Kurze Phänomenographie des Verstehens

Verstehen kann etwas nur, wer es schon verstanden hat. Verstehen heißt nicht: Etwas Neues finden. Verstehen heißt: Etwas wiederfinden, das Andere im Eigenen wiedererkennen. Oder: Das Eigene zum ersten Mal anders sehen. Verstanden-Werden heißt Eins-Werden im Geiste, wenn auch nur für den Moment. Verstehen ist synthetisch. Verstehen ist Einsicht in einen Zusammenhang, auch in den Zusammenhang des Unterschiedes. Verstehen ist Erleichterung. Der Stachel des Verstehen-Wollens lässt von uns ab. Verstehen ist ein bloßer Punkt, ein Moment, kaum greifbar. Und Verstehen ist ein Prozess, der zum Verständnis führt. Verstehen heißt: Für den Moment nicht mehr zweifeln, sondern wissen. Dann wieder am Wissen, am Verstehen zweifeln. Verstehen ist Sehen, Klar-Sehen, ist Einsicht, ist Aussicht in das Eine. Verstehen ist der Kick, das High des Philosophen. Verstehen ist Losgelöst-Sein, Erlöst-Sein, ganz kurz, von der Unvollkommenheit. Verstehen ist Erkenntnis. Verstehen ist ein Gefühl, das Hochgefühl der Erkenntnis. Verstehen ist manchmal falsch, ein Schein-Verstehen, leise dann, und mit fadem Beigeschmack, eklig fast, klebrig – auch übermütig, vorschnell, voreilig, vergesslich. Missverständnis ist Dissonanz, und Frustration. Das andere, den anderen nicht zu verstehen heißt ihn nicht zu erkennen, ihn nicht zu sehen, ihm fremd zu bleiben, selbst ein Fremder im Anderen, Noch-nicht-Eigenen. Verstehen ist auch Aneignung des Fremden, Vermehrung des Eigenen, Inbesitznahme des Anderen. Leugnung des Anderen als Anderes – denn das Verstandene ist schon immer ein Eigenes. Ausdehnung des Ich. Irgendwann Auflösung des Ich, Vollkommenheit des Ich. Verstehen ist irrational. Das Denken hört auf, wo das Verstehen einsetzt. Verstehen ist Fügung, ist Frieden. Verstehen ist Höhepunkt und Verstehen ist Endpunkt. Verstehen will nicht Verstehenmachen. Nicht-Verstehen will Verstehenmachen, zwingt zum Verstehen-Wollen. Verstehen ist tückisch. Es besänftigt, wo es zuvor noch erhöht hat. Verstehen ist Einheit von bewusst und unbewusst. Verstehen ist Einfalt, Entfaltung des Mannigfaltigen. Verstehen schafft Wissen, erzeugt Kompakta des Wissens, schnürt Wissenspakete – die wir nicht mehr verstehen müssen, bald schon nicht mehr verstehen. Wer verstehen will, muss immer wieder verstehen. Das Vertraute, Einmal-Verstandene immer wieder neu verstehen. Schon Verstandenes macht vergesslich, Wissen macht träge. Verstehen ist Entgrenzung, Befreiung. Verstehen ist eine Stimmung der Potentialität, der Möglichkeit. Verstehen ist das Gegenteil von Zwang. Verstehen ist Freiheit.

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