Etymologie: Einfluss

Einfluss m. ‚Einwirkung, Geltung‘. Das in der Mystik aufkommende mhd. invluʒ wird neuerdings als Übersetzung von mlat. influentia (zu lat. influere ‚hineinfließen, -strömen‘) angesehen, vgl. Heisig in: PBB (T) 86 (1964) 338ff. Der Ausdruck bezeichnet nach der Mystik Bernhards von Clairvaux ‚das durch göttliche Gnade bewirkte Einströmen des Heiligen Geistes in eine sich ihm bereitwillig öffnende Seele‘. Dieser metaphysische Gehalt wird später aufgegeben, doch bleibt der vorwiegend übertragene Sinn erhalten. […]

Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 269.

Man denke an „Einflussnahme in der Politik“ und ähnliche Sprachgebilde und staune darüber, welch langen und wechselhaften Weg ein Begriff machen kann, der die Erfindung eines christlichen Mystikers im Mittelalter war und seinen weiteren Ursprung noch mindestens irgendwo bei Platon bzw. Plotin sucht (man denke an die berühmte Emanationslehre). Wo immer also heute jemand „Einfluss geltend macht“, mag man sich ihn als gottgleiche Entität vorstellen, die durch bloße Gnadenwirkung Ähnlichkeit des Geistes, der Meinung und der Tat hervorbringt. Der Einfluss Schopenhauers auf Nietzsche ist ebenso zu denken, genauso der Einfluss der Beatles auf die Musikgeschichte. Wenn ich in einen Text Sarkasmus einfließen lasse, bitte, man verstehe es von jetzt an so. Das Begriffspaar „Macht und Einfluss“ erhält nun auch gleich einen ganz anderen, wenn auch durchaus treffenden, Beigeschmack. Es ist immer wieder schön zu sehen, wo die Philosophie- und Geistesgeschichte ihre subtilen Spuren im Alltag hinterlässt.

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Etymologie: Materie

Materie f. ‚objektive Realität, stoffliche Substanz, Masseteilchen, Gegenstand, Inhalt, Thema‘, mhd. materje, materge ‚Stoff, Körper, Gegenstand, Flüssigkeit im Körper (bes. Eiter)‘ ist entlehnt aus lat. materia ‚Stamm und Schößlinge von Fruchtbäumen und Weinreben, Bauholz, Nutzholz, (Grund-)stoff, Aufgabe, Anlage, Ursache‘, einer Ableitung von lat. mater ‚Mutter‘ (s. Mutter). Materie entwickelt sich in zwei Bedeutungssträngen: einerseits bezeichnet es den ‚Stoff, aus dem etw. gefertigt ist‘ (im 18. Jh. abgelöst durch Material, s. d.), andererseits gilt es in der Sprache der Philosophie als die ‚stoffliche Seite eines Naturkörpers‘ (14. Jh.), als ‚Möglichkeit des Seins‘, das seine Bestimmung erst durch die Form erhält. – materiell Adj. ‚die Materie betreffend, stofflich, körperlich, wirtschaftlich (18. Jh.), von frz. matériel, entlehnt aus lat. materialis ‚zur Materie gehörig‘.

– Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 847–848.

Im Ursprung des Begriffes „Materie“ offenbart sich viel über unser Denken und unsere Geschichte, vor allem vieles, das wir vergessen haben. Die frühere Auffassung von der Welt als einer Fruchtbaren und Lebendigen, von der „Mutter Erde“, die Leben gibt, vom „Mutterstoff“, aus dem alles Seiende geformt ist, weicht einer völlig verkrüppelten und pervertierten Bedeutung des Begriffs „Materialismus“. „Materialismus“ heute bedeutet gerade sein Gegenteil, nämlich die Rückführung alles Seienden auf „tote“ Materie, auf „bloßen“ Stoff. In Opposition dazu steht sein glänzender Widerpart, der Idealismus, in dem die „Idee“, der „Geist“ als Hauch Gottes über das „bloß“ Stoffliche, Passive herrscht. Angeblich haben wir heute diesen Dualismus überwunden. In Wirklichkeit vertreten wir eine nekrophile Weltauffassung: Gott, der große Patriarch, ist tot, doch nicht „die große Mutter“ ist wieder an seinen Platz getreten. Stattdessen beten wir tote Körper an, wir umgeben uns mit ihnen, tragen sie am Leibe, schmieren sie auf die Haut, essen, trinken, verkonsumieren sie, und wo wir das Lebendige nicht wegerklären können, führen wir es wieder auf Totes zurück, der Mensch: das Gehirn.

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