Über Moral

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Moral mit der Peitsche. Abbildung: Caravaggio – Tempelreinigung

„Moral“ ist ein problematischer Begriff. Alle sind sich einig darüber, dass das, was moralisch ist, zu begrüßen sei, das Unmoralische dagegen nicht. Bloß über die Beschaffenheit des Moralischen ist man sich uneinig. Kriege werden im Namen der Moral und gegen die Unmoral geführt. Jeder Krieg ist moralisch legitimiert – die kriegsführende Partei tut es selbstverständlich aus moralischer Notwendigkeit heraus. Wie sonst die Unmoral wirkungsvoll beseitigen?

Moral gilt auch als Zeichen von Menschlichkeit, sie ist die dem Menschen eigentümliche Eigenschaft – neben der Vernunft freilich, die daher gerne mit ihr in einem Atemzug genannt wird. Der unmoralische Mensch aber gilt nicht mehr als Mensch – und er verdient also auch keine Moral und keine Menschlichkeit. Moral ist etwas explizit Menschliches, im Menschlichen findet sie Anwendung. Darüber hinaus aber darf auch der Mensch unmoralisch sein, er darf frei sein, frei von Moral. Mehr noch, es ist moralisch im Außermoralischen unmoralisch zu sein – wie auch nicht?

Moral, Ethik oder deutsch „Sittlichkeit“ – all diesen Begriffen ist gemein, dass sie bereits vor Anwendung alles moralischen Relativismus schon selbst zutiefst relativistisch sind. Moral ist eigentlich keine Frage von Gut und Böse, wie Nietzsche richtig herausstellte. Sie ist eine Frage von Richtig und Falsch, auf das Tun bezogen. Was aber richtig und falsch ist, das entscheidet – was das Feld des Moralischen angeht – keine göttliche Instanz oder intuitives Wissen, sondern – die Gewohnheit.

„Gewohnheit“ ist schlicht die ursprüngliche Übersetzung von „Moral“, „Ethik“, „Sittlichkeit“ (mos, ἔθος, site). Sie bedeuten alle das Gleiche, vor aller ideologischen Verklärung und Kanonisierung. „Moralisch“ handelt, wer tut, was alle im sozialen Umfeld schon so lange tun, dass sie sich daran gewöhnt haben. Moralisches Tun ist gewohnheitsmäßiges Tun. Moralisches Tun ist, ganz wörtlich genommen, normales Tun. Normal und normativ unterscheiden sich nicht in der Moral, auch wenn sie so tun mögen. Was normal ist, ist normativ, was normativ, normal. Moral ist das soziale Band, das eine Gemeinschaft zusammenhält. Moralisch richtig ist, was dem üblichen Tun der Gemeinschaft entspricht, moralisch falsch, was ihr widerspricht. Wer unmoralisch handelt, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Moral verfolgt nicht den Zweck eines idealischen „Guten“, sie verfolgt allein den Zweck ihrer eigenen Erhaltung, der Aufrechterhaltung der sozialen Verbindung. „Moralisch“ ist der Raum der Zwischenmenschlichkeit, der Menschen im Alltag aneinanderkoppelt (vgl. Watsuji). Moral ist zunächst einmal noch kein Gesetz, sondern ein Band. Sie schafft erst einen Verbund von Menschen, bindet zusammen, was ohne sie zerfallen würde. Sie entscheidet über den Handlungsspielraum des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft, darüber, wie weit der Einzelne sich bewegen kann, ohne hinauszufallen.

Das Band der Moral kann zweierlei Charakter haben. Eine disziplinarische Zwangsmoral fesselt den Einzelnen mittels Gewalt und schwerer, stählerner Bänder an den Anderen, und an ihr ehernes Gesetz, das sich als solches längst verselbständigt und die Gemeinschaft überstiegen hat. Innerhalb der Zwangsmoral wird am Gängelband des Einzelnen beständig gezogen, ohne das er selbst ziehen darf. Das moralische Band ist nicht flexibel, sondern hart und unnachgiebig.

Freie Moralität hingegen bedeutet nicht eine Kappung der Bänder, sondern einen Wechsel ihrer Qualität und Funktion. Das freie Band hat sich hin zur Leichtigkeit verflüchtigt, es lässt dem Einzelnen als Einzelnem Spielraum, es bindet ihn zwar, in Verantwortung, aber es fängt ihn auch, als Netz, mühelos auf. Die Moral hat sich hier nicht als Gesetz verfestigt und aus der Gemeinschaft selbst extrahiert, und über sie transzendiert, sondern geht in ihrer reinen, tätigen Immanenz auf.

Moralische Bänder lassen sich externalisieren und kontrollieren. Moralische Bänder dienen auch als Zügel zur Steuerung einer Gemeinschaft. Wem es gelingt, zu kontrollieren, was als richtig und als falsch gilt, über Moral und Normalität zu bestimmen, der hat keine weiteren Mühen seine Interessen durchzusetzen, da er den Menschen in seinem genuinen Mensch-Sein – und in dessen Verständnis von Mensch-Sein – bestimmt. „Menschlichkeit“ ist kein immanenter Wert der Zwischenmenschlichkeit mehr, er wird nunmehr definiert und gesetzt durch eine äußere Kraft, die sich selbst als „übermenschlich“ begreift – und dabei notwendigerweise unmoralisch werden muss. Die Gemeinschaft kennt fortan zwei Arten von Unmenschlichkeit: jene der äussätzigen Untermenschen, die es auszuschließen und niederzutreten gilt und jene der Übermenschen, die ihr als vollkommenere und höhere Form von Mensch erscheinen. Und erscheint der Übermensch auch manchmal unmoralisch, was versteht schon der gemeine Mensch davon? Mag auch der gemeine Mensch moralisch sein – das ist er ganz gewiss – der Übermensch ist sicher moralischer, wie auch sonst? Der Übermensch transzendiert nicht nur die Gemeinschaft, er transzendiert auch die Moral. Wer über die Moral bestimmt, kann der etwa auf gleiche Weise moralisch sein wie die Moralischen? Muss er nicht über der Moral stehen, die Moral selbst verkörpern? Die Moral ist eine Sache des gemeinen Menschen – an diese Moral hat sich der Mensch gewöhnt.

Der Mensch hat sich gewöhnt zwischen Mensch und Mensch zu unterscheiden. Nicht jeder Mensch ist Mensch. Nur der, welcher die Moral der Unterscheidbarkeit anerkennt. Der anerkennt, dass es Menschen gibt, die mehr Mensch sind und folglich solche, die weniger Mensch sind. Die externalisierte Moral, die sich über den Menschen erhebt, erhebt sich über die Menschlichkeit als solche. Die Menschlichkeit ist nunmehr eine nach Maß und Norm. Sie genügt nicht sich selbst, ist nicht zufrieden, bei sich zu sein, sondern strebt danach, einem Muster, einer Form, einer Idee gleichzuwerden – jener Idee der Übermenschlichkeit, die das eigentlich Menschliche negiert, indem sie das Außermenschliche propagiert.

Wir begreifen Fragen von Moralität und Ethik heute immer noch als Fragen von Gut und Böse. Wir haben uns lange daran gewöhnt. Das Christentum ist zwar als Dogma zugrundegegangen, als Moral wirkt es immer noch fort (vgl. Nietzsche, Genealogie der Moral, KSA 410) – ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Unsere heutige Moral ist ein Rudiment der lange angeeigneten christlichen Moral. Ihre Einkleidung hat sie verloren, sich säkularisiert – ihren Wesenskern dabei aber nicht verändert.

Wir verwechseln die christliche Moral von „Gut und Böse“ mit etwas Anderem. „Gut“ ist ein diffuser Begriff für uns, doch wir verstehen darunter häufig, frei zu sein, glücklich, friedlich, lebendig – menschlich. „Böse“ hingegen – wir verwenden diesen Begriff selten und doch meinen wir ihn oft – ist das Gegenteil von Gut, es bedeutet Gewalt, Krankheit, Angst, Leiden. „Böse“ ist, wer dies befördert, „gut“, wer sich dem Bösen widersetzt, wer es ablehnt, welcher das Gute lebt und fördert. Diese Auffassungen von Gut und Böse aber sind nicht gleichzusetzen mit moralischen Eigenschaften, bzw. Nicht-Eigenschaften, ganz im Gegenteil. Moral ist beliebig, relativ, die genannten Bestimmungen aber sind es nicht. „Gut“ und „Böse“ sind moralische Kategorien, deren tatsächlicher Inhalt variiert und ganz und gar nicht mit den obigen Auffassungen übereinstimmen muss. „Gut“ und „Böse“ sind Kategorien einer externalisierten Moral. „Gut“ ist der, der ihre Regeln befolgt, der die Zügel der Moral nicht als solche begreift, sondern bejaht. „Böse“ ist der, welcher das Gegenteil tut und sie infrage stellt.

Wir glauben häufig noch, Gut und Böse seien universale Bestimmungen, wir meinen, es gäbe eine Moral „an sich“, Moralität sei allgemein. Doch sie ist es nicht, und Gut und Böse als Kategorien sind es ebenso nicht, wenn sie an die Moral gekoppelt werden. Sie werden erst zu universalen Bestimmungen, wenn wir sie der Moral entkoppeln, und hier werden sie ganz und gar unmoralisch. Sie werden un- oder außermoralisch in dem Sinne, dass sie als lebensbejahende oder lebensverneinende Kräfte erst die Grundlage aller Moral bilden, d.h. Basis und Ausgangspunkt konkreter, relativer und gewohnheitsmäßiger menschlicher Handlungsweisen sind. Wenn wir von Gut und Böse im Duktus der Moral sprechen, vermischen wir diese zwei Ebenen: Einerseits meinen wir „gut“ im Sinne von lebensbejahend, den Fortbestand von Leben befördernd – ganz allgemein und kaum greifbar. Andererseits meinen wir „gut“ im spezifisch moralischen Sinne: Nicht als Bejahung des Lebens an sich, sondern des Handlungsrahmens, des spezifischen moralischen Gefüges, dem wir als Einzelne in der Gemeinschaft angehören. „Gut“ im Sinne einer bestimmten Gemeinschaft und ihrer besonderen Moral ist nicht gleichzusetzen mit „gut“ im Sinne einer allgemeinen Lebensbejahung und der Ablehnung seiner Zerstörung. Weil aber dieser universale Begriff des Guten so allgemein und unspezifisch ist und weil wir gleichzeitig erkennen, dass er uns fern ist und dass wir kein gutes Leben führen, suchen wir im Moralischen nach konkreten Handlungsanweisungen, von denen wir uns versprechen, dass sie uns ihm zuführen.

Die immanente, freie (und aktuell gewiss utopische) Moralität ist eine, die die Moral vergessen hat. Sie ist dadurch charakterisiert, dass sie die Frage nach dem Guten nicht stellt, es nicht problematisiert. In der freien Moralität ist die Moral das spezifische Sein der Gemeinschaft und als solche Ausdruck des allgemeinen Seins, des Lebens. „Gut“ und „gut“ sind sich gleich, das Prinzip der Lebensbejahung findet konkreten Ausdruck in der besonderen Lebensweise als lebensbejahender Lebensweise. „Menschlichkeit“ entspricht dem konkreten Mensch-Sein. Das besondere „Wie“ der Lebensführung ist dabei nicht entscheidend, bloß sekundär. Die Gemeinschaft hingegen, die ihre Moral externalisiert hat, hat diese Entsprechung verloren. Ihr Verständnis von Menschlichkeit hat sich in Unter-, Mittel- und Übermenschlichkeit gespalten. Eine außermoralische Instanz, die der Übermenschlichkeit, legt fest, was moralisch, was menschlich ist. Ihre Festlegung ist das moralische Gesetz. Der Übermensch hat die Menschheit damit an die Leine gelegt. Gebogen und geformt wird mit Honig, gezüchtigt wird mit der Peitsche, und trösten kann sich der Mensch, der Mittelmensch, damit, dass er den Untermenschen zum Ausgleich so viel peitschen darf wie er will. Die einfachen Bestimmungen von lebensbejahend und lebensverneinend haben sich aufgelöst in einer verselbständigten, expliziten, auswüchsigen Moral, welche mit ihren moralischen Kategorien alleinigen Anspruch darauf erhebt. In dieser veräußerten, verunmenschlichten Moral sucht der mit Honig verklebte Mittelmensch nach dem Leben und wundert sich, dass er es nicht findet. Und er versucht selbst Gesetze und Prinzipien aufzustellen, er ahmt nach, sucht innerhalb der Moral nach dem „eigentlich“ Moralischen, nach dem „An sich“ des Moralischen, nach der einen Vorschrift, nach der einen Formel, die doch noch funktioniert, die, regelmäßig angewandt und fleißig befolgt, ihm doch noch ein glückliches, ein menschliches Leben bescheren wird. Aber er sucht nicht dahinter, er hinterfragt die Moral nicht, sieht ihren relativischen Charakter nicht, sieht nicht, dass sie als eine Moral der Spaltung genuin lebensverneinend sein muss. Dass im falschen Leben kein richtiges möglich ist (Adorno). Oder genauer: Dass dort, wo die Verneinung, die Erniedrigung und Zerstörung des Lebens zum Prinzip wird, kein Leben möglich ist.

Und der Übermensch? Er ist der Herr aller Zeitalter, mit tausend Gesichtern. Er war und ist König, Kaiser, Papst, Patriarch, Gott, Vater, Führer, Präsident, Chef, „Machthaber“. Er ist derjenige, der außerhalb der Moral steht, die Moral transzendiert, die Moral schafft. Er sieht sich vergöttlicht, verwirklicht in seiner Stellung. Er hat es geschafft, die Moral zu übersteigen, aus ihr auszusteigen, das ist sein Begriff von Fortschritt. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft ist ihm nicht Verdruss, sondern Vergnügen. Er glaubt, in ihm sei die Menschheit zu sich selbst gekommen, indem sie über sich hinausgekommen ist. Er glaubt, er sei mit seinen Taten Motor des Lebens, seine Triebkraft, er glaubt, er sei Herr über den Krieg des Lebens und Vater aller Dinge. Er glaubt, durch sein Prinzip der Spaltung und immerzu fortwährende Teilung entstünde nicht Krebs, nicht Tod, sondern Wiedergeburt, Erneuerung, ein Höher, ein Besser, ein Näher an der Spitze der Welt. Die Spitze ist sein Ziel und seine Methode. Um selbst Spitze zu werden, spaltet und zersplittert er alles auf seinem Weg – und fühlt sich bestätigt. Bei alldem sieht er nicht, dass er die Verbundenheit des Lebens nicht aufheben kann, dass seine Kraft und Macht Illusion ist, dass er durch sein Wegbeißen aller Verbindung sich selbst immer kleiner, dünner und schwächer macht. Der „Übermensch“ – er fühlt sich göttlich in seiner Unmenschlichkeit und versteht nicht, dass es keine Menschlichkeit im Außermenschlichen geben kann, dass er aber trotz allem Mensch bleibt und sich selbst erniedrigt und verachtet, wenn er den Menschen erniedrigt und verachtet. Er selbst hat ihn erst verächtlich und dumm gemacht, den „Mittelmenschen“. In seiner Kleinheit hat er sich die anderen Menschen ganz klein gemacht, um sich größer fühlen zu können. Es ist nicht bloß das Leben des Mittelmenschen, das er verneint, es ist sein Leben. Doch er glaubt, er folge dem Plan Gottes oder „bejahe“ das Leben in seinem Willen zur Macht.

Er hat die Moral geschaffen, er hat sie dem Leben entfremdet und er hat diese lebensfremde Moral zur Lebensformel an sich ausgerufen, um sein Machtstreben zu legitimieren. – „Aber, aber“ werden einige „Realisten“ vielleicht anmerken, „das Leben ist doch nicht friedlich, freundlich, immerzu harmonisch! Man sehe sich doch das Leben da draußen an! Es ist Krieg, Tod, Zerstörung, es ist Ernst, Leiden, Krankheit, Verderben! Wir können froh sein, dass wir moralisch so weit fortgeschritten sind, diese ursprüngliche Barbarei zumindest annähernd im Griff zu haben!“ Wirklich? Ist das Leben? Erhält sich das Leben etwa durch Zerstörung? Oder greift hier unsere Moral in den Köpfen, die über-menschliche, über-natürliche Moral? Ist die Realität „gottgegeben“ oder doch menschlich geschaffen? Natürlich gäbe es ohne Teilung als Prinzip kein Leben, keine Vielfalt, keinen Wandel, keine Veränderung, keine Dynamik, keinen Fluss – und auch keinen Bestand. Aber bei aller Dynamik, bei aller ungreifbarer Wandelbarkeit des Lebens: das Leben ist, es ist durch seine Teile, die sind. Sie vergehen und sie bestehen nicht, aber sie sind. Nicht die Teilung hält das Leben zusammen, hält seine Teile am Leben, sondern die Verbindung. Diese geht der Teilung voraus und wo die Teilung alleine herrscht, folgt der gewaltsame, abrupte Tod, wo ein erfüllter, friedlicher möglich gewesen wäre. Krieg und Zerstörung sind nicht gleichzusetzen mit dem Prinzip der Teilung an sich, sie sind extreme Formen der Teilung, die ihre Abhängigkeit von der Verbundenheit hartnäckig verleugnen. Leiden, Krankheit und Gewalt gehören dem Leben an, sie sind aber nicht Prinzip des Lebens. Es ist die Teilung als solche, die Leben hervorbringt, nicht die Zerstörung.

„Aber gut! Den Übermenschen also einfach abschaffen, um alles wieder herzurichten? Schließlich ist er ja schuld, ist er allein verantwortlich. Bringen wir sie also zur Strecke, unsere Herren, unsere Unterdrücker, unsere ‚Klassenfeinde‘!“ – Welch vorbildlich moralisches Denken! Der Übermensch ist aber leider keine konkrete Person, er ist Ideologie. Die Ideologie der Übermenschlichkeit, der Spaltung des Menschlichen findet sich an allen Stellen innerhalb der Gemeinschaft. Der am meisten Erniedrigte, der Äussätzige verteidigt sie noch und fühlt sich als Herr in seinem Klein-Klein, innerhalb seiner hierarchischen Schar der Erniedrigten. Und wo er selbst hier der Niedrigste ist, kann er noch seinen Köter treten. Innerhalb der Ideologie der Übermenschlichkeit ist jeder Übermensch, ist jeder Mittelmensch, ist jeder Untermensch. Selbst die Alpha-Männchen in ihren Privatjets der unbegrenzten Möglichkeiten bekämpfen noch in sich den imaginierten Untermenschen.

Keine Moral, keine Ideologie wird den Wandel bringen. Die „richtige“ Moral ist die, welche sich selbst aufgehoben hat, welche sich nicht behaupten muss, welche sich nicht erkämpfen muss, besser zu sein als andere. Wo wir die Moral nötig haben, sind wir nicht „moralisch“ (sagen wir, und meinen menschlich, lebendig). Wo wir aber wirklich moralisch sind, sind wir frei von Moral in ihrer externalisierten Form. Wir sind nur. „Menschlichkeit“ ist kein Ideal der „Menschheit“, sie sind eins. Dazu müssen wir uns gar nicht anstrengen, gar nicht streben, sondern einfach loslassen und sein. Die Revolution im Innern ist viel bedeutender als die im Außen, sie allein hat Bestand, sie allein schafft Veränderung an der Wurzel der Probleme: der Struktur unseres Denkens, unseres Fühlens, unserer Weltauffassung.

(Anmerkung: Der Text ist stark inspiriert von Nietzsche, will aber keinesfalls eine Interpretation darstellen.)

Freiheit und der Nutzen der Philosophie

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Licht in Platons Höhle

Dies hier ist ein Philosophie-Blog. Nützt er etwas? Nützt die Philosophie etwas? Soll sie überhaupt etwas nützen? Kann sie etwas nützen?

Muss alles nützlich sein? Zeichnet es nicht vielmehr das „Höhere“ aus, dass es kein „Nutzding“ ist, dass es auf keinen Nutzen reduziert werden kann, dass es nicht, durch einen Anderen, „benutzt“ wird wie ein bloßes Utensil, als bloßes Werkzeug, als Mittel, als Zwischenglied zu einem Andern, Höheren? Ist das Höchste nicht gerade ein „An sich“, auch in dem praktischen Sinne, dass es sich nicht benutzen lässt, dass sich seine Benutzung verbietet, indem seine bloße Existenz gerade darin aufgeht: im bloßen Sein und Für-sich-Bestehen, aber niemals für einen Anderen? Ah, und die Praxis überhaupt, hat das Höchste die Praxis etwa nötig? Das Tun, die Arbeit, das Neg-Otium?

Ist die Philosophie nicht das Höchste? Und ist sie etwa nicht, das einzige Tun, als Muße, welches dem Höchsten auf Erden, dem vielbeschworenen „höheren Menschen“ in seinem Wesen entspricht? Schmückt ihn nicht der Luxus der Philosophie? Ist die Philosophie nicht die Herrin der Wissenschaften, die Königin, die äußerste Form des menschlichen Schaffens überhaupt, indem sie sich ihrem Charakter nach notwendig über das Schaffen stellen muss, um es von dieser Höhe aus übersehen zu können?

Größenwahnsinn? Doch so reden die Philosophen. Auch diejenigen noch, die – wie Nietzsche – meinen, sie mit dem Hammer zertrümmert zu haben (diese wollen bloß eine andere, eine Philosophie des Zertrümmerns, nicht des Bauens). Philosophie ist ihnen allen, wo sie so sprechen, vor allem die höchste Form der Macht. Die Macht der Gedanken und die Macht über Gedanken. Die Philosophie wird zum Selbstzweck erklärt, verklärt, da sie an sich schon für die Verwirklichung des göttlich-menschlichen Potentials gilt. Wo der Mensch am meisten Mensch, am meisten bei sich sei, da philosophiere er, denn darin sei sein Denken allein frei, da sei die Vernunft allein rein (und der Mensch ist primär ein Vernunftwesen, wie wir alle wissen). Die Philosophie brauche nicht zu nützen, denn der Nutzen würde ihr bereits Fesseln anlegen, sie einem Anderen zu Diensten machen und so in ihrer Freiheit einschränken.

Und tatsächlich tut die Bedingtheit der Philosophie nicht gut. Wo sie sich einem Nutzen unterwirft, macht sie sich abhängig, richtet ihr Denken auf ein bestimmtes Ziel aus und beschneidet sich so Wege, die anderswo hinführen. Die Philosophie, das heißt die Praxis des Erkennens, die eigentlich tautologisch allein die Erkenntnis selbst zum Ziel hat und dazu nach allen Richtungen frei umherschweifen kann, gibt sich durch die Fessel der Bedingtheit ein bereits als erkannt Vorausgesetztes (den Nutzen) als ihr Fundament und ihren Richtungsweiser. Über dieses selbstgelegte Fundament darf sie nicht hinaus, sie wird nicht tiefer graben.

Doch was mag es wert sein, sie so einzuschränken? Darf etwas die freie Erkenntnis in Schranken weisen? Es müsste sich dabei um einen höheren Wert handeln als Erkenntnis. Existiert aber ein solcher Wert?

Natürlich. Es ist der Wert des schon Erkannten, der Wert dessen, das im Begriff der Erkenntnis schon immer mitgemeint ist, wenn wir sie loben. Es ist der Wert der Freiheit, der Lebendigkeit und der Menschlichkeit im besten Sinne. Auf diesen Werten bauen wir auf, wenn wir erkennen wollen und wenn wir „frei“ sein wollen in unserem Erkennen. Wir müssen ein Fundament nicht erst herbeischaffen, es ist schon da, geht allem weiteren Erkennen implizit voraus und ermöglicht es. Erst die Bedingung der Freiheit macht freies Denken möglich und hebt den Charakter seiner Bedingtheit dadurch auf. Die Einschränkung durch den Wert der Freiheit ist keine Einschränkung.

Aber die freie Philosophie zweifelt auch noch an ihrer Freiheit. Als solche darf und muss sie das sogar vielleicht tun, vor allem um die weit verbreiteten Schein-Freiheiten zu enttarnen. Aber sie kann dennoch nicht über die von ihr vorausgesetzte und gelebte Freiheit im Denken hinaus, ohne sich selbst dabei zu behindern und mit jedem Schritt auf‘s Neue und immer tiefer in den Abgrund des Skeptizismus zu fallen. Der Skeptizismus ist dort das Ende aller Philosophie, wo der Zweifel alleine herrscht. Er wird aber ihr fruchtbarer Boden, wo die Freiheit ihn auffängt und ihm zeigt, dass er erst da zum Ziel der Erkenntnis kommt, wo er ihr, als positiver, so-seiender Freiheit zu den Vortritt lässt und sich nicht immer tiefer in ihren negativen Charakter, der Freiheit von, eingräbt. Das freie Denken ist in letzter Instanz ein schaffendes Denken, eines, das gebärt, nicht zerstört. Auch Nietzsches Seiltänzer brauchte sein Seil, um über dem Abgrund zu tanzen. Es war das Seil der Freiheit, nicht der Knebel der einschränkenden Bedingung.

Die Freiheit ist Bedingung des freien Denkens, in ihrer Bedingung wird es frei. Doch bisher bedeutet diese Struktur kaum mehr als Tautologie, denn erst das befreite Denken ist freies Denken. Unser Denken trägt nicht die logischen Fesseln der vorausgesetzten Freiheit (eigentlich nur ein Spiel für Sophisten), es trägt die wahren Fesseln der unsichtbaren Unfreiheit. Diese wiederum halten uns da am stärksten gefangen, wo wir sie fälschlicherweise für Freiheit halten. Es sind die vielen kleinen Fesseln und Gewichte unseres Denkens, die uns versprechen, Freiheit zu bringen, indem sie konkret Freiheit verkörpern und diese an bestimmte Dinge und Erfahrungen außerhalb unseres Ich koppeln. Sie verheißen die Freiheit nur, verlagern sie, identifizieren sie mit dem Besitz und der Aneignung eines Dings (einer Fähigkeit, einer Erfahrung, eines Menschen, …). Freiheit wird in ihnen über Abhängigkeit definiert, über die Abhängigkeit zu einem Äußeren. Freiheit ist aber nur von sich selbst abhängig. Und das freie Ich ist nur vom Ich und seiner eigenen Befreiung abhängig.

Die Philosophie soll nützen. Sie soll freies Denken sein und als solches kann sie nur nützen. Sie kann der Freiheit nützen. Und sie soll. Sie muss. Denn das gegenwärtige Denken ist, zu einem großen, überwiegenden Teile, nicht frei. Und wo es nicht frei ist, wird die Philosophie auch nicht Philosophie sein können. Sie muss frei sein und sie muss befreien, um frei zu sein.

Das Denken muss und kann sich nur selbst befreien. Jedes Ich, das denkt, kann sich nur selbst befreien, denn es liegt in eigenen, geistigen Fesseln. Doch hat es sich diese Fesseln nicht in jedem Fall selbst angelegt. Die Fesseln eines Ichs sind verbunden mit denen eines anderen Ichs, mit denen vieler anderen. Jeder einzelne Geist liegt in Fesseln und alle Geister sind untereinander verbunden durch ein Netz von Fesseln. Daher fürchten sie auch so sehr die geistige Verbindung, den Geist der Vielen. Denn sie kennen diese Verbindung nur als Gefangenschaft, nicht als Freiheit. „Freiheit“ kennen sie nur als (vermeinte) Unabhängigkeit. Sie kennen aber nicht die Abhängigkeit als Freiheit. Das Ich fürchtet die weitere, verstärkte Ankettung, Unterjochung, Beschwerung, wo es sich auf Verbindung mit einem anderen Ich einlässt. Und seine Befürchtung ist nicht unbegründet, denn nur ein freier Geist wird ihn nicht noch weiter beschweren (sondern in der Verbindung größer, weiter, freier machen). Im Normalfall aber erfolgt mit der Verbindung die erneute Fesselung oder die Verstärkung einer alten Fessel. Und das Ich nimmt es resigniert hin, denn es ist es gewöhnt und es ist sein gewohnter Preis, den es für Gemeinschaft zahlt.

Die Philosophie aber, die eine sein will und das philosophierende Ich haben die Aufgabe – mindestens seit Platons „Höhle“ schon – diese Fesseln nicht hinzunehmen, nicht weiter zu festigen oder gar neue hinzuzufügen, durch neue Dogmen, neue starre Systeme, neue Moral- und Denkvorschriften, sondern sie zu zerschlagen. Dazu wiederum muss das philosophierende Ich zuerst von seinen eigenen Fesseln loskommen. Es muss diese als solche erkennen, bevor es sie entfernen kann. Hier hilft ihm sein Vorsatz der Freiheit, denn die Philosophie ist nicht wie andere Disziplinen gekoppelt an „kanonische“ Methoden – nicht wenn man sie recht versteht. Hat es eine Fessel entfernt, soll es sie denen zeigen, die diese noch tragen. Es soll sie ihnen genau beschreiben, sodass sie sie möglichst leicht selbst in sich erkennen. Und es soll sich nicht als Befreier ihrer Fesseln, als neuer Herr über ihre vermeintliche Freiheit feiern lassen. Es soll nicht damit aufhören, die eigenen Fesseln in sich zu entdecken. Das ist seine Aufgabe und die Aufgabe der Philosophie. Es ist die Bedingung der Freiheit der Philosophie.

Das philosophische Ich muss sich aus dem Netz der Gefangenschaft herauslösen, auch wenn es bedeutet, sich aus der Gemeinschaft der Gefangenschaft herauszulösen. Platons befreiter Höhlenbewohner wird verspottet und bedroht, der historische Sokrates wurde hingerichtet. Spott, Hohn und Verleumdung sind immer noch verbreitet. Gegenwärtig gelten gar Begriffe wie „Freigeist“ und „Querdenker“ schon als Schimpfwort, denn „frei“ ist ein Geist den Verleumdern und Spöttern nur da, wo er ihnen sagt, was sie hören wollen. Sie möchten gerne hören: „Alles wird gut, ich mache das schon für dich, kümmere dich nicht, mache weiter wie bisher.“ Sie möchten gerne Balsam haben, den sie auf den schmerzhaften Abrieb ihrer Fesseln schmieren können. Sie wollen nicht wissen, wie sie sie loswerden können, denn dazu müssten sie ihr Elend bewusst und deutlich ansehen, ihre Wahrnehmung öffnen, ihre Fesseln spüren. Und sie fürchten so sehr die Einsamkeit und den Ausstoß aus der Gemeinschaft.

Daher soll das philosophische Ich, das frei denkende Ich eine neue Gemeinschaft schaffen. Das befreite Ich soll nicht in seiner negativen Befreiung verharren und nur bei sich bleiben. Es soll ein neues Netz knüpfen, auch um in seiner neu gefundenen Freiheit nicht zu erstarren, dogmatisch zu werden, sondern diese lebendig zu erhalten und offen zu bleiben. Nur so wird es auch auf Dauer Kraft schöpfen können.

Doch wieso eigentlich die Rede von der Philosophie? Ist nicht das freie Denken überhaupt gemeint? Dass das freie Denken nützlich ist, hat man ja irgendwie geahnt. Aber Philosophie, ist das nicht: schwere Bücher, Bibliothekenstaub, ernste Mienen, hohe Stirnen, Autorität des Prof. Dr. Dr.‘s, Studenten, die mit achtzehn und Anzug sich schon siezen, dunkle, tiefe Gedanken, die doch nichts bedeuten, nichts verstehen, nicht verstehen machen, eher verzweifelt machen, klein machen, das Ich sich klein und dumm fühlen lassen? Oder, Philosophie, ist das nicht (jetzt spricht das trotzige, erniedrigte, jetzt erniedrigende Ich): Gelaber, Getue, Schein, Steuerverschwendung, Orchideen-Schmarotzertum, Elfenbeinturm, Realitätsverweigerung, Zeitverschwendung? Was nützt mir die Philosophie?

Die Philosophie ist heute ein Rudiment der Wissenschaften. Einmal hat sie alle unter sich vereint, war die Mutter der Wissenschaften, doch ihre Kinder sind ihr eines nach dem anderen davongelaufen, groß geworden, selbständig, unabhängig, undankbar, haben sie nie wieder besucht. Sie weinte darüber und weint immer noch leise, denn sie spürt eine Leere in sich, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Sie hält stattdessen ihre Enkel hoch, die großen Philosophen, die in die Geschichte eingegangen sind, oder sie mischt sich in die Angelegenheiten ihrer Kinder ein, obwohl sie keines dort haben will. Sie trägt neumodische Kleidung, gibt sich neue Namen und will so vergessen machen, dass sie alt ist und nicht mehr zeitgemäß. Sie fühlt sich überflüssig und minderwertig und versucht es zu überdecken, indem sie ihre alte Krone vor sich herträgt. „Ach“, seufzt sie, „ich kann ja mein Tun nicht messen, ich kann ja keine Ergebnisse liefern, auch keine Daten oder Fakten, was bin ich denn wert in dieser Gesellschaft? Ich habe keine Ahnung mehr von Physik, von Biologie, von Chemie, von Mathematik, von Psychologie, von Soziologie, von Wirtschaft, von Politik, das können meine Kinder inzwischen alle viel besser als ich! Zu was bin ich denn noch nutze?“

Fatal ist der Kleinmut und die Tatenlosigkeit der Philosophie. Denn auch wenn sich ihr Nutzen nicht quantifizieren lässt, sie kann vieles noch, was sie früher konnte und heute fast keiner mehr kann: Sie kann Zusammenhänge erkennen, sie kann die Vielheit der Erscheinungen als Einheit begreifen. Sie kann andererseits aber auch tief in diese Zusammenhänge eindringen, bis in seine kleinsten Teile differenzieren, wenn es nötig ist. Sie kann über Grenzen gehen, die sonst keiner sieht. Sie kann das Selbstverständlichste problematisieren und dadurch erst verstehen machen. Sie kann Dinge sehen und zeigen, die niemand mehr sieht, weil keiner hinschaut oder sich dafür interessiert, weil er glaubt, es sei unwichtig. Sie kann scharf kritisieren, ohne zu verletzen. Sie kann tief zweifeln, ohne sich zu verlieren. Sie kann die Voraussetzungen der Wissenschaft, des Denkens, des Erkennens und der Existenz selbst untersuchen, wenn sie sich nur traut. Sie kann angesichts des Ganzen und mittels der Logik Sinn erfahrbar machen, sogar fühlbar machen, wo es früher nur die Religion, innerhalb dogmatischer Grenzen, konnte und die Naturwissenschaft niemals wird vollständig tun können.

Die Philosophie ist als akademische Disziplin immer noch erstaunlich wenig gebunden. Sie dient keinem, oder jedenfalls nicht direkt einem (in Euro- oder Dollarscheinen) messbaren gesellschaftlichen Zweck. Sie untersucht auch nicht als Wissenschaft einen bestimmten Bereich, wie „die Psyche“ oder „den Organismus“ oder „den Mechanismus“. Ihr Auftrag ist nicht dem Zeitgeschmack gemäß genau definiert. Sie sieht das als Schwäche an, aber es ist eigentlich ihre Stärke. Denn die Fragmentarisierung der Gesellschaft herrscht in allen Lebensbereichen. Die Wissenschaften vereinzeln sich (Versuche der „Interdisziplinarität“ ausgenommen), der Mensch auch. Wert wird über die glatte Oberfläche des einzelnen Dings definiert und über die Summe der einzelnen Dinge. Die Philosophie kann, wenn sie nur ihre Position als Außenseiterin begreift, und als Chance begreift, diese Fragmentarisierung aufheben, indem sie sich bewusst neben – oder meinetwegen auch „über“ – den anderen Wissenschaften und Lebensbereichen positioniert und diese als einheitlichen Prozess fasst, dessen Struktur es zu finden gilt. Sie kann – und soll – Konturen glätten, wo diese zum Verständnis der Einheit beitragen und sie soll Konturen da scharfstellen oder gar einzeichnen, wo es an Differenzierung fehlt und bisher bloß oberflächlich nivelliert wird. Sie soll vor allem erst die Konturen sichtbar machen, den Schleier der Oberfläche von den Dingen reißen. Die Philosophie soll die Dinge nackt hinstellen, ohne geheuchelte Verkleidung, ohne süßliches Parfüm, sie soll ihre Hässlichkeit begreifen machen, wo sie hässlich sind. Aber auch in ihrer nackten Schönheit zeigen, wo sie schön sind. Sie soll und sie kann, weil sie – noch – frei ist. Und sie kann erst frei werden, frei bleiben, wenn sie an der Befreiung des Menschen arbeitet. Nur der freie Mensch ist auch ein freier Denker, ein freier Philosoph.

Doch „die Philosophie“ wird nichts tun, wenn die Philosophen und Philosophinnen nichts tun. Auch sie liegen in Fesseln. Allerlei alltägliche Fesseln des Privat- und Berufslebens, Fesseln, die meistens mit Geld, oft mit Stolz, „Ruf“, Neid und Angst zu tun haben. Sie sind überall gebunden in den neuen Moden der Philosophie, in ihrer „Spezialisierung“ und ihren diversen „-Ismen“, die alle 6 Monate wechseln wie Lagerfelds Kollektionen. Sie sind gebunden in ihrer Rolle als Philosoph, oder besser, als Angestellter des akademischen Philosophiebetriebs, der von ihnen ganz selbstverständlich die persönliche Aufopferung verlangt. Für die Philosophie und das freie Denken? Nein, für die Schnörkel und Scharniere der akademischen Parallelwelt, die sie achten und polieren müssen, um sich ein Quäntchen Freiheit in ihr zu erwerben. Sie sind keine Seiltänzer, sie klammern sich kriechend an ihr Seil, denn ihr Absturz würde ihr finanzielles und berufliches Aus bedeuten. In ihrer dauernden Beklemmung geht ihnen das freie Denken aber verloren. Und sitzen einige wenige von ihnen irgendwann einmal doch auf dem Thron des Ordinarius, haben sie es meist längst verlernt. Sie haben sich an die „echte Welt“ und die „Realität da draußen“ angepasst, auch im Denken.

Nützen sie so? Sich selbst, der Gesellschaft, der Freiheit? Nein, sie schmücken bloß, sich selbst, die Universität, die Bücherregale. Ein zweifelhafter Schmuck, der bald zerfällt. Stattdessen könnten sie ihren Putz – ihren Dr., ihren Prof. – dafür einsetzen, dass man ihnen zuhört. Ihre missliche Lage, oder die ihrer Nachfolger, ist die Lage der Gesellschaft, die sie nicht oder viel zu zaghaft kritisieren. „Prof. Dr.“ aber sind magische Worte in den Ohren der Menge, der Zauber der Autorität zeigt Wirkung. Sie könnten diese Autorität ausnutzen, indem sie sie hinterfragen, indem sie vermehrt öffentlich Fragen stellen, die richtigen Fragen. Sie könnten, sie sollten, den Luxus ihres breiten philosophischen Wissens nutzen, um zu nützen. Nicht zuletzt sich selbst. Sie sollen keine neue Ideologie entwerfen, aber sie können Gedanken sähen, neue Perspektiven, auch Zweifel, da wo er Not tut. Sie haben die Regeln des logischen Denkens an der Universität gelernt und gelehrt, warum weisen sie nicht darauf hin, wo sie alltäglich politisch und journalistisch missachtet werden? Was nützt die analytische Philosophie, die sich bloß selbst zerlegt? Sie können nur wahrhaft über sich hinauskommen, wo sie aus sich herauskommen. Zu wenige noch trauen sich das. Doch erst eine freie Gesellschaft wird den freien Denker frei sein lassen.

Die Philosophie wird sich den Titel des „Höheren“ verdienen müssen. Und erst da verdient haben, wo es ihr gelingt, den Menschen zu erhöhen. Die Macht der Gedanken wird erst dort frei, wo sie nicht mehr von der Unfreiheit der Gedanken anderer abhängig ist, wo sie sich nicht erst abgrenzen und erhöhen muss. So wie der Herr in seiner Herrschaft vom Beherrschten abhängig bleibt, unfrei letztlich, in seiner Macht beschränkt durch die Notwendigkeit der ständigen Beschränkung des Anderen. Die Philosophie aber soll nicht herrschen, sie soll befreien. Sie soll der Freiheit nützen.

Kurze Phänomenographie des Verstehens

Verstehen kann etwas nur, wer es schon verstanden hat. Verstehen heißt nicht: Etwas Neues finden. Verstehen heißt: Etwas wiederfinden, das Andere im Eigenen wiedererkennen. Oder: Das Eigene zum ersten Mal anders sehen. Verstanden-Werden heißt Eins-Werden im Geiste, wenn auch nur für den Moment. Verstehen ist synthetisch. Verstehen ist Einsicht in einen Zusammenhang, auch in den Zusammenhang des Unterschiedes. Verstehen ist Erleichterung. Der Stachel des Verstehen-Wollens lässt von uns ab. Verstehen ist ein bloßer Punkt, ein Moment, kaum greifbar. Und Verstehen ist ein Prozess, der zum Verständnis führt. Verstehen heißt: Für den Moment nicht mehr zweifeln, sondern wissen. Dann wieder am Wissen, am Verstehen zweifeln. Verstehen ist Sehen, Klar-Sehen, ist Einsicht, ist Aussicht in das Eine. Verstehen ist der Kick, das High des Philosophen. Verstehen ist Losgelöst-Sein, Erlöst-Sein, ganz kurz, von der Unvollkommenheit. Verstehen ist Erkenntnis. Verstehen ist ein Gefühl, das Hochgefühl der Erkenntnis. Verstehen ist manchmal falsch, ein Schein-Verstehen, leise dann, und mit fadem Beigeschmack, eklig fast, klebrig – auch übermütig, vorschnell, voreilig, vergesslich. Missverständnis ist Dissonanz, und Frustration. Das andere, den anderen nicht zu verstehen heißt ihn nicht zu erkennen, ihn nicht zu sehen, ihm fremd zu bleiben, selbst ein Fremder im Anderen, Noch-nicht-Eigenen. Verstehen ist auch Aneignung des Fremden, Vermehrung des Eigenen, Inbesitznahme des Anderen. Leugnung des Anderen als Anderes – denn das Verstandene ist schon immer ein Eigenes. Ausdehnung des Ich. Irgendwann Auflösung des Ich, Vollkommenheit des Ich. Verstehen ist irrational. Das Denken hört auf, wo das Verstehen einsetzt. Verstehen ist Fügung, ist Frieden. Verstehen ist Höhepunkt und Verstehen ist Endpunkt. Verstehen will nicht Verstehenmachen. Nicht-Verstehen will Verstehenmachen, zwingt zum Verstehen-Wollen. Verstehen ist tückisch. Es besänftigt, wo es zuvor noch erhöht hat. Verstehen ist Einheit von bewusst und unbewusst. Verstehen ist Einfalt, Entfaltung des Mannigfaltigen. Verstehen schafft Wissen, erzeugt Kompakta des Wissens, schnürt Wissenspakete – die wir nicht mehr verstehen müssen, bald schon nicht mehr verstehen. Wer verstehen will, muss immer wieder verstehen. Das Vertraute, Einmal-Verstandene immer wieder neu verstehen. Schon Verstandenes macht vergesslich, Wissen macht träge. Verstehen ist Entgrenzung, Befreiung. Verstehen ist eine Stimmung der Potentialität, der Möglichkeit. Verstehen ist das Gegenteil von Zwang. Verstehen ist Freiheit.

Apologie der Irrationalität I: Vernunft und Rationalität

paintings-by-lia-melia18209-8898508-7_905Die wilden Wogen der Irrationalität – Ist Kunst rational? Künstlerin: Lia Melia

Glaubt man der Rede von der Postfaktizität, so erleben wir gerade eine Zeitenwende: Das Zeitalter der Rationalität und des harten wissenschaftlichen Faktums hat ausgedient und der Mensch begnügt sich von nun an mit dem Vertrauen auf sein „bloßes“ Gefühl. Bedeutet das eine Rückkehr in die Barbarei, in eine vorvernünftige Periode? Ist es mit der Aufklärung nun endgültig vorbei? Oder ist „der vernünftige Mensch“ vielleicht doch kein Ideal, nach dem wir bedingungslos streben sollten? Sollten wir die „Ära der Herrschaft des Gefühls“ vielleicht begrüßen, weil wir so keine Angst haben müssen, eines Tages den perfekten rationalen Robotermenschen herangezogen zu haben, der alles sinnliche Gefühl an- und ausschalten kann, wie er will, um seine Berechnungen der Wahrheit vollkommen zu objektivieren, dabei aber leider auch der wahren Empathie nunmehr entbehrt? Wie sehr haben wir die Rationalität nötig? Wie weit kann, wie weit soll sie reichen? Wie sehr leben wir „noch“ in einem rationalen Zeitalter und was bedeutet das?

Der Mensch definiert sich als Art gerne über das Denken, er ist „das vernünftige Tier“. Bei der Vielzahl anthropologischer Definitionen läuft es doch immer wieder auf diesen Punkt hinaus. Traditionell, jedenfalls seit offiziellem Beginn unserer abendländischen Denkgeschichte, die üblicherweise irgendwo bei den sogenannten „Vorsokratikern“ angesetzt wird, ist die Vernunft durchweg positiv konnotiert, sie zeichnet den Menschen vor allen übrigen Lebewesen aus, erhebt ihn über diese als Art, so wie er sich mittels seines abstrakten Denkens von ihnen entfernen und über sie erheben kann. Das Denken ermöglicht dem Menschen, von der übrigen Natur zurückzutreten und sich nun nicht weiter über diese zu definieren, sondern die Natur selbst als eine bestimmte, andere Entität neben der eigenen, spezifisch menschlichen oder eben vernünftigen Entität zu begreifen. Der Mensch ist selbst nicht (mehr) genuin Natur, er ist etwas Anderes, Eigenes, zwar immer noch sinnlich verhaftet, aber doch gleichzeitig über die Sinnlichkeit hinaus. Dieses „Andere“ am Menschen ist eben sein Denken, sein Geist, seine Vernunft – etwas Übersinnliches, und darin, so die übliche Vorstellung, gleicht er dem „Göttlichen“, der göttlichen Vernunft selbst, welche in ihm unmittelbar durch seine Verbindung mit dieser wirksam ist. Das Göttliche ist dabei das per se Abstrakte, das Nicht-Stoffliche, Nicht-Vergängliche, das Ewige, welches ihn darin letztlich auch unsterblich macht.

Diese Ansicht findet sich in unterschiedlicher Form, implizit und explizit, z.B. bei Platon, im Christentum, und seit der „Überwindung“ der mittelalterlich-christlichen Philosophie bei vielen westlichen Denkern ab der Neuzeit. Seit die Vernunft dabei selbst als eigenständige und schöpferische Fähigkeit des Menschen wieder besonders hervorgehoben und von ihrer Bindung an das „Göttliche“ zusehends entfernt wird, kommt es auch immer wieder zu Gegenbewegungen und Vernunftkritik. Mal ist die Vernunft emanzipatorische Kraft und Befreierin des Menschen aus verkrusteten, dogmatischen und unterdrückerischen Verhältnissen (etwa im Aufbruch der neuzeitlichen Naturwissenschaft, in der Aufklärung), dann wiederum wird sie selbst als dogmatisch und supprimierend empfunden, wo sie das „Leben“ und das Gefühl scheinbar oder tatsächlich nicht mit zu integrieren vermag, sondern diese ihr vielmehr als „Sklaven“ unterstellt sind. – Ich würde dafür argumentieren, dass wir uns aktuell wieder – und immer noch – in einer Phase befinden, in der „die Vernunft“ sich von ihrer unterdrückerischen Seite zeigt. Gleichzeitig würde ich mich jedoch für mehr Vernunft aussprechen. Aber kann das eigentlich zusammengehen?

Das Motiv der Herrschaft der Vernunft hat eine lange Tradition, bei Platon z.B. sehr anschaulich gemacht durch das Bild des „Seelenwagens“, bei dem die Vernunft die Zügel in der Hand hält und die beiden Pferde am Wagen, den Mut und die Begierde, kontrolliert – notfalls eben mit der Peitsche. (Nietzsche greift dieses Bild bekanntlich später ironisch auf und kehrt es um) Die traditionelle Vorstellung der Vernunft ist die der Herrscherin, Führerin. Die Vernunft wird – nicht nur inhaltlich, sondern auch explizit sprachlich und metaphorisch – als Befehlshaber der Seele aufgefasst, sie diktiert dem übrigen Geistesleben, was zu tun ist. Sie hat alleinige Autorität über die Seelenfunktion. Und wahrlich, diese braucht es auch, denn das übrige Seelenleben begehrt ständig auf. Ständig wollen wir irgendwas, von dem wir wissen, dass es eigentlich schlecht für uns ist. Ständig wollen wir unseren Impulsen nachgehen. Ständig wollen wir schlimme Dinge tun, haben grausame Gedanken. Allein die Vernunft, unser guter, weiser Machthaber, weiß, was richtig und wichtig ist und hält uns davon ab – ein Glück. Sie fesselt und knebelt unsere Gedanken und Taten, bevor sie Schaden anrichten können. Sie schiebt dem Bösen in uns den Riegel vor. Sie tötet in uns ab, was schädlich ist, manchmal auch schon, was verdächtig ist – sicher ist sicher. Sie kontrolliert uns, wo wir gehen und stehen, allein im Traume zieht sie sich zurück und wir erfahren, was es heißt, unseren dunklen Trieben, uns selbst ausgeliefert zu sein. Die große Masse in uns, der Pöbel des Unterbewusstseins: sich selbst regieren? Niemals! Zu gefährlich, zu unsicher!

Wie ist die Vernunft in diese Rolle geraten? War es schon immer so, war sie schon immer Alleinherrscher? Was ist mit dem übrigen Menschen? Ist der, sind unsere Triebe „von Natur aus“ böse oder zumindest stets potentiell korrumpierbar? Hat die Natur uns den Egoismus und die Gewaltlust eingegeben, Gott aber den Funken der Vernunft, der uns aus der ganzen „natürlichen“ Misere allein erlösen kann? (Gut, nach heutiger Auffassung hat das Recht des Stärkeren selbst die Vernunft hervorgebracht, aber insgeheim hält man sich ja doch für ein „höheres Wesen“.) Wie sind wir dahin geraten, dass wir überhaupt „kontrolliert“ werden müssen – und damit nicht nur durch uns selbst? Ist die Vernunft ein Geschenk, das uns „erhebt“ und Großes ermöglicht, oder haben wir das Denken schlichtweg nötig? Weil ohne es sofort die „blonde Bestie“ (Nietzsche) herausbrechen würde? Existiert das Gute nur in der Vernunft? Besteht das Gute nur in der Kontrolle des Schlechten?

Treten wir noch einen Schritt zurück und fragen uns: Was ist eigentlich Vernunft? Leider ist das überhaupt nicht geklärt, wenn von Vernunft geredet wird. Ebenso von der Rationalität: „Rational“ und „vernünftig“, das meint nun seit langer Zeit schon das Gleiche. Dabei ist Rationalität eigentlich, wenn überhaupt, nur Vernunft in einem sehr engen Sinne: ratio heißt nämlich ursprünglich „Rechnung“, „Geschäft“ oder „Vorteil“. Das rationale Denken (das „rechnerische Denken“ bei Heidegger, aber den hole ich jetzt mal nicht raus, sonst wird mir nachher noch „struktureller Antisemitismus“ vorgeworfen… ) ist ein berechnendes Denken, das auf seinen Vorteil aus ist. Dieser Vorteil kann der Vorteil der Wahrheit sein, muss es aber nicht. „Rationalität“ ist mehr Methode als Vermögen und ist, wenn sie gelingt, eine Fähigkeit namens „Klugheit“ (z.B. bei Kant) oder heute auch gerne mal „Intelligenz“. Rationalität ist ein Denken, das seinen Schwerpunkt auf die Form und reine Struktur von Gedanken legt, das abstrahierend und analytisch operiert, das von Inhalten und Anschauungen absieht, um die Wahrheit allein durch Freilegung der diesen innewohnenden Substanz zu finden. Es sieht von Inhalten ab, um ohne Umwege zum Ziel zu kommen – aber damit sieht es auch von der übergroßen Fülle geistiger Inhalte ab, die den menschlichen Geist in überwiegendem Maße bevölkern. Es operiert an der Oberfläche des Bewusstseins und leugnet, dass unterbewusste geistige Prozesse überhaupt als „Denken“ gelten dürfen. Es lässt nur das zu, was es in Worte fassen und einhegen kann und übersieht das Übrige. Es versteht das Unterbewusste nicht, hat keinen Zugang zu ihm, also kümmert es sich nicht darum oder schiebt es beiseite, sperrt es weg.

Es ist diese Art Denken, das den Machthaber spielt, und es kann etwas mit Vernunft zu tun haben, muss es aber nicht. Denn „die Vernunft“ herrscht nicht. „Vernunft“ leitet sich ab von „vernehmen“ und meint schlicht eine richtige Auffassungsgabe. Vernunft hat etwas mit Wahrheit zu tun und damit, dass wir imstande sind, diese einzusehen. Handeln wir vernünftig, so handeln wir besonnen, nämlich so, dass es sinnvoll ist, was wir tun, und zwar nicht nur in unserem eigenen Sinne, zu unserem privaten Interesse. Denken wir vernünftig, so denken wir in Sinnzusammenhängen, wir sind einsichtig. Wir denken und tun das Richtige (was das auch sein mag). Nun kann dieses Richtige – nun kann dieses Vernehmen des Richtigen natürlich auch durch rationales Denken zustande kommen, welches, wie gesagt, in erster Linie eine Methode bezeichnet. Aber es mag auch anders zustande kommen. Bei Kant etwa ist die Grundlage der Moralität – ich habe es im letzten Post erwähnt – ein unmittelbares Wissen vom Sittengesetz. Dieses ist einfach da, wir haben es nicht mittels Rationalität „herbeivernünftelt“. Aber – und das ist unsere große Tragik – wir mussten es notwendigerweise durch Rationalität wiederentdecken. Der unmittelbare Zugang dazu ist uns verloren gegangen, die bloße, „naive“ Einsicht haben wir nicht mehr oder sie genügt uns nicht mehr und wir müssen sie erst wiederfinden, uns wiedererinnern (vgl. Platons „anamnesis-Lehre“) – und zwar mittels der Rationalität – der Sprache, die wir heute sprechen, die wir heute allein als Autorität über unsere Handlungen akzeptieren und die uns heute bestimmt.

Ich will nicht sagen: Rationalität ist schlecht. Das wäre zu einseitig gedacht. Im Gegenteil: Ich sage, Rationalität ist nötig, mehr denn je. Wir sind darauf angewiesen, anders werden wir nicht überzeugt. Wir brauchen Rationalität, wir brauchen Klarheit, Nüchternheit, Objektivität und Abstraktion, um durch Analyse zu dem wieder vorzudringen, was wir vielleicht einmal „einfach so“ gewusst haben und wahrscheinlich im Grunde immer noch wissen. Aber wir dürfen dabei – es dürfte jetzt nicht mehr allzu paradox klingen – die Vernunft nicht vergessen. Wir dürfen und müssen dabei durchaus auch „unseren Gefühlen folgen“. Das gemeinhin so genannte „Bauchgefühl“, das uns leitet, wenn die Ratio versagt: Was ist es, wenn nicht vernünftig? Aber rational ist es eben nicht. Ist Liebe unvernünftig? Rational ist sie nicht. Aber sinnlos, falsch, unrichtig?

Schwierig wird es freilich dann, wenn das „Bauchgefühl“ Dinge sagt wie „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher und Vergewaltiger“ oder auch „Alle, die nicht mit mir einer Meinung sind, sind Nazis/Antisemiten/Rassisten/Sexisten usw.“. An dieser Stelle setzt für gewöhnlich – und durchaus berechtigerweise – die Kritik an der „Irrationalität“ an. Hier hat die betreffende Person nämlich offensichtlich den Bezug zur „vernünftigen Einsicht“ verloren. Aber ist damit das Irrationale per se zu kritisieren? Ist dem „Gefühl“ per se zu misstrauen, wenn es auf diese Weise fehlschlägt? Und wenn ja, z.B. weil es besonders oft fehlschlägt, warum tut es das? Warum ist das Irrationale so „fehlerhaft“, so oft irregeleitet? Weil es der Kontrolle durch die Ratio entbehrt (hier wären wir wieder beim Diktat der „Vernunft“)? Ist es einfach, von Natur aus, so? Und hält allein die Rationalität – die Führerschaft der Rationalität den Schlüssel zur Sittlichkeit in der Hand? Als übermenschliche Weiterentwicklung des ewig verdorbenen Menschentieres?

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich vertritt in Abgrenzung zu Freud eine sehr interessante Theorie der menschlichen Charakterstruktur, welche ihm zufolge aus drei Schichten besteht (ich zitiere ausführlich aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus):

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewusst, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern [meine Hervorh.] unmittelbar in Kontakt wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche ‚Unbewusste‘ oder ‚Verdrängte‘ dar […].

[…]

Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den ‚biologischen Kern‘ nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen [meine Herv.] ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational [hier eben i. S. v. begründet, vernünftig] hassendes Tier.
Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung [eine Methode Reichs, Anm. d. Verf.] des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein.“

Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 11.

Ich würde gerne noch weiter zitieren, weil es noch sehr lesenswert weitergeht, das würde hier aber zu weit führen – vielleicht in einem der nächsten Texte dann mehr zu Wilhelm Reich. Worauf es hier aber ankommt, ist, dass Reich nicht bei der traditionellen, typisch dualistischen Auffassung stehenbleibt, die im Wesentlichen aus den Gleichungen „Rationalität = gut, erhaben, göttlich“ und „Irrationalität = schlecht, niedrig, primitiv“ besteht und folglich auf einer Kontrolle der „Sinnlichkeit“ (Kant) durch die Vernunft, oder eben, genauer, Rationalität besteht. Der Mensch nach Reich ist nicht „von Natur aus“ schlecht, böse und pervers, er besitzt keinen natürlichen „Todestrieb“ (Freud) oder gar ein „egoistisches Gen“ (Richard Dawkins), das ihn auf ewig davon abhält, gut zu handeln, wenn er nicht „von außen“ – durch die eigene Rationalität, oder eben auch durch die Rationalität des Familienoberhauptes, des Staates, oder eines personalen Gottes – kontrolliert wird. Das soll aber auch nicht im Umkehrschluss heißen, dass dieser „natürliche“ Mensch keine Fehler hat und die vollendete Sittlichkeit personifiziert. Aber dennoch stellt bei ihm, dieser Theorie nach, „das Böse“, das Hinterhältige, das Egoistische, das Sadistische usw. nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme dar. – Während in unserer Gesellschaft der Egoismus als Regel – wenn man auch nicht zugeben mag, dass er vorherrscht – doch zumindest forciert wird.

Ist es so naiv und optimistisch anzunehmen, dass „das Gute“ stattdessen einmal vorgeherrscht haben mag, trotz mangelndem „Fortschritt“ der Rationalität? Ist es nicht vielmehr zynisch und kurzsichtig anzunehmen, dass es gar nicht anders geht als heute? Dass zukünftiger Fortschritt auch im Guten (nicht nur in der Technik…) bloß durch einen inneren Kontrollmechanismus im Geiste erreicht werden kann, der die Gefühle und Impulse für immer im Zaum hält und einsperrt? Kann ein so strukturierter Geist „frei“ werden? Kann er eine freie Gesellschaft entwerfen oder gar leben? Oder wird er sich nicht vielmehr auch in denjenigen gesellschaftlichen Strukturen wohlfühlen und diese einfordern, die er auch in sich selbst vorfindet? Und immer wieder nach Herrschaft verlangen, ob für sich selbst oder als Untertan? (Hierzu auch wiederum mehr bei Reich)

Rationales Denken, dass den Sinn im Denken nicht vergisst und das „bloße“ Gefühl nicht verleugnet, sondern mutig dogmatische Grenzen aufbricht und seinen Vorteil in der Einsicht sucht, kann zur Überwindung seiner eigenen Vorherrschaft beitragen, die bisher immer mit einer Unterdrückung von Trieben und Sinnlichkeit einherging. Wir brauchen eine vernünftige Rationalität, die das Gute will statt den persönlichen Vorteil, und das Sinnliche dabei nicht unterdrückt.

Mehr dazu im nächsten Teil über das Gefühl.

Postfaktizität und Philosophie

merkel_la_philosophe_postfaktischMerkel la philosophe

Eigentlich war ich versucht, die Besprechung dieses neuen Unwortes dezent unter den Tisch fallen zu lassen, denn ich möchte ungern wiederholen, was an anderer Stelle schon häufig genug gesagt wurde. Redundanz ist wie Tröpfchenfolter. Dennoch will ich es nicht unterlassen, mich ihm zumindest von einem explizit philosophischen Standpunkt aus zu nähern, denn: Mit der Rede von der Postfaktizität ist die Erkenntnistheorie endlich in der Gesellschaft angekommen! Plötzlich philosophiert die ganze Welt darüber, was eigentlich „Fakt“ ist, was „Wahrheit“ bedeutet (im Englischen heißt es ja „post-truth-era“) und was wir wissen oder nicht wissen können oder sollen.

Ich finde das wunderbar. Denn der Begriff selbst lädt eigentlich schon zum Nachdenken ein: Warum eigentlich „post“? Und warum schon wieder ein „post“? Was heißt das eigentlich? Warum leben wir in einer Gesellschaft, die sich so gerne „nach“ etwas einordnet? Ist das nun gut oder schlecht, „später“ zu sein? Haben wir damit etwas gewonnen oder verloren? Oder beides? Ist das „Faktische“ nicht selbst per definitionem ein Vergangenes (factum ist schließlich PPP von facere, so viel weiß ich noch aus dem Latein-Unterricht)? Was bedeutet es, dass wir uns nach einem Vergangenen befinden, bedeutet es überhaupt irgendetwas? Und was ist dieses „Faktische“ denn überhaupt und warum kann man es offenbar mit „Wahrheit“ problemlos gleichsetzen?

Natürlich ist die ganze Sache alles andere als unproblematisch. Wie schon mehrmals an anderer Stelle angesprochen wurde, suggeriert der Begriff „postfaktisch“ oder „postfaktisches Zeitalter“, dass wir zuvor in einem „faktischen Zeitalter“ gelebt hätten, einer Zeit also, in der die Fakten vorherrschen. Diese Annahme als groben Irrtum und arrogante Anmaßung zu entlarven, dürfte dem aufgeklärten Geist nicht allzu schwer fallen. Der affirmativen Rede vom postfaktischen Zeitalter aber nach befinden wir uns dank social media, Verschwörungstheorien, Homöopathie, Populismus und Donald Trump mittendrin. Insbesondere die social media sind verantwortlich, vor allem Facebook – damit soll aber gar nicht der Konzern Facebook und seine finsteren Machenschaften kritisiert werden, nein, es geht um das soziale Instrument Facebook an sich und sein überaus bedrohliches Potential, „allgemein anerkannte“, harte wissenschaftliche Fakten und Wahrheiten zu zerstören und mit reichlich Hatespeech und bloßen, irrationalen Gefühlen zu ersetzen.

Die Zeit schreibt: „Wenn immer mehr Menschen in Deutschland „postfaktisch“ denken, also ihrem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken, dann gibt es dagegen nur ein Gegengift: noch bessere Daten, noch bessere Recherche.“ Aus diesem Satz lernen wir: „postfaktisch“ heißt: „seinem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken“ und dieses Verhalten ist „giftig“. Damit die armen infantilen Bürgerlein sich aber durch ihr stupides bloßes Gefühl nicht noch mehr vergiften, muss die (amtliche) Wissenschaft mit noch größeren Anstrengungen der Daten und Statistiken dagegenhalten. Diese Anstrengungen waren zwar schon sehr groß und die Daten und die Recherche waren schon sehr gut, aber es geht eben noch besser. Muss noch besser gehen, denn sonst ist alle Hoffnung auf das alleinige Gegengift, auf das einzige Heilmittel gegen postfacteritis malora verloren.

So weit, so unsinnig. Probieren wir mal, das Problem philosophisch aufzudröseln. Zugrunde liegt zunächst die altbekannte Unterscheidung zwischen absolutistischer und relativistischer Wahrheitsauffassung. Affirmative Vertreter der „Lehre von der Postfaktizität“ sprechen sich implizit für die Existenz einer absoluten Wahrheit aus und bauen darauf ihre Argumentation auf. Relativistisch-subjektivistische Ansätze werden gar nicht erst als gleichberechtigt in Erwägung gezogen, sondern kommen bloß in karikierend-verzerrter Form in der Argumentation vor, nämlich in Gestalt des sogenannten Postfaktischen, das eben dadurch schon von Anfang an diskreditiert wird, dass es immer – per definitionem – „irrational“ bleiben muss. Nun spricht an sich gar nichts gegen die Auffassung der Existenz einer absoluten Wahrheit. Die meisten Erklärungsansätze setzen eine solche zumindest implizit voraus, selbst Naturwissenschaftler und Relativisten (mögen sie sie auch nicht als solche bezeichnen, denn „absolute Wahrheit“ klingt eben irgendwie „esoterisch“ und religiös, und damit in Verbindung gebracht zu werden wäre rufschädigend.) Im Gegenteil, allein schon von einem pragmatischen Standpunkt aus ist es sinnvoll, von der Existenz „der“ Wahrheit auszugehen, denn: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ (frei nach Aristoteles) Wissen von dem, was ist, nicht (sekundär) von dem, was die Wahrnehmung der Summe aller Subjekte ist. Mag es auch „die“ Wahrheit an sich nicht geben, so ist es zumindest sinnvoll, davon auszugehen, wenn man auf der Suche nach ihr ist – wenn man wissen will, „was Sache ist“.

Es ist aber etwas anderes, schlicht zu leugnen, dass unterschiedliche Annäherungsversuche an diese „Wahrheit an sich“ existieren. Dass Subjektivität und Relativität in empirischen Felde dessen, was wir von der Wahrheit zu erhaschen meinen, eine sehr große Rolle spielen. Dass unser Wissen von der Wahrheit bedingt ist, bedingt sein muss – und sich als solches immer mehr oder weniger von der Wahrheit unterscheidet.

Es ist gleichfalls etwas anderes – und darum geht es eigentlich – zu leugnen, dass von der „amtlichen“ (s. o.) oder gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten Auffassung dessen, was Wahrheit ist, unterschiedene, aber ebenso mögliche alternative Auffassungen existieren können. Es ist etwas anderes, diese allein deshalb schon nicht in Erwägung zu ziehen, weil sie nicht „amtlich“ und (noch) nicht gesellschaftlich akzeptiert sind. Es ist schließlich etwas ganz anderes, zu behaupten, die gesellschaftlich anerkannte Auffassung von der Wahrheit sei nicht nur ein weiterer „Annäherungsversuch“, sondern sei mit der Wahrheit gleichzusetzen – und hierin liegt die große Anmaßung. Im Übrigen ist es widersprüchlich, implizit mit gesellschaftlicher Anerkennung zu argumentieren, wenn gerade diese Anerkennung durch nicht unerheblich große Teile der Gesellschaft infrage gestellt wird. Vom traditionell auch in der Philosophie anerkannten und noch immer herrschenden Vorurteil, „rational“ und „gefühlsmäßig“ strikt zu trennen und dabei das Gefühl als minderwertig (und „weibisch“ und „sinnlich“ und „schwach“) zu diskreditieren, will ich erst gar nicht anfangen, denn das würde hier zu weit führen.

Annahmen einer Absolutheit der (singulären) Wahrheit und der Relativität der (pluralen) Wahrheitsannäherungen schließen sich also gar nicht aus, dürfen als solche aber nicht miteinander gedankenlos vermengt werden. Gerade das geschieht aber gegenwärtig – und natürlich geht es in Wirklichkeit nicht um einen überzeugenden logischen Nachweis des „postfaktischen Phänomens“ oder um epistemologische Spitzfindigkeiten, sondern um Macht und Manipulation. Mehr noch, es geht wieder einmal um die enge Beziehung von Wahrheit und Macht, von Wissen und Macht und um Deutungshoheit und den alleinigen Anspruch auf Wahrheit.

„Postfaktizität“ ist die antinomische Antwort auf „Lügenpresse!“. Wo der Wutbürger in Dresden vor der Semperoper oder auf Facebook „seinen Gefühlen freien Lauf lässt“ und seine Wahrheitsauffassung frustriert herausschreit, da hält der Gut- und Bildungsbürger gesittet inne, um dann mit unnachahmlicher rhetorischer und intellektueller Gewandtheit im Sprachlabor des Feuilletons aus bewährten lateinischen Floskelzutaten ein neues Begriffsungetüm zu kreieren, das den Pöbel und sein unverständliches (weil dummes) Verhalten mal so richtig durchanalysiert. „Lügner!“ schallt es aber im Endeffekt aus beiden Richtungen her, im einen Fall jedoch so hübsch in Vernunft gebadet und in „wissenschaftlicher Anerkennung“ verpackt, dass dem rational gesinnten Zeitungsleser sofort klar sein sollte, wem er zu glauben hat, wenn er nicht im „Zeitalter des ungesunden Menschenverstandes“ (FAZ) den populistischen Volksverführern auf dem Leim gehen will, die nur darauf warten seinen durch zu viele Wahrheitsvarianten verwirrten Geist mit postfaktizitärem Gift einzunebeln. ( – Wie schön übrigens, dass wir uns mal wieder auf dem metaphorischen Begriffsgebiet der medizinischen Sprache bewegen, die wirkt noch am besten!)

Man verstehe mich nicht falsch. Natürlich sind die „Hass-Redner“ im Internet eine Gefahr. Wo erst einmal Misstrauen geweckt ist und vor allem Enttäuschung und Wut darüber, geblendet worden zu sein, ist es ein leichtes, sich in dieser Wut zu ergehen und aus der Erfahrung von Lügen umgekehrt fälschlich zu folgern, alles, was jemals in der „Lügenpresse“ thematisiert worden sei, verhalte sich „in Wahrheit“ genau gegensätzlich dazu. Insbesondere wenn dabei alte Vorurteile und -ahnungen bestätigt werden. Wenn „die Flüchtlinge“ positiv dargestellt wurden, dann sind sie in Wirklichkeit alle Verbrecher und Islamisten. Wenn Putin dämonisiert wird, dann ist er in Wirklichkeit ein friedliebender Humanist. Dieses Verfallen ins andere Extrem, in die Antithese, ohne den nächsten Schritt zur Synthese zu gehen, und die Bereitschaft, beim bloßen Empörungsgefühl stehen zu bleiben, sind tatsächlich gefährlich und werden von bestimmter Seite aus gezielt gebündelt und instrumentalisiert.

Was uns aber alle zu Recht empören sollte, ist überhaupt die Ansicht, egal von welcher Seite aus, mit der eigenen Weltauffassung alleinigen Anspruch auf die Wahrheit zu haben und den Menschen allgemein abzusprechen, diese selbst erschließen zu können. „Postfaktisch“ ist dabei nach „Verschwörungstheoretiker“ nur der nächste Kampfbegriff. Zur Versöhnung trägt er nicht bei. Den denkenden Menschen beleidigt er und den wütend-verstockten wiegelt er nur noch mehr auf.

Was er und ähnliche Begriffe – oder überhaupt eine offene Debatte über diese – aber leisten können – wenn auch indirekt – ist, wie ich oben schon andeutete, mehr zum Nachdenken und Über-das-Gewohnte-hinaus-Denken anzuregen. – Auch wenn „postfaktisch“ aus philosophischer Perspektive ein Unsinns-Wort ist, da diese ein willkürliches und unreflektiertes Verständnis von „Fakten“ oder gar „Wahrheit“ nicht akzeptieren kann, welches seine Bedeutung außerdem dahingehend dogmatisch einschränkt, dass „nicht-wissenschaftliche“ und „nicht-amtliche“ Herangehensweisen an die Wahrheit gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Vielmehr ist der Wahrheitsbegriff der Affirmatoren des postfaktischen Zeitalters zirkulär: Was als Wahrheit oder als Fakt gilt, das ist vorher fest definiert und bestätigt sich selbst, alles andere fällt gleich aus dem Kreis heraus.

Dennoch, der Begriff des Postfaktischen lässt sich fruchtbar machen: Versteht man das „Faktische“ nämlich als Ergebnis einer gesellschaftlich vorgegebenen, normierten Herangehensweise an die Wahrheit, so bietet uns der Eintritt ins „Postfaktische Zeitalter“ die Gelegenheit, diese endlich hinter uns zu lassen und sie retrospektiv nur als eine von vielen Möglichkeiten zu begreifen. So gesehen hat eine philosophische Perspektive auf das Faktische schon immer Postfaktizität eingeschlossen, war das philosophische Denken schon immer selbst genuin postfaktisch. – Nicht in einem zeitlichen, sondern in einem strukturellen Sinne, indem es nämlich an allgemein anerkannten Wahrheiten zweifelte und den Zweifel selbst dabei als Methode kultivierte. Das postfaktische Zeitalter, so verstanden, ist eine Chance, durch die direkte Konfrontation mit einer Bandbreite von Sichtweisen und Weltbildern eine eigene differenzierte Sichtweise zu entwickeln. Wir müssen bloß ehrlich dazu bereit sein, sie zu nutzen, anstatt uns mit einer Bipolarisierung der Gesellschaft zufriedenzugeben, weil wir uns unzweifelhaft und von Anfang an „auf der richtigen Seite“ wissen.

Zum Verhältnis von Einfachheit und Komplexität

tumblr_milhd8rfo51qz5u3do1_1280Künstler: Javier Cruz

Im letzten Text zum Thema Verallgemeinerungen und Vorurteile hatte ich es schon angedeutet, würde es gerne aber nochmals genauer ausführen: das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität. Ausgangspunkt sei dabei die heute populäre Ansicht, unsere Welt sei zu komplex geworden, um sie noch verstehen zu können. Frühere Herangehensweisen, ein Denken in Systemen und Ordnungen, würden nicht mehr greifen, seien veraltet, würden der heutigen, komplexen Welt nicht mehr gerecht. Stattdessen bliebe uns übrig, im Kleinen Fragen zu stellen, in Spezialbereichen zu analysieren und zu differenzieren, wo wir können. – Eine Sichtweise nicht nur von immenser Bedeutung für unser Denken überhaupt, sondern auch für die Philosophie und ihre traditionelle Rolle als „Expertin fürs Allgemeine“, welche damit in Frage gestellt wird.

Fragen wir zunächst ganz basal: Was heißt „einfach“? Was heißt „komplex“? Einfachheit bezeichnet eigentlich etwas, das nur einmal vorhanden ist, das einzeln ist und eben nicht vielfach, mehrfach, mannigfach. Seine Singularität ist deshalb von Bedeutung, weil sie für uns „einfach“ – im übertragenen Sinne – zu erfassen ist. Das Einfache kann ich leicht überblicken, beim Vielfachen ist meine Aufmerksamkeit bereits geteilt und es wird „schwieriger“. Wird es damit auch komplexer?

Das Komplexe ist ein anderer Fall. Es bezeichnet eigentlich nicht das Gegenteil des Einfachen. Vielmehr handelt es sich dabei selbst um ein Einfaches. „Komplex“ kommt vom lateinischen complecti, das „zusammenfassen, einschließen, einfassen, umschließen“ heißen kann. Auch plectere, „flechten, ineinanderfügen“ steckt drin. Nennen wir etwas komplex, meinen wir damit in der Regel eben dieses Verflochtene, Verwickelte an einer Sache. Wir übersehen aber die kleine Vorsilbe com- dabei, die das vielfach Geflochtene nochmals betont in eins zusammenfasst: Der Kom-plex bezeichnet also eine Einheit, die in sich mannigfaltig verwoben und strukturiert ist.

Unterscheidet sich das Komplexe damit grundsätzlich vom Einfachen? Nein, denn Einfachheit und Komplexität betonen schlicht zwei verschiedene Aspekte der einzelnen, lebendigen Entität: Etwas, das einfach ist, sieht nur von außen betrachtet so aus (das Gänseblümchen, der Baum, eine Schneeflocke, von mir aus auch das Smartphone im minimalistischen Design), ist aber in Wirklichkeit ein Komplex, d.h. innerlich mannigfach verwickelt und verflochten. Diese äußerlich wahrgenommene Verbundenheit aber, z.B. in Gestalt der glatten Haut, die einem Menschen, einer Frucht oder einer Zelle auch ästhetisch das Ansehen der Ganzheit und Einheit gibt, ist es, die die – im wörtlichsten Sinne oberflächliche – Verstehbarkeit und Übersichtlichkeit erzeugt, die das Komplexe zum Einfachen macht.

Anders verhält es sich jedoch, wenn wir selbst Teil des Komplexes sind, wenn wir im Geflecht, im Gewebe selbst eingeschlossen sind, ohne das wir es von außen übersehen können. So verhält es sich mit der Welt und so verhält es sich mit dem kleinen Ausschnitt der Welt, den wir Erde und unsere Heimat nennen – und den wir als so anstrengend unübersichtlich empfinden, dass Philosophien, Religionen und Ideologien erfunden wurden, um uns eine Orientierung zu verschaffen, um die Verbindung der Fäden untereinander zumindest gedanklich aufzudröseln und nachvollziehen zu können. Und dieser gedankliche Modus des als ob ist unsere eigentliche Errungenschaft, unsere Chance zu sehen, was uns eigentlich ewig verborgen geblieben wäre. Unsere Vorstellungskraft erlaubt es uns, die Welt als Einheit zu begreifen, wo sie uns zunächst nur als uns umgebende Vielheit entgegentritt.

Aber wieso erscheint uns dieses Geflecht heute verwickelter, schwieriger als zuvor? Was hat sich verändert? Ein ideologischer Rahmen (Christentum und Kirche) ist weggebrochen und wurde durch einen neuen ersetzt (das naturwissenschaftliche, materialistisch genannte Weltbild). Der neue aber hat seine Lücken und blinden Flecke, Bereiche, die er nicht oder nur ungenügend erklärt. Er ist nicht so umfassend wie sein Vorgänger, mag dieser auch in anderer Hinsicht äußerst fehlerhaft gewesen sein. Wie erklärt die Naturwissenschaft befriedigend die Stellung des Menschen in der Welt und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft? Welche Legitimationen erhalten ökonomische, politische und soziale Prozesse im naturwissenschaftlichen Weltbild? Auch kleinere Rahmen im großen (Kapitalismus, Marxismus) scheitern. Zurück bleiben die bloße, nackte Mannigfaltigkeit und der tiefe Zweifel und Pessimismus des Individuums, das sein Bedürfnis nach Struktur und Sicherheit in partikularen Sinnverbänden zu befriedigen sucht – sei es der vereinzelte (geistes-)wissenschaftliche Zweig, den der Akademiker besteigt, oder überhaupt die Arbeit, die als Mittel zur „Selbstverwirklichung“ neue religiöse Höhen erreicht, oder der seinsvergessene, selbstvergessene Konsum, wo Sinn und Lust nicht mehr zu unterscheiden sind (ganz aktuell darf man sich auch wieder „links“ oder „rechts“ befinden).

Etwas anderes hat sich verändert. Obwohl das Weltgeflecht um uns verworren ist: der Komplex Welt ist einfacher geworden. Viele kleine Welten sind zu einer Welt geworden, wurden absorbiert im Globalen. Die Globalisierung, schnellste technische Transport- und vor allem Kommunikationsmittel haben das erste Mal in der Geschichte wirklich eine Welt geschaffen. Der (äußere) Weltkomplex ist geschrumpft, hat sich in eins zurückgezogen (Stichwort „global village“), während scheinbar paradoxerweise das (innere) Weltgeflecht auf eine geradezu monströse Größe angewachsen ist, sich aufgebläht hat. Die Vielheit der Kulturen, die sich zuvor lange Zeit nur langsam einander angenähert und miteinander durch Handel und Kriege verwoben hatten, sind innerhalb kürzester Zeit unnatürlich schnell verwachsen. Nicht nur westliche, alle Kulturen, die es nur irgendwie vermochten, haben sich an die durch technische Standarte definierte neue globale Wirtschafts- und Herrschafts-Kultur angepasst (oder wurden angepasst). Was durch diesen Prozess aber geschaffen wurde, ist nicht eine wahre neue Weltkultur, die die Besonderheiten der einzelnen Kulturen harmonisch in eine neue Einheit, einen kulturellen Weltorganismus integriert und damit auch aufbewahrt, sondern – ein Flickenteppich, ein löchriges, instabiles Gewebe, das nicht durch gemeinsamen Willen zusammenhält, sondern durch Gewalt und Zwang. Das Weltgeflecht heute ist kein natürlicher Organismus, sondern eine schlecht laufende, fehlerhafte und gefährliche Maschine.

Und dieser Umstand ist es eigentlich, den wir meinen, wenn wir davon sprechen, die Welt sei zu komplex, zu diffizil geworden. Es ist nicht die neue, vergrößerte Vielfalt an sich, die Probleme macht. Es ist auch nicht so, dass durch die bloße innere Vergrößerung des Weltgeflechts notwendig das Chaos entsteht. Das neue Weltgeflecht ist nicht, oder jedenfalls nicht primär, chaotisch. Es ist vielmehr der gewalttätige Charakter der vorhandenen allgemeinen Ordnungsstrukturen, der das Chaos verursacht. Und diese, vorher im Kleinen, bzw. auf eingeschränktem Gebiet wirkend, zeigen nun erstmals ihr globales Potential, verstärkt und beschleunigt durch den technischen Fortschritt. Die alten Herrschaftsmuster, nun intensiviert, global überdehnt, erzwingen in ihrem Interesse die Einheit der Vielheit – und Widerstand regt sich: Menschen flüchten sich zurück ins Altbekannte und vermeintlich -bewährte, bauen sich neue, alte Feind- und Erlöserbilder auf oder schotten sich ab. Vermeintlich progressive, aber genauso blinde Kräfte, feiern diese Einheit als Fortschritt von Liberalität und Toleranz – ohne zu sehen, dass mit Gewalt, auch mit gewaltsamer Einheit, kein Frieden zu machen ist.

Es ist nicht ein Mangel an ordnender Struktur, der unsere Welt unübersichtlich macht, sondern es ist die falsche ordnende Struktur und die Unfähigkeit der Meisten, diese erstens als wirkend und zweitens als falsch zu erkennen – wiederzuerkennen, denn sie ist ein alter, längst totgeglaubter alter Bekannter in anderer Gestalt.

Wenn wir uns heute sagen: „Die Welt ist zu komplex geworden, um sie zu verstehen.“, dann dient uns das als Entschuldigung dafür, es gar nicht erst zu versuchen. Und es endet als Kapitulation, es endet damit, dass wir sie uns von Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern und (anderen) Populisten erklären lassen. Wir machen uns selbst aus Bequemlichkeit unmündig, und natürlich merken wir es nicht, halten die Gedanken anderer für unsere Gedanken und sind insgeheim froh, überhaupt Erklärungen erhalten zu haben, denn die Welt ist ja so komplex.

Ja, die Welt ist ein Komplex geworden, aber damit paradoxerweise einfacher als je zuvor. Wir müssen es nur wagen, sie gedanklich als Einheit zu fassen, sie gleichsam von außen zu betrachten und zu verstehen, was es ist, das sie im Inneren zusammenhält und dabei gleichzeitig zerrüttet und zersprengt. Dass sich heute im Wesentlichen nichts verändert hat, außer den Dimensionen in Raum und Zeit, der globalen Ausdehnung und Beschleunigung. Und wir müssen überlegen, wie wir diese Strukturen, die Zwangs- und Gängelbänder, die Fesseln des Weltgeflechts, in lebendige Strukturen umwandeln können, abseits vom Lager- und Schulendenken, abseits von Ideologien linker, rechter oder wie auch immer gearteter Gesinnung. Jede Generation muss ihre Probleme neu denken, auch wenn es im Grunde noch die gleichen Probleme sind.

Wir müssen unsere Welt als lebendigen Organismus begreifen, als Sinneinheit verstehen, und dazu müssen wir den Mut haben zu verstehen – auch wenn das heißt, in einem quantitativen Sinne, nicht alles verstehen zu können. Aber darum geht es nicht, sondern es geht um das Ganze. Verstehen ist wesenhaft qualitativ. Wir können versuchen, allgemeine Tendenzen und Strukturen nachzuvollziehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Einzelne außen vor zu lassen. Denn die wichtigsten Strukturen und Wahrheiten wirken im Großen genauso wie im Kleinen. Komplexität und Einfachheit schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich.

Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

Wenn ich auf diesem Blog eine allgemeine Aussage treffe – und das kommt häufig vor – dann setze ich stillschweigend einiges beim Leser voraus. Zum Beispiel wenn ich eine Aussage treffe wie „Heute ist die Gesellschaft so und so beschaffen“, dann heißt das übersetzt: Ich habe aufgrund meiner Wahrnehmung und Erfahrung den subjektiven Eindruck (die Bandbreite reicht dabei von Vermutung bis Überzeugung), dass sich eine Sache überwiegend so und nicht anders verhält. Ich behaupte mit meiner allgemeinen Aussage nicht, dass sie absolut wahr ist und dass ich andere Positionen völlig ausschließe – schließlich habe ich mich schon oft getäuscht in der Vergangenheit und es wird wieder vorkommen. Ich behaupte außerdem nicht, dass Ausnahmen von dieser Aussage unmöglich sind, und wenn ich sie nicht explizit erwähne, bedeutet das nicht, das ich sie bewusst und mutwillig ausschließe.

Das Verrückte ist, dass heute gerade das oft unterstellt wird. Allgemeine Aussagen haben sich spätestens seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts per se verdächtig gemacht. Sie stehen im Verdacht, bloße Verallgemeinerungen zu sein, zu vereinfachen, zu nivellieren und zu diskriminieren. In spezielleren Fällen nennt man sie Vorurteile. In noch spezielleren Fällen Klischees.

Baue ich kein einschränkendes oder relativierendes Wortpartikelchen in meine Aussage ein, oder hänge sofort mehrere Neben- und Hauptsätze mit dran, die Ausnahmen von besagter Aussage aufzählen, habe ich nicht differenziert. Ich habe das, so eine weit verbreitete Annahme, entweder aus Ignoranz oder aus böser Absicht getan – denn wenn ich um Ausnahmen weiß und sie nicht erwähne, halte ich sie offenbar für unwichtig und damit für minderwertig. Oder: Ich bin naiv und bemitleidenswert, denn ich sehne mich nach „Vereinfachung“ in einer „zunehmend komplexer werdenden Welt“ – ich habe offensichtlich nicht verstanden, dass die Welt so komplex (geworden) ist, dass man sie gar nicht verstehen kann! Ist doch klar, das lässt sich in jedem zweiten Feuilleton-Artikel nachlesen. Die Wirtschaft kriselt und es gibt eine einfache Erklärung dafür? Armut und Kriminalität – das lässt sich in einem Satz begründen? Kann gar nicht sein, denn: zu einfach! Einfache Erklärungen sind notwendig falsche oder zumindest schlechte Erklärungen, so der Tenor, denn sie lassen Einzelfälle einfach außen vor.

Offensichtlich herrscht eine nicht kleine Verwirrung darüber vor, was eigentlich Erklärungen und Aussagen bzw. Urteile so ausmacht. Zunächst: Urteile sind ihrem Wesen nach immer allgemein, sie können lediglich durch zusätzliche Bedingungen weiter eingeschränkt werden (damit meine ich nicht Aussagen wie: „Dieser Stuhl hat vier Beine.“) Behaupte ich zum Beispiel „Vögel können fliegen.“, so habe ich damit eine gängige oder „normale“ Eigenschaft von Vögeln beschrieben – obwohl ich weiß, dass es durchaus Vögel gibt, die nicht fliegen können. Ich habe nicht gesagt: „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“, sondern meine Aussage hat lediglich den Normalfall, die Regel beschrieben. Damit habe ich aber gerade nicht Ausnahmen ausgeschlossen, sondern implizit eingeschlossen. Es ist eine Binsenweisheit: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Aber es stimmt: Die Ausnahme bestätigt tatsächlich die Regel, die Regel ist sogar notwendig durch die Ausnahme bedingt und umgekehrt. Wir können gar nicht Regelmäßigkeiten beschreiben ohne dabei Ausnahmen mitzudenken, denn sonst wären es nicht Regelmäßigkeiten, sondern Absolutheiten, die so (bis auf Ausnahmen…) gar nicht real vorkommen.

Dennoch wird eine solche Aussage heute häufig missverstanden. Es wird unterstellt, „Vögel können fliegen.“ sei gleichbedeutend mit „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“ und man habe damit nicht nur eine falsche und ignorante Aussage getroffen, sondern mehr noch, man habe alle Ausnahmen dabei benachteiligt und ausgegrenzt. Man habe dabei gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass jeder Vogel, der nicht fliegen kann, gar kein „normaler“ und damit „richtiger“ Vogel sei, sondern eben ein „komischer Vogel“ (entschuldigt den schlechten Witz, liebe Leser).

Völlig unverfroren wird hier also mal wieder von Sein auf Sollen geschlossen, ein sehr beliebter logischer Fehler. Problematisch sind dabei natürlich die Wörter „normal“ und „Regel“ selbst, denn sie legen eine Vorschrift, ein Sollen nahe, auch wenn sie im alltäglichen Sprachgebrauch häufig nicht so benutzt werden, sondern lediglich, wie oben beschrieben, den üblichen, überwiegenden oder gängigen Fall meinen (ähnlich verhält es sich übrigens auch mit „Sitte“ und „Sittlichkeit“). Wollen wir also, trotz aller allgemeiner Aussagen, präzise sein und Missverständnisse vermeiden, ist es hilfreich, weitestgehend auf diese Begriffe zu verzichten, da sie durch ihre ambivalente Deutung das eigentliche Problem, eben den logischen Fehlschluss, verschleiern.

Dieser besteht aber in der Annahme, dass ein beschreibendes Urteil mit einem wertenden oder gar normativen Urteil identisch sei. Das ist es nicht. Ich habe durch meine Aussage nicht gleichzeitig ausgedrückt, dass alle nicht-fliegenden Vögel minderwertige Vögel seien und ihre Art also weniger schützenswert sei. Ich habe lediglich festgestellt, dass es meiner Erfahrung nach für Vögel üblich ist, fliegen zu können – mit Ausnahmen.

Das Problem besteht aber weiterhin darin, dass der Weg von einer deskriptiven zu einer normativ-wertenden Aussage nicht weit ist und viele Menschen eine deskriptive Aussage zum Anlass nehmen, diese normativ zu werten (was, wie gesagt, einen logischen Fehlschluss darstellt). Ein weiterer Schlüsselbegriff ist hier auch der des „Natürlichen“. Es sei „natürlich“ für Vögel zu fliegen, denn das tun sie üblicherweise, das habe ich beobachtet. Also folgt daraus, sei es „unnatürlich“ für Vögel nicht zu fliegen und das wiederum sei falsch, weil „wider die Natur“. Diesem Schlussgebilde liegen besondere Annahmen zugrunde, nämlich: 1.) „Die Natur“ schreibe normativ vor, was richtig sei und 2.) sie tue das, indem sie die überwiegende Zahl einer Spezies (z.B. der Vögel) mit der „richtigen“ Eigenschaft ausstatte, eine Minderzahl aber ausspare. Das sei ihr Weg, uns zu demonstrieren, was die Norm und was zu tun sei. Der Gedanke, dass die Natur vielleicht ihr gesamtes Potential erst ausschöpfen kann, indem sie auch die Ausnahme schafft und somit überhaupt erst ein vielfältiges Spektrum entsteht, dass sie als Natur wahrhaft vollkommen macht, kommt hier nicht vor. Denn „die Natur“ als Gesamtheit allen Lebens wird in diesem Schluss gleichgesetzt mit „der Natur“ im Sinne einer bestimmten Wesenseigenschaft („Es ist die Natur des Vogels, dass …“). Als Folge entsteht eine Hierarchie, bei der die eine (übliche, gängige) Eigenschaft höher gewertet wird als die andere (die Ausnahme), da sie als mit dem „Gesetz“ der allmächtigen Natur, die alles bestimmt, identisch gesetzt wird.

Wir sehen hier schon, eigentlich müsste man auch heute noch „Gott“ statt „Natur“ setzen, wenn es um solche Zusammenhänge geht, denn viel zu sehr ist unser Denken durchdrungen von autoritären Strukturen, die überall ein Gebot, ein Gesetz oder eine Vorschrift erwarten, wo eine bloße Regelmäßigkeit herrscht. Nein, eigentlich müssten wir sagen: Wo eine bloße allgemeine Struktur wirkt und das Mannigfaltige durchdringt. Ordnung und allgemeine Strukturen sind eben nicht überall gleichbedeutend mit Herrschaft und erwarten im Gegenzug von uns Gehorsam, auch wenn unser Geist hierauf seit Jahrtausenden trainiert ist und wir aus unserem Alltag nichts anderes gewohnt sind.

So viel also in Kürze zu den möglichen Ursachen für den oben aufgeführten logischen Fehlschluss. Wir können also feststellen: Eine derartige allgemeine Aussage enthält die Möglichkeit oder gar die Gefahr (wenn aus ihr konkrete, falsche Handlungen abgeleitet werden) einer normativen Wertung. Sie enthält aber nicht zwingend eine Wertung, sondern kann vielmehr lediglich ein Versuch sein, besagte komplexe Welt zu verstehen, indem allgemeine Strukturen in entsprechenden Aussagen festgehalten werden. Verstehen aber, und das ist wichtig, heißt eben Zusammenhänge erkennen, nicht Differenzen aufdecken. Zwar sollen und müssen wir den Weg der Differenzierung gehen, um zu verstehen, die Dinge auseinanderhalten, um uns ihrer Besonderheit bewusst zu werden. Aber eben zu dem Zweck, sie innerhalb eines größeren Zusammenhangs richtig einordnen zu können. Der letzte Schritt im Verständnisprozess ist immer synthetisch, nicht analytisch. Es sind Allgemeinheiten, allgemeine Strukturen, die im Verstehen erkannt werden. Misstrauen wir dem allgemeinen Urteil überhaupt und unterstellen ihm eine implizite Abwertung des Nicht-Allgemeinen, gefährden wir langfristig unsere Verständnisfähigkeit. Genau das aber passiert: Das allgemeine Urteil ist per se verdächtig, weil wir uns nicht von unseren autoritären Denkmustern lösen können.

Noch ein paar Worte zum Vorurteil. Das Vorurteil unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Urteil dadurch, dass es verfrüht getroffen wird – auf einer unzureichenden Erfahrungsbasis, die das Urteil mitunter erheblich verfälschen kann. Es steht dem oft gepriesenen „fundierten Urteil“ (wofür meist „Experten“ zuständig sind) entgegen. Doch wo endet das Vorurteil, wo fängt das fundierte Urteil an? Wie viel Erfahrung, wie viele empirische Daten brauchen wir, um ein richtiges Urteil zu treffen? Sehr streng genommen muss jedes Urteil letztlich Vorurteil bleiben, denn unser Erfahrungshorizont endet nicht, er könnte beständig erweitert werden. Andererseits kann er niemals vervollständigt werden, denn wir als „endliche Vernunftwesen“, wie es bei Kant so schön heißt, haben nunmal begrenzte Kapazitäten. Hinzu kommt, dass manche Menschen auf der Grundlage scheinbar gleicher „Daten“ unterschiedlich richtige Urteile treffen. Manche haben ein präziseres Auge oder auch ein „gutes Gespür“, dass ihnen trotz dünner Erfahrungsbasis zu einem richtigen Urteil verhilft (freilich ist das ein riskantes Unterfangen). Tatsächlich sind die meisten unserer Urteile Vorurteile, denn in vielen Wissensgebieten ist es uns gar nicht möglich, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Und urteilen müssen wir, denn die Alternative hieße blind zu glauben.

Genau so wie wir nicht vorschnell urteilen sollten, sollten wir auch nicht vorschnell Urteile als „bloße Vorurteile“ abtun, wenn sie nicht mit unserem eigenen (Vor-)Urteil übereinstimmen. Denn wie genau können wir wirklich die Erfahrung und Urteilskraft des anderen einschätzen? Umgekehrt ist es gefährlich, „Expertenmeinungen“ vorbehaltlos als vorurteilsfrei zu akzeptieren.

Insgesamt schadet die Tabuisierung des Vorurteils, und auch des allgemeinen, scheinbar notwendig verflachenden Urteils einem vernünftigen öffentlichen Diskurs. Denn wie überhaupt bei allgemeinen Aussagen wird auch dem Vorurteil häufig sofort eine böswillige Absicht des Urteilenden unterstellt. Dabei ist es tatsächlich möglich, ein Vorurteil zu haben, sogar zu „heiklen“ Themen wie gesellschaftlichen Minoritäten, ohne dabei eine böse Absicht zu hegen und jemanden mutwillig beleidigen oder diskriminieren zu wollen. Es kann schlicht das Wissen fehlen. Ignoranz ist kein Vergehen. Wird sie aber dem Urteilenden vorgeworfen oder diese Möglichkeit gar überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen (sondern die böse Absicht als alleinige Option vorgestellt), dann führt das schnell zu Verwerfungen und verhärteten Fronten. Die eine Seite sieht sich zu unrecht beschuldigt, bevormundet und einer „Meinungsdiktatur“ ausgesetzt, was wiederum häufig zu Trotzreaktionen und damit zu wirklichen Beleidigungen und Diskriminierungen führt. Die andere Seite, ein Leben lang Opfer gewesen, hat bloß gelernt, den Anderen als Täter zu sehen und sieht gar nichts anderes mehr; durch die provozierten Trotzreaktionen fühlt sie sich dann wiederum bestätigt. Dabei ist eben nicht jede gefühlte Diskriminierung eine Diskriminierung. Entscheidend ist die Absicht und der Ton des Urteilenden. Abfällige, abwertende Äußerungen sind als solche in der Regel erkennbar. Und selbst mit negativen Vorurteilen und Klischees lässt sich spielerisch und (selbst-)ironisch umgehen, solange sie nicht gehässig werden. Wo sich dennoch eine Diskrepanz zwischen gefühlter Diskriminierung und fehlendem Bewusstsein von Diskriminierung einstellt, lässt sich auch zumindest theoretisch vernünftig miteinander reden, ohne dass sofort Vorwürfe fallen.

Leider sind wir von einer vernünftigen Diskussionskultur weit entfernt. Das heftige Misstrauen gegenüber allgemeinen Urteilen und Vorurteilen ist Symptom einer verunsicherten Gesellschaft: Altes gilt nicht mehr, Sicherheit gibt es nicht mehr, also ist alles, was Sicherheit vermeintlich suggeriert – allgemeine Aussagen, einfache Erklärungen – an sich verdächtig. Eine wohl proportionierte und berechtigte Vorsicht gegenüber vorschnellen Aussagen ist einer irrationalen Angst gewichen. Überall wittert man das Böse, wo nicht explizit versichert wird, dass es sich dabei nicht um den Teufel handelt (als wäre das Kriterium!). Der Teufel selbst wird nicht mehr als der Zersetzende (der „Differenzierende“) empfunden, sondern wer nach Gemeinsamkeiten sucht, ist des Teufels. Wehe dem, der vorschnell eine Gemeinsamkeit postuliert! Es könnte sich dabei um Rassismus oder Sexismus handeln! Also steinige man ihn lieber gleich, ohne genauer hinzusehen, er könnte ja gefährlich sein! So stürzen sich alle Wächter der vermeintlichen Toleranz und Offenheit auf Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Ob wirklich ein „Toleranzvergehen“ vorlag, ist Nebensache. Derweil lachen sich die wahren Verursacher und Bewahrer der ganzen gesellschaftlichen Misere ob dieser Spiegelfechterei ins Fäustchen, denn an gravierenden sozialen Problemen – den eigentlichen Verursachern von Diskriminierung und Intoleranz – wird nicht gerührt, die Aufmerksamkeit liegt woanders.

Anmerkung: Anlass für diesen Text war unter anderem die ernsthafte Auffassung gewisser Kreise der Gender Studies, man solle es doch besser ganz aufgeben, den „Menschen“ philosophisch definieren zu wollen, also die Sache mit der Anthropologie ganz sein lassen – man könnte ja versehentlich jemanden dabei diskriminieren.

Vorlesung bei Prof. Han – Ein Erfahrungsbericht

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Eine echte, analoge und fruchtbare Hortensie mit Schaublüten um die Blütenstände. Was Han zum Licht sagen würde? Das Photo jedenfalls ist digital. Quelle: Wikimedia Commons

Schon vor Beginn der Vorlesung eine ungewöhnlich gespannte Stimmung: Der Raum ist noch nicht offen, in den Fluren stehen dicht gedrängt Grüppchen von Kunststudenten, aufgeregt plappernde Erstsemester genauso wie coole, abgeklärte Spätsemester, viele extravagante Erscheinungen, und natürlich die Gasthörer, mit grauen Haaren, bisweilen nach existentialistischer Mode um den Hals geschwungenem Schal und dem Feuilleton-Teil der FAZ unter dem Arm. Ich fühle mich an das Schaulaufen auf der Art Basel erinnert, aber die Atmosphäre hat eher etwas von einem Rockkonzert: ein Haufen „alternativer“ Menschen, die gespannt warten, dass die Türen sich öffnen, um sich dann hereinzudrängen und die besten Plätze zu sichern. Bloß kiffen sie nicht und keiner hat seinen Iro aufgestellt. Auch eine Art Türsteher gibt es: Eine Koordinatorin achtet darauf, dass die Studenten zuerst eingelassen werden und danach erst die Gasthörer.

Ich sichere mir einen guten Platz neben einer Gasthörerin, die sich mit hineingemogelt hat. Ihre Haare sind nicht grau. Aus der Philosophie sichte ich niemanden. Vorne (ich bin versucht zu sagen: „auf der Bühne“) werkelt der Hiwi an der Technik herum. Bald ist auch der Meister selbst erschienen. Auch er trägt einen dieser intellektuellen Schals, seiner ist ganz dünn, eher Band als Schal. Die dunklen Haare hat er zum Zopf zusammengebunden und unter seinem schlechtsitzenden, hastig zugeknöpften schwarzen Jackett lugen ein grauer Pullunder und ein weißes Hemd hervor. Die Hose ist auch schwarz, vermutlich eine Jeans. Prof. Han ist guter Laune. Er macht Witzchen mit dem Hiwi, während dieser das Bild der Kamera anpasst, die den Inhalt des Tisches vor Prof. Han auf die Leinwand bringt. Zuerst liegt da nur ein Schlüssel, wohl um die Größe des Bildes einzuschätzen. Dann Blüten und Blätter. Ich wundere mich ein bisschen, aber auch nicht zu viel, schließlich sind wir hier unter Künstlern.

Han-Seonsaeng legt los. Er beginnt die Vorlesung mit einer Einleitung, die bis zum Ende der Vorlesung andauern wird. Es wird sehr persönlich. Han erzählt von seinem Sommer und von seiner Liebe und seinem Glück. Im Sommer hat er an einem Film mitgearbeitet, einem Liebesfilm, mit zwei Schauspielerinnen von der Volksbühne. Dort hat er sich um Licht und Kamera gekümmert, und am Ende um alles. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens, sagt er.

Man sieht ihn dabei nicht mehr, während er das erzählt, er hat sich an den Tisch gesetzt und fingert an den Blüten herum. Aber man glaubt ihm, was er sagt. Er spricht klar, gewählt und in kurzen Sätzen, so wie er schreibt. Er schafft es, viel Tiefe in diese kurzen Sätze hineinzulegen. Sein Deutsch ist tadellos, wenn auch mit deutlichem koreanischen Akzent. Er spricht von der Liebe und vom Licht. Im Sommer hat er viel über das Licht gelernt. Ich lerne: „Byung-Chul“ bedeutet „helles Licht“. Es gibt liebendes und es gibt feindseliges Licht. Das Licht im Hörsaal ist feindselig, also hat er sein eigenes Licht mitgebracht, Liebes-Licht. Der Hiwi macht das feindselige Licht aus und Han springt auf, um das gute Licht (in Form eines Scheinwerfers, „Made in Germany“, er liebt Made in Germany, „Made in Japan“ geht aber auch manchmal) richtig auszurichten. Es dauert etwas, bis er zufrieden ist, die ersten Reihen erleiden derweil kurzzeitige Blendschäden. Dann sitzt er wieder und erzählt.

Er will uns ein Geheimnis verraten, sagt er, denn eigentlich ist es gar keines mehr. Das Geheimnis ist: „Ich habe zwei Jahre intensiv als Gärtner gearbeitet.“ In seinem Garten in Wannsee hat er viele Rosen und Engel, und alle Blumen versammelt, die im Winter blühen. Kostproben davon hat er mitgebracht und zeigt sie uns: Hortensien, Funkien, Winter-Jasmin, Seggen und andere, „deren Namen Sie wahrscheinlich gar nicht kennen, oder? Weil Sie immer nur wischen, auf Ihrem Smartphone wischen, bei Whatsapp wischen, an Ihrem Ego wischen.“ „Werfen Sie endlich Ihr Smartphone weg und streicheln Sie ein Blatt.“ Er streichelt ein Blatt, während er das sagt. Meine Nachbarin rechts von mir, ein kicherndes Erstsemester, hört nur halb zu und wischt unter dem Tisch über ihr Smartphone. Die Gasthörerin links von mir ist ganz vertieft und lächelt beseelt. „Schauen Sie. Die Adern.“ Er streicht über die Blattadern. „Genau wie bei einem Menschen.“ „Hören Sie endlich auf zu wischen und fangen Sie an, zu streicheln. Nicht das Display, sondern Ihren Nachbarn.“

So spricht er fortwährend weiter, von der Liebe und vom Streicheln und von Blumen und sein Publikum reagiert teils belustigt, teils bewundernd. Es gibt viel heiteres Gekicher, während er so spricht, nicht respektlos, sondern eher munter und staunend, aber auch ein bisschen unbehaglich. Da spricht ein erwachsener und so bekannter Mann, ein Professor, vom „Streicheln“ und von der Liebe, was ist davon zu halten? Meint er das ernst? Die coolen Kunststudenten und Intellektuellen sind verunsichert. Han selbst fährt fort mit subtilem Humor, in seinem Tonfall liegt dabei stets ein Hauch von Verschmitztheit und sein Lachen ist ein trockenes Atmen. Er erinnert mich darin etwas an einen koreanischen Bekannten, bei dem ich etwas Ähnliches beobachten konnte und der mir damals mit dem Satz in Erinnerung geblieben ist: „Ihr Europäer seid im Grunde alle noch Cartesianer.“ Er hatte Recht. Der Dualismus in unserem Denken zieht sich weiter bis in die scharfe Trennung zwischen Ernst und Heiterkeit. Nicht so bei Han. Andächtig schwärmt er von seinen Rosen und schimpft über Smartphones und meint es auch so – aber nie ohne den Schelm im Augenwinkel. Sein teutonisch-blonder HiWi hingegen sitzt stocksteif und lauscht preußisch-ernst den Worten des Meisters, als säße der neue Heidegger persönlich neben ihm, stets sich bereithaltend, eine mögliche Anweisung sofort auszuführen.

Prof. Han liest uns Gedichte von Rilke vor. Er liebt Rilke. Bis zum Ende der Sitzung werden wir sicher zehn davon gehört haben. Die Gedichte handeln von Rosen und Engeln und von der Liebe – daher also Hans Begeisterung. Han ist glücklich. Und übernächtigt. „Nur Idioten schlafen, wenn sie verliebt sind. Wenn man im Glück ist, darf man nicht schlafen.“ Er zeigt uns einen kurzen Ausschnitt aus seinem Film, eine Hortensie in Nahaufnahme, unterlegt mit den Goldbeck-Variationen von Bach. „Herrlich!“ Die Szene hat er nachts in seinem Garten gedreht, die Hortensien sind vom gleichen Licht erhellt, das er mit in Vorlesung gebracht hat. „Mein Nachbar dachte, ich wäre ein Einbrecher“, sagt er und lacht. Dabei hat er doch nur in seinem Garten gesessen und die Blüten gestreichelt. Die echten Blüten, nicht die Blätter. Denn was man gemeinhin bei Hortensien für Blüten hält, sind bloß farbige Blätter, lerne ich. Die echte Blüte, „die Königin“, hat man weggezüchtet und die Pflanze so unfruchtbar gemacht.

Wenn er nicht von seinem Garten spricht und von Rilke, gibt er seinen Studenten Tipps in Sachen Kameras und Objektiven. Über den Sommer ist er unfreiwillig zum Spezialisten geworden, sagt er. Am besten sind die von Zeiss. Leider kann er sich die allerbesten noch nicht leisten, aber er hat auf Ebay ein Objektiv für 900 ersteigert, das eigentlich 10.000 kostet. Er besitzt auch viele digitale Objektive. „Ich liebe das Digitale!“, stellt er klar, Technik bedeute auch immer Emanzipation. Er verurteile bloß bestimmte Formen des Digitalen (wie die Smartphone-Wischerei). Er kritisiert, dass wir verlernen, die Wirklichkeit wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren. So würden wir auch das Glück verlernen.

Eine halbe Stunde vor Schluss versichert er uns, jetzt mit der Vorlesung anzufangen. Fünf Minuten später hat er es wieder vergessen. Oder nicht? Die Vorlesung trägt den Titel „Analog/Digital“. Bisher hat er das Thema ganz gut eingebracht. Am Ende hat er zwar nicht doziert, dafür aber vermittelt und inspiriert. Fünf Minuten vor Schluss trägt er noch ein Rilke-Gedicht vor. Es handelt vom Küssen. Die letzten Zeilen flüstert und haucht er bloß noch. Zusammen mit seinem koreanischen Akzent verstehe ich längst kein Wort mehr. Die Zuhörer klatschen trotzdem begeistert. Klatschen, nicht Klopfen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei. Bis nächste Woche.

Von der Überheblichkeit der Gegenwärtigen

Wir leben in einer Blase. Diese Blase heißt Gegenwart. Bewusst und klar ist uns nur, was gegenwärtig ist. Wir leben im Jetzt und Hier und können auch gar nicht anders. Leben heißt jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen; Leben ist wesenhaft augenblicklich. Am lebendigsten ist der, welcher so lebt, dass ihm der Moment zur Ewigkeit gerät – wahre Ewigkeit, deren immense Weite er nicht spürt, da sie ihn just in diesem Augenblick völlig umfängt.

Diese Art zu leben macht aber nicht unser ganzes Wesen aus. Insofern wir denkende Kreaturen sind – solche des Nach-denkens und der Re-flexion – leben wir auch in der Vergangenheit. Ein denkendes Leben ist immer ein Leben im Hinblick auf Vergangenes. All die Begriffe und Vorstellungen, mit denen unser Geist hantiert – sie sind einmal geworden und entstanden. Ihre Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen, aber mit ihnen umgehen und uns auf sie beziehen können wir nur, insofern wir ihrer Entwicklung ein vorläufiges Ende setzen, sie abgrenzen, sie in Worte zwängen und definieren. Dadurch glauben wir uns ihrer bemächtigt zu haben, sie umzäunt und gezähmt zu haben. Eine durch Begriffe definierte Welt ist eine für uns kontrollierbare Welt.

Um die Begriffe für uns zu definieren, um uns unsere Welt zu erklären, greifen wir auf Erfahrungen zurück. Vornehmlich auf unsere eigenen Erfahrungen, aber auch auf die Anderer, wo uns selbst solche fehlen. Nun ergibt sich aber eine Schwierigkeit: Gerade die Begriffe, die am umfassendsten und ältesten und damit für unser Denken am interessantesten sind, gerade diese können wir am schwersten erklären – denn unsere eigene lebendige Erfahrung reicht gerade mal einige Jahrzehnte zurück, ein Menschenalter höchstens. Ebenso die Erfahrung Anderer. Alles Dahinterliegende hat sich bereits der Möglichkeit unseres unmittelbaren Zugriffs entzogen, ist historisch und unwiederbringlich geworden. Die Erfahrung kann nicht mehr selbst erfahren, auch nicht mehr direkt kommuniziert und ausgetauscht werden. Bloß die Toten sprechen noch, in Schriftstücken, Artefakten, neuerdings auch in Video- und Tonaufnahmen. Das Vergangene ist erst jetzt wirklich Vergangenheit geworden – wo es nichts Lebendiges mehr gibt, das sich erinnert.

Diese „tote“ Vergangenheit ist es, die uns Probleme macht. Wir wissen nichts von ihr, haben nie etwas von ihr gewusst. Wir haben bloß das aufbewahrt, was von ihr geblieben ist und rekonstruieren sie nach unseren Vorstellungen, den Vorstellungen und Erfahrungen der Gegenwart. Wir können somit gar nicht anders, als die Vergangenheit perspektivisch zu verzerren.

Hinzu kommt, dass wir uns ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst sind und schnell dabei sind, diese zu bewerten und in ein Verhältnis zum Jetzt zu stellen. Der berüchtigte Satz „Früher war alles besser.“ reicht dabei aber meist nicht über die eigene lebendige Erfahrung hinaus. Darüber hinaus, so lautet für gewöhnlich die Annahme der Gegenwärtigen, „war früher alles schlechter“. Früher, da gab es keine Autos, kein Fernsehen, kein Internet, keine Staubsauger, keine Züge, keine Flugzeuge, keine moderne Medizin, keine Aufklärung, keinen wissenschaftlichen Fortschritt, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Demokratie, keine Gewerkschaften, keinen 8-Stunden-Tag, keinen Mittelstand, keinen Wohlstand, keine Vernunft, keine Autonomie, keine Individualität, keine Freiheit „sich auszuleben“.

Heute hingegen haben wir all das und noch mehr, wir Gegenwärtigen. Vor allem sind wir später, weiter, reifer – haben das Mensch-Sein viel länger erfahren. Die Menschheit heute ist erwachsen geworden, so meinen wir, hat sie doch den Aberglauben und die Kirche überwunden, ganz aus eigenem Antrieb, hat sich selbst aufgeklärt, emanzipiert und ist vernünftig geworden, nüchtern, sachlich, echt. Keine Träumereien mehr, keine Schwärmereien, keine Spekulationen – all das haben wir als Nonsens entlarvt und endlich verstanden, nach Jahrtausenden von Irrläufen, welche Weltauffassung die einzig richtige ist: unsere. Wie blind waren unsere Vorfahren! Sie glaubten sich im Besitz der Wahrheit! Aber sie wussten eben nicht, was wir wussten (unsere primitiven Urahnen hätten wahrscheinlich sogar Smartphones als gefährlich und schwarzmagisch eingestuft!). – Wir lächeln nachsichtig, unsere Augen funkeln im Glanz von kaum verhohlenem Überlegenheitsgefühl: Kindereien der Vergangenheit!

Was wir nicht begreifen: Wir selbst sind die Kinder. Wir sind die Nachgeborenen, die Späten und Verspäteten, und nichts ist uns fremder als die eigene Vergangenheit. Wir waren nicht zugegen bei der Geburt der Menschheit, wir sind nicht die ersten, sondern die letzten. Und solange wir stur den Blick nach vorne richten, ohne einmal wirklich zurückzublicken, wird es dabei bleiben. Wir sind so flach, wie wir ahistorisch sind – wir sind so tief, wie unsere Erinnerung reicht. Und wo sie nicht reicht – wo wir spekulieren und konstruieren müssen, um unsere Wurzeln zu erforschen – da dürfen wir nicht mit Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit auf das blicken, was vor uns war, nur weil es vor uns war – nur weil wir inzwischen aufgrund technischer Fortschritte über ein Wissen verfügen, das es so noch nicht gegeben hat. Wie steht es aber um das Wissen, das es einmal gegeben hat? Haben wir das nicht vergessen? Was können wir von der Vergangenheit wissen, wenn wir immer nur auf das Acht geben, was mit unserem Wissen kompatibel ist? Wenn wir immer nur den Wissens-Mangel sehen, statt das Wie des vergangenen Wissens zu erkunden und seine Andersartigkeit verstehen zu wollen?

Zum Leben selbst braucht es nur Gegenwart. Wollen wir aber gut, wollen wir besser leben, müssen wir erkennen wie. Dazu braucht es Vergangenheit, Erinnerung, Wieder-erkennen – im Jetzt bewusst sein, der Vergangenheit bewusst werden.

„Verschwörungstheoretiker“ – Analyse eines Begriffs

verschwoerungstheorie

TL;DR: Es ist falsch und heuchlerisch, Verschwörungstheoretiker pauschal als „Spinner“ zu verurteilen. Die Aufdeckung realer Verschwörungen, und damit die Wissenschafts- und Pressefreiheit, wird durch Tabuisierung des Verschwörungsbegriffs behindert. Andersdenkende dürfen nicht mit dem Stigma des Verschwörungstheoretikers lächerlich gemacht werden. Statt in den Chorus der Diffamierung blind miteinzustimmen, ist es geboten selbst zu denken.

 

In letzter Zeit scheint der Begriff des „Verschwörungstheoretikers“ im öffentlichen Diskurs nahezu inflationär gebraucht zu werden. Daher möchte ich im Folgenden eine kleine Begriffsanalyse vornehmen.

Was ist ein Verschwörungstheoretiker? Ein Verschwörungstheoretiker ist jemand, der Verschwörungstheorien vertritt, so viel steht fest. Was aber ist unter „Verschwörungstheorie“ eigentlich genau zu verstehen? Hier lassen sich mindestens zwei Dimensionen der Bedeutung unterscheiden.

Da wäre zunächst die wörtliche Bedeutung: Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie, also ein gedankliches Konzept, von einer Verschwörung. Sie behauptet als Ursache für bestimmte gesellschaftliche oder politische Ereignisse eine Verschwörung, also eine geheime Absprache zwischen mehreren Personen, die sich durch bestimmte, Außenstehenden nicht zugängliche Pläne einen gemeinsamen Vorteil erhoffen, meist zum Nachteil Anderer (daher die Geheimhaltung) – sie schwören sich auf etwas ein. Die Verschwörungstheorie erklärt Ereignisse somit durch bewusste Kalkulation und Manipulation bestimmter mehr oder weniger mächtiger, also einflussreicher, Personen. Nach dieser Definition dürfte man beispielsweise geheime Preisabsprachen unter großen Unternehmen zu den Verschwörungen rechnen – auch wenn das meist nicht geschieht. Warum nicht?

Die Ursache dafür ist in der zweiten, negativ-wertenden Bedeutung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zu suchen. Auf dieser Bedeutungsebene erscheint die Verschwörungstheorie als etwas per se Anrüchiges, Unvernünftiges, Irrationales, als Spinnerei. Sie stellt das Gegenteil einer wissenschaftlichen Theorie dar, welche sachlich, objektiv und nüchtern nach Erklärungen für Phänomene sucht. Eine Verschwörungstheorie ist hier immer vereinfachend und basiert auf bloßen Gefühlen, Wünschen und Vermutungen, niemals aber auf Fakten. Sie sieht nie den Zufall, sondern stets „geheime Mächte“ am Werk. Sie liefert nicht die wahrscheinlichste (langweilig-alltägliche!) Erklärung, sondern die sensationellste, abwegigste.

Eine Verschwörungstheorie in dieser Bedeutung kann somit nur von einer Person ernsthaft vertreten werden, mit der irgendwas nicht stimmt, die geistig in irgendeiner Weise angeschlagen oder gar krank ist, da sie offensichtlich nicht in der Lage ist, vernünftig zu urteilen – von einem Verschwörungstheoretiker also. Hier wird es nun sehr schnell persönlich-herabsetzend bis beleidigend: Verschwörungstheoretiker sind Spinner, voller Hass (FAZ), „sehen überall Lügen“ (ebd.), sind „paranoid“ und „populistisch“ (FAZ) , „wahnsinnig“ (Zeit) und „ideologisch“ (TAZ), „verstört“ und verbreiten „absurde“ (Spiegel) und „wilde Geschichten“ (Süddeutsche).

Die Front gegen Verschwörungstheorien und ihre Vertreter scheint gesamtgesellschaftlicher Konsens zu sein, jedenfalls wenn man einer Stichprobe im „Spektrum“ der sogenannten Leitmedien von FAZ bis TAZ folgt. Erschreckend ist dabei das Niveau, auf dem gegen Verschwörungstheoretiker argumentiert wird, nämlich meist selbst dermaßen irrational, unlogisch und dabei noch herablassend-verhöhnend, dass es beim Lesen wehtut. Schnell ist man dabei, sich genau der Methoden zu bedienen, die man gerade noch an den Verschwörungstheoretikern kritisiert hat. Ab und an kommt es sogar vor, dass mit eigenen Verschwörungstheorien gekontert wird. Besonders beliebt ist die Theorie, dass das Verschwörungsgeschehen vom Kreml aus gesteuert wird, um die Menschen im Westen in ihren „westlichen Werten“ zu verunsichern (Zum Beispiel in diesem FAZ-Artikel).

In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen „orthodoxen“ und „heterodoxen“ Verschwörungstheorien hilfreich, welche im (empfehlenswerten) Band „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens“ (Wiesbaden, 2014) von den Herausgebern Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter eingeführt wird: Bei orthodoxen Verschwörungstheorien handelt es sich dabei um solche, die von der Allgemeinheit akzeptiert und vertreten werden, bei heterodoxen um solche, die nur eine Minderheit vertritt. Eine Theorie, die behauptet, dass Al-Quaida sich verschworen hat, die Anschläge vom 11. September zu verüben etwa wäre eine orthodoxe Verschwörungstheorie, eine Theorie, die stattdessen behauptet, es sei die CIA gewesen, eine heterodoxe.

Im oben geschilderten Fall wird also einer heterodoxen Verschwörungstheorie (oder genauer: überhaupt Verschwörungstheorien) eine orthodoxe Verschwörungstheorie entgegengesetzt. Der Unterschied liegt darin, dass man eine orthodoxe Verschwörungstheorie für gewöhnlich nicht so nennen würde, da die negativ-wertende Bedeutungsebene in der öffentlichen Meinung vorherrscht. Die Reduktion des Begriffs auf diese Ebene engt aber den Blick auf das gesamte Bedeutungsspektrum des Begriffs ein und birgt nicht geringe Gefahren in sich. Zum Beispiel werden so alle Theorien, die Geschehnisse mit Verschwörungen zu erklären suchen, pauschal verurteilt und in die Nähe von „Spinnerei“ gerückt – unabhängig davon, ob sie rational argumentieren oder nicht. Der Begriff „Verschwörung“ selbst erhält eine anrüchige Färbung, wird tabuisiert. Im Resultat meiden Wissenschaftler oder Journalisten Erklärungsansätze, die Verschwörungen als Ursache vermuten – sie wollen oder können ihre Reputation nicht riskieren, von der auch ihr finanzielles Auskommen abhängt. Das Risiko, als Verschwörungstheoretiker dauerhaft gebrandmarkt zu werden ist zu groß (und tatsächlich greift hier die Metapher der Brandmarkung gut, ein Stempel ist schließlich abwaschbar). Der Verschwörungstheoretiker ist die personifizierte Unwissenschaftlichkeit und Unseriosität – sicherer ist es also, sich theoretisch gar nicht erst in die Nähe von Konzepten zu begeben, die bereits „verschwörungstheoretisch besetzt“ (also von Spinnern dominiert) sind. Hierdurch werden auch ganze Themenkomplexe an den Rand der akademischen Auseinandersetzung verdrängt und isoliert. Ein Zirkel entsteht: Was einmal mit dem Label „verschwörungstheoretisch“ versehen wurde, wird von der Wissenschaft lieber gar nicht erst angefasst und so bleibt und gedeiht ein Thema ausschließlich im außerakademischen Bereich, wo es eben mangels der Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Kontrolle möglicherweise in der Erklärung noch groteskere Blüten treibt, sodass es für die Wissenschaft erst recht zum Tabu wird usf.

Die Haltung vieler Wissenschaftler, Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungstheorien ohne vorherige Nachforschung pauschal zu verurteilen, entlarvt auch ihre Doppelmoral im Hinblick auf „Wissenschaftlichkeit“, zu der eine pauschale Verurteilung eben eigentlich nicht zählen sollte. Es entlarvt auch ihre Engstirnigkeit und ihr dogmatisch verkrustetes Weltbild, in dem „das Andere“ nur Platz findet, solange es das bisherige Weltbild bestätigt. Dabei sollten sich Skepsis und Offenheit, kritisches Nachfragen und wahre Neugier in der Wissenschaft ergänzen, vor allem aber Mut anstelle von Kleingeistigkeit treten, um echte Freiheit der Wissenschaft entstehen zu lassen – ein hehres Ideal, dass durch die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaftler leider so gut wie unmöglich gemacht wird.

Die fast durchgängig einheitlich abwertende Meinung der etablierten Medienorgane in Bezug auf Verschwörungstheorien entlarvt ebenso eine erschreckende Uniformität der Medienlandschaft – die Vorwürfe gegen die Wissenschaft lassen sich dabei problemlos übertragen, allen voran wieder die Doppelmoral: Wo Vorurteile gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen zuvor aufs Schärfste verurteilt wurden (zu Recht!), findet man gleich daneben einen Artikel, der vor diffamierenden Vorurteilen gegenüber den „Verschwörungstheoretikern“ nur so überquillt, verleumdende Aussagen eingeschlossen. Besonders gerne wird die Verbindung zu Rechtsextremismus und Antisemitismus gezogen. Die Logik funktioniert dabei meist so: 1.) Es gibt rechtsextreme/antisemitische Verschwörungstheoretiker. 2.) Also sind alle Verschwörungstheoretiker rechtsextrem/antisemitisch. (Aristoteles würde sich im Grabe umdrehen) Konkret auch: Auf einer Demo mit verschwörungstheoretischen Inhalten wurden unter anderem Nazis gesichtet (oder was man heute so alles „Nazi“ tauft). Nazis finden offenbar verschwörungstheoretische Inhalte gut. Also müssen diese schlecht/falsch und ihre Vertreter auch Nazis oder jedenfalls irgendwie mit diesen assoziiert sein.

Wenn ein Inhalt nur lange genug mit einem solchen in Verbindung gebracht wird, der Unbehagen hervorruft, wird es nicht lange dauern, bis man beim ersteren, der vielleicht völlig wertneutral ist, bald auch Unbehagen spürt – einfache Konditionierung. Nehmen wir etwa an, es wäre ein Hauptmerkmal von Nazis, die Natur und alles Grüne wunderbar zu finden (und tatsächlich gab und gibt es ja da eine Neigung, Stichwort Blut-und-Boden-Ideologie). Würde uns nur lange genug diese Verbindung vor Augen gehalten, schon bald würden wir anfangen (unbewusst, versteht sich) überhaupt alle enthusiastischen Appelle für Natur-Bejahung misstrauisch zu beäugen – es könnten ja Nazis dahinterstecken!

Leider passiert in der medialen Berichterstattung genau das: Verschwörungstheorien und ihre Vertreter werden immer wieder in Zusammenhang mit Rechtsextremismus gebracht, ohne dabei zwischen tatsächlich Rechtsextremen und eindeutig nicht Rechtsextremen zu unterscheiden. In diesem FAZ-Artikel etwa geschieht das im Falle Jürgen Elsässer und Ken Jebsen („der Mann mit den wütenden Augen“). Liest man Elsässers Blog, kann einem leicht schlecht werden, wenn z.B. von „Flüchtlingsbesoffenheit“ oder „Rapefugees“ die Rede ist. Hört man Jebsen zu und überwindet anfängliche Vorurteile, was Aussehen und Stimmlage betrifft (die „wütenden Augen“), merkt man schnell, dass da mit „Rechts“ gar nichts ist, mit Antisemitismus ebensowenig und der Mann bei aller Neigung zu Wasserfall-Redeschwall und Empörungsrhetorik eine sehr gute Sendung macht, bei der er interessante Leute interviewt und diese auch noch ausreden lässt. Trotzdem kann es sein, dass beide bei aller Unterschiedlichkeit bestimmte Positionen teilen – das macht sie eben noch nicht gleich (vgl. oben).

Übrigens beruht der Antisemitismus-Vorwurf meist auf einem ähnlichen logischen Fehlschluss wie dem oben ausgeführten und offenbart darüber hinaus eher die unbewusste antisemitische Haltung desjenigen, der den Vorwurf erhebt, als dass er den Beschuldigten überführt: Kritisiert eine Person z.B. Israel (und damit ist die israelische Regierung gemeint – wohlbemerkt hat eine Regierung leider meist nur sehr wenig mit den Menschen gemein, die sie regiert) oder, etwas allgemeiner, gewisse steinreiche Banquiersfamilien, so hat sie damit in den Augen mancher schon eine antisemitische Äußerung getan – denn den so kritisierten Personen kommt nun einmal auch die Eigenschaft „jüdisch“ zu, ganz gleich ob die Kritik etwas mit dieser Eigenschaft zu tun hatte oder nicht. Wir brauchen nun eigentlich gar kein logisches Propädeutikum durchlaufen zu haben, um zu sehen, dass hier etwas falsch läuft. Es darf nicht sein, dass wir Menschen diffamieren, weil sie jüdisch sind. Es darf aber auch nicht sein, dass wir Menschen, die vielleicht große Verbrechen begehen, dafür nicht kritisieren dürfen, weil sie jüdisch sind.

So aber reiht sich der Begriff des „Antisemiten“ neben den des „Nazis“ und des „Spinners“ ein in eine Reihe von Begriffen, die inzwischen so inflationär gebraucht werden, dass nach inhaltlicher Entsprechung meist verzweifelt gesucht werden muss – zu sehr zielen sie häufig lediglich nur darauf ab, Personen zu diskreditieren. Umso schwerer fällt es, den tatsächlichen Antisemiten und tatsächlichen Nazi oder auch den tatsächlichen „Spinner“ – wobei man diese Bezeichnung an sich eigentlich schon aus Gründen der Menschlichkeit einfach sein lassen könnte – zu identifizieren. Zusammen bilden sie eine Kette von Eigenschaften, die dem Verschwörungstheoretiker angeblich zukommen.

Warum ruft ein solches Verhalten der Medien nicht mehr Kritik hervor? Was treibt Menschen dazu, einerseits Toleranz zu predigen, andererseits die Sache mit der Toleranz gegenüber bestimmten Menschengruppen nicht ganz so ernst zu nehmen – eigentlich eine unerträgliche Heuchelei? Der Fall zeigt, wie sehr wir Menschen Herdentiere sind und bei aller angeblicher Individualität (die Postmoderne! das Individuum!) es noch immer vermeiden, gegen den Strom zu laufen, sobald es unangenehm werden könnte. „Der Verschwörungstheoretiker“ darf als solcher verleumdet werden, ohne das jemand großartig daran Anstoß nehmen würde, weil er am Rande der Gesellschaft steht und als „aussätzig“ gilt – er gehört einer Minderheit an, zudem einer Minderheit, die einen sehr schlechten Ruf genießt. Der Mensch als Herdentier wendet sich also instinktiv von einem so gebrandmarkten ab, erwidert nichts, erhebt keinen kritischen Einwand oder stimmt sogar in die Tirade mit ein, um besonders authentisch zu beweisen, dass er nicht dazugehört zum Aussätzigen, zum Kranken („Geistesgestörten“) und mit diesem nicht in Berührung kommen will. Er ist normal, gehört zu den Normalen, gehört zur Herde. Die Angst des Einzelnen, aus der Gruppe verstoßen zu werden, zeigt sich hier sehr deutlich. Zu tief sitzt sie, die Urangst vor der Isolation, vor dem Alleinsein, vor dem Ab-artig-Sein. Und der Urinstinkt, in der Gruppe eine Einheit zu bilden ist dabei gar kein schlechter, er sichert den Zusammenhalt, stärkt die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft jedoch das Falsche tut, wird es gefährlich. – Wir kennen diesen Mechanismus, wir haben ihn gelernt – schon in der Schule bei der Mobbingprävention. Dennoch fällt es uns oft sehr schwer, ihn außerhalb der auswendiggelernten Kontexte verwirklicht zu sehen.

Weshalb aber dieses emphatische Plädoyer für Verschwörungstheorien, ist die Kritik daran nicht berechtigt? Als ich einmal viel Zeit hatte, habe ich mich in den digitalen „Sumpf“ (dieser Ausdruck ist durchaus treffend) der Verschwörungstheorien begeben, um eben genau das herauszufinden. Mein Fazit: Das Spektrum der Verschwörungstheorien (in der wörtlichen Bedeutung) reicht tatsächlich von „völlig verrückt“ bis „überhaupt nicht verrückt und vollkommen rational“, es reicht von der Vorstellung, dass Alien-Reptilienmenschen unter uns leben und seit Ewigkeiten das Weltgeschehen steuern bis zu präziser und umsichtiger Kritik an der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 9/11 (ich denke hier vor allem an den Schweizer Publizisten und Historiker Daniele Ganser). Tatsächlich ist die Welt der Verschwörungstheorien so bunt, dass sich hier alles versammelt, Gutes wie Schlechtes, Wahres und Falsches, Plausibles und Unwahrscheinliches, jede nur denkbare Vorstellung und Erklärung, Wissenschaftliches, Spirituelles, Religiöses, Rationales, Emotionales, Ekelhaftes und Verachtenswertes (die üblichen Phantasien von der Herrenrasse z.B.), aber auch Interessantes und Aufrüttelndes. Niemand sagt einem, was davon tatsächlich stimmt (bzw. alle tun es), man ist auf sich selbst gestellt. Man bringe Zeit und Geduld mit, aber auch eine gehörige Portion Offenheit und Skepsis, und man kann das Selbst-Denken neu lernen. Ganz praktisch wird man schließlich vor eine urphilosophische Herausforderung gestellt: Wem glaube ich? Was glaube ich? Was weiß ich? Was kann ich wissen? Man kann am Ende gar nicht anders, als dem eigenen Urteil zu vertrauen – und dieses, bereinigt von allem Autoritäts-Glauben, ist die einzige Sicherheit, die wir haben.

Mein Appell also: Man bilde sich ein eigenes Urteil. Man sei offen gegenüber sogenannten „Verschwörungstheorien“, auch wenn sie im ersten Moment abstrus klingen mögen. Man sei besonders skeptisch gegenüber dem Altbewährten und Selbstverständlichen, gegenüber der Mehrheitsmeinung, und stelle bewusst kritische Fragen. Man suche sich aber auch nicht umgekehrt „auf der anderen Seite“ neue Autoritäten, sondern hinterfrage auch hier wieder kritisch. Man prüfe Quellen nach. Man halte sich fern von Gift und Hass, man halte Ausschau nach Frieden und Liebe (man verwechsle aber auch nicht Empörung mit Hass). Man sage vielleicht nicht zu allem völlig Ja oder völlig Nein, sondern zu diesem Ja und zu jenem Nein, man differenziere. Man hinterfrage sich auch selbst und die eigenen Denk-Prämissen. Man habe Mut sich seines eigenes Verstandes zu bedienen.

 

Randnotiz: Auch Harry Potter musste schmerzlich erfahren, wie das ist mit der Wahrheit und der Verleumdung. Hilfe fand er bei der Verschwörungstheoretikerin Luna Lovegood, die ihm anbot, seine Version der Ereignisse im verschwörungstheoretischen Schundblatt „Der Klitterer“ (engl. „The Quibbler“) zu publizieren. Der Tagesprophet, die Hexenwoche – alle druckten sie die gleichen Lügen. 😉