Zitat: Freud

„Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen – wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle in bewußter Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität – , und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen.
Sie sehen, das ist eigentlich nur die theoretische Verklärung des weltbekannten Gegensatzes von Lieben und Hassen, der vielleicht zu der Polarität von Anziehung und Abstoßung eine Urbeziehung unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine Rolle spielt.“

(Sigmund Freud in einem Brief an Albert Einstein, in: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften, Frankfurt a. M. 1994, S. 171.)

Ah, Freud. Sind Zerstörung und Aggression natürliche Triebe oder doch pathologisch?

Zitat: Carl-Friedrich von Weizsäcker

„Was zeichnet aber nun die gute, produktive Wissenschaft aus? Ich möchte meinen, zunächst eine höhere Fähigkeit zur Gestaltwahrnehmung, zum Aufspüren von besonders einfachen und eben in ihrer Einfachheit verborgenen Gestalten. […]
Den wirklich produktiven, den wirklich bedeutenden Forscher zeichnet ja meistens aus, daß er noch einen Instinkt, noch ein Gefühl, eine nicht mehr ganz rationalisierbare Wahrnehmung für Zusammenhänge hat, die weiter reicht als die der meisten Leute, und deshalb ist er zuerst an der betreffenden Wahrheit.“

(Carl-Friedrich von Weizsäcker, Die Einheit der Natur, München 1971, S. 125-126.)

Dr. Nietzsche und die Gastrosophie

nietzsche-piemont
Nietzsche blickt über den Tellerrand seines Trüffelrisottos

„Materialist“ will Nietzsche nicht geschimpft werden, Physiologe ist er hingegen gerne – und entsprechend gestaltet sich sein Weltbild: Wo immer es schwierig steht um die Menschheit oder das Individuum, man suche die Ursache im Leibe. Ist einer schwächlich, metaphysisch veranlagt oder gar religiös – man sehe nach dem Leib! Sehr wahrscheinlich ist ihm nämlich Gift in Form von falscher Ernährung verabreicht worden – höchstwahrscheinlich auch noch von Weibern. Oder, noch schlimmer, von Weibern im Geiste wie Schopenhauer, der Askese und Vegetarismus predigt.

Keine Priester-Moral, sondern die Ernährung macht den Menschen, so Nietzsche in seiner Autobiographie Ecce Homo unter der Überschrift „Warum ich so klug bin“:

„Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das ‚Heil der Menschheit‘ hängt, als an irgendeiner Theologen-Kuriosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formulieren: ‚wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?‘“ (Ecce Homo, 315)

Dr. Nietzsche rät: „Gegen jede Art von Trübsal und Seelen-Elend soll man zunächst versuchen: Veränderung der Diät und körperliche derbe Arbeit.“ (Morgenröte, 211) Denn „das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältnis zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füße des Geistes; der »Geist« selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels.“ (Ecce Homo, 318-319)

Die Gesellschaft ist geistig in einem desolaten Zustand. Kein Wunder, denn „noch gehört die Lehre von dem Leibe und von der Diät nicht zu den Verpflichtungen aller niederen und höheren Schulen“ (Morgenröte, 178). Auch heute noch nicht, auch heute noch nicht! Aber, ach, die Welt ist eben immer noch nicht reif für Nietzsches Visionen. Noch immer bleibt er ein Unzeitgemäßer, noch immer beten die Menschen zu Gott, noch immer üben sie sich in Sklavenmoral. Aber kein Wunder, bei der schlechten Diät:

Gegen die schlechte Diät. – Pfui über die Mahlzeiten, welche jetzt die Menschen machen, in den Gasthäusern sowohl als überall, wo die wohlbestellte Classe der Gesellschaft lebt! Selbst wenn hochansehnliche Gelehrte zusammenkommen, ist es die selbe Sitte, welche ihren Tisch wie den des Banquiers füllt: nach dem Gesetz des „Viel zu viel“ und des „Vielerlei“, – woraus folgt, dass die Speisen auf den Effect und nicht auf die Wirkung hin zubereitet werden, und aufregende Getränke helfen müssen, die Schwere im Magen und Gehirn zu vertreiben.
Pfui, welche Wüstheit und Überempfindsamkeit muss die allgemeine Folge sein! Pfui, welche Träume müssen ihnen kommen! Pfui, welche Künste und Bücher werden der Nachtisch solcher Mahlzeiten sein! Und mögen sie thun, was sie wollen: in ihrem Thun wird der Pfeffer und der Widerspruch oder die Weltmüdigkeit regieren! (Die reiche Classe in England hat ihr Christenthum nöthig, um ihre Verdauungsbeschwerden und ihre Kopfschmerzen ertragen zu können.)“ (Morgenröte, 179)

Der Gelehrte frisst wie der Banquier und schwer wird sein Magen, schwer sein Denken, müde sein Geist. Heraus kommt – kann nur kommen – Schwermut und Langsamkeit in der Philosophie, Hegelei in der Wissenschaft, beschwerliche, dunkle, halbgare Gedanken. Erdrückt vom Fraß, benebelt vom Spiritus, bleibt man bei dem, was man kennt und verlangt noch danach: dem Christentum.

„Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguß-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloß alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden… Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit nichts fertig.
– Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art »Rückkehr zur Natur«, nämlich zum Kannibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, daß sie dem Geist schwere Füße gibt – Engländerinnen-Füße…“ (Ecce Homo, 316)

Freie Geister! Wollt ihr euch erheben, enthaltet euch der schweren Speise! Aber bitte kommt nicht auf die gegenteilige Idee und ernährt euch nur noch von Grünzeug:

Gefahr der Vegetarianer. – Der vorwiegende ungeheure Reisgenuss treibt zur Anwendung von Opium und narkotischen Dingen, in gleicher Weise wie der vorwiegende ungeheure Kartoffelgenuss zu Branntwein treibt – : er treibt aber, in feinerer Nachwirkung, auch zu Denk- und Gefühlsweisen, die narkotisch wirken. Damit stimmt zusammen, dass die Förderer narkotischer Denk- und Gefühlsweisen, wie jene indischen Lehrer, gerade eine Diät preisen und zum Gesetz der Masse machen möchten, welche rein vegetabilisch ist: sie wollen so das Bedürfniss hervorrufen und mehren, welches sie zu befriedigen im Stande sind.“ (Fröhliche Wissenschaft, 491)

Und:

„Wo eine tiefe Unlust am Dasein überhand nimmt, kommen die Nachwirkungen eines grossen Diätfehlers, dessen sich ein Volk lange schuldig gemacht hat, an‘s Licht. So ist die Verbreitung des Buddhismus (nicht seine Entstehung) zu einem guten Theile abhängig von der übermässigen und fast ausschliesslichen Reiskost der Inder und der dadurch bedingten allgemeinen Erschlaffung.“ (Fröhliche Wissenschaft, 485)

Der Vegetarier, der Buddhist, der Schopenhauerianer! Enthaltung predigen sie, auch in der Küche, und Leblosigkeit, Lebensfeindlichkeit, Nihilismus sind ihre Jünger. Narkotisierend ist ihre Verehrung des Nichts und keiner bedarf der Narkotika mehr als der erschlaffte, blasse Vegetarier (heute Veganer genannt) – wie praktisch für die Herren Priester!

Religionen überhaupt entstehen ja durch ein von Zeit zu Zeit bei Völkern auftretendes „physiologisches Hemmungsgefühl“, dessen Ursache aber ist (neben z.B. allgemeinem Volksermüden oder ungünstiger Rassemischung) nunmal auch in der „falschen Diät“ zu suchen, vor allem im „Unsinn der Vegetarians“ (Vgl. Genealogie der Moral, 378).

„In der Tat, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen – moralisch ausgedrückt »unpersönlich«, »selbstlos«, »altruistisch«, zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauers (1865), sehr ernsthaft meinen »Willen zum Leben«. Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben – dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.“ (Ecce Homo, 315-316)

Ein Teller „Leipziger Allerlei“ kommt Herrn Nietzsche nicht auf den Tisch, er spricht aus Erfahrung. Doch Teufel, nein, Wagner sei Dank ist diese Phase überwunden. („ich, ein Gegner des Vegetarismus aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat“, Ecce Homo, 317) Eine tapfere, aufrechte, männliche Philosophie bedarf einer ihr zuträglichen Ernährung. Der freie Geist muss fliegen können, doch sich auflösen darf er nie nicht! Er muss Kraft haben, mit dem Hammer zuschlagen zu können!

Aber wie sollen wir uns nun ernähren?

„Die beste Küche ist die Piemonts.“ (Ecce Homo, 316)

Ah, Herr Nietzsche ist ein Feinschmecker, Italien.ch informiert: „Charakteristische Merkmale dieser Küche sind grundsätzlich einmal die beträchtliche Verwendung von Butter und Speck (im letzten Jahrhundert infolge der Entdeckung des Cholesterins abnehmend), der Verzehr von rohem Gemüse, die Verwendung des sanato (das Fleisch des wenige Monate alten, ausschliesslich mit Milch ernährten Kalbs; man findet dieses Fleisch nur im Piemont und im Aostatal), die Käsevielfalt, die ziemlich grosse Verwendung von Trüffeln und die sorgfältige Verwendung von Knoblauch, die die nunmehr berühmte bagna cauda hervorgebracht hat, die nie aus dem piemontesischen Gebiet herausgekommen ist.“ Doch auch Reis soll es in Piemont ja nicht zu wenig geben. Aber es ist nun mal etwas anderes, diesen zu einem feinen Trüffel-Risotto zu verarbeiten…

Darf es denn ein Gläschen Wein zum Risotto sein? Besser nicht:

„Alkoholika sind mir nachteilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein »Jammertal« zu machen – in München leben meine Antipoden. Gesetzt, daß ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, daß an diesem herben Urteil auch der Naumburger Wein mit schuld ist. Zu glauben, daß der Wein erheitert, dazu müßte ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzutun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu gießen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu der des Sallust – wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta… Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes »geistige« Getränk: ich, ein Gegner des Vegetariertums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiß nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzuraten. Wasser tut’s… Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fließenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, daß ich auch hier wieder über den Begriff »Wahrheit« mit aller Welt uneins bin – bei mir schwebt der Geist über dem Wasser…“ (Ecce Homo, 316-317)

Noch ein paar Tipps:

„Eine starke Mahlzeit ist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Daß der Magen als Ganzes in Tätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muß die Größe seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerraten, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d’hôte.
– Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Kaffee: Kaffee verdüstert. Tee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch: Tee sehr nachteilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maß, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Tee als Anfang unrätlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Kakaos den Anfang machen lassen.“ (Ecce Homo, 317-318)

Wer ist denn nun aber eigentlich schuld, die Herrenmoral wird sich doch kaum selbst abgeschafft haben? Doch hinter jedem Mann steht bekanntlich die Frau, das „hübsche, fette Thier“ (Genealogie der Moral, 339):

„Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und will Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte es ja, als Köchin seit Jahrtausenden, die größten physiologischen Tatsachen finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch schlechte Köchinnen – durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser.“ (Jenseits von Gut und Böse, 172-173)

Prost Mahlzeit!

(Die Seitenangaben beziehen sich überwiegend auf die Kritische Studienausgabe von Nietzsches Werken, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, im Handel bei dtv erschienen. Ecce Homo dagegen habe ich zuhause nur in einer Ausgabe von Kröner (Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce Homo. Gedichte. Stuttgart 1990), die Seitenangaben dazu beziehen sich also hierauf.)

Zitat: Wahrheitsminister Heiko Maas

„Es ist nicht ganz einfach, eine Institution zu schaffen, die sozusagen in Form einer Wahrheitskommission entscheidet, was ist wahr und was nicht.“

(Bundesjustizminister Heiko Maas, dpa)

Was ist noch bedrohlicher für den Bürger als Hate Speech? Genau: Fake News. Aber keine Sorge, unsere Regierung kümmert sich schon drum. Übrigens mit Rückenwind aller Parteien im Bundestag, inklusive der Linken und den Grünen (siehe den ausführlichen Artikel).

Update: Offensichtlich wurde der Artikel inzwischen um die Hälfte gekürzt. Das Zitat ist dort nicht mehr zu finden.
Update 2: Alternativquellen mit dem gleichen oder leicht abgewandelten dpa-Text findet die Google-Suche: z.B. Horizont, Zeitungsverlag Waiblingen, Südwest-Presse, Nordbayerischer Kurier, Thüringer Allgemeine, Neckar-Chronik, Web.de, Welt.de, Süddeutsche , das Greenpeace-Magazin und zahlreiche weitere Blätter mehr – Ein Hoch auf die Meinungsvielfalt unserer Medienlandschaft!

Sehr hübsch auch beim Postillon aufgegriffen:
Der Postillon: Bundeskanzler Dreher will Fake-News unter Strafe stellen

Via Schrottpresse.
Quelle: Frankfurter Neue Presse (bzw. dpa)

Schopenhauer: Hegel-Bashing

deathtohegel

Als ich in meinem ersten Semester zwangsweise einen einjährigen Kurs zu Hegels Phänomenologie des Geistes besuchen musste, las ich heimlich unter dem Tisch Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung und feixte innerlich vor Genugtuung. Wie unausstehlich war mir Hegels schwerfälliger, redundanter und versponnen-romantischer Stil! Dabei steckt darunter ja so manche fein- und tiefsinnige Idee, allen voran die der (historischen) Dialektik selbst (– ich habe inzwischen meinen Frieden mit Hegel gemacht).

Dennoch, wie wohl tat es, meinen Frust mit einem von mir sehr bewunderten und damals gerade erst entdeckten Denker zu teilen. Hinzu kam, dass Schopenhauer nicht nur ein wahrer Meister der philosophischen Prosa, sondern auch der geistreichen und kreativen Beleidigung ist. Daher möchte ich im Folgenden einiges von dem bemerkenswerten Schimpf, den ich damals gesammelt habe, hier teilen. Leider muss ich sagen, dass ich aus Schreibfäule ziemlich bald damit aufgehört habe, es kam einfach viel zu häufig vor..

Noch eine Anekdote: In der Region, in der ich aufgewachsen bin, ist „Hegel“ übrigens ein Schimpfwort. An Bushaltestellen und auf Parkbänken steht also sowas wie „Ey Alter, **** ***** ****** du Hegel“. Ich weiß bis heute nicht wieso. Aber das war meine erste Berührung mit dem Begriff „Hegel“. Dass „Hegel“ auch einen Philosophen bezeichnet, erfuhr ich erst später. Noch später begann ich wiederum zu ahnen wieso… Aber lassen wir Schopenhauer zu Wort kommen:

Hegel: Alternativbezeichnungen:

  • „Scharlatan“ (WWV, S. 17)
  • „plumper Scharlatan“ (Vierfache Wurzel, S. 10)
  • „geistiger Kaliban“ (WWV, S. 18)
  • „durchweg erbärmlicher Patron“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • „frecher Unsinnschmierer“ (Vierfache Wurzel, S. 128)

Hegels Philosophie:

  • „Windbeutelei und Scharlatanerei“ (WWV, S. 17)
  • „hohlster Wortkram“ (WWV, S. 22)
  • „unsinnige Hegelsche Afterweisheit“ (WWV, S. 557)

Der deutsche Idealismus überhaupt:

  • Fichte, Schelling, Hegel: „die drei berühmten Sophisten der nachkantischen Periode“ (WWV, S. 17); „Neospinozisten“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Fichte und Schelling: „Windbeutel“ (WWV, S. 17); „dreistes vornehmthuendes Schwadroniren“ (Vierfache Wurzel, S. 24)
  • Verderbung der Jugend: „durch das Aufnehmen rasender Wortzusammenstellungen, bei denen etwas zu denken der Geist sich vergeblich martert und erschöpft, sind ihre Köpfe desorganisiert.“ (WWV, S. 22)

Und wiederum der Gipfel der Scharlatanerie in der Person Hegels:

  • „Jedoch die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte, trat endlich im Hegel [das Hegel, n.?, Anm. d. Verf.] auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaserie bleiben wird.“ (WWV, S. 548)

Wer noch mehr kennt, möge mir bitte schreiben. Ich nehme es dann in die Sammlung auf. Ansonsten zum Abschluss eine Charakter-Analyse des scharfsichtigen Psychologen Friedrich Nietzsche, der in notwendiger Antithese zu Schopenhauer auch durchaus Positives an Hegel zu finden vermag, nämlich esprit:

  • „Von den berühmten Deutschen hat vielleicht Niemand mehr esprit gehabt, als Hegel, – aber er hatte dafür auch eine so grosse deutsche Angst vor ihr, dass sie seinen eigenthümlichen schlechten Stil geschaffen hat.
    Dessen Wesen ist nämlich, dass ein Kern umwickelt und nochmals und wiederum umwickelt wird, bis er kaum noch hindurchblickt, verschämt und neugierig, – wie ‚junge Frau‘n durch ihre Schleier blicken‘, um mit dem alten Weiberhasser Aeschylus zu reden – : jener Kern ist aber ein witziger, oft vorlauter Einfall über die geistigsten Dinge, eine feine, gewagte Wortverbindung, wie so Etwas in die Gesellschaft von Denkern gehört, als Zukost der Wissenschaft, – aber in jenen Umwickelungen präsentirt es sich als abstruse Wissenschaft selber und durchaus als höchst moralische Langeweile!
    Da hatten die Deutschen eine ihnen erlaubte Form des esprit und sie genossen sie mit solchem ausgelassenen Entzücken, dass Schopenhauer‘s guter, sehr guter Verstand davor stille stand, – er hat zeitlebens gegen das Schauspiel, welches ihm die Deutschen boten, gepoltert, aber es nie sich zu erklären vermocht.“ (Morgenröte, 166-167)

Quellen:

  • Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Gesamtausgabe hrsg. v. Ludger Lütkehaus, München 2008.
  • Arthur Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Über den Willen in der Natur, Kleinere Schriften I, hrsg. v. Angelika Hübscher, Zürich 1977.
  • Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft, Krit. Studienausgabe hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München 2015.

Zitat: Nietzsche

„Es ist ein richtiges Urtheil der Gelehrten, dass die Menschen aller Zeiten zu wissen glaubten, was gut und böse, lobens- und tadelnswerth sei.
Aber es ist ein Vorurtheil der Gelehrten, dass wir es jetzt besser wüssten, als irgend eine Zeit.“

(Nietzsche, Morgenröthe, KSA 3, S. 20)

Ein wahres Wort von Nietzsche, wenn auch in einem durchaus zweifelhaften Kontext. Dazu bald später mehr in einem ausführlichen Nietzsche-Fazit.

Zitat: Goethe

„Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten.
Diese allgemeinen Bewegungen und Bestimmungen werden wir auf die verschiedenste Weise gewahr, […] jedoch immer als verbindend oder trennend, das Dasein bewegend und irgendeine Art von Leben befördernd.“

(Goethe im Vorwort seiner Farbenlehre)

Die besten Sprüche von… Paul Feyerabend

  • „Science is an essentially anarchic enterprise.“ (AM, S. 9.)
  • „Die Wissenschaft selbst mit ihren unterschiedlichen Strategien und Ergebnissen und metaphysischen Einsprengseln ist nicht konsistent. Sie ist selbst eine Collage, nicht ein System.“ (Zeitverschwendung, S. 194)
  • „The only principle that does not inhibit progress is: anything goes.“ (AM, S. 14)
  • „Science needs people who are adaptable and inventive, not rigid imitators of ‚established‘ behavioural patterns.“ (AM, S.159)
  • „Science will profit from everyone doing his own thing.“ (AM, S. 159)
  • „There is no idea, however ancient and absurd, that is not capable of improving our knowledge.“ (AM, S. 33)
  • „Although science taken as a whole is a nuisance, one can still learn from it.“ (AM, S. 162-163)
  • „We must approach science like an anthropologist approaches the mental contortions of the medicine-men of a newly discovered association of tribes. And we must be prepared for the discovery that these contortions are wildly illogical (when judged from the point of view of a particular system of formal logic) and have to be wildly illogical in order to function as they do.“ (AM, S. 191-192)
  • „We must stop the scientists from taking over education and from teaching as ‚fact‘ and as ‚the one true method‘ whatever the myth of the day happens to be.“ (AM, S. 162)
  • „Confusionists and superficial intellectuals move ahead while the deep thinkers descend into the darker regions of the status quo or, to express it in a different way, they remain stuck in the mud.“ (AM, S. 53)
  • „Successful research does not obey general standards; it relies now on one trick, now on another; the moves that advance it and the standards that define what counts as an advance are not always known to the movers.“ (AM, S. 1)
  • J: What is your profession? F: My profession was: I was a professor of philosophy. This means: a civil servant, ein Denkbeamter. That’s all I was. What do I do? I write essays which upset people. (Worst enemy of science, S. 165)
  • „Professor Feyerabend is an act I put on down there for monetary gain. These things have to be clearly separated, or else in the end you take seriously what you are doing and then you are in a big mess.“ (Science, S. 534)

Wer war Paul Feyerabend?

paul_feyerabend_berkeleyQuelle: Wikimedia Commons

Paul Feyerabend (1924 – 1994) war ein österreichischer Wissenschaftsphilosoph, wissenschaftstheoretischer Anarchist, Nestroy- und Karl-Kraus-Liebhaber und schärfster Kritiker Karl Poppers. Er polemisierte gern und führte den Wissenschaftsbetrieb vor, dem er vorhielt, sich selbst nicht an die eigenen rationalistischen Regeln zu halten, sondern stattdessen mit unbewussten metaphysischen Einsprengseln, Irrationalismen und rhetorischen Kniffen zu hantieren (exemplarisch wies er das an Galilei nach). Darüber hinaus war er der Ansicht, dass gute Wissenschaft sich sowieso nicht an Regeln hält. Nicht ganz so radikale Artverwandte: Imre Lakatos und Thomas Kuhn. Wichtigstes Werk: Against Method (komplizierte Editionsgeschichte, am besten aktuellste Ausgabe auf Englisch lesen).

Beim nächsten Mal: Die härtesten Sprüche von Nietzsche.

Feyerabend, Paul, Against Method. Outline of an anarchistic theory of science [=AM], London 1993.
Feyerabend, Paul,
Zeitverschwendung, Frankfurt 1995.
Preston, J., Munévar, G., Lamb, D. (Hrsg.):
The Worst Enemy of Science? Essays in Memory of Paul Feyerabend, Oxford 2000.
Broad, W. J.: „Paul Feyerabend. Science and the Anarchist.“ in: Science 4418 (1979), S. 534–537.

Zitat: Byung-Chul Han

„Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, dass das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, dass es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit empfindet.“

(Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt am Main 2015, S. 42.)