Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

img_81652In der Klarheit liegt Schönheit. Welchen Anteil daran hat die Dunkelheit? Foto: AT

Das menschliche Gefühl kommt im üblichen Vergleich mit der Vernunft nicht gut weg. Steht die Vernunft – gemeint ist häufig die Rationalität – für das Göttliche, das eigentlich Menschliche im Menschen, so steht das Gefühl für das Primitive, Tierhafte, ein Rudiment, das es möglichst zu beherrschen und irgendwann hoffentlich zu überwinden gilt. Die Idealvorstellung des vielgelobten Aufklärers Kant etwa ist ein vollkommenes Reich der Vernunft, in dem diese endlich die „Sinnlichkeit“ gezähmt, sie an ihren rechtmäßigen Platz verwiesen und nunmehr die ewige Herrschaft des Guten, Wahren und Schönen auf Erden eingeläutet hat. Der allgemeine Tenor unserer westlichen Geistesgeschichte: die Sinnlichkeit als Widersacher der Vernunft, des Fortschritts, der wahren Menschlichkeit. Das Gefühl als innerer Störenfried des Geistes, das sich immer wieder der Vernunft-Kontrolle entzieht, die sorgfältig anerzogene apatheia des Weisen infragestellt, seine Vollkommenheit gefährdet. Wo die Sinnlichkeit herrscht, hat der Geist verloren, da bricht Chaos aus, Barbarei, rohe Gewalt ohnegleichen – das Raubtier im Menschen, sein eigentlicher, innerster Kern, bricht aus, wütet zügellos, maßlos, frisst, säuft und kopuliert bis zur Besinnungslosigkeit, völligen Schamlosigkeit, roh, grob, ranzig, ohne Kultur – wo die Vernunft ihm nicht maßregelnd Einhalt gebietet. Wo sie ihm nicht Fesseln anlegt und es gehorchen lehrt, Kunststücke der Höflichkeit und Formalität. Nein-Sagen. Sich-nicht-Hingeben. Innehalten. Sich bewusst verdrehen. Sich umkehren. In der Entbehrung höhere Freude finden. Sich sublimieren. Geist werden. Mensch werden! – In der Kontrolle des Selbst. (Das gilt heute übrigens noch genauso wie früher, wenn nicht noch mehr, Stichwort Selbst-Optimierung.)

Die Herrschaftsstruktur unseres Geistes spiegelt die Herrschaftsstruktur unserer Gesellschaft wider. Die Einheit im Inneren wie im Äußeren wird hauptsächlich durch Zwang erhalten – mag dieser sich auch gelegentlich als Freiheit verkleiden. Warum ist das so? Warum müssen wir etwas in uns kontrollieren, um zu leben? Müssen wir das? Können wir das? Was ist dieses andere in uns, von dem wir uns so entfernt haben, wenn wir, rational, Ich sagen? Weshalb ist Irrationalität eine Gefahr für die Stabilität unseres Ich, für die Stabilität unserer Gesellschaft?

Was ist Gefühl? Die polyvalente Bedeutung dieses Begriffs ist ein Problem, das selten Erwähnung findet. Gefühl, das kann zunächst schon ein rein physischer Sinneseindruck sein: eine Oberfläche kann sich z.B. rauh oder glatt anfühlen, angenehm oder unangenehm. „Gefühl“ ist auch ein anderes, veraltetes Wort für den Tastsinn überhaupt, ein Vermögen des Fühlens also. Analog dazu und häufiger noch gebrauchen wir „Gefühl“, um psychische Sinneseindrücke zu bezeichnen, die nicht unmittelbar an eine körperliche Berührung gekoppelt sind. Hier fühlen wir in besonderer Deutlichkeit uns selbst, nicht ein anderes. Um die Frage „Wie fühlst du dich?“ beantworten zu können, tasten wir gleichsam nach uns selbst, sollte sich der Eindruck nicht ohnehin aufdrängen. Die Grenze zwischen physischem und psychischem Eindruck verläuft hier fließend, beide aber (z.B. die Leichtigkeit des Herzens und die Freude, oder der kalte Schmerz im Herzen und die Verzweiflung) beziehen sie sich auf das Ich, bezeichnen sie die sinnliche Beschaffenheit, das Gefühl des Selbst. – Während das Gefühl als äußerer Sinn (Tastsinn) sich auf alles „Äußere“, auf alles Nicht-Ich bezieht. Ebenso kann mit „Gefühl“ der innere Tastsinn bezeichnet werden, das Vermögen also, unser Ich zu „ertasten“, Sinneseindrücke (einzelne „Gefühle“ in der engeren Bedeutung) in Bezug auf unser Ich zu empfangen.

Schließlich kann „Gefühl“ auch ein dunkles Wissen meinen, eine Intuition („Ich habe es im Gefühl, dass …“). „Gefühl“ meint hier nicht eine innere Sensation im üblichen Sinne, die meist mit einer Wertung einhergeht oder in dieser aufgeht (etwas fühlt sich „gut“ oder „schlecht“ an), sondern eine Notion, einen Gedankeninhalt, von dem der ihn Denkende nicht oder nur sehr ungenau zu sagen vermag, woher jener entstammt oder auf welchen Voraussetzungen oder Argumenten er beruht. Es handelt sich aber um ein Wissen, um die Kenntnis eines Sachverhalts. Mit „Gefühl“ wird dieses Wissen deshalb bezeichnet, weil es etwas Wichtiges mit dem Gefühl im Sinne einer inneren Empfindung gemeinsam hat: Beide verlassen sie die Sphäre des Unbewussten nicht oder nur teilweise – gerade so viel, dass sie überhaupt zu Bewusstsein kommen. Ihre genaue Form aber, ihr spezifischer Charakter und ihre Struktur bleiben diffus. Die Charakterisierung durch Begriffe des Bewusstseins ist (noch) nicht oder nur ungenügend erfolgt.

Bei Kant nimmt die Sittlichkeit interessanterweise ursprünglich im Menschen genau diese Form an: Das Sittengesetz ist als solches unmittelbar in uns angelegt, jedoch verdeckt durch allerlei andere Gemütsinhalte wie Wünsche, Neigungen und falsche Moralvorstellungen. Erst die Aufklärungsarbeit des Geistes, die kritische Beseitigung aller falschen Prinzipien und die vernünftige Einsicht in die „Reinheit“ der Sittlichkeit fördern diese als klares, eben nicht mehr „dunkles“ Wissen zutage.

Hier stoßen wir also auf eine bemerkenswerte Schnittstelle von Vernunft und Gefühl: beide, traditionell grundverschieden gedacht, begegnen sich im Unterbewusstsein. Sie tun es deshalb, weil sie eben nicht grundsätzlich voneinander getrennt werden können. Was wir häufig im erweiterten Sinne als „Gefühl“ bezeichnen, meint gerade jenen Teil des Geistes, den wir bloß dunkel, also noch nicht durch das Bewusstsein erfasst, an uns wahrnehmen und der eine Mannigfaltigkeit an geistigen Inhalten umfasst. „Gefühle“ im engeren, präziseren Sinne der inneren „Tastempfindungen“ gehören dieser Sphäre der geistigen Indifferenziertheit genauso an wie noch unbestimmte „Gedanken“, die häufig eine primitive Form von „Bildern“ annehmen, solange sie die Ratio noch nicht erfasst hat (Kant spricht von „Vorstellungen“).

Mehr noch, jedem unserer „äußeren“ Sinne, entspricht sein Zwilling im Inneren: Unser Geist umfasst nicht nur Bilder und innere Tasteindrücke, auch Abdrücke von Geruch, Geschmack und Gehör enthält er. Und diese Eindrücke beschränken sich nicht bloß auf Erinnerungen, sondern können sich auch – ist das jeweilige Sinnesvermögen entsprechend geschult – auch zu neuen, komplexeren „Vorstellungen“ zusammensetzen (etwa bei der Kreation einer neuen Speise, eines neuen Parfüms oder Musikstücks). Hier hantieren wir nicht mit Begriffen, sondern mit Eindrücken, die sich uns gleich wieder entziehen, versuchen wir sie zu lange im Bewusstsein festzuhalten. Der Wirkraum dieser „inneren Sinne“ ist jedoch dahingehend eingeschränkt, dass diese stets selbstbezüglich bleiben müssen – erst in der Interaktion mit dem Außen, mit dem Nicht-Ich, können sie sich entfalten, können sie überhaupt erst ihre Wirkung entfalten. Denn in Wirklichkeit sind die inneren von den äußeren Sinnen nur in ihrer Ausrichtung unterschieden. „Sinnlichkeit“, das heißt vor allem: Öffnung. Und offen sind unsere Sinne nach außen wie nach innen.

Ein Sinn hat es dabei den Gelehrten besonders angetan: das Auge. Stets ist es der „edelste“ Sinn von allen, denn das Auge ist ein Organ der Übersicht, der Scharfsicht und der Differenz. Es erweitert den Bezugsrahmen des menschlichen Lebens ungemein, denn allein das Auge kann unglaubliche Distanzen überwinden: bis zu den Sternen kann es sehen, und damit sogar in die Vergangenheit. Ein sehender Mensch sieht die Welt, während der bloß tastende nur seine unmittelbarste Umgebung wahrnehmen würde. Das Auge ist damit das Analogon der Vernunft. Die Sprache des Denkens (oder besser: der Erkenntnis) ist voller Sehmetaphern, kommt gar nicht ohne sie aus. Das Auge ist „sonnenhaft“ (Goethe) und wie die Sonne uns sehend macht, so lässt uns die „Idee des Guten“ Vernunfteinsichten gewinnen (Platons Ideenschau). Wir sprechen vom „Licht der Vernunft“ und davon, dass es gilt, die Dinge „klar zu sehen“, wenn wir ihre Wahrheit erkennen wollen. Nicht ohne Grund sprechen mystische Denktraditionen außerdem vom „dritten“ oder „inneren Auge“ und von „Erleuchtung“.

Doch eines übersehen unsere Herren Sonnenanbeter (wo die Philosophiegeschichte eine bloße Fußnote zu Platon ist, ist sie eine Geschichte der Sonnenanbeter) leider immer wieder: Klares Sehen erfordert nicht nur Licht, es erfordert auch Schatten. Was wir vergessen, wenn wir vom „Licht der Erkenntnis“ schwärmen: Zum klaren Sehen braucht es der klaren Konturen, es braucht des Schattens, des Dunkels, welches das Licht dämpft, erträglich macht, verträglich. Bloßes Licht blendet, macht blind, tut weh. Wenn wir erkennen, blicken wir nicht in die Sonne, wir sehen in den Schatten, der von der Sonne erhellt ist und so seine Konturen offenbart, die Grenzen der Dinge (die Grenze ist genuin Dunkelheit). Kants berühmter Satz „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ ist streng genommen falsch, ja, sinnlos. Die Sinne täuschen nicht. „Anschauungen“ oder andere Erzeugnisse der vielgeschmähten Sinnlichkeit können nicht „blind“ sein. Menschen sind blind. Sie sind es dann, wenn sie entweder in völliger Dunkelheit ihres Geistes verharren, oder dann, wenn sie ihren Geist mit Gewalt ins Licht drängen und sich so selbst Gewalt antun, mutwillig selbst blenden.

Im grellen Licht der bloßen Rationalität übersehen wir das Wesentliche. Gedanken ohne Inhalt sind leer, dieser andere Satz Kants gilt. Der Inhalt, das ist die Fülle an Farben, die die Dunkelheit ausmachen. Die Farben sind nicht „Söhne“ des Lichtes. Die Dunkelheit gebiert das Licht, das Licht aber lässt die Welt erscheinen. Erst im Verein von Schatten und Licht wird Klarheit möglich.

Wo das Auge sonnenhaft ist, ist das Gefühl mondhaft. Wo jenes geachtet ist, ist dieses geächtet, wenn es um Erkenntnis geht (die Anbeter/innen der Mondgöttin sind lange ausgestorben). Das Gefühl ist der primitivste aller Sinne, auch der onto- und phylogenetisch erste. Die Berührung ist die ursprünglichste aller Sensationen, sie definiert erst die Grenze von Ich und Anderem, lässt also Trennung verspüren, Verschiedenheit. Das Tasten nach unserem Ich ist die Urform des Selbstbezuges und der Reflexion. Gleichzeitig bestimmt die Art und Weise der Berührung, ob die Sensation der Verschiedenheit zementiert wird (etwa durch einen gewaltsamen Akt) oder in der Erfahrung von Gemeinsamkeit aufgeht (etwa bei der sanften Berührung, die eine Verbindung erzeugt). Das Gefühl bedarf dabei aber immer, im Gegensatz zum Auge der direkten Nähe. Die Unmittelbarkeit, mit der das Andere dem Ich zugeführt wird, ist die Stärke des Gefühls. Eine intensivere Erfahrung als die des Fühlens können wir nicht machen, da wir allein im Fühlen, in der Berührung mit dem Anderen dieses Andere direkt und in seiner ganzen Ausdehnung erfahren können. In der Berührung ist für einen kurzen Moment die Trennung, die doch erst durch die Möglichkeit des Berührens und der Wahrnehmung des Anderen zustande kommt, aufgehoben, oder doch zumindest infrage gestellt. Je nach Art der Berührung erfolgt innere Abwehr des Andern oder Öffnung. In beiden Fällen wird aber der Gegenstand sehr intensiv erlebt, da er den unmittelbaren Kontakt zum Ich herstellt.

Das Gefühl steht häufig stellvertretend für die Sinnlichkeit überhaupt (als Widersacherin der Vernunft), da kein anderer Sinn den Distanzverlust und damit die (wenn auch temporäre) Aufgabe der eigenen Individualität, die Aufgabe der inneren Abwehr des Ichs gegen die Aufnahme ins Außen, die Hingabe, so sehr in sich trägt. Und gerade auf diese Distanz, auf die Trennung von Ich und Außen kommt es der analytischen Vernunft, der operierenden Rationalität an: Sie hält die Dinge auseinander, differenziert. Das Gefühl behindert diesen Prozess. Kein Sinn ist außerdem so vielfältig, und so allgegenwärtig: Jede andere Sinneswahrnehmung, jede andere geistige oder allgemein lebendige Tätigkeit geht, bewusst oder unbewusst, deutlich oder kaum bemerkbar, mit irgendeiner Art von Gefühl einher.

Auge und Gefühl – hier, wie auch zuvor schon natürlich im doppelten Sinne von Innen und Außen gemeint – repräsentieren den Dualismus der westlichen Denktradition, der sich fortsetzt in Begriffspaaren wie Vernunft – Sinnlichkeit, Geist – Körper, Idealismus – Materialismus und Rationalität – Irrationalität, wobei bei letzterem auffällig ist, wie der Rationalität die alleinige Definitionshoheit zugestanden wird und das „Nicht-Rationale“ nicht mal mehr eines eigenen Namens bedarf. Unsere Kultur versteht sich als eine Kultur des Sehens, nicht des Fühlens. Wir haben gelernt, dem Fühlen zu misstrauen, da es unsere Ansprüche an Deutlichkeit und Klarheit nicht erfüllt. Durch seine Eigenart der direkten Gebundenheit an das Ich, fällt es uns schwer, in der Bandbreite seiner Eindrücke zu unterscheiden, verschiedene Gefühle festzustellen – also unser Instrumentarium der Rationalität auch auf das Gefühl anzuwenden. Wie einfach ist es, zwischen Gegenständen der „Außenwelt“ zu unterscheiden, die uns das Auge dankenswerterweise in so viele Farbnuancen auftrennt, wie schwer dagegen, Gegenstände der Innenwelt festzuhalten, die dahinfliehen wie Schatten?

Wir misstrauen dem Gefühl und seiner diffusen Herrschaft über einen übergroßen Teil unseres Geistes, empfinden es bald als Störenfried unserer „objektiven“ Kalkulation. Wo wir die Dinge sehen wollen, wie sie „an sich“ sind, versuchen wir unsere Subjektivität, unser Ich, dass sich vor allem durch Gefühl äußert, auszuklammern, fernzuhalten. Wir kommen nicht darauf, ihm stattdessen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn erst, wo wir unser Gefühl verstehen, können wir auch uns selbst verstehen. Und erst wo wir uns selbst verstehen, können wir richtig zwischen Ich und Außen unterscheiden, können wir das Andere auch verstehen.

Wir können unser Gefühl nicht künstlich von unserer Rationalität abkoppeln. Es ist immer da, bloß verdrängt und verschleiert, es lässt sich aber nie vertreiben. Nichts behindert die Erkenntnis mehr, als zu meinen, sie könnte losgelöst von Gefühl und Subjektivität stattfinden. Erst wenn wir unser Gefühl bewusst zulassen und seinen Charakter begreifen, können wir auch letztlich von ihm Abstand nehmen. Andernfalls fehlt uns eine tiefgreifende Erfahrung als Basis der Erkenntnis, nämlich die Erfahrung unseres Selbst.

Klammern wir das Gefühl im Erkenntnisprozess aus, sprechen wir ihm außerdem ab, überhaupt objektiven Charakter haben zu können. Dabei ist dem ganz und gar nicht so. Wie die anderen Sinne ist das Gefühl eigentlich per se objektiv, indem es nämlich lediglich eine Öffnung für Eindrücke – aus dem Ich wie aus dem Anderen – darstellt. Erst nachträglich, im rationalen Denkprozess, lesen wir diese Eindrücke und ordnen sie ein. „Subjektiv“ ist das Gefühl bloß, wenn es sich auf das Ich bezieht. Es gibt damit aber eine objektive Darstellung von Ich. Wo wir „Ich“ auch als ein Objekt betrachten, uns dem Anderen in uns konsequent öffnen, erkennen wir uns selbst.

Erkenntnis kann sich außerdem nicht in Rationalität erschöpfen. Was Rationalität kann, ist unterscheiden, die Welt präzise in ihren Einzelheiten begreifen und damit umfassender, mannigfaltiger machen, ihre Komplexität durchdringen und ihre Vielfalt bestimmen. Rationalität strebt nach klaren Konturen, nach Schärfe des Begriffs. Ihre Optik ist nicht die der Unschärfe, der verschwommenen Impression, wie sie das Gefühl hervorbringt. Ein „messerscharfer Verstand“ kann korrigierend eingreifen, wo die Eindrücke der Sinnlichkeit sich bunt vermengen, einander überlappen, sich assoziativ zusammenflechten und das Ich in ihrem Strom fortzureißen drohen. Die Rationalität lehrt uns Innehalten, lehrt uns Vorsicht und Kontrolle unserer Umwelt, Lenkung unseres Ich. Was sie aber nicht kann, ist ein umfassendes Bild der Welt zu schaffen, wenn sie von der Sinnlichkeit absieht. Sie teilt wahrlich nicht nur in Schwarz und Weiß, aber das tut das Gefühl auch nicht. Stattdessen schafft die Rationalität Graustufen, und in großer Präzision, feinster Nuancierung. Sie zeichnet Linien, konstruiert einen Plan der Wirklichkeit, in dem jedes Ding seine reine Form und seinen idealen Platz findet. Aber die Farbe vergisst sie, und damit die Lebendigkeit, die die Welt auszeichnet, die sich bewegt, schillert. Die nicht nur aussieht, sondern schmeckt, riecht, sich wie Wirklichkeit anhört und anfühlt.

Die Wissenschaft hat es bisher nicht geschafft, die Welt zu begreifen, weil sie das Lebendige nicht begreift. Es entzieht sich ihr, verflüchtigt sich, flieht vor ihr. Und sie lässt es entfliehen, weil sie nicht hinsieht. Weil das Auge der Vernunft niemals auf dem ruht, das es von vornherein als nebensächlich abgetan hat. Die Biologie seziert Totes, das Tote ist Ausgangspunkt der Medizin. Die Physik ergeht sich in der Mathematik und in Maschinen, die das Lebendige noch weiter auftrennen sollen. Die Psychologie hat uns wenigstens das Unbewusste zu Bewusstsein gebracht, aber wie weit? Wir verdrängen es weiterhin. Die Wissenschaften untereinander sind zersplittert, vergessen den Sinn.

Es soll gar nicht darum gehen, die Kontrolle unseres Geistes an die Sinnlichkeit abzugeben. Aber wir können irgendwann vielleicht dahin kommen, diese nicht mehr kontrollieren zu müssen. Sittlichkeit werden wir nur da erreicht haben, wo wir sie abgeschafft haben, wo sie – als moralisches Zaumzeug – nicht mehr nötig ist. Wo wir die selbstgeschaffene Dualität innerhalb unseres Geistes einmal aufheben – nicht indem wir immer geistigere Höhen der Abstraktion erklimmen, sondern indem wir neugierig das vielgeschmähte Dunkle, Diffuse unseres Geistes erforschen und uns nicht davor fürchten oder seiner schämen. Indem wir uns öffnen, unser Ich selbst als Sinn begreifen. Indem wir unsere Rationalität behutsam einsetzen, unseren Geist (und auch das Andere) wie ein Knäuel geduldig aufdröseln, nicht aber seine Fäden gewaltsam zerschneiden, um sie in Form zu zwängen.

Mehr Gefühl – wie schnell wird diese Forderung als sentimental verlacht, als schwächlich und „weibisch“ (typisch weiblich!) abgetan, mindestens aber als realitätsfern proklamiert. Meistens vom Zyniker, vom Verbitterten, vom Pessimisten, der, schwer enttäuscht und verletzt von einer kalten Gesellschaft, vermeint, sich dieser anpassen zu müssen, indem er sich selbst alle Gefühle, alles aufrichtige Mitgefühl mit sich selbst (nicht etwa bodenloses Selbstmitleid) verbietet und verneint. Der lange stumpf geworden ist, um nicht leiden zu müssen, um das Leid der Welt nicht mitfühlen, nicht mittragen zu müssen. Dessen Sinnlichkeit dumpf geworden ist und dem nur noch der Exzess, das ausschweifende Extrem der Sinne ein Lebensgefühl verschafft. Der völlig verhärtet und stupide geworden ist, gegenüber sich selbst und dem Anderen – weil er nicht sehen will, nicht sehen kann, nicht fühlen will, nicht fühlen kann, was ihm schreckliches Leid bereiten würde. Aber eben auch: Erkenntnis, Verstehen. Und damit die Einsicht, dass es anders, richtiger gehen würde und gehen kann.

Wo wir uns selbst mehr Gefühl erlauben, können wir auch dem Anderen mit Gefühl begegnen. Wo wir Mitgefühl in der Gesellschaft vermissen, können wir selbst ein Stück weit diese Lücke füllen. Sinnlichkeit ist auch ein Sich-Öffnen gegenüber dem Anderen. Die rationale Begegnung bleibt eine Begegnung auf Distanz.

Wir haben einen Sinn für das Gute, wir haben einen Sinn für die Wirklichkeit, wir haben einen Sinn für das Schöne. Wo wir die Zügel der Rationalität nicht für einen Moment abgeben, wo wir sie nicht locker lassen können, wird davon jedoch nichts zu uns vordringen.

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Kurze Phänomenographie des Verstehens

Verstehen kann etwas nur, wer es schon verstanden hat. Verstehen heißt nicht: Etwas Neues finden. Verstehen heißt: Etwas wiederfinden, das Andere im Eigenen wiedererkennen. Oder: Das Eigene zum ersten Mal anders sehen. Verstanden-Werden heißt Eins-Werden im Geiste, wenn auch nur für den Moment. Verstehen ist synthetisch. Verstehen ist Einsicht in einen Zusammenhang, auch in den Zusammenhang des Unterschiedes. Verstehen ist Erleichterung. Der Stachel des Verstehen-Wollens lässt von uns ab. Verstehen ist ein bloßer Punkt, ein Moment, kaum greifbar. Und Verstehen ist ein Prozess, der zum Verständnis führt. Verstehen heißt: Für den Moment nicht mehr zweifeln, sondern wissen. Dann wieder am Wissen, am Verstehen zweifeln. Verstehen ist Sehen, Klar-Sehen, ist Einsicht, ist Aussicht in das Eine. Verstehen ist der Kick, das High des Philosophen. Verstehen ist Losgelöst-Sein, Erlöst-Sein, ganz kurz, von der Unvollkommenheit. Verstehen ist Erkenntnis. Verstehen ist ein Gefühl, das Hochgefühl der Erkenntnis. Verstehen ist manchmal falsch, ein Schein-Verstehen, leise dann, und mit fadem Beigeschmack, eklig fast, klebrig – auch übermütig, vorschnell, voreilig, vergesslich. Missverständnis ist Dissonanz, und Frustration. Das andere, den anderen nicht zu verstehen heißt ihn nicht zu erkennen, ihn nicht zu sehen, ihm fremd zu bleiben, selbst ein Fremder im Anderen, Noch-nicht-Eigenen. Verstehen ist auch Aneignung des Fremden, Vermehrung des Eigenen, Inbesitznahme des Anderen. Leugnung des Anderen als Anderes – denn das Verstandene ist schon immer ein Eigenes. Ausdehnung des Ich. Irgendwann Auflösung des Ich, Vollkommenheit des Ich. Verstehen ist irrational. Das Denken hört auf, wo das Verstehen einsetzt. Verstehen ist Fügung, ist Frieden. Verstehen ist Höhepunkt und Verstehen ist Endpunkt. Verstehen will nicht Verstehenmachen. Nicht-Verstehen will Verstehenmachen, zwingt zum Verstehen-Wollen. Verstehen ist tückisch. Es besänftigt, wo es zuvor noch erhöht hat. Verstehen ist Einheit von bewusst und unbewusst. Verstehen ist Einfalt, Entfaltung des Mannigfaltigen. Verstehen schafft Wissen, erzeugt Kompakta des Wissens, schnürt Wissenspakete – die wir nicht mehr verstehen müssen, bald schon nicht mehr verstehen. Wer verstehen will, muss immer wieder verstehen. Das Vertraute, Einmal-Verstandene immer wieder neu verstehen. Schon Verstandenes macht vergesslich, Wissen macht träge. Verstehen ist Entgrenzung, Befreiung. Verstehen ist eine Stimmung der Potentialität, der Möglichkeit. Verstehen ist das Gegenteil von Zwang. Verstehen ist Freiheit.

Von der Überheblichkeit der Gegenwärtigen

Wir leben in einer Blase. Diese Blase heißt Gegenwart. Bewusst und klar ist uns nur, was gegenwärtig ist. Wir leben im Jetzt und Hier und können auch gar nicht anders. Leben heißt jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen; Leben ist wesenhaft augenblicklich. Am lebendigsten ist der, welcher so lebt, dass ihm der Moment zur Ewigkeit gerät – wahre Ewigkeit, deren immense Weite er nicht spürt, da sie ihn just in diesem Augenblick völlig umfängt.

Diese Art zu leben macht aber nicht unser ganzes Wesen aus. Insofern wir denkende Kreaturen sind – solche des Nach-denkens und der Re-flexion – leben wir auch in der Vergangenheit. Ein denkendes Leben ist immer ein Leben im Hinblick auf Vergangenes. All die Begriffe und Vorstellungen, mit denen unser Geist hantiert – sie sind einmal geworden und entstanden. Ihre Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen, aber mit ihnen umgehen und uns auf sie beziehen können wir nur, insofern wir ihrer Entwicklung ein vorläufiges Ende setzen, sie abgrenzen, sie in Worte zwängen und definieren. Dadurch glauben wir uns ihrer bemächtigt zu haben, sie umzäunt und gezähmt zu haben. Eine durch Begriffe definierte Welt ist eine für uns kontrollierbare Welt.

Um die Begriffe für uns zu definieren, um uns unsere Welt zu erklären, greifen wir auf Erfahrungen zurück. Vornehmlich auf unsere eigenen Erfahrungen, aber auch auf die Anderer, wo uns selbst solche fehlen. Nun ergibt sich aber eine Schwierigkeit: Gerade die Begriffe, die am umfassendsten und ältesten und damit für unser Denken am interessantesten sind, gerade diese können wir am schwersten erklären – denn unsere eigene lebendige Erfahrung reicht gerade mal einige Jahrzehnte zurück, ein Menschenalter höchstens. Ebenso die Erfahrung Anderer. Alles Dahinterliegende hat sich bereits der Möglichkeit unseres unmittelbaren Zugriffs entzogen, ist historisch und unwiederbringlich geworden. Die Erfahrung kann nicht mehr selbst erfahren, auch nicht mehr direkt kommuniziert und ausgetauscht werden. Bloß die Toten sprechen noch, in Schriftstücken, Artefakten, neuerdings auch in Video- und Tonaufnahmen. Das Vergangene ist erst jetzt wirklich Vergangenheit geworden – wo es nichts Lebendiges mehr gibt, das sich erinnert.

Diese „tote“ Vergangenheit ist es, die uns Probleme macht. Wir wissen nichts von ihr, haben nie etwas von ihr gewusst. Wir haben bloß das aufbewahrt, was von ihr geblieben ist und rekonstruieren sie nach unseren Vorstellungen, den Vorstellungen und Erfahrungen der Gegenwart. Wir können somit gar nicht anders, als die Vergangenheit perspektivisch zu verzerren.

Hinzu kommt, dass wir uns ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst sind und schnell dabei sind, diese zu bewerten und in ein Verhältnis zum Jetzt zu stellen. Der berüchtigte Satz „Früher war alles besser.“ reicht dabei aber meist nicht über die eigene lebendige Erfahrung hinaus. Darüber hinaus, so lautet für gewöhnlich die Annahme der Gegenwärtigen, „war früher alles schlechter“. Früher, da gab es keine Autos, kein Fernsehen, kein Internet, keine Staubsauger, keine Züge, keine Flugzeuge, keine moderne Medizin, keine Aufklärung, keinen wissenschaftlichen Fortschritt, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Demokratie, keine Gewerkschaften, keinen 8-Stunden-Tag, keinen Mittelstand, keinen Wohlstand, keine Vernunft, keine Autonomie, keine Individualität, keine Freiheit „sich auszuleben“.

Heute hingegen haben wir all das und noch mehr, wir Gegenwärtigen. Vor allem sind wir später, weiter, reifer – haben das Mensch-Sein viel länger erfahren. Die Menschheit heute ist erwachsen geworden, so meinen wir, hat sie doch den Aberglauben und die Kirche überwunden, ganz aus eigenem Antrieb, hat sich selbst aufgeklärt, emanzipiert und ist vernünftig geworden, nüchtern, sachlich, echt. Keine Träumereien mehr, keine Schwärmereien, keine Spekulationen – all das haben wir als Nonsens entlarvt und endlich verstanden, nach Jahrtausenden von Irrläufen, welche Weltauffassung die einzig richtige ist: unsere. Wie blind waren unsere Vorfahren! Sie glaubten sich im Besitz der Wahrheit! Aber sie wussten eben nicht, was wir wussten (unsere primitiven Urahnen hätten wahrscheinlich sogar Smartphones als gefährlich und schwarzmagisch eingestuft!). – Wir lächeln nachsichtig, unsere Augen funkeln im Glanz von kaum verhohlenem Überlegenheitsgefühl: Kindereien der Vergangenheit!

Was wir nicht begreifen: Wir selbst sind die Kinder. Wir sind die Nachgeborenen, die Späten und Verspäteten, und nichts ist uns fremder als die eigene Vergangenheit. Wir waren nicht zugegen bei der Geburt der Menschheit, wir sind nicht die ersten, sondern die letzten. Und solange wir stur den Blick nach vorne richten, ohne einmal wirklich zurückzublicken, wird es dabei bleiben. Wir sind so flach, wie wir ahistorisch sind – wir sind so tief, wie unsere Erinnerung reicht. Und wo sie nicht reicht – wo wir spekulieren und konstruieren müssen, um unsere Wurzeln zu erforschen – da dürfen wir nicht mit Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit auf das blicken, was vor uns war, nur weil es vor uns war – nur weil wir inzwischen aufgrund technischer Fortschritte über ein Wissen verfügen, das es so noch nicht gegeben hat. Wie steht es aber um das Wissen, das es einmal gegeben hat? Haben wir das nicht vergessen? Was können wir von der Vergangenheit wissen, wenn wir immer nur auf das Acht geben, was mit unserem Wissen kompatibel ist? Wenn wir immer nur den Wissens-Mangel sehen, statt das Wie des vergangenen Wissens zu erkunden und seine Andersartigkeit verstehen zu wollen?

Zum Leben selbst braucht es nur Gegenwart. Wollen wir aber gut, wollen wir besser leben, müssen wir erkennen wie. Dazu braucht es Vergangenheit, Erinnerung, Wieder-erkennen – im Jetzt bewusst sein, der Vergangenheit bewusst werden.

Vom alltäglichen Selbstbetrug

eisberg_lurvinkKünstler: Therese Lurvink-Ratti

„Die gewöhnliche Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall.“ (Nietzsche, Der Antichrist, In: Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce homo. Gedichte, Stuttgart: Kröner 1990, S. 266)

Oder: Erkenne dich selbst.

Ja, wir sind alle Lügner. Aber in einem anderen Sinne, als wir es üblicherweise annehmen. Der alltägliche Selbstbetrug wird gemeinhin in seiner Tragweite unterschätzt. Über hundert Jahre sind vergangen seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse und viel zu wenig haben wir aus ihren Erkenntnissen gelernt.

Der Gegensatz „bewusst – unbewusst“ ist eigentlich sehr einfach zu verstehen – jedenfalls in abstracto, indem wir im Nachhinein auf Geschehnisse zurückblicken, bei denen wir offenbar nicht „bei vollem Bewusstsein“, nicht „Herr über uns selbst“ waren; bei denen wir automatisch gehandelt haben. Das Unbewusste selbst dagegen kann nicht unmittelbar erfahren werden. Es verhält sich wie ein Ding an sich, bei dem wir immer nur seine Erscheinung wahrnehmen können – nämlich seinen Abdruck im Bewusstsein.

Hierin liegt das Problem: Das Unbewusste ist uns nicht bewusst. Es drängt sich nicht auf, es liegt stets im Hintergrund verborgen. So wird es schnell vergessen, das Ich auf das bloß Bewusste reduziert und damit der größte Teil unseres Geistes – die große Masse des Eisbergs – schlicht geleugnet. Im Resultat erhalten wir nicht nur ein stark verzerrtes Selbstbild, sondern auch das Bild unserer Umwelt leidet beträchtlich unter unserer selektiven Wahrnehmung: Denn wir verstehen nur das an der Welt, was wir an uns heranlassen, was wir durch die je eigene Brille unserer Persönlichkeit erfahren können. Die Welt erscheint uns in der Farbe unseres Charakters. Kennen wir seine Färbung nicht oder ist unsere Einschätzung darüber fehlerhaft, so können wir dies im Erkenntnisprozess und im Beurteilen der Dinge um uns nicht berücksichtigen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist unsere Charakterfärbung beispielsweise rot, so erscheinen uns alle Dinge der Außenwelt ebenfalls rot und wir übersehen schnell alles Blaue und Grüne. Kennen wir uns selbst, können wir zwar die rote Brille nicht ganz abnehmen, aber mittels unseres Abstraktionsvermögens feststellen, wie ein Ding ohne seinen Rotton aussehen sollte und uns darauf fokussieren, was nicht unmittelbar in unserem Spektrum liegt. Kennen wir uns selbst, so kennen wir auch unser Verhältnis zur Welt. Erst im geschärften Blick auf das, was wir selbst in der Welt sind, zeigt sich uns auch das Andere, das Nicht-Ich in all seiner Deutlichkeit.

Leider verhält es sich meist so, dass wir lediglich glauben uns zu kennen. Und so glauben wir auch die Welt zu kennen, dabei erscheint sie uns lediglich in einem besonderen Licht, das mit unserer Erwartung von der Welt übereinstimmt. Wir sehen zu oft nur das, was wir von uns sehen wollen – was uns in unserem positiven Selbstbild bestätigt. Oder, im umgekehrten Falle, wenn wir unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, was uns in unserem negativen Selbstbild bestätigt. Zu selten sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst – egal welch hohe Prinzipien der Aufrichtigkeit wir im Umgang mit anderen pflegen mögen, uns selbst lassen wir diese Ehre selten zu teil werden. Im Gegenteil, wo immer es uns nützt, belügen wir uns schamlos selbst.

Und wir müssen nicht mal gute Lügner sein. Die Verdrängung und das Glauben-Wollen, die Bequemlichkeit, die ein Gedanke mit sich bringt, der eine feststehende Ansicht bloß bestätigt, lassen die Lüge ganz von selbst erwachsen. Was nicht mit dem Bild zusammenstimmen will, das unser Bewusstsein von unserem Ich entwirft, wird tief ins Unbewusste abgeschoben. Wir lassen das Andere, das Unbequeme, das Unangenehme nicht zu.

Zum Beispiel halten wir uns für tolerant – nicht nur das, wir wollen mit aller Kraft tolerant sein (denn das predigt uns die öffentliche Meinung, aber das ist noch ein anderes Thema). Wir lassen also intolerante Gedanken und Gefühle gar nicht erst zu, spüren wir sie in uns aufflackern, drängen sie sofort zurück. Im Resultat verlernen wir langfristig, mit ihnen umzugehen, denn sie existieren für uns nicht mehr, dürfen nicht existieren. Wir verlernen überhaupt, was Toleranz heißt und was Intoleranz, verlernen den inneren Dialog mit uns selbst, mit dem Anderen in uns. Wir opfern alles der flachen Idee eines Ideals, das wir bald gar nicht mehr begreifen, weil wir uns nicht mehr begreifen. Wir sind nunmehr angewiesen auf einen Dritten, der für uns definiert, was es bedeutet; der uns sagt, wer wir sind.

Dabei ginge es anders: Den unbequemen Weg nehmen und sich vor sich selbst einmal völlig entblößen. Denn das Unbewusste ist nicht unerreichbar, es ist Teil von uns. Als solcher kann es sichtbar gemacht werden, es kann uns bewusst werden. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit auf sich selbst und das genaue Hinhören, Hinsehen. Es braucht bewusste Praxis und Übung. Gefühle, Intuitionen, vorsprachliche Gedankenfetzen können sichtbar gemacht und damit verstanden werden, indem man sie versprachlicht, sie vor sich hinstellt und nüchtern betrachtet. Ohne Scheu, ohne Scham vor sich selbst. Was es braucht, ist Mut, Entschlossenheit und den Willen, zu verstehen. Mut, das Hässliche in uns zu sehen, das wir verleugnet haben. Entschlossenheit, nicht wegzuschauen. Den Willen, das zu sehen, was ist, nicht mehr und nicht weniger – ehrlich zu sein mit sich selbst.

Der Lohn ist Klarheit. Klarheit von sich, im Guten wie im Schlechten. Und ein durch solche Übung geschärfter Blick bewirkt Klarheit auch im äußeren Weltbild. Wo man sich selbst bewusst geworden ist, gelernt hat, auch das Andere zu sehen, kann man mit neuem Bewusstsein auch ans Äußere herantreten. Neu ansetzen. Fragen dort stellen, dort zweifeln, wo man nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Sich mit dem flachen Schein nicht zufrieden geben. Genau sehen, nachbohren, entblößen, enthüllen wollen.

Ehrlichkeit einfordern.