Über Moral

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Moral mit der Peitsche. Abbildung: Caravaggio – Tempelreinigung

„Moral“ ist ein problematischer Begriff. Alle sind sich einig darüber, dass das, was moralisch ist, zu begrüßen sei, das Unmoralische dagegen nicht. Bloß über die Beschaffenheit des Moralischen ist man sich uneinig. Kriege werden im Namen der Moral und gegen die Unmoral geführt. Jeder Krieg ist moralisch legitimiert – die kriegsführende Partei tut es selbstverständlich aus moralischer Notwendigkeit heraus. Wie sonst die Unmoral wirkungsvoll beseitigen?

Moral gilt auch als Zeichen von Menschlichkeit, sie ist die dem Menschen eigentümliche Eigenschaft – neben der Vernunft freilich, die daher gerne mit ihr in einem Atemzug genannt wird. Der unmoralische Mensch aber gilt nicht mehr als Mensch – und er verdient also auch keine Moral und keine Menschlichkeit. Moral ist etwas explizit Menschliches, im Menschlichen findet sie Anwendung. Darüber hinaus aber darf auch der Mensch unmoralisch sein, er darf frei sein, frei von Moral. Mehr noch, es ist moralisch im Außermoralischen unmoralisch zu sein – wie auch nicht?

Moral, Ethik oder deutsch „Sittlichkeit“ – all diesen Begriffen ist gemein, dass sie bereits vor Anwendung alles moralischen Relativismus schon selbst zutiefst relativistisch sind. Moral ist eigentlich keine Frage von Gut und Böse, wie Nietzsche richtig herausstellte. Sie ist eine Frage von Richtig und Falsch, auf das Tun bezogen. Was aber richtig und falsch ist, das entscheidet – was das Feld des Moralischen angeht – keine göttliche Instanz oder intuitives Wissen, sondern – die Gewohnheit.

„Gewohnheit“ ist schlicht die ursprüngliche Übersetzung von „Moral“, „Ethik“, „Sittlichkeit“ (mos, ἔθος, site). Sie bedeuten alle das Gleiche, vor aller ideologischen Verklärung und Kanonisierung. „Moralisch“ handelt, wer tut, was alle im sozialen Umfeld schon so lange tun, dass sie sich daran gewöhnt haben. Moralisches Tun ist gewohnheitsmäßiges Tun. Moralisches Tun ist, ganz wörtlich genommen, normales Tun. Normal und normativ unterscheiden sich nicht in der Moral, auch wenn sie so tun mögen. Was normal ist, ist normativ, was normativ, normal. Moral ist das soziale Band, das eine Gemeinschaft zusammenhält. Moralisch richtig ist, was dem üblichen Tun der Gemeinschaft entspricht, moralisch falsch, was ihr widerspricht. Wer unmoralisch handelt, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Moral verfolgt nicht den Zweck eines idealischen „Guten“, sie verfolgt allein den Zweck ihrer eigenen Erhaltung, der Aufrechterhaltung der sozialen Verbindung. „Moralisch“ ist der Raum der Zwischenmenschlichkeit, der Menschen im Alltag aneinanderkoppelt (vgl. Watsuji). Moral ist zunächst einmal noch kein Gesetz, sondern ein Band. Sie schafft erst einen Verbund von Menschen, bindet zusammen, was ohne sie zerfallen würde. Sie entscheidet über den Handlungsspielraum des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft, darüber, wie weit der Einzelne sich bewegen kann, ohne hinauszufallen.

Das Band der Moral kann zweierlei Charakter haben. Eine disziplinarische Zwangsmoral fesselt den Einzelnen mittels Gewalt und schwerer, stählerner Bänder an den Anderen, und an ihr ehernes Gesetz, das sich als solches längst verselbständigt und die Gemeinschaft überstiegen hat. Innerhalb der Zwangsmoral wird am Gängelband des Einzelnen beständig gezogen, ohne das er selbst ziehen darf. Das moralische Band ist nicht flexibel, sondern hart und unnachgiebig.

Freie Moralität hingegen bedeutet nicht eine Kappung der Bänder, sondern einen Wechsel ihrer Qualität und Funktion. Das freie Band hat sich hin zur Leichtigkeit verflüchtigt, es lässt dem Einzelnen als Einzelnem Spielraum, es bindet ihn zwar, in Verantwortung, aber es fängt ihn auch, als Netz, mühelos auf. Die Moral hat sich hier nicht als Gesetz verfestigt und aus der Gemeinschaft selbst extrahiert, und über sie transzendiert, sondern geht in ihrer reinen, tätigen Immanenz auf.

Moralische Bänder lassen sich externalisieren und kontrollieren. Moralische Bänder dienen auch als Zügel zur Steuerung einer Gemeinschaft. Wem es gelingt, zu kontrollieren, was als richtig und als falsch gilt, über Moral und Normalität zu bestimmen, der hat keine weiteren Mühen seine Interessen durchzusetzen, da er den Menschen in seinem genuinen Mensch-Sein – und in dessen Verständnis von Mensch-Sein – bestimmt. „Menschlichkeit“ ist kein immanenter Wert der Zwischenmenschlichkeit mehr, er wird nunmehr definiert und gesetzt durch eine äußere Kraft, die sich selbst als „übermenschlich“ begreift – und dabei notwendigerweise unmoralisch werden muss. Die Gemeinschaft kennt fortan zwei Arten von Unmenschlichkeit: jene der äussätzigen Untermenschen, die es auszuschließen und niederzutreten gilt und jene der Übermenschen, die ihr als vollkommenere und höhere Form von Mensch erscheinen. Und erscheint der Übermensch auch manchmal unmoralisch, was versteht schon der gemeine Mensch davon? Mag auch der gemeine Mensch moralisch sein – das ist er ganz gewiss – der Übermensch ist sicher moralischer, wie auch sonst? Der Übermensch transzendiert nicht nur die Gemeinschaft, er transzendiert auch die Moral. Wer über die Moral bestimmt, kann der etwa auf gleiche Weise moralisch sein wie die Moralischen? Muss er nicht über der Moral stehen, die Moral selbst verkörpern? Die Moral ist eine Sache des gemeinen Menschen – an diese Moral hat sich der Mensch gewöhnt.

Der Mensch hat sich gewöhnt zwischen Mensch und Mensch zu unterscheiden. Nicht jeder Mensch ist Mensch. Nur der, welcher die Moral der Unterscheidbarkeit anerkennt. Der anerkennt, dass es Menschen gibt, die mehr Mensch sind und folglich solche, die weniger Mensch sind. Die externalisierte Moral, die sich über den Menschen erhebt, erhebt sich über die Menschlichkeit als solche. Die Menschlichkeit ist nunmehr eine nach Maß und Norm. Sie genügt nicht sich selbst, ist nicht zufrieden, bei sich zu sein, sondern strebt danach, einem Muster, einer Form, einer Idee gleichzuwerden – jener Idee der Übermenschlichkeit, die das eigentlich Menschliche negiert, indem sie das Außermenschliche propagiert.

Wir begreifen Fragen von Moralität und Ethik heute immer noch als Fragen von Gut und Böse. Wir haben uns lange daran gewöhnt. Das Christentum ist zwar als Dogma zugrundegegangen, als Moral wirkt es immer noch fort (vgl. Nietzsche, Genealogie der Moral, KSA 410) – ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Unsere heutige Moral ist ein Rudiment der lange angeeigneten christlichen Moral. Ihre Einkleidung hat sie verloren, sich säkularisiert – ihren Wesenskern dabei aber nicht verändert.

Wir verwechseln die christliche Moral von „Gut und Böse“ mit etwas Anderem. „Gut“ ist ein diffuser Begriff für uns, doch wir verstehen darunter häufig, frei zu sein, glücklich, friedlich, lebendig – menschlich. „Böse“ hingegen – wir verwenden diesen Begriff selten und doch meinen wir ihn oft – ist das Gegenteil von Gut, es bedeutet Gewalt, Krankheit, Angst, Leiden. „Böse“ ist, wer dies befördert, „gut“, wer sich dem Bösen widersetzt, wer es ablehnt, welcher das Gute lebt und fördert. Diese Auffassungen von Gut und Böse aber sind nicht gleichzusetzen mit moralischen Eigenschaften, bzw. Nicht-Eigenschaften, ganz im Gegenteil. Moral ist beliebig, relativ, die genannten Bestimmungen aber sind es nicht. „Gut“ und „Böse“ sind moralische Kategorien, deren tatsächlicher Inhalt variiert und ganz und gar nicht mit den obigen Auffassungen übereinstimmen muss. „Gut“ und „Böse“ sind Kategorien einer externalisierten Moral. „Gut“ ist der, der ihre Regeln befolgt, der die Zügel der Moral nicht als solche begreift, sondern bejaht. „Böse“ ist der, welcher das Gegenteil tut und sie infrage stellt.

Wir glauben häufig noch, Gut und Böse seien universale Bestimmungen, wir meinen, es gäbe eine Moral „an sich“, Moralität sei allgemein. Doch sie ist es nicht, und Gut und Böse als Kategorien sind es ebenso nicht, wenn sie an die Moral gekoppelt werden. Sie werden erst zu universalen Bestimmungen, wenn wir sie der Moral entkoppeln, und hier werden sie ganz und gar unmoralisch. Sie werden un- oder außermoralisch in dem Sinne, dass sie als lebensbejahende oder lebensverneinende Kräfte erst die Grundlage aller Moral bilden, d.h. Basis und Ausgangspunkt konkreter, relativer und gewohnheitsmäßiger menschlicher Handlungsweisen sind. Wenn wir von Gut und Böse im Duktus der Moral sprechen, vermischen wir diese zwei Ebenen: Einerseits meinen wir „gut“ im Sinne von lebensbejahend, den Fortbestand von Leben befördernd – ganz allgemein und kaum greifbar. Andererseits meinen wir „gut“ im spezifisch moralischen Sinne: Nicht als Bejahung des Lebens an sich, sondern des Handlungsrahmens, des spezifischen moralischen Gefüges, dem wir als Einzelne in der Gemeinschaft angehören. „Gut“ im Sinne einer bestimmten Gemeinschaft und ihrer besonderen Moral ist nicht gleichzusetzen mit „gut“ im Sinne einer allgemeinen Lebensbejahung und der Ablehnung seiner Zerstörung. Weil aber dieser universale Begriff des Guten so allgemein und unspezifisch ist und weil wir gleichzeitig erkennen, dass er uns fern ist und dass wir kein gutes Leben führen, suchen wir im Moralischen nach konkreten Handlungsanweisungen, von denen wir uns versprechen, dass sie uns ihm zuführen.

Die immanente, freie (und aktuell gewiss utopische) Moralität ist eine, die die Moral vergessen hat. Sie ist dadurch charakterisiert, dass sie die Frage nach dem Guten nicht stellt, es nicht problematisiert. In der freien Moralität ist die Moral das spezifische Sein der Gemeinschaft und als solche Ausdruck des allgemeinen Seins, des Lebens. „Gut“ und „gut“ sind sich gleich, das Prinzip der Lebensbejahung findet konkreten Ausdruck in der besonderen Lebensweise als lebensbejahender Lebensweise. „Menschlichkeit“ entspricht dem konkreten Mensch-Sein. Das besondere „Wie“ der Lebensführung ist dabei nicht entscheidend, bloß sekundär. Die Gemeinschaft hingegen, die ihre Moral externalisiert hat, hat diese Entsprechung verloren. Ihr Verständnis von Menschlichkeit hat sich in Unter-, Mittel- und Übermenschlichkeit gespalten. Eine außermoralische Instanz, die der Übermenschlichkeit, legt fest, was moralisch, was menschlich ist. Ihre Festlegung ist das moralische Gesetz. Der Übermensch hat die Menschheit damit an die Leine gelegt. Gebogen und geformt wird mit Honig, gezüchtigt wird mit der Peitsche, und trösten kann sich der Mensch, der Mittelmensch, damit, dass er den Untermenschen zum Ausgleich so viel peitschen darf wie er will. Die einfachen Bestimmungen von lebensbejahend und lebensverneinend haben sich aufgelöst in einer verselbständigten, expliziten, auswüchsigen Moral, welche mit ihren moralischen Kategorien alleinigen Anspruch darauf erhebt. In dieser veräußerten, verunmenschlichten Moral sucht der mit Honig verklebte Mittelmensch nach dem Leben und wundert sich, dass er es nicht findet. Und er versucht selbst Gesetze und Prinzipien aufzustellen, er ahmt nach, sucht innerhalb der Moral nach dem „eigentlich“ Moralischen, nach dem „An sich“ des Moralischen, nach der einen Vorschrift, nach der einen Formel, die doch noch funktioniert, die, regelmäßig angewandt und fleißig befolgt, ihm doch noch ein glückliches, ein menschliches Leben bescheren wird. Aber er sucht nicht dahinter, er hinterfragt die Moral nicht, sieht ihren relativischen Charakter nicht, sieht nicht, dass sie als eine Moral der Spaltung genuin lebensverneinend sein muss. Dass im falschen Leben kein richtiges möglich ist (Adorno). Oder genauer: Dass dort, wo die Verneinung, die Erniedrigung und Zerstörung des Lebens zum Prinzip wird, kein Leben möglich ist.

Und der Übermensch? Er ist der Herr aller Zeitalter, mit tausend Gesichtern. Er war und ist König, Kaiser, Papst, Patriarch, Gott, Vater, Führer, Präsident, Chef, „Machthaber“. Er ist derjenige, der außerhalb der Moral steht, die Moral transzendiert, die Moral schafft. Er sieht sich vergöttlicht, verwirklicht in seiner Stellung. Er hat es geschafft, die Moral zu übersteigen, aus ihr auszusteigen, das ist sein Begriff von Fortschritt. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft ist ihm nicht Verdruss, sondern Vergnügen. Er glaubt, in ihm sei die Menschheit zu sich selbst gekommen, indem sie über sich hinausgekommen ist. Er glaubt, er sei mit seinen Taten Motor des Lebens, seine Triebkraft, er glaubt, er sei Herr über den Krieg des Lebens und Vater aller Dinge. Er glaubt, durch sein Prinzip der Spaltung und immerzu fortwährende Teilung entstünde nicht Krebs, nicht Tod, sondern Wiedergeburt, Erneuerung, ein Höher, ein Besser, ein Näher an der Spitze der Welt. Die Spitze ist sein Ziel und seine Methode. Um selbst Spitze zu werden, spaltet und zersplittert er alles auf seinem Weg – und fühlt sich bestätigt. Bei alldem sieht er nicht, dass er die Verbundenheit des Lebens nicht aufheben kann, dass seine Kraft und Macht Illusion ist, dass er durch sein Wegbeißen aller Verbindung sich selbst immer kleiner, dünner und schwächer macht. Der „Übermensch“ – er fühlt sich göttlich in seiner Unmenschlichkeit und versteht nicht, dass es keine Menschlichkeit im Außermenschlichen geben kann, dass er aber trotz allem Mensch bleibt und sich selbst erniedrigt und verachtet, wenn er den Menschen erniedrigt und verachtet. Er selbst hat ihn erst verächtlich und dumm gemacht, den „Mittelmenschen“. In seiner Kleinheit hat er sich die anderen Menschen ganz klein gemacht, um sich größer fühlen zu können. Es ist nicht bloß das Leben des Mittelmenschen, das er verneint, es ist sein Leben. Doch er glaubt, er folge dem Plan Gottes oder „bejahe“ das Leben in seinem Willen zur Macht.

Er hat die Moral geschaffen, er hat sie dem Leben entfremdet und er hat diese lebensfremde Moral zur Lebensformel an sich ausgerufen, um sein Machtstreben zu legitimieren. – „Aber, aber“ werden einige „Realisten“ vielleicht anmerken, „das Leben ist doch nicht friedlich, freundlich, immerzu harmonisch! Man sehe sich doch das Leben da draußen an! Es ist Krieg, Tod, Zerstörung, es ist Ernst, Leiden, Krankheit, Verderben! Wir können froh sein, dass wir moralisch so weit fortgeschritten sind, diese ursprüngliche Barbarei zumindest annähernd im Griff zu haben!“ Wirklich? Ist das Leben? Erhält sich das Leben etwa durch Zerstörung? Oder greift hier unsere Moral in den Köpfen, die über-menschliche, über-natürliche Moral? Ist die Realität „gottgegeben“ oder doch menschlich geschaffen? Natürlich gäbe es ohne Teilung als Prinzip kein Leben, keine Vielfalt, keinen Wandel, keine Veränderung, keine Dynamik, keinen Fluss – und auch keinen Bestand. Aber bei aller Dynamik, bei aller ungreifbarer Wandelbarkeit des Lebens: das Leben ist, es ist durch seine Teile, die sind. Sie vergehen und sie bestehen nicht, aber sie sind. Nicht die Teilung hält das Leben zusammen, hält seine Teile am Leben, sondern die Verbindung. Diese geht der Teilung voraus und wo die Teilung alleine herrscht, folgt der gewaltsame, abrupte Tod, wo ein erfüllter, friedlicher möglich gewesen wäre. Krieg und Zerstörung sind nicht gleichzusetzen mit dem Prinzip der Teilung an sich, sie sind extreme Formen der Teilung, die ihre Abhängigkeit von der Verbundenheit hartnäckig verleugnen. Leiden, Krankheit und Gewalt gehören dem Leben an, sie sind aber nicht Prinzip des Lebens. Es ist die Teilung als solche, die Leben hervorbringt, nicht die Zerstörung.

„Aber gut! Den Übermenschen also einfach abschaffen, um alles wieder herzurichten? Schließlich ist er ja schuld, ist er allein verantwortlich. Bringen wir sie also zur Strecke, unsere Herren, unsere Unterdrücker, unsere ‚Klassenfeinde‘!“ – Welch vorbildlich moralisches Denken! Der Übermensch ist aber leider keine konkrete Person, er ist Ideologie. Die Ideologie der Übermenschlichkeit, der Spaltung des Menschlichen findet sich an allen Stellen innerhalb der Gemeinschaft. Der am meisten Erniedrigte, der Äussätzige verteidigt sie noch und fühlt sich als Herr in seinem Klein-Klein, innerhalb seiner hierarchischen Schar der Erniedrigten. Und wo er selbst hier der Niedrigste ist, kann er noch seinen Köter treten. Innerhalb der Ideologie der Übermenschlichkeit ist jeder Übermensch, ist jeder Mittelmensch, ist jeder Untermensch. Selbst die Alpha-Männchen in ihren Privatjets der unbegrenzten Möglichkeiten bekämpfen noch in sich den imaginierten Untermenschen.

Keine Moral, keine Ideologie wird den Wandel bringen. Die „richtige“ Moral ist die, welche sich selbst aufgehoben hat, welche sich nicht behaupten muss, welche sich nicht erkämpfen muss, besser zu sein als andere. Wo wir die Moral nötig haben, sind wir nicht „moralisch“ (sagen wir, und meinen menschlich, lebendig). Wo wir aber wirklich moralisch sind, sind wir frei von Moral in ihrer externalisierten Form. Wir sind nur. „Menschlichkeit“ ist kein Ideal der „Menschheit“, sie sind eins. Dazu müssen wir uns gar nicht anstrengen, gar nicht streben, sondern einfach loslassen und sein. Die Revolution im Innern ist viel bedeutender als die im Außen, sie allein hat Bestand, sie allein schafft Veränderung an der Wurzel der Probleme: der Struktur unseres Denkens, unseres Fühlens, unserer Weltauffassung.

(Anmerkung: Der Text ist stark inspiriert von Nietzsche, will aber keinesfalls eine Interpretation darstellen.)

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Zitat: Goethe

„Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten.
Diese allgemeinen Bewegungen und Bestimmungen werden wir auf die verschiedenste Weise gewahr, […] jedoch immer als verbindend oder trennend, das Dasein bewegend und irgendeine Art von Leben befördernd.“

(Goethe im Vorwort seiner Farbenlehre)

Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

Wenn ich auf diesem Blog eine allgemeine Aussage treffe – und das kommt häufig vor – dann setze ich stillschweigend einiges beim Leser voraus. Zum Beispiel wenn ich eine Aussage treffe wie „Heute ist die Gesellschaft so und so beschaffen“, dann heißt das übersetzt: Ich habe aufgrund meiner Wahrnehmung und Erfahrung den subjektiven Eindruck (die Bandbreite reicht dabei von Vermutung bis Überzeugung), dass sich eine Sache überwiegend so und nicht anders verhält. Ich behaupte mit meiner allgemeinen Aussage nicht, dass sie absolut wahr ist und dass ich andere Positionen völlig ausschließe – schließlich habe ich mich schon oft getäuscht in der Vergangenheit und es wird wieder vorkommen. Ich behaupte außerdem nicht, dass Ausnahmen von dieser Aussage unmöglich sind, und wenn ich sie nicht explizit erwähne, bedeutet das nicht, das ich sie bewusst und mutwillig ausschließe.

Das Verrückte ist, dass heute gerade das oft unterstellt wird. Allgemeine Aussagen haben sich spätestens seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts per se verdächtig gemacht. Sie stehen im Verdacht, bloße Verallgemeinerungen zu sein, zu vereinfachen, zu nivellieren und zu diskriminieren. In spezielleren Fällen nennt man sie Vorurteile. In noch spezielleren Fällen Klischees.

Baue ich kein einschränkendes oder relativierendes Wortpartikelchen in meine Aussage ein, oder hänge sofort mehrere Neben- und Hauptsätze mit dran, die Ausnahmen von besagter Aussage aufzählen, habe ich nicht differenziert. Ich habe das, so eine weit verbreitete Annahme, entweder aus Ignoranz oder aus böser Absicht getan – denn wenn ich um Ausnahmen weiß und sie nicht erwähne, halte ich sie offenbar für unwichtig und damit für minderwertig. Oder: Ich bin naiv und bemitleidenswert, denn ich sehne mich nach „Vereinfachung“ in einer „zunehmend komplexer werdenden Welt“ – ich habe offensichtlich nicht verstanden, dass die Welt so komplex (geworden) ist, dass man sie gar nicht verstehen kann! Ist doch klar, das lässt sich in jedem zweiten Feuilleton-Artikel nachlesen. Die Wirtschaft kriselt und es gibt eine einfache Erklärung dafür? Armut und Kriminalität – das lässt sich in einem Satz begründen? Kann gar nicht sein, denn: zu einfach! Einfache Erklärungen sind notwendig falsche oder zumindest schlechte Erklärungen, so der Tenor, denn sie lassen Einzelfälle einfach außen vor.

Offensichtlich herrscht eine nicht kleine Verwirrung darüber vor, was eigentlich Erklärungen und Aussagen bzw. Urteile so ausmacht. Zunächst: Urteile sind ihrem Wesen nach immer allgemein, sie können lediglich durch zusätzliche Bedingungen weiter eingeschränkt werden (damit meine ich nicht Aussagen wie: „Dieser Stuhl hat vier Beine.“) Behaupte ich zum Beispiel „Vögel können fliegen.“, so habe ich damit eine gängige oder „normale“ Eigenschaft von Vögeln beschrieben – obwohl ich weiß, dass es durchaus Vögel gibt, die nicht fliegen können. Ich habe nicht gesagt: „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“, sondern meine Aussage hat lediglich den Normalfall, die Regel beschrieben. Damit habe ich aber gerade nicht Ausnahmen ausgeschlossen, sondern implizit eingeschlossen. Es ist eine Binsenweisheit: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Aber es stimmt: Die Ausnahme bestätigt tatsächlich die Regel, die Regel ist sogar notwendig durch die Ausnahme bedingt und umgekehrt. Wir können gar nicht Regelmäßigkeiten beschreiben ohne dabei Ausnahmen mitzudenken, denn sonst wären es nicht Regelmäßigkeiten, sondern Absolutheiten, die so (bis auf Ausnahmen…) gar nicht real vorkommen.

Dennoch wird eine solche Aussage heute häufig missverstanden. Es wird unterstellt, „Vögel können fliegen.“ sei gleichbedeutend mit „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“ und man habe damit nicht nur eine falsche und ignorante Aussage getroffen, sondern mehr noch, man habe alle Ausnahmen dabei benachteiligt und ausgegrenzt. Man habe dabei gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass jeder Vogel, der nicht fliegen kann, gar kein „normaler“ und damit „richtiger“ Vogel sei, sondern eben ein „komischer Vogel“ (entschuldigt den schlechten Witz, liebe Leser).

Völlig unverfroren wird hier also mal wieder von Sein auf Sollen geschlossen, ein sehr beliebter logischer Fehler. Problematisch sind dabei natürlich die Wörter „normal“ und „Regel“ selbst, denn sie legen eine Vorschrift, ein Sollen nahe, auch wenn sie im alltäglichen Sprachgebrauch häufig nicht so benutzt werden, sondern lediglich, wie oben beschrieben, den üblichen, überwiegenden oder gängigen Fall meinen (ähnlich verhält es sich übrigens auch mit „Sitte“ und „Sittlichkeit“). Wollen wir also, trotz aller allgemeiner Aussagen, präzise sein und Missverständnisse vermeiden, ist es hilfreich, weitestgehend auf diese Begriffe zu verzichten, da sie durch ihre ambivalente Deutung das eigentliche Problem, eben den logischen Fehlschluss, verschleiern.

Dieser besteht aber in der Annahme, dass ein beschreibendes Urteil mit einem wertenden oder gar normativen Urteil identisch sei. Das ist es nicht. Ich habe durch meine Aussage nicht gleichzeitig ausgedrückt, dass alle nicht-fliegenden Vögel minderwertige Vögel seien und ihre Art also weniger schützenswert sei. Ich habe lediglich festgestellt, dass es meiner Erfahrung nach für Vögel üblich ist, fliegen zu können – mit Ausnahmen.

Das Problem besteht aber weiterhin darin, dass der Weg von einer deskriptiven zu einer normativ-wertenden Aussage nicht weit ist und viele Menschen eine deskriptive Aussage zum Anlass nehmen, diese normativ zu werten (was, wie gesagt, einen logischen Fehlschluss darstellt). Ein weiterer Schlüsselbegriff ist hier auch der des „Natürlichen“. Es sei „natürlich“ für Vögel zu fliegen, denn das tun sie üblicherweise, das habe ich beobachtet. Also folgt daraus, sei es „unnatürlich“ für Vögel nicht zu fliegen und das wiederum sei falsch, weil „wider die Natur“. Diesem Schlussgebilde liegen besondere Annahmen zugrunde, nämlich: 1.) „Die Natur“ schreibe normativ vor, was richtig sei und 2.) sie tue das, indem sie die überwiegende Zahl einer Spezies (z.B. der Vögel) mit der „richtigen“ Eigenschaft ausstatte, eine Minderzahl aber ausspare. Das sei ihr Weg, uns zu demonstrieren, was die Norm und was zu tun sei. Der Gedanke, dass die Natur vielleicht ihr gesamtes Potential erst ausschöpfen kann, indem sie auch die Ausnahme schafft und somit überhaupt erst ein vielfältiges Spektrum entsteht, dass sie als Natur wahrhaft vollkommen macht, kommt hier nicht vor. Denn „die Natur“ als Gesamtheit allen Lebens wird in diesem Schluss gleichgesetzt mit „der Natur“ im Sinne einer bestimmten Wesenseigenschaft („Es ist die Natur des Vogels, dass …“). Als Folge entsteht eine Hierarchie, bei der die eine (übliche, gängige) Eigenschaft höher gewertet wird als die andere (die Ausnahme), da sie als mit dem „Gesetz“ der allmächtigen Natur, die alles bestimmt, identisch gesetzt wird.

Wir sehen hier schon, eigentlich müsste man auch heute noch „Gott“ statt „Natur“ setzen, wenn es um solche Zusammenhänge geht, denn viel zu sehr ist unser Denken durchdrungen von autoritären Strukturen, die überall ein Gebot, ein Gesetz oder eine Vorschrift erwarten, wo eine bloße Regelmäßigkeit herrscht. Nein, eigentlich müssten wir sagen: Wo eine bloße allgemeine Struktur wirkt und das Mannigfaltige durchdringt. Ordnung und allgemeine Strukturen sind eben nicht überall gleichbedeutend mit Herrschaft und erwarten im Gegenzug von uns Gehorsam, auch wenn unser Geist hierauf seit Jahrtausenden trainiert ist und wir aus unserem Alltag nichts anderes gewohnt sind.

So viel also in Kürze zu den möglichen Ursachen für den oben aufgeführten logischen Fehlschluss. Wir können also feststellen: Eine derartige allgemeine Aussage enthält die Möglichkeit oder gar die Gefahr (wenn aus ihr konkrete, falsche Handlungen abgeleitet werden) einer normativen Wertung. Sie enthält aber nicht zwingend eine Wertung, sondern kann vielmehr lediglich ein Versuch sein, besagte komplexe Welt zu verstehen, indem allgemeine Strukturen in entsprechenden Aussagen festgehalten werden. Verstehen aber, und das ist wichtig, heißt eben Zusammenhänge erkennen, nicht Differenzen aufdecken. Zwar sollen und müssen wir den Weg der Differenzierung gehen, um zu verstehen, die Dinge auseinanderhalten, um uns ihrer Besonderheit bewusst zu werden. Aber eben zu dem Zweck, sie innerhalb eines größeren Zusammenhangs richtig einordnen zu können. Der letzte Schritt im Verständnisprozess ist immer synthetisch, nicht analytisch. Es sind Allgemeinheiten, allgemeine Strukturen, die im Verstehen erkannt werden. Misstrauen wir dem allgemeinen Urteil überhaupt und unterstellen ihm eine implizite Abwertung des Nicht-Allgemeinen, gefährden wir langfristig unsere Verständnisfähigkeit. Genau das aber passiert: Das allgemeine Urteil ist per se verdächtig, weil wir uns nicht von unseren autoritären Denkmustern lösen können.

Noch ein paar Worte zum Vorurteil. Das Vorurteil unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Urteil dadurch, dass es verfrüht getroffen wird – auf einer unzureichenden Erfahrungsbasis, die das Urteil mitunter erheblich verfälschen kann. Es steht dem oft gepriesenen „fundierten Urteil“ (wofür meist „Experten“ zuständig sind) entgegen. Doch wo endet das Vorurteil, wo fängt das fundierte Urteil an? Wie viel Erfahrung, wie viele empirische Daten brauchen wir, um ein richtiges Urteil zu treffen? Sehr streng genommen muss jedes Urteil letztlich Vorurteil bleiben, denn unser Erfahrungshorizont endet nicht, er könnte beständig erweitert werden. Andererseits kann er niemals vervollständigt werden, denn wir als „endliche Vernunftwesen“, wie es bei Kant so schön heißt, haben nunmal begrenzte Kapazitäten. Hinzu kommt, dass manche Menschen auf der Grundlage scheinbar gleicher „Daten“ unterschiedlich richtige Urteile treffen. Manche haben ein präziseres Auge oder auch ein „gutes Gespür“, dass ihnen trotz dünner Erfahrungsbasis zu einem richtigen Urteil verhilft (freilich ist das ein riskantes Unterfangen). Tatsächlich sind die meisten unserer Urteile Vorurteile, denn in vielen Wissensgebieten ist es uns gar nicht möglich, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Und urteilen müssen wir, denn die Alternative hieße blind zu glauben.

Genau so wie wir nicht vorschnell urteilen sollten, sollten wir auch nicht vorschnell Urteile als „bloße Vorurteile“ abtun, wenn sie nicht mit unserem eigenen (Vor-)Urteil übereinstimmen. Denn wie genau können wir wirklich die Erfahrung und Urteilskraft des anderen einschätzen? Umgekehrt ist es gefährlich, „Expertenmeinungen“ vorbehaltlos als vorurteilsfrei zu akzeptieren.

Insgesamt schadet die Tabuisierung des Vorurteils, und auch des allgemeinen, scheinbar notwendig verflachenden Urteils einem vernünftigen öffentlichen Diskurs. Denn wie überhaupt bei allgemeinen Aussagen wird auch dem Vorurteil häufig sofort eine böswillige Absicht des Urteilenden unterstellt. Dabei ist es tatsächlich möglich, ein Vorurteil zu haben, sogar zu „heiklen“ Themen wie gesellschaftlichen Minoritäten, ohne dabei eine böse Absicht zu hegen und jemanden mutwillig beleidigen oder diskriminieren zu wollen. Es kann schlicht das Wissen fehlen. Ignoranz ist kein Vergehen. Wird sie aber dem Urteilenden vorgeworfen oder diese Möglichkeit gar überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen (sondern die böse Absicht als alleinige Option vorgestellt), dann führt das schnell zu Verwerfungen und verhärteten Fronten. Die eine Seite sieht sich zu unrecht beschuldigt, bevormundet und einer „Meinungsdiktatur“ ausgesetzt, was wiederum häufig zu Trotzreaktionen und damit zu wirklichen Beleidigungen und Diskriminierungen führt. Die andere Seite, ein Leben lang Opfer gewesen, hat bloß gelernt, den Anderen als Täter zu sehen und sieht gar nichts anderes mehr; durch die provozierten Trotzreaktionen fühlt sie sich dann wiederum bestätigt. Dabei ist eben nicht jede gefühlte Diskriminierung eine Diskriminierung. Entscheidend ist die Absicht und der Ton des Urteilenden. Abfällige, abwertende Äußerungen sind als solche in der Regel erkennbar. Und selbst mit negativen Vorurteilen und Klischees lässt sich spielerisch und (selbst-)ironisch umgehen, solange sie nicht gehässig werden. Wo sich dennoch eine Diskrepanz zwischen gefühlter Diskriminierung und fehlendem Bewusstsein von Diskriminierung einstellt, lässt sich auch zumindest theoretisch vernünftig miteinander reden, ohne dass sofort Vorwürfe fallen.

Leider sind wir von einer vernünftigen Diskussionskultur weit entfernt. Das heftige Misstrauen gegenüber allgemeinen Urteilen und Vorurteilen ist Symptom einer verunsicherten Gesellschaft: Altes gilt nicht mehr, Sicherheit gibt es nicht mehr, also ist alles, was Sicherheit vermeintlich suggeriert – allgemeine Aussagen, einfache Erklärungen – an sich verdächtig. Eine wohl proportionierte und berechtigte Vorsicht gegenüber vorschnellen Aussagen ist einer irrationalen Angst gewichen. Überall wittert man das Böse, wo nicht explizit versichert wird, dass es sich dabei nicht um den Teufel handelt (als wäre das Kriterium!). Der Teufel selbst wird nicht mehr als der Zersetzende (der „Differenzierende“) empfunden, sondern wer nach Gemeinsamkeiten sucht, ist des Teufels. Wehe dem, der vorschnell eine Gemeinsamkeit postuliert! Es könnte sich dabei um Rassismus oder Sexismus handeln! Also steinige man ihn lieber gleich, ohne genauer hinzusehen, er könnte ja gefährlich sein! So stürzen sich alle Wächter der vermeintlichen Toleranz und Offenheit auf Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Ob wirklich ein „Toleranzvergehen“ vorlag, ist Nebensache. Derweil lachen sich die wahren Verursacher und Bewahrer der ganzen gesellschaftlichen Misere ob dieser Spiegelfechterei ins Fäustchen, denn an gravierenden sozialen Problemen – den eigentlichen Verursachern von Diskriminierung und Intoleranz – wird nicht gerührt, die Aufmerksamkeit liegt woanders.

Anmerkung: Anlass für diesen Text war unter anderem die ernsthafte Auffassung gewisser Kreise der Gender Studies, man solle es doch besser ganz aufgeben, den „Menschen“ philosophisch definieren zu wollen, also die Sache mit der Anthropologie ganz sein lassen – man könnte ja versehentlich jemanden dabei diskriminieren.