dieser seine Angst vor ihr – als personifizierte ‚Mutter Erde‘ in der Urgemeinschaft verehrt und gefürchtet – durch den Fortschritt der Technik endlich verloren hatte. Einmal zum Bewusstsein seiner ‚Existenz‘ gekommen, konnte der Mann mittels seiner körperlichen Überlegenheit diese schonungslos durchsetzen. Es war notwendig, die Frau zu unterwerfen, wie es notwendig war, die Natur zu unterwerfen – denn der Weg des Menschen, in de Beauvoirs Augen, führt stetig weg von der Natur, von allem Tierischen, Primitiven und vermeintlich Passiv-Bremsenden. Hin zum vermeintlich freien, weil negativ befreitem Individuum. Und, einmal sublimiert, hin zur gemeinsamen Herrschaft beider Geschlechter über alles Träge, Niedere, Hindernde.

Unterwerfung der Natur als Heilsweg der Menschheit

In dieser Hinsicht gar nicht nietzscheanisch besteht de Beauvoir auf einem strikten, antiquierten Natur-Mensch-Dualismus. Alten Denkmustern sittsam folgend – irgendwo musste die katholische Kindheit schließlich ihre Spuren eingraben – trennt sie zwischen der bösen, passiven, dunklen Tierheit, der Spezies, die den Menschen so grausam beherrscht und in den Dreck der Erde wieder herabziehen will, und der lichten, schöpferischen Menschheit, die sich heldenhaft aus dieser Tiefe selbst befreit. Die ganz und gar christlich-patriarchale Naturverachtung ist bei de Beauvoir an vielen Stellen spürbar. Anders als Nietzsche zieht sie nicht die letzte Konsequenz und bejaht die „Dunkelheit“ der Natur, definiert sie selbst als Transzendenz. Sondern sie wiederholt geflissentlich gerade jene Vorstellungen und Schwarz-Weiß-Schemata, die aus dem von ihr kritisierten Patriarchat erwachsen sind – eine Kritik, die, wie wir oben gesehen haben, allerdings auch eine Seite von Akzeptanz und sogar Bewunderung an sich hat. Verbittert blickt sie aus der Sicht des „Individuums“ auf die „Tyrannei der Art“ (51). Insbesondere die Frau ist von dieser „Unterjochung“ (50) betroffen: „von allen weiblichen Säugern ist die Frau am tiefsten sich selbst entfremdet, und sie lehnt diese Entfremdung am heftigsten ab“ (56). Die Unfähigkeit, sich der Natur zu entziehen, doch dabei gleichzeitig eine höhere menschliche Existenz zu sein, erniedrigt die Frau zutiefst. Ihrem Wesen gemäß will sie sich überschreiten, wie der Mann, ist aber durch ihre Biologie zu Stagnation und Immanenz verurteilt (vgl. 88).

Insbesondere die Schwangerschaft ist der Frau dabei ein großes Hindernis. Das „Unterworfensein unter die Gebärfunktion“ verbietet ihr die „Teilnahme an der Gestaltung der Welt“ (163). Bezeichnenderweise beginnt bei de Beauvoir das Kapitel über Schwangerschaft mit der Abtreibung (vgl. ab S. 612). Die schwangere Frau wird wie folgt beschrieben: „In den Fängen der Natur, ist sie Pflanze und Tier, eine Kolloidreserve, eine Bruthenne, ein Ei.“ (630) Sie ist zum bloß „passiven Werkzeug des Lebens geworden“ (ebd.). „Eine aus ihrem Fleisch geborene und ihrem Fleisch doch fremde Geschwulst wird Tag für Tag in ihr heranwachsen. Sie ist eine Beute der Spezies, die ihr ihre geheimnisvollen Gesetze aufzwingt, und im allgemeinen schreckt sie vor dieser Entfremdung zurück: ihr Entsetzen drückt sich im Erbrechen aus.“ (632) Erst mit der Menopause „ist die Frau von den Zwängen ihrer Weiblichkeit befreit“ (55). Nicht der Mann ist hier das Feindbild, sondern die biologische Weiblichkeit selbst.

De Beauvoirs Weg zielt nicht auf eine Aussöhnung der Frau mit ihrer Biologie, sondern auf eine vollständige Entfremdung, auf eine technisiert-kontrollierte Ablösung durch die Mittel der modernen Medizin. Mag sie auch eine richtige und wichtige Aussage getroffen haben, wenn sie deutlich macht, dass die Frau nicht mit ihrer Gebärfunktion gleichzusetzen ist. Sie geht zu weit, indem sie diese in Opposition zur Weiblichkeit, oder zur Menschlichkeit überhaupt setzt. Sie hinterfragt nicht, warum die Frau die Natur als „Tyrannei“ wahrnimmt. Dabei ist ihr klar, dass die gesellschaftliche Tradition eine große Rolle spielt. Die Naturwahrnehmung als solche untersucht sie aber nicht. Inwiefern ist „die Natur“ selbst konstruiert? Ist es unproblematisch, dass sie dem Menschen als „das Andere“ erscheint? Und welchem Menschen? Sicher nicht „dem Primitiven“. Aber dem fortgeschrittenen, fortschreitenden, sich selbst permanent überschreitenden Menschen? Aber welcher ist das? Wie hat er seinen „Fortschritt“ erkauft? Indem er seine „Menschlichkeit“ weiter verwirklicht hat? Seinen Herrschaftsanspruch?

Die oberflächliche Inklusion ehemals Unterdrückter in eine Gemeinschaft von Unterdrückern schafft die Unterdrückung selbst nicht ab. Sie stärkt sie.

In Das andere Geschlecht geht es nicht gegen das Patriarchat. Es geht um eine vollständige Integration der Frau in das Patriarchat, diesmal als Akteur: „Die Zukunft kann nur zu einer immer tiefgreifenderen Integration der Frau in die einst männliche Gesellschaft führen.“ (179) Zugrunde liegt die traditionelle Gleichsetzung von „männlich“ und „menschlich“. „Männlich“ dabei wiederum als etwas verstanden, das selbst völlig fragwürdig ist und im Werk viel zu wenig thematisiert wird. Gelangt der Mann etwa zu seiner wahren Männlichkeit, zu seiner echten Menschlichkeit, wenn er sich auf das Herrschen versteht? Wird der Mann als Mann geboren? Als dieser Mann, als Herrscher, Unterdrücker, Patriarch? Wie oft herrscht er tatsächlich im Patriarchat, wie viel häufiger ist er selbst Sklave? Und wenn die Frau zum Patriarchen geworden ist, wenn der Begriff „Patriarchat“ obsolet wird, bleibt dennoch die alte Struktur bestehen, die sich bloß verschoben hat: die Herrschaft der Herrschaft, die Kratoarchie, wenn man so will. Diese selbst steht für De Beauvoir außer Zweifel. Alle unschönen Nebenwirkungen, alle barbarische Gewalt werden sich langfristig gesehen selbst aufheben, so die implizite Annahme; die Gesellschaft wird sich von selbst verändern, wenn man ihr innerstes Gesetz erst konsequent genug zur Anwendung kommen lässt. Doch das Prinzip selbst wird sich nicht verändern, das Bewusstsein des Menschen von sich selbst und seinem ‚Anderen‘ bleibt das gleiche.

So aber kann kein echter Fortschritt statthaben. Das alte Bewusstsein kann sich nicht erneuern, ohne dass es selbst ein anderes wird, ohne dass es sich in seinem Kern vollkommen verwandelt. Die Verwandlung aber wird im Anderen Geschlecht nicht angestrebt, lediglich die Vervollkommnung des Alten. Das Neue ist die Ausweitung des Alten, die Ausdehnung auf Teile, die bisher ausgeschlossen waren. So kann es sich künstlich verjüngen und stärken, Progression vortäuschen und glaubwürdig verkaufen. Dieser Gedanke trägt heute Früchte. Eine Hillary Clinton gilt als fortschrittlich, weil sie eine Frau ist. Mit Obama „ging es voran“, weil er schwarz ist. Die oberflächliche Inklusion ehemals Unterdrückter in eine Gemeinschaft von Unterdrückern schafft die Unterdrückung selbst nicht ab. Sie stärkt sie. Flüchtigen Beobachtern nimmt sie den Wind aus den Segeln ihrer Kritik. Des Kaisers neue Kleider sind weiblich, schwarz oder grün. Er hat gelernt, sich richtig zu kleiden, so, dass man guten Gewissens hinsehen kann. Befriedigt wendet man seinen Blick wieder ab, ohne das Karnevaleske dieses Schauspiels verstehen zu wollen.

Vergiftete Freiheit

Gewiss, das Bild der Frau (oder anderer einst Benachteiligter) verbessert sich in diesem Prozess, ihre soziale Anerkennung steigt. Ihre Möglichkeiten sind weitaus zahlreicher geworden, ihr Handlungsspielraum als solcher hat sich deutlich vergrößert. Vor allem wird bei der Lektüre des Anderen Geschlechts deutlich, wie viel sich zum Guten für sie verändert hat, wie wenig vergleichsweise übrig geblieben ist von der bürgerlichen Gesellschaft um 1949. Ohne die feministischen Bestrebungen, und ohne eine Simone de Beauvoir sähe es heute wohl anders aus. Doch diese neue Freiheit ist vergiftet wie die Freiheit des ‚Westens‘ gegenüber dem Rest der Welt vergiftet ist. Sie konnte nur im Rahmen einer Ordnung errungen werden, die sich ihre Knechte nunmehr bloß woanders sucht und die sich besonders raffiniert darauf versteht, das Konzept der Knechtschaft selbst beständig neu zu reformieren.1

Diese Ordnung ruht nicht zuletzt auf einem Menschenbild: auf dem des Herrschenden, der sich die Natur und alles ‚Niedere‘ zum Knechte macht. Dieses Menschenbild wiederum legitimiert die (im doppelten Sinne) herrschende Ordnung: Sie lässt ihre Struktur „alternativlos“ erscheinen. Erstaunlicherweise gelingt es, mit der (Bestimmung der menschlichen) Natur gegen die Natur zu argumentieren. Die menschliche Natur wird schlicht als das Nicht-Natürliche bestimmt. Was nicht Natur ist, ist wahrhaft „natürlich“, was Natur ist, dagegen nur Biologie, Tierheit, der menschlichen Natur als solcher fremd. Seine eigentümliche Menschennatur wiederum zwingt den Menschen dazu, so zu handeln, wie er es tut: zu unterwerfen. Es ist ihm natürlich, unabänderlich. Und so kann er auch nur eine Gesellschaft entwerfen, die seiner Natur entspricht. In beständiger Selbst-Negation und Selbst-Verstümmelung seiner vermeintlich bösen Natur, meint er über sie hinausgehen zu können. Indem er durch sie sich selbst knechtet, glaubt er sich zu befreien.

Es gäbe noch mehr, was detaillierter diskutiert werden könnte und müsste. Interessant sind etwa de Beauvoirs widersprüchliche und zweifelhafte Meinungen zur These der matrifokalen Urkultur des Menschen oder zu „primitiven“ menschlichen Gemeinschaften überhaupt. Gewagte (und vage) Thesen finden sich auch zu Themen der Biologie und Psychoanalyse. Insgesamt ersetzt die Breite der Ausführung leider zum größten Teil die Tiefe. Der romanhafte Beschreibungsstil bietet der präziseren Analyse keinen Platz, stattdessen wird der Leser – oder eher die Leserin – mit weitläufigen Szenerien und langen Zitaten (wiederum gerne Romanen entnommen) überhäuft. Allzu oft muss kritische Auseinandersetzung bloßen Bildern weichen, die Interpretation verliert sich in literarischer Willkür und im Widerspruch. Andererseits macht die Ausführlichkeit der Darstellung, seine Ehrlichkeit und Schärfe, das Werk durchaus interessant und bietet mindestens einen Ausgangspunkt zur weiteren Auseinandersetzung. Die notwendigen (noch heute allzugültigen) Tabus werden gebrochen. Insbesondere die heuchlerische bürgerliche Gesellschaft mit der Institution der Ehe wird treffend porträtiert. Fazit: Alles in allem und aller zweifelhafter philosophischer Prämissen zum Trotz ein – im Positiven wie im Negativen – bemerkenswertes Werk.

1Noch ein schönes Zitat in diesem Zusammenhang: „Ein freies Individuum gibt nur sich selbst die Schuld an seinen Mißerfolgen, es nimmt sie an.“ (757)

Literatur: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, übers. v. Uli Aumüller u. Grete Osterwald, Hamburg 2017 (Rowohlt).

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9 Gedanken zu “Simone de Beauvoirs patriarchaler Feminismus – Eine Kritik

  1. Ein Text, den ich gerne unterschreibe und teile. Danke. Er spricht konkret und detailliert aus, was ich schon oft gedacht, beobachtet und für mich als wahr erkannt habe, ohne dass ich dafür Worte gefunden hätte. Auch unabhängig von De Beauvoir im Blick auf die heutigen Trends, die ich als eine Art „Zähmung der Gesellschaft“ zwecks leichter Manipulierbarkeit wahrnehmen. Aus den von dir erwähnten Gründen.

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  2. Vielen Dank für die Vorstellung. Deine Kritik erinnert mich an eine Idee, über die ich grade viel Lese, ich weiß nicht, wer sie mir in den Kopf gesetzt hat: Daß das Bild vom Menschen als eines sich fortentwickelnden der ideologische Unterbau und Aberglaube unserer und wahrscheinlich aller menschlichen Zivilisation sei. Tatsächlich ist die Menschheit bestenfalls eine beharrende, wahrscheinlich sogar im Regress befindlich. Das einzugestehen aber würde alle unsere Bemühungen in tiefe Depression stürzen. Wer also Verändern will muss an den Fortschritt zum besseren glauben und die Widersprüche in Kauf nehmen. Führt nicht eine Menschheit als Teil der Natur unweigerlich zu einem zyklischen, mithin stillstehenden Welt- und Menschenbild?

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    • Interessanter Einwand. Die Fortschrittsideologie, von der du sprichst, sehe ich historisch allerdings hauptsächlich an den Glauben an einen technischen Fortschritt gekoppelt. Der Mensch definiert seine kulturelle Entwicklung traditionell gerne damit, inwieweit er es versteht, sich durch Einfallsreichtum und Erfindung „aus den Fängen der Natur“ zu befreien. Und tatsächlich hat er das ja zu einem beträchtlichen Teil geschafft. Das der Mensch sich als einzige Art in klarer und vor allem bewusster Opposition zur Natur entwickelt hat, ist ja nicht zu leugnen. So gesehen kann die Menschheit also nicht als „statisch“ bestimmt werden, denn sie zeichnet sich ja gerade durch diese Dynamik aus. Mag sie auch biologisch gesehen ihren relativ „festen Kern“ behalten haben, in Tat und Bewusstsein ist sie darüber hinausgegangen.
      Und ich würde sagen, eben dieses Bewusstsein kann als Indikator für den „Stand“ der menschlichen Entwicklung dienen. Der Mensch ist sich – zuerst – seiner selbst bewusst geworden in negativem Sinne. Er verstand sich – und versteht sich weitestgehend immer noch – als „andere“, unabhängige Entität gegenüber der jetzt generalisierten und als oppositionelle Einheit verstandenen „Natur“. Er hat das Bewusstsein seiner selbst als ein Bestimmter, „Individueller“ und Autonomer erreicht. In der so geschaffenen Distanz zur Natur hat er einiges über sie erfahren, theoretisch erfasst und praktisch umgesetzt – und das, jedenfalls kurzfristig, zu seinem Vorteil. Langfristig wird ihm dieses partikulare Bewusstsein seiner selbst allerdings nicht genügen, wie sich schon jetzt deutlich abzeichnet. Es wird nämlich immer deutlicher – und es ist eigentlich eine Trivialität – dass der Mensch trotz allem von der Natur abhängig ist, da er ein Teil von ihr ist. Und ein Teil kann nicht über das Ganze hinausgehen, ohne sich zu vereinzeln und abzusterben (er ist in Kants Worten ein „endliches Vernunftwesen“). Konkret: Er zerstört momentan seine eigene Lebensgrundlage. Was er also bisher gemeistert hat, ist sein „Teilbewusstsein“. Als einziger Teil der (uns bekannten) Natur hat er ein (negatives) Selbstbewusstsein erlangt. Er versteht sich jedoch noch nicht als dieses Ganze selbst. Das Bewusstsein des Ganzen und sich selbst als dieses Ganzen (nicht nur als Teil) fehlt ihm noch, und das ist meiner Ansicht nach das grundlegende Problem. Der hegelsche Dreischritt, die natürliche Dialektik des Menschen ist noch nicht abgeschlossen. Er muss sich erst sowohl als Teil und als das Ganze selbst begreifen lernen.
      Ob er das schafft, ist eine andere Sache. Es gibt in der Natur schließlich auch genug Beispiele dafür, dass noch „unvollendete“ Lebewesen verfrüht absterben. Das kann also durchaus passieren. Aber ob es passiert, ist letztlich – sofern man einen freien Willen annimmt – unsere Sache.
      Mir scheint die menschliche Entwicklung damit also durchaus „zyklisch“ zu sein. Ich denke aber, dass das gleichzeitig eine große Dynamik impliziert, nicht Stillstand (denn die bewusste Einheit mit der Natur ist ja eine andere als die vorbewusste). Viele alte religiöse Mythen stellen sich die menschliche Entwicklung ja gerade als einen solchen Kreis vor. Mit dem Unterschied, dass die Vorstellung vorzuherrschen scheint, dass der Zustand der Vollkommenheit schon lange zurückliegt und wir uns gerade in einer Phase des Niedergangs befinden. Dazu noch in einer Periode, auf die noch viele schlimmere folgen werden, bevor es dann irgendwann wieder langsam bergauf geht. Der Niedergang ist damit aber gleichzeitig auch der Aufgang. 😉 Ob der Mythos Recht hat, weiß ich nicht. Eine Dynamik und ein Potential zur bewussten Steuerung dieser Dynamik sehe ich auf jeden Fall. Die bewusste, freie Entscheidung ist vielleicht sogar der einzige Weg, den Kreis zu vollenden.
      Ich müsste hier eigentlich noch detaillierter werden, aber der Kommentar ist auch so schon lang genug. 😉

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      • Wäre es für unser Selbstbewußtsein erträglich, wenn genau das der Beweis unser Naturgebundenheit wäre: Eben dieser unseren Mangel, die Unfähigkeit, sich in die Natur einzufinden und zu beschränken, daß wir quasi von unserer Natur der Heuschreckenschwarm sind, der seine eigene Lebensgrundlage auffrißt und das sehenden Auges und Verstandes? Oder wäre genau diese Erkenntnis der noch nicht vollzogene Syntheseschritt, als selbstbewußtes Teil des Ganzen, zu erkennen, daß uns die Krähen und Ameisen als genau so instinktgeleitete Schwarmwesen wahrnehmen, wie wir sie?
        Das würde zur nächsten Frage führen: In wieweit kann unsere Moral, die Kant noch der heiligen Vernunft zuordnete, als bloßer Instinkt gesehen werden, eine Frage von Verhaltensbiologie und Massenpsychologie? Wenn Sogar Frau Beauvoir die Hierarchien als natürlich gegeben hält und der Sonderstatus als geistiges Vernunftwesen – oder vernünftiges Geistwesen – nur durch arg konstruierte Menschenbilder aufrecht zu halten ist. Oder verkaufe ich da grade den Geist zu billig an die Naturwissenschaften?

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        • Die ganze Thematik ist ungeheuer komplex. Wenn ich es recht verstehe, geht es dir um die ‚Natürlichkeit der Unnatürlichkeit des Menschen‘, um sein (tragisches) „Schicksal“ also, seine eigentümliche Natur darin zu erfüllen, seiner Umwelt auf ewig feindlich gegenüberzustehen und sich so zuletzt selbst zu zerstören. Vielleicht.
          Aber ich hätte da eine andere Auffassung von „Leben“. Das Leben nämlich als die Daseinsform, die sich in Entfaltung (oder „Erfüllung“) ausdrückt und erst dann zerfällt und stirbt. Das Gegenteil wären Krankheit oder Destruktivität, welche einen gewaltsamen und verfrühten Zerfall herbeiführen, den lebendigen Zyklus also stören. Nun muss man natürlich vorsichtig mit den Begrifflichkeiten sein. „Leben“ kann man genau wie „Natur“ schließlich sehr weit fassen, indem man etwa – sehr richtig – sagt, Krankheit und Zerstörung gehören zum Leben dazu. Aber hier hat man auf einer anderen logischen Ebene operiert. Denn das Eigentümliche am Leben ist ja nicht der Zerfall, sondern der Aufbau von Seiendem. Erst nach dem Aufbau kann der Zerfall statthaben. Ich würde grundsätzlich die Destruktivität oder die Krankheit als Abweichung definieren von diesem Streben alles Lebendigen, sich zu entfalten und damit überhaupt erst „ins Sein zu treten“. Das „Leben“ im engeren Sinne also als der – logische – „Normalfall“, wenn auch ergänzt durch sein wahrscheinlich notwendiges Korrelat des Pathologischen.
          Ist der Mensch nun Lebewesen oder Krankheit? Die Menschheit wird manchmal ja auch zynisch als Krebsgeschwür des Planeten bestimmt. Kann ein Lebewesen, in einem breiteren Rahmen, eine Krankheit sein? Ich denke schon. Aber trifft das für den Menschen zu? Ist er ein Parasit? Erfüllt sich sein Leben, wenn er seinen Wirt völlig ausgelaugt hat? Ich kenne mich in der Biologie nicht so gut aus, aber ich glaube, auch kein Parasit, oder auch kein Virus nimmt die Ausrottung seiner Art willentlich in Kauf, setzt alles auf eine Karte, wenn keine alternative Option, kein alternativer Wirt in Aussicht steht. Auch ein Parasit ist ja nicht auf seine eigene Zerstörung aus, sondern auf das Leben, sein Leben. Etwas anderes würde, wenn wir vom „Primat des Lebens“ ausgehen, der Logik des Lebens zuwiderlaufen.
          Ist der Mensch also vielleicht ein logischer Fehler im System? Ist er nicht „fit“ genug, um dauerhaft als Art bestehen zu können? Vielleicht. Aber auch hier gilt ja: Keine Art besteht dauerhaft, Arten verändern sich, entstehen und vergehen. Der Mensch lebt schon länger auf dieser Erde, hat sich aber erst in jüngster Zeit sehr stark verändert (und gefährdet erst in allerjüngster Zeit seine eigene Lebensgrundlage ernstlich). Handelt er dabei noch „artgemäß“? Oder hat er seine eigene Art vielleicht schon überwunden, weiterentwickelt? Für mich sieht es bei der jüngsten Entwicklung eher nach einer psychischen Verirrung aus (deren genaue Ursachen man noch ergründen müsste) statt nach einer Konsequenz seines Artcharakters. Die Erde krankt am Menschen, weil er an sich selbst krankt. Ich denke, bei genauerer Beobachtung kann man durchaus feststellen, dass der gesunde Mensch kein „Raubtier“ ist. In seinem Raubtierverhalten verhält er sich autodestruktiv, also krankhaft. Er unterdrückt sich selbst und seine höchsten Potentiale. Muss er das konsequenterweise, ist das für ihn „natürlich“? Ich kann nicht glauben, dass ein Lebewesen sich so lange halten konnte, dem das „natürlich“ wäre. Interessant sind in diesem Zusammenhang übrigens auch Forschungen zur (sogenannten) Vorgeschichte des Menschen, die eine relativ (!) friedliche, aber vor allem nicht autodestruktive Lebensweise nahelegen. Diese Ansicht wird z.B. von Bachofen, Engels, Wilhelm Reich, Erich Fromm und anderen, allerdings nicht vom archäologischen Mainstream vertreten – soweit ich es überblicken kann. Das wäre allerdings noch ein (wichtiges) Thema für einen eigenen Artikel, wenn ich hier mal irgendwann genug gelesen habe.
          Zum Schluss noch zur Moral als Instinkt: Das ist genau das, was Herr Nietzsche gerne behauptet. Moral gibt es nur als Dimension des Willens zur Macht, Moral gibt es nur, um das eigene Ego noch mehr zu füttern usw. „Instinkt“ hier also als Teil eines egoistischen, destruktiven Strebens definiert, das für den Menschen „natürlich“ ist. Wenn man sagt „bloßer Instinkt“, hat man dann nicht schon Stellung bezogen und den Instinkt als etwas Sekundäres, Niederes, eben „bloß“ Tierisches oder Natürliches bestimmt? Der moderne Mensch scheint auch eine gewisse masochistische Befriedigung darin zu finden, „bloßes Tier“ zu sein. Wie man „Instinkt“ wertet hängt eben auch davon ab, wie man die menschliche Natur fasst, oder besser vielleicht: seinen Artcharakter. Wenn sein Artcharakter tendentiell lebensbejahend ist, dann muss das für die Moral ja keine Erniedrigung bedeuten. Sondern im Gegenteil, wir haben den Menschen damit ja zum „natürlich moralischen Menschen“ erhöht und dabei sowohl den kantischen Dualismus als auch den nietzscheschen Pessimismus vermieden. Die Gefahr besteht natürlich weiterhin, in einen Optimismus zu verfallen, weshalb der Moralbegriff ja auch so schwierig ist.

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          • Das macht ja richtig Spaß hier. Wie du dein Menschenbild entwickelst, ist mir sehr sympathisch. Nur erinnere ich mich dunkel an strenge Geisteswissenschaftler, die immer warnend den Zeigefinger hoben, wenn von Vorgeschichte, Archäologie (englisch: Anthropology) und natürlichen Moralbegründungen die Rede war: NATURALISTISCHER FEHLSCHLUSS!
            Allerdings beobachte ich mit Vergnügen, wie Du ein Ganz eigenes Menschenbild mit entsprechender Moralbegründung entwickelst. Und zwar das ökologische Pflichtenmodell.
            Ich frage mich, ob vielleicht die Eiszeitlichen Jäger an ihren Lagerfeuern ganz ähnlich diskutiert haben, als einigen dämmerte, dass das verschwinden der riesigen Tierherden vielleicht auch ein bisschen mit ihren verbesserten Jagdtechniken zu tun haben könnte.
            Eine Anmerkung aus der Biologie: Leben ist konstruktiv, anpassungsfähig und opportunistisch. Aber es bezieht seine Energie immer daraus, andere Materie höheren Organisationsgrades zu zerstören, mithin anderes Leben, zu verspeisen.

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            • Also was den naturalistischen Fehlschluss angeht, bin ich auch skeptisch. 😉 Aber ich mag jetzt hier nicht ausholen.
              Ökologisches Pflichtenmodell? Ich weiß ja nicht, gegen Pflichten habe ich seit Kant eigentlich eine Unverträglichkeit entwickelt.. Das Projekt Menschenbild ist auch noch lange nicht abgeschlossen, wer weiß, vielleicht werde ich am Ende doch wieder „Naturpessimist“.
              Und ja, zerstören… Ich nerve Veganerfreunde auch damit, dass sie den Pflanzen kein Mitleid entgegenbringen. 😉 Aber zerstören mit welchem Motiv? Um gesund zu leben oder um Macht auszüben? Zerstören ist eben nicht gleich zerstören. Sehr interessante und passende Lektüre dazu übrigens: Erich Fromm – Anatomie der menschlichen Destruktivität

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              • Da antworte ich ganz naturalistisch mit Entropie und so. Eigentlich gibt es keine Zerstörung, sondern energieintensiven Aufbau komplexer Strukturen. Da ist die Energie dann aber zum Glück die Energie drin gespeichert, dass der Abbau der entsprechenden Strukturen die Energie wieder Freisetzt. Biologisches Leben gewinnt Energie aus dem Abbau komplexer Zucker, nutzt diese direkt, um einen Wasserstoffionengradienten aufzubauen. Aus den H+ wird in kontrollierter Knallgasreaktion das Vielfache der eingesetzten Energie erzeugt. Also erst amderes Leben vertilgen, damit der Körper sich ein stabiles Reagenzglas bauen kann um ganz Schlicht H und Sauerstoff zu Wasser verbrennen zu lassen, und zwar nicht als Zellzerfetzende Explosion, sondern als wärmendes Sparflämmchen. Wir Essen also anderes Leben, damit wir die Energie des allzerstörenden Sauerstoffs vernünftig nutzen können.

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  3. Mal wieder sehr erhellend!
    Für mich waren v.a. zwei Punkte besonders aufschlussreich. Zum einen, dass die Leibfeindlichkeit, die ja eine lange Tradition hat, noch bei De Beauvoir so deutlich und massiv auftritt und zum anderen die Vorstellung, dass das Leben als Kampf (um Selbstbehauptung) begriffen wird.

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