Von der Überheblichkeit der Gegenwärtigen

Wir leben in einer Blase. Diese Blase heißt Gegenwart. Bewusst und klar ist uns nur, was gegenwärtig ist. Wir leben im Jetzt und Hier und können auch gar nicht anders. Leben heißt jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen; Leben ist wesenhaft augenblicklich. Am lebendigsten ist der, welcher so lebt, dass ihm der Moment zur Ewigkeit gerät – wahre Ewigkeit, deren immense Weite er nicht spürt, da sie ihn just in diesem Augenblick völlig umfängt.

Diese Art zu leben macht aber nicht unser ganzes Wesen aus. Insofern wir denkende Kreaturen sind – solche des Nach-denkens und der Re-flexion – leben wir auch in der Vergangenheit. Ein denkendes Leben ist immer ein Leben im Hinblick auf Vergangenes. All die Begriffe und Vorstellungen, mit denen unser Geist hantiert – sie sind einmal geworden und entstanden. Ihre Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen, aber mit ihnen umgehen und uns auf sie beziehen können wir nur, insofern wir ihrer Entwicklung ein vorläufiges Ende setzen, sie abgrenzen, sie in Worte zwängen und definieren. Dadurch glauben wir uns ihrer bemächtigt zu haben, sie umzäunt und gezähmt zu haben. Eine durch Begriffe definierte Welt ist eine für uns kontrollierbare Welt.

Um die Begriffe für uns zu definieren, um uns unsere Welt zu erklären, greifen wir auf Erfahrungen zurück. Vornehmlich auf unsere eigenen Erfahrungen, aber auch auf die Anderer, wo uns selbst solche fehlen. Nun ergibt sich aber eine Schwierigkeit: Gerade die Begriffe, die am umfassendsten und ältesten und damit für unser Denken am interessantesten sind, gerade diese können wir am schwersten erklären – denn unsere eigene lebendige Erfahrung reicht gerade mal einige Jahrzehnte zurück, ein Menschenalter höchstens. Ebenso die Erfahrung Anderer. Alles Dahinterliegende hat sich bereits der Möglichkeit unseres unmittelbaren Zugriffs entzogen, ist historisch und unwiederbringlich geworden. Die Erfahrung kann nicht mehr selbst erfahren, auch nicht mehr direkt kommuniziert und ausgetauscht werden. Bloß die Toten sprechen noch, in Schriftstücken, Artefakten, neuerdings auch in Video- und Tonaufnahmen. Das Vergangene ist erst jetzt wirklich Vergangenheit geworden – wo es nichts Lebendiges mehr gibt, das sich erinnert.

Diese „tote“ Vergangenheit ist es, die uns Probleme macht. Wir wissen nichts von ihr, haben nie etwas von ihr gewusst. Wir haben bloß das aufbewahrt, was von ihr geblieben ist und rekonstruieren sie nach unseren Vorstellungen, den Vorstellungen und Erfahrungen der Gegenwart. Wir können somit gar nicht anders, als die Vergangenheit perspektivisch zu verzerren.

Hinzu kommt, dass wir uns ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst sind und schnell dabei sind, diese zu bewerten und in ein Verhältnis zum Jetzt zu stellen. Der berüchtigte Satz „Früher war alles besser.“ reicht dabei aber meist nicht über die eigene lebendige Erfahrung hinaus. Darüber hinaus, so lautet für gewöhnlich die Annahme der Gegenwärtigen, „war früher alles schlechter“. Früher, da gab es keine Autos, kein Fernsehen, kein Internet, keine Staubsauger, keine Züge, keine Flugzeuge, keine moderne Medizin, keine Aufklärung, keinen wissenschaftlichen Fortschritt, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Demokratie, keine Gewerkschaften, keinen 8-Stunden-Tag, keinen Mittelstand, keinen Wohlstand, keine Vernunft, keine Autonomie, keine Individualität, keine Freiheit „sich auszuleben“.

Heute hingegen haben wir all das und noch mehr, wir Gegenwärtigen. Vor allem sind wir später, weiter, reifer – haben das Mensch-Sein viel länger erfahren. Die Menschheit heute ist erwachsen geworden, so meinen wir, hat sie doch den Aberglauben und die Kirche überwunden, ganz aus eigenem Antrieb, hat sich selbst aufgeklärt, emanzipiert und ist vernünftig geworden, nüchtern, sachlich, echt. Keine Träumereien mehr, keine Schwärmereien, keine Spekulationen – all das haben wir als Nonsens entlarvt und endlich verstanden, nach Jahrtausenden von Irrläufen, welche Weltauffassung die einzig richtige ist: unsere. Wie blind waren unsere Vorfahren! Sie glaubten sich im Besitz der Wahrheit! Aber sie wussten eben nicht, was wir wussten (unsere primitiven Urahnen hätten wahrscheinlich sogar Smartphones als gefährlich und schwarzmagisch eingestuft!). – Wir lächeln nachsichtig, unsere Augen funkeln im Glanz von kaum verhohlenem Überlegenheitsgefühl: Kindereien der Vergangenheit!

Was wir nicht begreifen: Wir selbst sind die Kinder. Wir sind die Nachgeborenen, die Späten und Verspäteten, und nichts ist uns fremder als die eigene Vergangenheit. Wir waren nicht zugegen bei der Geburt der Menschheit, wir sind nicht die ersten, sondern die letzten. Und solange wir stur den Blick nach vorne richten, ohne einmal wirklich zurückzublicken, wird es dabei bleiben. Wir sind so flach, wie wir ahistorisch sind – wir sind so tief, wie unsere Erinnerung reicht. Und wo sie nicht reicht – wo wir spekulieren und konstruieren müssen, um unsere Wurzeln zu erforschen – da dürfen wir nicht mit Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit auf das blicken, was vor uns war, nur weil es vor uns war – nur weil wir inzwischen aufgrund technischer Fortschritte über ein Wissen verfügen, das es so noch nicht gegeben hat. Wie steht es aber um das Wissen, das es einmal gegeben hat? Haben wir das nicht vergessen? Was können wir von der Vergangenheit wissen, wenn wir immer nur auf das Acht geben, was mit unserem Wissen kompatibel ist? Wenn wir immer nur den Wissens-Mangel sehen, statt das Wie des vergangenen Wissens zu erkunden und seine Andersartigkeit verstehen zu wollen?

Zum Leben selbst braucht es nur Gegenwart. Wollen wir aber gut, wollen wir besser leben, müssen wir erkennen wie. Dazu braucht es Vergangenheit, Erinnerung, Wieder-erkennen – im Jetzt bewusst sein, der Vergangenheit bewusst werden.

„Verschwörungstheoretiker“ – Analyse eines Begriffs

verschwoerungstheorie

TL;DR: Es ist falsch und heuchlerisch, Verschwörungstheoretiker pauschal als „Spinner“ zu verurteilen. Die Aufdeckung realer Verschwörungen, und damit die Wissenschafts- und Pressefreiheit, wird durch Tabuisierung des Verschwörungsbegriffs behindert. Andersdenkende dürfen nicht mit dem Stigma des Verschwörungstheoretikers lächerlich gemacht werden. Statt in den Chorus der Diffamierung blind miteinzustimmen, ist es geboten selbst zu denken.

 

In letzter Zeit scheint der Begriff des „Verschwörungstheoretikers“ im öffentlichen Diskurs nahezu inflationär gebraucht zu werden. Daher möchte ich im Folgenden eine kleine Begriffsanalyse vornehmen.

Was ist ein Verschwörungstheoretiker? Ein Verschwörungstheoretiker ist jemand, der Verschwörungstheorien vertritt, so viel steht fest. Was aber ist unter „Verschwörungstheorie“ eigentlich genau zu verstehen? Hier lassen sich mindestens zwei Dimensionen der Bedeutung unterscheiden.

Da wäre zunächst die wörtliche Bedeutung: Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie, also ein gedankliches Konzept, von einer Verschwörung. Sie behauptet als Ursache für bestimmte gesellschaftliche oder politische Ereignisse eine Verschwörung, also eine geheime Absprache zwischen mehreren Personen, die sich durch bestimmte, Außenstehenden nicht zugängliche Pläne einen gemeinsamen Vorteil erhoffen, meist zum Nachteil Anderer (daher die Geheimhaltung) – sie schwören sich auf etwas ein. Die Verschwörungstheorie erklärt Ereignisse somit durch bewusste Kalkulation und Manipulation bestimmter mehr oder weniger mächtiger, also einflussreicher, Personen. Nach dieser Definition dürfte man beispielsweise geheime Preisabsprachen unter großen Unternehmen zu den Verschwörungen rechnen – auch wenn das meist nicht geschieht. Warum nicht?

Die Ursache dafür ist in der zweiten, negativ-wertenden Bedeutung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zu suchen. Auf dieser Bedeutungsebene erscheint die Verschwörungstheorie als etwas per se Anrüchiges, Unvernünftiges, Irrationales, als Spinnerei. Sie stellt das Gegenteil einer wissenschaftlichen Theorie dar, welche sachlich, objektiv und nüchtern nach Erklärungen für Phänomene sucht. Eine Verschwörungstheorie ist hier immer vereinfachend und basiert auf bloßen Gefühlen, Wünschen und Vermutungen, niemals aber auf Fakten. Sie sieht nie den Zufall, sondern stets „geheime Mächte“ am Werk. Sie liefert nicht die wahrscheinlichste (langweilig-alltägliche!) Erklärung, sondern die sensationellste, abwegigste.

Eine Verschwörungstheorie in dieser Bedeutung kann somit nur von einer Person ernsthaft vertreten werden, mit der irgendwas nicht stimmt, die geistig in irgendeiner Weise angeschlagen oder gar krank ist, da sie offensichtlich nicht in der Lage ist, vernünftig zu urteilen – von einem Verschwörungstheoretiker also. Hier wird es nun sehr schnell persönlich-herabsetzend bis beleidigend: Verschwörungstheoretiker sind Spinner, voller Hass (FAZ), „sehen überall Lügen“ (ebd.), sind „paranoid“ und „populistisch“ (FAZ) , „wahnsinnig“ (Zeit) und „ideologisch“ (TAZ), „verstört“ und verbreiten „absurde“ (Spiegel) und „wilde Geschichten“ (Süddeutsche).

Die Front gegen Verschwörungstheorien und ihre Vertreter scheint gesamtgesellschaftlicher Konsens zu sein, jedenfalls wenn man einer Stichprobe im „Spektrum“ der sogenannten Leitmedien von FAZ bis TAZ folgt. Erschreckend ist dabei das Niveau, auf dem gegen Verschwörungstheoretiker argumentiert wird, nämlich meist selbst dermaßen irrational, unlogisch und dabei noch herablassend-verhöhnend, dass es beim Lesen wehtut. Schnell ist man dabei, sich genau der Methoden zu bedienen, die man gerade noch an den Verschwörungstheoretikern kritisiert hat. Ab und an kommt es sogar vor, dass mit eigenen Verschwörungstheorien gekontert wird. Besonders beliebt ist die Theorie, dass das Verschwörungsgeschehen vom Kreml aus gesteuert wird, um die Menschen im Westen in ihren „westlichen Werten“ zu verunsichern (Zum Beispiel in diesem FAZ-Artikel).

In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen „orthodoxen“ und „heterodoxen“ Verschwörungstheorien hilfreich, welche im (empfehlenswerten) Band „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens“ (Wiesbaden, 2014) von den Herausgebern Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter eingeführt wird: Bei orthodoxen Verschwörungstheorien handelt es sich dabei um solche, die von der Allgemeinheit akzeptiert und vertreten werden, bei heterodoxen um solche, die nur eine Minderheit vertritt. Eine Theorie, die behauptet, dass Al-Quaida sich verschworen hat, die Anschläge vom 11. September zu verüben etwa wäre eine orthodoxe Verschwörungstheorie, eine Theorie, die stattdessen behauptet, es sei die CIA gewesen, eine heterodoxe.

Im oben geschilderten Fall wird also einer heterodoxen Verschwörungstheorie (oder genauer: überhaupt Verschwörungstheorien) eine orthodoxe Verschwörungstheorie entgegengesetzt. Der Unterschied liegt darin, dass man eine orthodoxe Verschwörungstheorie für gewöhnlich nicht so nennen würde, da die negativ-wertende Bedeutungsebene in der öffentlichen Meinung vorherrscht. Die Reduktion des Begriffs auf diese Ebene engt aber den Blick auf das gesamte Bedeutungsspektrum des Begriffs ein und birgt nicht geringe Gefahren in sich. Zum Beispiel werden so alle Theorien, die Geschehnisse mit Verschwörungen zu erklären suchen, pauschal verurteilt und in die Nähe von „Spinnerei“ gerückt – unabhängig davon, ob sie rational argumentieren oder nicht. Der Begriff „Verschwörung“ selbst erhält eine anrüchige Färbung, wird tabuisiert. Im Resultat meiden Wissenschaftler oder Journalisten Erklärungsansätze, die Verschwörungen als Ursache vermuten – sie wollen oder können ihre Reputation nicht riskieren, von der auch ihr finanzielles Auskommen abhängt. Das Risiko, als Verschwörungstheoretiker dauerhaft gebrandmarkt zu werden ist zu groß (und tatsächlich greift hier die Metapher der Brandmarkung gut, ein Stempel ist schließlich abwaschbar). Der Verschwörungstheoretiker ist die personifizierte Unwissenschaftlichkeit und Unseriosität – sicherer ist es also, sich theoretisch gar nicht erst in die Nähe von Konzepten zu begeben, die bereits „verschwörungstheoretisch besetzt“ (also von Spinnern dominiert) sind. Hierdurch werden auch ganze Themenkomplexe an den Rand der akademischen Auseinandersetzung verdrängt und isoliert. Ein Zirkel entsteht: Was einmal mit dem Label „verschwörungstheoretisch“ versehen wurde, wird von der Wissenschaft lieber gar nicht erst angefasst und so bleibt und gedeiht ein Thema ausschließlich im außerakademischen Bereich, wo es eben mangels der Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Kontrolle möglicherweise in der Erklärung noch groteskere Blüten treibt, sodass es für die Wissenschaft erst recht zum Tabu wird usf.

Die Haltung vieler Wissenschaftler, Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungstheorien ohne vorherige Nachforschung pauschal zu verurteilen, entlarvt auch ihre Doppelmoral im Hinblick auf „Wissenschaftlichkeit“, zu der eine pauschale Verurteilung eben eigentlich nicht zählen sollte. Es entlarvt auch ihre Engstirnigkeit und ihr dogmatisch verkrustetes Weltbild, in dem „das Andere“ nur Platz findet, solange es das bisherige Weltbild bestätigt. Dabei sollten sich Skepsis und Offenheit, kritisches Nachfragen und wahre Neugier in der Wissenschaft ergänzen, vor allem aber Mut anstelle von Kleingeistigkeit treten, um echte Freiheit der Wissenschaft entstehen zu lassen – ein hehres Ideal, dass durch die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaftler leider so gut wie unmöglich gemacht wird.

Die fast durchgängig einheitlich abwertende Meinung der etablierten Medienorgane in Bezug auf Verschwörungstheorien entlarvt ebenso eine erschreckende Uniformität der Medienlandschaft – die Vorwürfe gegen die Wissenschaft lassen sich dabei problemlos übertragen, allen voran wieder die Doppelmoral: Wo Vorurteile gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen zuvor aufs Schärfste verurteilt wurden (zu Recht!), findet man gleich daneben einen Artikel, der vor diffamierenden Vorurteilen gegenüber den „Verschwörungstheoretikern“ nur so überquillt, verleumdende Aussagen eingeschlossen. Besonders gerne wird die Verbindung zu Rechtsextremismus und Antisemitismus gezogen. Die Logik funktioniert dabei meist so: 1.) Es gibt rechtsextreme/antisemitische Verschwörungstheoretiker. 2.) Also sind alle Verschwörungstheoretiker rechtsextrem/antisemitisch. (Aristoteles würde sich im Grabe umdrehen) Konkret auch: Auf einer Demo mit verschwörungstheoretischen Inhalten wurden unter anderem Nazis gesichtet (oder was man heute so alles „Nazi“ tauft). Nazis finden offenbar verschwörungstheoretische Inhalte gut. Also müssen diese schlecht/falsch und ihre Vertreter auch Nazis oder jedenfalls irgendwie mit diesen assoziiert sein.

Wenn ein Inhalt nur lange genug mit einem solchen in Verbindung gebracht wird, der Unbehagen hervorruft, wird es nicht lange dauern, bis man beim ersteren, der vielleicht völlig wertneutral ist, bald auch Unbehagen spürt – einfache Konditionierung. Nehmen wir etwa an, es wäre ein Hauptmerkmal von Nazis, die Natur und alles Grüne wunderbar zu finden (und tatsächlich gab und gibt es ja da eine Neigung, Stichwort Blut-und-Boden-Ideologie). Würde uns nur lange genug diese Verbindung vor Augen gehalten, schon bald würden wir anfangen (unbewusst, versteht sich) überhaupt alle enthusiastischen Appelle für Natur-Bejahung misstrauisch zu beäugen – es könnten ja Nazis dahinterstecken!

Leider passiert in der medialen Berichterstattung genau das: Verschwörungstheorien und ihre Vertreter werden immer wieder in Zusammenhang mit Rechtsextremismus gebracht, ohne dabei zwischen tatsächlich Rechtsextremen und eindeutig nicht Rechtsextremen zu unterscheiden. In diesem FAZ-Artikel etwa geschieht das im Falle Jürgen Elsässer und Ken Jebsen („der Mann mit den wütenden Augen“). Liest man Elsässers Blog, kann einem leicht schlecht werden, wenn z.B. von „Flüchtlingsbesoffenheit“ oder „Rapefugees“ die Rede ist. Hört man Jebsen zu und überwindet anfängliche Vorurteile, was Aussehen und Stimmlage betrifft (die „wütenden Augen“), merkt man schnell, dass da mit „Rechts“ gar nichts ist, mit Antisemitismus ebensowenig und der Mann bei aller Neigung zu Wasserfall-Redeschwall und Empörungsrhetorik eine sehr gute Sendung macht, bei der er interessante Leute interviewt und diese auch noch ausreden lässt. Trotzdem kann es sein, dass beide bei aller Unterschiedlichkeit bestimmte Positionen teilen – das macht sie eben noch nicht gleich (vgl. oben).

Übrigens beruht der Antisemitismus-Vorwurf meist auf einem ähnlichen logischen Fehlschluss wie dem oben ausgeführten und offenbart darüber hinaus eher die unbewusste antisemitische Haltung desjenigen, der den Vorwurf erhebt, als dass er den Beschuldigten überführt: Kritisiert eine Person z.B. Israel (und damit ist die israelische Regierung gemeint – wohlbemerkt hat eine Regierung leider meist nur sehr wenig mit den Menschen gemein, die sie regiert) oder, etwas allgemeiner, gewisse steinreiche Banquiersfamilien, so hat sie damit in den Augen mancher schon eine antisemitische Äußerung getan – denn den so kritisierten Personen kommt nun einmal auch die Eigenschaft „jüdisch“ zu, ganz gleich ob die Kritik etwas mit dieser Eigenschaft zu tun hatte oder nicht. Wir brauchen nun eigentlich gar kein logisches Propädeutikum durchlaufen zu haben, um zu sehen, dass hier etwas falsch läuft. Es darf nicht sein, dass wir Menschen diffamieren, weil sie jüdisch sind. Es darf aber auch nicht sein, dass wir Menschen, die vielleicht große Verbrechen begehen, dafür nicht kritisieren dürfen, weil sie jüdisch sind.

So aber reiht sich der Begriff des „Antisemiten“ neben den des „Nazis“ und des „Spinners“ ein in eine Reihe von Begriffen, die inzwischen so inflationär gebraucht werden, dass nach inhaltlicher Entsprechung meist verzweifelt gesucht werden muss – zu sehr zielen sie häufig lediglich nur darauf ab, Personen zu diskreditieren. Umso schwerer fällt es, den tatsächlichen Antisemiten und tatsächlichen Nazi oder auch den tatsächlichen „Spinner“ – wobei man diese Bezeichnung an sich eigentlich schon aus Gründen der Menschlichkeit einfach sein lassen könnte – zu identifizieren. Zusammen bilden sie eine Kette von Eigenschaften, die dem Verschwörungstheoretiker angeblich zukommen.

Warum ruft ein solches Verhalten der Medien nicht mehr Kritik hervor? Was treibt Menschen dazu, einerseits Toleranz zu predigen, andererseits die Sache mit der Toleranz gegenüber bestimmten Menschengruppen nicht ganz so ernst zu nehmen – eigentlich eine unerträgliche Heuchelei? Der Fall zeigt, wie sehr wir Menschen Herdentiere sind und bei aller angeblicher Individualität (die Postmoderne! das Individuum!) es noch immer vermeiden, gegen den Strom zu laufen, sobald es unangenehm werden könnte. „Der Verschwörungstheoretiker“ darf als solcher verleumdet werden, ohne das jemand großartig daran Anstoß nehmen würde, weil er am Rande der Gesellschaft steht und als „aussätzig“ gilt – er gehört einer Minderheit an, zudem einer Minderheit, die einen sehr schlechten Ruf genießt. Der Mensch als Herdentier wendet sich also instinktiv von einem so gebrandmarkten ab, erwidert nichts, erhebt keinen kritischen Einwand oder stimmt sogar in die Tirade mit ein, um besonders authentisch zu beweisen, dass er nicht dazugehört zum Aussätzigen, zum Kranken („Geistesgestörten“) und mit diesem nicht in Berührung kommen will. Er ist normal, gehört zu den Normalen, gehört zur Herde. Die Angst des Einzelnen, aus der Gruppe verstoßen zu werden, zeigt sich hier sehr deutlich. Zu tief sitzt sie, die Urangst vor der Isolation, vor dem Alleinsein, vor dem Ab-artig-Sein. Und der Urinstinkt, in der Gruppe eine Einheit zu bilden ist dabei gar kein schlechter, er sichert den Zusammenhalt, stärkt die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft jedoch das Falsche tut, wird es gefährlich. – Wir kennen diesen Mechanismus, wir haben ihn gelernt – schon in der Schule bei der Mobbingprävention. Dennoch fällt es uns oft sehr schwer, ihn außerhalb der auswendiggelernten Kontexte verwirklicht zu sehen.

Weshalb aber dieses emphatische Plädoyer für Verschwörungstheorien, ist die Kritik daran nicht berechtigt? Als ich einmal viel Zeit hatte, habe ich mich in den digitalen „Sumpf“ (dieser Ausdruck ist durchaus treffend) der Verschwörungstheorien begeben, um eben genau das herauszufinden. Mein Fazit: Das Spektrum der Verschwörungstheorien (in der wörtlichen Bedeutung) reicht tatsächlich von „völlig verrückt“ bis „überhaupt nicht verrückt und vollkommen rational“, es reicht von der Vorstellung, dass Alien-Reptilienmenschen unter uns leben und seit Ewigkeiten das Weltgeschehen steuern bis zu präziser und umsichtiger Kritik an der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 9/11 (ich denke hier vor allem an den Schweizer Publizisten und Historiker Daniele Ganser). Tatsächlich ist die Welt der Verschwörungstheorien so bunt, dass sich hier alles versammelt, Gutes wie Schlechtes, Wahres und Falsches, Plausibles und Unwahrscheinliches, jede nur denkbare Vorstellung und Erklärung, Wissenschaftliches, Spirituelles, Religiöses, Rationales, Emotionales, Ekelhaftes und Verachtenswertes (die üblichen Phantasien von der Herrenrasse z.B.), aber auch Interessantes und Aufrüttelndes. Niemand sagt einem, was davon tatsächlich stimmt (bzw. alle tun es), man ist auf sich selbst gestellt. Man bringe Zeit und Geduld mit, aber auch eine gehörige Portion Offenheit und Skepsis, und man kann das Selbst-Denken neu lernen. Ganz praktisch wird man schließlich vor eine urphilosophische Herausforderung gestellt: Wem glaube ich? Was glaube ich? Was weiß ich? Was kann ich wissen? Man kann am Ende gar nicht anders, als dem eigenen Urteil zu vertrauen – und dieses, bereinigt von allem Autoritäts-Glauben, ist die einzige Sicherheit, die wir haben.

Mein Appell also: Man bilde sich ein eigenes Urteil. Man sei offen gegenüber sogenannten „Verschwörungstheorien“, auch wenn sie im ersten Moment abstrus klingen mögen. Man sei besonders skeptisch gegenüber dem Altbewährten und Selbstverständlichen, gegenüber der Mehrheitsmeinung, und stelle bewusst kritische Fragen. Man suche sich aber auch nicht umgekehrt „auf der anderen Seite“ neue Autoritäten, sondern hinterfrage auch hier wieder kritisch. Man prüfe Quellen nach. Man halte sich fern von Gift und Hass, man halte Ausschau nach Frieden und Liebe (man verwechsle aber auch nicht Empörung mit Hass). Man sage vielleicht nicht zu allem völlig Ja oder völlig Nein, sondern zu diesem Ja und zu jenem Nein, man differenziere. Man hinterfrage sich auch selbst und die eigenen Denk-Prämissen. Man habe Mut sich seines eigenes Verstandes zu bedienen.

 

Randnotiz: Auch Harry Potter musste schmerzlich erfahren, wie das ist mit der Wahrheit und der Verleumdung. Hilfe fand er bei der Verschwörungstheoretikerin Luna Lovegood, die ihm anbot, seine Version der Ereignisse im verschwörungstheoretischen Schundblatt „Der Klitterer“ (engl. „The Quibbler“) zu publizieren. Der Tagesprophet, die Hexenwoche – alle druckten sie die gleichen Lügen. 😉

Das erweiterte Ich

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Künstler: Adam Neate

„Das menschliche Ich ist das Ich seiner Großhirnrinde. Aber wie der ganze ‚eigene Körper‘ in das Ich einbezogen wird, so kann alles in das Ich einbezogen werden, was der Mensch liebt und was er besitzt bzw. erwirbt: seine Familie, seine Freunde, seine Heimat, sein Volk, sein Staat, sein Eigentum; ferner auch ideelle Güter: sein Recht, seine Ehre, sein Ruhm, seine Stellung, sein Wissen, sein Können, seine Pläne, seine Kultur, seine Weltanschauung, seine Grundsätze, seine Lebensart: ‚Erweitertes Ichbewußtsein‘.
Dieses ‚erweiterte Ich‘ sucht der Mensch zu erhalten, zu fördern, zu mehren, er schützt und verteidigt es, unter Umständen unter Einsatz des Lebens.“

(Heinrich Rettig, Die Welt als Entfaltung des bipolaren Absoluten. II. Teil., Bühl 1961, S. 250)

Was ist das Ich? Es ist dasjenige, welches all das umfasst, was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen – und noch mehr. Denn wie im letzten Post deutlich wurde, geht das Ich nicht im oberflächlich Sichtbaren unseres Geistes auf. Es kann nicht gleichgesetzt werden mit dem bloßen „Ich-Bewusstsein“. Dieses ist ein unmittelbares Gefühl und unumstößlich sicheres Wissen davon, dass wir wir selbst sind und niemand anderes. Es ist ein Ankerpunkt im Meer des Zweifelns, ein Unbezweifelbares (wie Descartes meinte). Das Ich-Bewusstsein ist der Ausdruck von der Einheit und Zusammengehörigkeit unseres individuellen Seins, wie er sich für uns in unserem Bewusstsein abzeichnet. Es ist der erste und letzte Bezugspunkt von Bewusstsein überhaupt. Bewusstsein, wie wir es meinen, kann es ohne ein Bewusstsein von „Ich“ gar nicht geben.

Das Ich selbst aber geht über dieses Bewusstsein hinaus. Es umfasst auch all das, was wir nicht sehen, nicht kennen, wenn wir „Ich“ sagen – insbesondere dann, wenn wir uns selbst nicht gut kennen. Kurz gesagt: Es umfasst auch das Unbewusste unseres Geistes, all die Dinge, die wir vielleicht ahnen mögen, aber doch nicht erkennen.

„Ich“ ist unser subjektiver Ausdruck dafür, individuelle (individuierte) geistige Einheit zu sein. Unser Ich besteht wesentlich im Zusammenhalt unserer geistigen Substanz, dadurch aber notwendig auch in der Abgrenzung zu anderen Geistern, anderen Ichs – und überhaupt allem Anderen in der Welt, allem Nicht-Ich.

Wie konstituiert sich aber das Ich? Woraus besteht es, wie entsteht es? Es ist, wie alles Seiende, eine Vielheit in der Einheit: innen heterogen, außen homogen und damit (relativ) abgeschlossen und begrenzt. Um lebendiges Ich zu bleiben, strebt es einerseits nach Abgeschlossenheit und Konsistenz (nach Homogenität und Begrenzung), andererseits nach Vielfalt seiner geistigen Inhalte, welche es braucht, um zu wachsen. Zu solchen Inhalten gelangt es aber nur durch Erfahrung, welche wiederum eine Durchlässigkeit seiner äußeren Hülle verlangt. Es benötigt also neben der Abgeschlossenheit gleichzeitig eine Aufgeschlossenheit gegenüber der „Außenwelt“, um fremde, neue Eindrücke absorbieren und zu eigenen machen zu können. Das Ich, das sich völlig verschließt, verkümmert; das Ich, das sich vollkommen öffnet (und das Neue nicht integrieren kann), verliert sich. (Ein paralleler Gedankengang findet sich übrigens auch bei Jungs Lehre von der Intraversion und Extraversion.)

Um das „Eigene“ entstehen lassen zu können, braucht es also zwingend das Fremde: einmal in der bloßen Abgrenzung zum Eigenen (das Fremde, das Fremdes bleibt), einmal in der Rolle des „Neuen“, welches gierig aufgesogen und sich so zu eigen gemacht wird (das Fremde, das zu Eigenem wird). Nun passiert die „Absorption des Fremden“ häufig so, dass wir sie kaum oder gar nicht bemerken. Schon im Mutterleib machen wir neue Erfahrungen; der erste Atemzug, der erste Schritt, alles uns so Selbstverständliche und Vertraute ist uns einmal fremd gewesen.

Dabei absorbieren und integrieren wir nicht nur solche unmittelbaren Erfahrungen wie das eigene Atmen. Das „erweiterte Ich“, wie Rettig es nennt, geht über diese unmittelbarste Sphäre der eigenen Körperlichkeit weit hinaus. Die Mutter, der Vater, sie werden zur „eigenen Mutter“, zum „eigenen Vater“; das Bett, die Flasche zum „eigenen Bett“, zur „eigenen Flasche“; die Heimatstadt, die Schule zur „eigenen Stadt“, zur „eigenen Schule“ usw. Das Vertraute, das Gewohnte, das, was regelmäßig immer wieder mit mir in Berührung kommt, das wird zu „meinem“. Eigene Gefühle, Emotionen, die ganze eigene Erfahrung, sie werden gekoppelt an das Andere (und können auch erst in dieser Kopplung, in diesem Austausch bestehen) und dieses, zunächst Neue und Fremde, „aufgeladen“ mit unserem Erleben und dadurch mit einem Teil unseres Ichs.

„Unsere“ Erfahrungswelt, die damit schon immer durch unser Ich, durch unsere subjektive „Brille“ konstituiert ist und damit immer nur „für uns“ ist, verschärft sich so um die engere Sphäre des Eigenen, das zwischen dem „unmittelbaren Ich“ und dem Anderen gleichsam als Pufferzone steht (natürlich in unterschiedlicher Intensität oder Gradation). Das Ich erfährt so eine Erweiterung und Ausdehnung, die es gegenüber dem Fremden weitaus besser aufstellt – besondere Kraft erhält dieser Vorgang in der sozialen Dimension: wo das „Wir“, das „Gemeinschaftsgefühl“ in der Ausdehnung auf andere Ichs erzeugt wird. Das Ich macht eine Erfahrung von Transzendenz, es wird größer, mächtiger. Dennoch droht es nicht, sich völlig aufzulösen, denn die Grenze zum Anderen und damit die Sicherheit des Eigenen bleibt bestehen.

Wenn sich aktuell „der Deutsche“ von „dem Islam“ bedroht fühlt, so ist dieser Umstand genau so zu erklären. Er fühlt sich nicht in seinem unmittelbaren Ich bedroht oder befremdet. Es ist sein erweitertes Ich, „seine Arbeit“, „seine“ Stadt, „sein Land“, „seine Kultur“, das sich dem Fremden ausgesetzt sieht, und zwar ohne sein vorheriges Einverständnis – welches ein autonomer Willensakt gewesen wäre, der dem Fremden vielleicht die Bedrohung genommen hätte. So aber trifft das Andere das Ich mit Gewalt, es erfährt Ohnmacht, die Sphäre seines erweiterten Ich wird durchsetzt mit dem Fremden, ohne dass das Ich danach die Hand ausgestreckt hätte. Es sieht sich der Gefahr der Auflösung ausgesetzt. Mögliche Neu-Gier wird so im Keim erstickt. Das Ich wird auch in seinem individuellen Kern getroffen (denn unmittelbares und erweitertes Ich sind eins) und beginnt sich in sich zurückzuziehen, die Grenzen nach außen zu verstärken, die Durchlässigkeit zum Anderen zu verschließen, bereits vorhandene Ich-Strukturen zu befestigen und vermehrt zu pflegen.

Das Resultat ist eine gespaltene Gesellschaft – bei der die andere Seite allerdings nicht minder an Erstarrung leidet, wenn auch an anderer Stelle und aus anderen Gründen. Zu versuchen die Struktur des Ich zu verstehen wäre ein Ansatz (unter vielen!) die Spaltung zu überwinden.

Vom alltäglichen Selbstbetrug

eisberg_lurvinkKünstler: Therese Lurvink-Ratti

„Die gewöhnliche Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall.“ (Nietzsche, Der Antichrist, In: Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce homo. Gedichte, Stuttgart: Kröner 1990, S. 266)

Oder: Erkenne dich selbst.

Ja, wir sind alle Lügner. Aber in einem anderen Sinne, als wir es üblicherweise annehmen. Der alltägliche Selbstbetrug wird gemeinhin in seiner Tragweite unterschätzt. Über hundert Jahre sind vergangen seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse und viel zu wenig haben wir aus ihren Erkenntnissen gelernt.

Der Gegensatz „bewusst – unbewusst“ ist eigentlich sehr einfach zu verstehen – jedenfalls in abstracto, indem wir im Nachhinein auf Geschehnisse zurückblicken, bei denen wir offenbar nicht „bei vollem Bewusstsein“, nicht „Herr über uns selbst“ waren; bei denen wir automatisch gehandelt haben. Das Unbewusste selbst dagegen kann nicht unmittelbar erfahren werden. Es verhält sich wie ein Ding an sich, bei dem wir immer nur seine Erscheinung wahrnehmen können – nämlich seinen Abdruck im Bewusstsein.

Hierin liegt das Problem: Das Unbewusste ist uns nicht bewusst. Es drängt sich nicht auf, es liegt stets im Hintergrund verborgen. So wird es schnell vergessen, das Ich auf das bloß Bewusste reduziert und damit der größte Teil unseres Geistes – die große Masse des Eisbergs – schlicht geleugnet. Im Resultat erhalten wir nicht nur ein stark verzerrtes Selbstbild, sondern auch das Bild unserer Umwelt leidet beträchtlich unter unserer selektiven Wahrnehmung: Denn wir verstehen nur das an der Welt, was wir an uns heranlassen, was wir durch die je eigene Brille unserer Persönlichkeit erfahren können. Die Welt erscheint uns in der Farbe unseres Charakters. Kennen wir seine Färbung nicht oder ist unsere Einschätzung darüber fehlerhaft, so können wir dies im Erkenntnisprozess und im Beurteilen der Dinge um uns nicht berücksichtigen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist unsere Charakterfärbung beispielsweise rot, so erscheinen uns alle Dinge der Außenwelt ebenfalls rot und wir übersehen schnell alles Blaue und Grüne. Kennen wir uns selbst, können wir zwar die rote Brille nicht ganz abnehmen, aber mittels unseres Abstraktionsvermögens feststellen, wie ein Ding ohne seinen Rotton aussehen sollte und uns darauf fokussieren, was nicht unmittelbar in unserem Spektrum liegt. Kennen wir uns selbst, so kennen wir auch unser Verhältnis zur Welt. Erst im geschärften Blick auf das, was wir selbst in der Welt sind, zeigt sich uns auch das Andere, das Nicht-Ich in all seiner Deutlichkeit.

Leider verhält es sich meist so, dass wir lediglich glauben uns zu kennen. Und so glauben wir auch die Welt zu kennen, dabei erscheint sie uns lediglich in einem besonderen Licht, das mit unserer Erwartung von der Welt übereinstimmt. Wir sehen zu oft nur das, was wir von uns sehen wollen – was uns in unserem positiven Selbstbild bestätigt. Oder, im umgekehrten Falle, wenn wir unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, was uns in unserem negativen Selbstbild bestätigt. Zu selten sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst – egal welch hohe Prinzipien der Aufrichtigkeit wir im Umgang mit anderen pflegen mögen, uns selbst lassen wir diese Ehre selten zu teil werden. Im Gegenteil, wo immer es uns nützt, belügen wir uns schamlos selbst.

Und wir müssen nicht mal gute Lügner sein. Die Verdrängung und das Glauben-Wollen, die Bequemlichkeit, die ein Gedanke mit sich bringt, der eine feststehende Ansicht bloß bestätigt, lassen die Lüge ganz von selbst erwachsen. Was nicht mit dem Bild zusammenstimmen will, das unser Bewusstsein von unserem Ich entwirft, wird tief ins Unbewusste abgeschoben. Wir lassen das Andere, das Unbequeme, das Unangenehme nicht zu.

Zum Beispiel halten wir uns für tolerant – nicht nur das, wir wollen mit aller Kraft tolerant sein (denn das predigt uns die öffentliche Meinung, aber das ist noch ein anderes Thema). Wir lassen also intolerante Gedanken und Gefühle gar nicht erst zu, spüren wir sie in uns aufflackern, drängen sie sofort zurück. Im Resultat verlernen wir langfristig, mit ihnen umzugehen, denn sie existieren für uns nicht mehr, dürfen nicht existieren. Wir verlernen überhaupt, was Toleranz heißt und was Intoleranz, verlernen den inneren Dialog mit uns selbst, mit dem Anderen in uns. Wir opfern alles der flachen Idee eines Ideals, das wir bald gar nicht mehr begreifen, weil wir uns nicht mehr begreifen. Wir sind nunmehr angewiesen auf einen Dritten, der für uns definiert, was es bedeutet; der uns sagt, wer wir sind.

Dabei ginge es anders: Den unbequemen Weg nehmen und sich vor sich selbst einmal völlig entblößen. Denn das Unbewusste ist nicht unerreichbar, es ist Teil von uns. Als solcher kann es sichtbar gemacht werden, es kann uns bewusst werden. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit auf sich selbst und das genaue Hinhören, Hinsehen. Es braucht bewusste Praxis und Übung. Gefühle, Intuitionen, vorsprachliche Gedankenfetzen können sichtbar gemacht und damit verstanden werden, indem man sie versprachlicht, sie vor sich hinstellt und nüchtern betrachtet. Ohne Scheu, ohne Scham vor sich selbst. Was es braucht, ist Mut, Entschlossenheit und den Willen, zu verstehen. Mut, das Hässliche in uns zu sehen, das wir verleugnet haben. Entschlossenheit, nicht wegzuschauen. Den Willen, das zu sehen, was ist, nicht mehr und nicht weniger – ehrlich zu sein mit sich selbst.

Der Lohn ist Klarheit. Klarheit von sich, im Guten wie im Schlechten. Und ein durch solche Übung geschärfter Blick bewirkt Klarheit auch im äußeren Weltbild. Wo man sich selbst bewusst geworden ist, gelernt hat, auch das Andere zu sehen, kann man mit neuem Bewusstsein auch ans Äußere herantreten. Neu ansetzen. Fragen dort stellen, dort zweifeln, wo man nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Sich mit dem flachen Schein nicht zufrieden geben. Genau sehen, nachbohren, entblößen, enthüllen wollen.

Ehrlichkeit einfordern.

Das Problem der Wissenschaft

Wissenschaft ist konservativ. Das ist ein großes Problem, denn sie sollte eigentlich per definitionem progressiv sein, weitergehen. Stattdessen liebt sie das Altbewährte, das Vertraute, das Schon-Gedachte. Sie schränkt sich auf das Wissen als schon getanes Erzeugnis ein. Sie schätzt dieses höher als Erkenntnis. Und verliert, verfälscht es dadurch. Denn ohne Erkenntnis ist kein wahres Wissen, nur Information. Wissen kann nicht statisch bleiben, wenn es Wissen bleiben will. Es kann nur gewusst werden, indem es erfahren wird, indem es den Prozess des Wissenserwerbs durchläuft. Wissen bezeichnet ein Altes, eine schon erfahrene Erkenntnis, aber es muss fortlaufend erneuert werden, um bestehen und konsistent zu bleiben, und zwar auf anderem Wege als zuvor.

Wie verhält sich die Wissenschaft heute? Sie gibt vor, neue Wege zu gehen, denn sie ist sich ihres eigentlichen Charakters durchaus bewusst, und sie glaubt auch daran, dass sie diesem Charakter gerecht wird. In Wirklichkeit aber hegt und pflegt sie die alten Wege. Will sie „etwas Neues“ schaffen, läuft sie in Trippelschritten an ihren Rändern entlang und baut sie so nur weiter aus, vergrößert sie, verfestigt sie. Aus einer anfangs schmalen Spur auf frischem Gras wird so eine weite Straße – öde und grau, doch fest und sicher. Man kann nicht vom Wege abkommen.

Die Trippelschritte, das nennt sie Fortschritt und Forschung. Das sind sie aber keineswegs, sondern ihr Gegenteil: Sie zementieren den alten Weg, gießen ihn in Beton. Das Wissen ist Dogma geworden. Für verrückt wird erklärt, wer neben der Spur läuft, oder einen Umweg geht. Warum sollte er das tun? Jeder weiß doch, dass es umständlich ist und außerdem – es ist anders. Niemand tut es, also kann es auch nicht richtig sein. Oder?
Die Wissenschaft glaubt nicht an dieses Gleichnis. Und wenn doch, sieht sich jeder Wissenschaftler als derjenige einzelne, der „neue Wege beschreitet“. Das ist ja offiziell das große Ziel. Doch der neue Weg, das wäre der durch unbekanntes Terrain – unbequem und vielleicht sogar gefährlich. Kaum einer geht wirklich diesen Weg.

Gefährlich für wen oder wofür? Kann der Wissenschaftler denn gefährdet sein, schließlich tut er das, was seinem Wesen entspricht, ihn in seiner Wissenschaftlichkeit bestätigt und verfestigt. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Wissenschaft – wie alles in unserer Gesellschaft – zwangsdualisiert ist: Nicht die Wissenschaft an sich wäre gefährdet, sondern ihre Erscheinung, ihr Schein. Der Schein aber erst macht den Wissenschaftler in unserer Gesellschaft zum Wissenschaftler, die Hülle ist, worauf es ankommt. Der Kern mag dabei vorhanden sein oder nicht, mit den Jahren wohl verkümmert und verkrüppelt. Der Wissenschaftler braucht das Gewand der Wissenschaft, um seinen Beruf nachkommen zu können. Er könnte sich zwar auch nackt seiner Berufung widmen. Doch natürlich würde er verlacht, geächtet und verstoßen werden. Keiner wüsste damit umzugehen.

Einer, der nackt durchs Gras läuft? Ein Verrückter! Ein Spinner! Wie glaubt er neues Wissen zu schaffen, wenn nicht mit den alten Methoden der alten Wissenschaft? Wissenschaft braucht Beinkleid und Studierstube. Wie sonst kann sie Wissenschaft bleiben?

Wissenschaftler verkennen das wichtigste Paradox der Wissenschaft: dass sie ihr Wesen verändern muss, um sich wesenstreu zu bleiben. Nur so bleiben sich alte und neue Wissenschaft gleich.

Wie aber können sie das verkennen, wenn ihr Geschäft die Erkenntnis ist, sind Wissenschaftler nicht kluge, scharfsinnige Leute? Ja, aber sie sind es umso weniger und können es umso weniger sein, je mehr sie in ihrem Scheinbild aufgehen. Der Schein der Wissenschaft erfordert keinen besonderen Scharfsinn, bloß eine gewisse Klugheit. Wer den Schein zu wahren weiß, darf sich also Wissenschaftler nennen, ohne dabei wesenhaft Wissenschaftler zu sein. Und niemand wird es merken, keiner es ahnen, sondern das Gewand preisen für seinen meisterhaften Glanz. Anders als der Kaiser, trägt der Wissenschaftler tatsächlich ein Kleid, darunter aber ist kein Fleisch.

Wie aber? Sind die Wissenschaftler wirklich so heuchlerisch und verkommen, wie kann das sein? Ist das Ideal der Wissenschaft nicht der tugendhafte Philosoph? Ja und nein. Sie sind das, was sie sein müssen, um sich zu erhalten. Erhalten tun sie sich wie jeder Mensch, der leben will: durch Geld. Geld aber sähen und ernten sie nicht mit ihren Gedanken, sondern durch Prestige. Prestige aber erlangen sie, wenn eine große Zahl anderer Wissenschaftler sie für ihre Gedanken preist. Die Masse der Wissenschaftler aber preist das, was sie kennt. Sie liebt es, wenn das ihnen Vertraute und von ihnen selbst Verstandene (oder Verstanden-Geglaubte) neu und kunstvoll verpackt und mit einigen Änderungen (die Trippelschritte) ihnen gegenübertritt und sie in ihren Grundsätzen neu bestätigt. Sie liebt nicht das Fremde, das ihre eigenen Grundsätze und Gedanken verwirft und zerstört, denn sollte es sich durchsetzen, stünden sie selbst als Verlierer und Falschsager dar.

Es kann sich ein wirklich neuer Gedanke also so selten nicht nur deshalb durchsetzen, weil selten wirklich große und mutige Köpfe vorkommen, sondern weil es gleichfalls in den etablierten Rängen der Wissenschaft zumindest annähernd große und mutige Köpfe braucht, um einen neuen Gedanken zu verstehen und anzuerkennen. Gibt es diese aber, so kann es ganz schnell gehen, dass ein „Spinner“ von der Masse zum neuen Heiligen emporgehoben wird. Denn jeder will einer der ersten sein, die seine Brillianz erkannt haben.

Traurig also steht es um die Wissenschaft. Trauriger aber um eine Gesellschaft, die sie als Religion verehrt und ihre Vertretern als Priester gutgläubig folgt. Sind sie doch Menschen wie sie, keine Halbgötter erleuchtet vom Glanze der Vernunft. Sondern Menschen gespalten durch das Geld, und sich die Wahrheit anmaßend.