Postfaktizität und Philosophie

merkel_la_philosophe_postfaktischMerkel la philosophe

Eigentlich war ich versucht, die Besprechung dieses neuen Unwortes dezent unter den Tisch fallen zu lassen, denn ich möchte ungern wiederholen, was an anderer Stelle schon häufig genug gesagt wurde. Redundanz ist wie Tröpfchenfolter. Dennoch will ich es nicht unterlassen, mich ihm zumindest von einem explizit philosophischen Standpunkt aus zu nähern, denn: Mit der Rede von der Postfaktizität ist die Erkenntnistheorie endlich in der Gesellschaft angekommen! Plötzlich philosophiert die ganze Welt darüber, was eigentlich „Fakt“ ist, was „Wahrheit“ bedeutet (im Englischen heißt es ja „post-truth-era“) und was wir wissen oder nicht wissen können oder sollen.

Ich finde das wunderbar. Denn der Begriff selbst lädt eigentlich schon zum Nachdenken ein: Warum eigentlich „post“? Und warum schon wieder ein „post“? Was heißt das eigentlich? Warum leben wir in einer Gesellschaft, die sich so gerne „nach“ etwas einordnet? Ist das nun gut oder schlecht, „später“ zu sein? Haben wir damit etwas gewonnen oder verloren? Oder beides? Ist das „Faktische“ nicht selbst per definitionem ein Vergangenes (factum ist schließlich PPP von facere, so viel weiß ich noch aus dem Latein-Unterricht)? Was bedeutet es, dass wir uns nach einem Vergangenen befinden, bedeutet es überhaupt irgendetwas? Und was ist dieses „Faktische“ denn überhaupt und warum kann man es offenbar mit „Wahrheit“ problemlos gleichsetzen?

Natürlich ist die ganze Sache alles andere als unproblematisch. Wie schon mehrmals an anderer Stelle angesprochen wurde, suggeriert der Begriff „postfaktisch“ oder „postfaktisches Zeitalter“, dass wir zuvor in einem „faktischen Zeitalter“ gelebt hätten, einer Zeit also, in der die Fakten vorherrschen. Diese Annahme als groben Irrtum und arrogante Anmaßung zu entlarven, dürfte dem aufgeklärten Geist nicht allzu schwer fallen. Der affirmativen Rede vom postfaktischen Zeitalter aber nach befinden wir uns dank social media, Verschwörungstheorien, Homöopathie, Populismus und Donald Trump mittendrin. Insbesondere die social media sind verantwortlich, vor allem Facebook – damit soll aber gar nicht der Konzern Facebook und seine finsteren Machenschaften kritisiert werden, nein, es geht um das soziale Instrument Facebook an sich und sein überaus bedrohliches Potential, „allgemein anerkannte“, harte wissenschaftliche Fakten und Wahrheiten zu zerstören und mit reichlich Hatespeech und bloßen, irrationalen Gefühlen zu ersetzen.

Die Zeit schreibt: „Wenn immer mehr Menschen in Deutschland „postfaktisch“ denken, also ihrem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken, dann gibt es dagegen nur ein Gegengift: noch bessere Daten, noch bessere Recherche.“ Aus diesem Satz lernen wir: „postfaktisch“ heißt: „seinem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken“ und dieses Verhalten ist „giftig“. Damit die armen infantilen Bürgerlein sich aber durch ihr stupides bloßes Gefühl nicht noch mehr vergiften, muss die (amtliche) Wissenschaft mit noch größeren Anstrengungen der Daten und Statistiken dagegenhalten. Diese Anstrengungen waren zwar schon sehr groß und die Daten und die Recherche waren schon sehr gut, aber es geht eben noch besser. Muss noch besser gehen, denn sonst ist alle Hoffnung auf das alleinige Gegengift, auf das einzige Heilmittel gegen postfacteritis malora verloren.

So weit, so unsinnig. Probieren wir mal, das Problem philosophisch aufzudröseln. Zugrunde liegt zunächst die altbekannte Unterscheidung zwischen absolutistischer und relativistischer Wahrheitsauffassung. Affirmative Vertreter der „Lehre von der Postfaktizität“ sprechen sich implizit für die Existenz einer absoluten Wahrheit aus und bauen darauf ihre Argumentation auf. Relativistisch-subjektivistische Ansätze werden gar nicht erst als gleichberechtigt in Erwägung gezogen, sondern kommen bloß in karikierend-verzerrter Form in der Argumentation vor, nämlich in Gestalt des sogenannten Postfaktischen, das eben dadurch schon von Anfang an diskreditiert wird, dass es immer – per definitionem – „irrational“ bleiben muss. Nun spricht an sich gar nichts gegen die Auffassung der Existenz einer absoluten Wahrheit. Die meisten Erklärungsansätze setzen eine solche zumindest implizit voraus, selbst Naturwissenschaftler und Relativisten (mögen sie sie auch nicht als solche bezeichnen, denn „absolute Wahrheit“ klingt eben irgendwie „esoterisch“ und religiös, und damit in Verbindung gebracht zu werden wäre rufschädigend.) Im Gegenteil, allein schon von einem pragmatischen Standpunkt aus ist es sinnvoll, von der Existenz „der“ Wahrheit auszugehen, denn: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ (frei nach Aristoteles) Wissen von dem, was ist, nicht (sekundär) von dem, was die Wahrnehmung der Summe aller Subjekte ist. Mag es auch „die“ Wahrheit an sich nicht geben, so ist es zumindest sinnvoll, davon auszugehen, wenn man auf der Suche nach ihr ist – wenn man wissen will, „was Sache ist“.

Es ist aber etwas anderes, schlicht zu leugnen, dass unterschiedliche Annäherungsversuche an diese „Wahrheit an sich“ existieren. Dass Subjektivität und Relativität in empirischen Felde dessen, was wir von der Wahrheit zu erhaschen meinen, eine sehr große Rolle spielen. Dass unser Wissen von der Wahrheit bedingt ist, bedingt sein muss – und sich als solches immer mehr oder weniger von der Wahrheit unterscheidet.

Es ist gleichfalls etwas anderes – und darum geht es eigentlich – zu leugnen, dass von der „amtlichen“ (s. o.) oder gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten Auffassung dessen, was Wahrheit ist, unterschiedene, aber ebenso mögliche alternative Auffassungen existieren können. Es ist etwas anderes, diese allein deshalb schon nicht in Erwägung zu ziehen, weil sie nicht „amtlich“ und (noch) nicht gesellschaftlich akzeptiert sind. Es ist schließlich etwas ganz anderes, zu behaupten, die gesellschaftlich anerkannte Auffassung von der Wahrheit sei nicht nur ein weiterer „Annäherungsversuch“, sondern sei mit der Wahrheit gleichzusetzen – und hierin liegt die große Anmaßung. Im Übrigen ist es widersprüchlich, implizit mit gesellschaftlicher Anerkennung zu argumentieren, wenn gerade diese Anerkennung durch nicht unerheblich große Teile der Gesellschaft infrage gestellt wird. Vom traditionell auch in der Philosophie anerkannten und noch immer herrschenden Vorurteil, „rational“ und „gefühlsmäßig“ strikt zu trennen und dabei das Gefühl als minderwertig (und „weibisch“ und „sinnlich“ und „schwach“) zu diskreditieren, will ich erst gar nicht anfangen, denn das würde hier zu weit führen.

Annahmen einer Absolutheit der (singulären) Wahrheit und der Relativität der (pluralen) Wahrheitsannäherungen schließen sich also gar nicht aus, dürfen als solche aber nicht miteinander gedankenlos vermengt werden. Gerade das geschieht aber gegenwärtig – und natürlich geht es in Wirklichkeit nicht um einen überzeugenden logischen Nachweis des „postfaktischen Phänomens“ oder um epistemologische Spitzfindigkeiten, sondern um Macht und Manipulation. Mehr noch, es geht wieder einmal um die enge Beziehung von Wahrheit und Macht, von Wissen und Macht und um Deutungshoheit und den alleinigen Anspruch auf Wahrheit.

„Postfaktizität“ ist die antinomische Antwort auf „Lügenpresse!“. Wo der Wutbürger in Dresden vor der Semperoper oder auf Facebook „seinen Gefühlen freien Lauf lässt“ und seine Wahrheitsauffassung frustriert herausschreit, da hält der Gut- und Bildungsbürger gesittet inne, um dann mit unnachahmlicher rhetorischer und intellektueller Gewandtheit im Sprachlabor des Feuilletons aus bewährten lateinischen Floskelzutaten ein neues Begriffsungetüm zu kreieren, das den Pöbel und sein unverständliches (weil dummes) Verhalten mal so richtig durchanalysiert. „Lügner!“ schallt es aber im Endeffekt aus beiden Richtungen her, im einen Fall jedoch so hübsch in Vernunft gebadet und in „wissenschaftlicher Anerkennung“ verpackt, dass dem rational gesinnten Zeitungsleser sofort klar sein sollte, wem er zu glauben hat, wenn er nicht im „Zeitalter des ungesunden Menschenverstandes“ (FAZ) den populistischen Volksverführern auf dem Leim gehen will, die nur darauf warten seinen durch zu viele Wahrheitsvarianten verwirrten Geist mit postfaktizitärem Gift einzunebeln. ( – Wie schön übrigens, dass wir uns mal wieder auf dem metaphorischen Begriffsgebiet der medizinischen Sprache bewegen, die wirkt noch am besten!)

Man verstehe mich nicht falsch. Natürlich sind die „Hass-Redner“ im Internet eine Gefahr. Wo erst einmal Misstrauen geweckt ist und vor allem Enttäuschung und Wut darüber, geblendet worden zu sein, ist es ein leichtes, sich in dieser Wut zu ergehen und aus der Erfahrung von Lügen umgekehrt fälschlich zu folgern, alles, was jemals in der „Lügenpresse“ thematisiert worden sei, verhalte sich „in Wahrheit“ genau gegensätzlich dazu. Insbesondere wenn dabei alte Vorurteile und -ahnungen bestätigt werden. Wenn „die Flüchtlinge“ positiv dargestellt wurden, dann sind sie in Wirklichkeit alle Verbrecher und Islamisten. Wenn Putin dämonisiert wird, dann ist er in Wirklichkeit ein friedliebender Humanist. Dieses Verfallen ins andere Extrem, in die Antithese, ohne den nächsten Schritt zur Synthese zu gehen, und die Bereitschaft, beim bloßen Empörungsgefühl stehen zu bleiben, sind tatsächlich gefährlich und werden von bestimmter Seite aus gezielt gebündelt und instrumentalisiert.

Was uns aber alle zu Recht empören sollte, ist überhaupt die Ansicht, egal von welcher Seite aus, mit der eigenen Weltauffassung alleinigen Anspruch auf die Wahrheit zu haben und den Menschen allgemein abzusprechen, diese selbst erschließen zu können. „Postfaktisch“ ist dabei nach „Verschwörungstheoretiker“ nur der nächste Kampfbegriff. Zur Versöhnung trägt er nicht bei. Den denkenden Menschen beleidigt er und den wütend-verstockten wiegelt er nur noch mehr auf.

Was er und ähnliche Begriffe – oder überhaupt eine offene Debatte über diese – aber leisten können – wenn auch indirekt – ist, wie ich oben schon andeutete, mehr zum Nachdenken und Über-das-Gewohnte-hinaus-Denken anzuregen. – Auch wenn „postfaktisch“ aus philosophischer Perspektive ein Unsinns-Wort ist, da diese ein willkürliches und unreflektiertes Verständnis von „Fakten“ oder gar „Wahrheit“ nicht akzeptieren kann, welches seine Bedeutung außerdem dahingehend dogmatisch einschränkt, dass „nicht-wissenschaftliche“ und „nicht-amtliche“ Herangehensweisen an die Wahrheit gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Vielmehr ist der Wahrheitsbegriff der Affirmatoren des postfaktischen Zeitalters zirkulär: Was als Wahrheit oder als Fakt gilt, das ist vorher fest definiert und bestätigt sich selbst, alles andere fällt gleich aus dem Kreis heraus.

Dennoch, der Begriff des Postfaktischen lässt sich fruchtbar machen: Versteht man das „Faktische“ nämlich als Ergebnis einer gesellschaftlich vorgegebenen, normierten Herangehensweise an die Wahrheit, so bietet uns der Eintritt ins „Postfaktische Zeitalter“ die Gelegenheit, diese endlich hinter uns zu lassen und sie retrospektiv nur als eine von vielen Möglichkeiten zu begreifen. So gesehen hat eine philosophische Perspektive auf das Faktische schon immer Postfaktizität eingeschlossen, war das philosophische Denken schon immer selbst genuin postfaktisch. – Nicht in einem zeitlichen, sondern in einem strukturellen Sinne, indem es nämlich an allgemein anerkannten Wahrheiten zweifelte und den Zweifel selbst dabei als Methode kultivierte. Das postfaktische Zeitalter, so verstanden, ist eine Chance, durch die direkte Konfrontation mit einer Bandbreite von Sichtweisen und Weltbildern eine eigene differenzierte Sichtweise zu entwickeln. Wir müssen bloß ehrlich dazu bereit sein, sie zu nutzen, anstatt uns mit einer Bipolarisierung der Gesellschaft zufriedenzugeben, weil wir uns unzweifelhaft und von Anfang an „auf der richtigen Seite“ wissen.

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Von Verallgemeinerungen und Vorurteilen

Wenn ich auf diesem Blog eine allgemeine Aussage treffe – und das kommt häufig vor – dann setze ich stillschweigend einiges beim Leser voraus. Zum Beispiel wenn ich eine Aussage treffe wie „Heute ist die Gesellschaft so und so beschaffen“, dann heißt das übersetzt: Ich habe aufgrund meiner Wahrnehmung und Erfahrung den subjektiven Eindruck (die Bandbreite reicht dabei von Vermutung bis Überzeugung), dass sich eine Sache überwiegend so und nicht anders verhält. Ich behaupte mit meiner allgemeinen Aussage nicht, dass sie absolut wahr ist und dass ich andere Positionen völlig ausschließe – schließlich habe ich mich schon oft getäuscht in der Vergangenheit und es wird wieder vorkommen. Ich behaupte außerdem nicht, dass Ausnahmen von dieser Aussage unmöglich sind, und wenn ich sie nicht explizit erwähne, bedeutet das nicht, das ich sie bewusst und mutwillig ausschließe.

Das Verrückte ist, dass heute gerade das oft unterstellt wird. Allgemeine Aussagen haben sich spätestens seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts per se verdächtig gemacht. Sie stehen im Verdacht, bloße Verallgemeinerungen zu sein, zu vereinfachen, zu nivellieren und zu diskriminieren. In spezielleren Fällen nennt man sie Vorurteile. In noch spezielleren Fällen Klischees.

Baue ich kein einschränkendes oder relativierendes Wortpartikelchen in meine Aussage ein, oder hänge sofort mehrere Neben- und Hauptsätze mit dran, die Ausnahmen von besagter Aussage aufzählen, habe ich nicht differenziert. Ich habe das, so eine weit verbreitete Annahme, entweder aus Ignoranz oder aus böser Absicht getan – denn wenn ich um Ausnahmen weiß und sie nicht erwähne, halte ich sie offenbar für unwichtig und damit für minderwertig. Oder: Ich bin naiv und bemitleidenswert, denn ich sehne mich nach „Vereinfachung“ in einer „zunehmend komplexer werdenden Welt“ – ich habe offensichtlich nicht verstanden, dass die Welt so komplex (geworden) ist, dass man sie gar nicht verstehen kann! Ist doch klar, das lässt sich in jedem zweiten Feuilleton-Artikel nachlesen. Die Wirtschaft kriselt und es gibt eine einfache Erklärung dafür? Armut und Kriminalität – das lässt sich in einem Satz begründen? Kann gar nicht sein, denn: zu einfach! Einfache Erklärungen sind notwendig falsche oder zumindest schlechte Erklärungen, so der Tenor, denn sie lassen Einzelfälle einfach außen vor.

Offensichtlich herrscht eine nicht kleine Verwirrung darüber vor, was eigentlich Erklärungen und Aussagen bzw. Urteile so ausmacht. Zunächst: Urteile sind ihrem Wesen nach immer allgemein, sie können lediglich durch zusätzliche Bedingungen weiter eingeschränkt werden (damit meine ich nicht Aussagen wie: „Dieser Stuhl hat vier Beine.“) Behaupte ich zum Beispiel „Vögel können fliegen.“, so habe ich damit eine gängige oder „normale“ Eigenschaft von Vögeln beschrieben – obwohl ich weiß, dass es durchaus Vögel gibt, die nicht fliegen können. Ich habe nicht gesagt: „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“, sondern meine Aussage hat lediglich den Normalfall, die Regel beschrieben. Damit habe ich aber gerade nicht Ausnahmen ausgeschlossen, sondern implizit eingeschlossen. Es ist eine Binsenweisheit: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Aber es stimmt: Die Ausnahme bestätigt tatsächlich die Regel, die Regel ist sogar notwendig durch die Ausnahme bedingt und umgekehrt. Wir können gar nicht Regelmäßigkeiten beschreiben ohne dabei Ausnahmen mitzudenken, denn sonst wären es nicht Regelmäßigkeiten, sondern Absolutheiten, die so (bis auf Ausnahmen…) gar nicht real vorkommen.

Dennoch wird eine solche Aussage heute häufig missverstanden. Es wird unterstellt, „Vögel können fliegen.“ sei gleichbedeutend mit „Alle Vögel, ohne Ausnahme, können fliegen.“ und man habe damit nicht nur eine falsche und ignorante Aussage getroffen, sondern mehr noch, man habe alle Ausnahmen dabei benachteiligt und ausgegrenzt. Man habe dabei gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass jeder Vogel, der nicht fliegen kann, gar kein „normaler“ und damit „richtiger“ Vogel sei, sondern eben ein „komischer Vogel“ (entschuldigt den schlechten Witz, liebe Leser).

Völlig unverfroren wird hier also mal wieder von Sein auf Sollen geschlossen, ein sehr beliebter logischer Fehler. Problematisch sind dabei natürlich die Wörter „normal“ und „Regel“ selbst, denn sie legen eine Vorschrift, ein Sollen nahe, auch wenn sie im alltäglichen Sprachgebrauch häufig nicht so benutzt werden, sondern lediglich, wie oben beschrieben, den üblichen, überwiegenden oder gängigen Fall meinen (ähnlich verhält es sich übrigens auch mit „Sitte“ und „Sittlichkeit“). Wollen wir also, trotz aller allgemeiner Aussagen, präzise sein und Missverständnisse vermeiden, ist es hilfreich, weitestgehend auf diese Begriffe zu verzichten, da sie durch ihre ambivalente Deutung das eigentliche Problem, eben den logischen Fehlschluss, verschleiern.

Dieser besteht aber in der Annahme, dass ein beschreibendes Urteil mit einem wertenden oder gar normativen Urteil identisch sei. Das ist es nicht. Ich habe durch meine Aussage nicht gleichzeitig ausgedrückt, dass alle nicht-fliegenden Vögel minderwertige Vögel seien und ihre Art also weniger schützenswert sei. Ich habe lediglich festgestellt, dass es meiner Erfahrung nach für Vögel üblich ist, fliegen zu können – mit Ausnahmen.

Das Problem besteht aber weiterhin darin, dass der Weg von einer deskriptiven zu einer normativ-wertenden Aussage nicht weit ist und viele Menschen eine deskriptive Aussage zum Anlass nehmen, diese normativ zu werten (was, wie gesagt, einen logischen Fehlschluss darstellt). Ein weiterer Schlüsselbegriff ist hier auch der des „Natürlichen“. Es sei „natürlich“ für Vögel zu fliegen, denn das tun sie üblicherweise, das habe ich beobachtet. Also folgt daraus, sei es „unnatürlich“ für Vögel nicht zu fliegen und das wiederum sei falsch, weil „wider die Natur“. Diesem Schlussgebilde liegen besondere Annahmen zugrunde, nämlich: 1.) „Die Natur“ schreibe normativ vor, was richtig sei und 2.) sie tue das, indem sie die überwiegende Zahl einer Spezies (z.B. der Vögel) mit der „richtigen“ Eigenschaft ausstatte, eine Minderzahl aber ausspare. Das sei ihr Weg, uns zu demonstrieren, was die Norm und was zu tun sei. Der Gedanke, dass die Natur vielleicht ihr gesamtes Potential erst ausschöpfen kann, indem sie auch die Ausnahme schafft und somit überhaupt erst ein vielfältiges Spektrum entsteht, dass sie als Natur wahrhaft vollkommen macht, kommt hier nicht vor. Denn „die Natur“ als Gesamtheit allen Lebens wird in diesem Schluss gleichgesetzt mit „der Natur“ im Sinne einer bestimmten Wesenseigenschaft („Es ist die Natur des Vogels, dass …“). Als Folge entsteht eine Hierarchie, bei der die eine (übliche, gängige) Eigenschaft höher gewertet wird als die andere (die Ausnahme), da sie als mit dem „Gesetz“ der allmächtigen Natur, die alles bestimmt, identisch gesetzt wird.

Wir sehen hier schon, eigentlich müsste man auch heute noch „Gott“ statt „Natur“ setzen, wenn es um solche Zusammenhänge geht, denn viel zu sehr ist unser Denken durchdrungen von autoritären Strukturen, die überall ein Gebot, ein Gesetz oder eine Vorschrift erwarten, wo eine bloße Regelmäßigkeit herrscht. Nein, eigentlich müssten wir sagen: Wo eine bloße allgemeine Struktur wirkt und das Mannigfaltige durchdringt. Ordnung und allgemeine Strukturen sind eben nicht überall gleichbedeutend mit Herrschaft und erwarten im Gegenzug von uns Gehorsam, auch wenn unser Geist hierauf seit Jahrtausenden trainiert ist und wir aus unserem Alltag nichts anderes gewohnt sind.

So viel also in Kürze zu den möglichen Ursachen für den oben aufgeführten logischen Fehlschluss. Wir können also feststellen: Eine derartige allgemeine Aussage enthält die Möglichkeit oder gar die Gefahr (wenn aus ihr konkrete, falsche Handlungen abgeleitet werden) einer normativen Wertung. Sie enthält aber nicht zwingend eine Wertung, sondern kann vielmehr lediglich ein Versuch sein, besagte komplexe Welt zu verstehen, indem allgemeine Strukturen in entsprechenden Aussagen festgehalten werden. Verstehen aber, und das ist wichtig, heißt eben Zusammenhänge erkennen, nicht Differenzen aufdecken. Zwar sollen und müssen wir den Weg der Differenzierung gehen, um zu verstehen, die Dinge auseinanderhalten, um uns ihrer Besonderheit bewusst zu werden. Aber eben zu dem Zweck, sie innerhalb eines größeren Zusammenhangs richtig einordnen zu können. Der letzte Schritt im Verständnisprozess ist immer synthetisch, nicht analytisch. Es sind Allgemeinheiten, allgemeine Strukturen, die im Verstehen erkannt werden. Misstrauen wir dem allgemeinen Urteil überhaupt und unterstellen ihm eine implizite Abwertung des Nicht-Allgemeinen, gefährden wir langfristig unsere Verständnisfähigkeit. Genau das aber passiert: Das allgemeine Urteil ist per se verdächtig, weil wir uns nicht von unseren autoritären Denkmustern lösen können.

Noch ein paar Worte zum Vorurteil. Das Vorurteil unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Urteil dadurch, dass es verfrüht getroffen wird – auf einer unzureichenden Erfahrungsbasis, die das Urteil mitunter erheblich verfälschen kann. Es steht dem oft gepriesenen „fundierten Urteil“ (wofür meist „Experten“ zuständig sind) entgegen. Doch wo endet das Vorurteil, wo fängt das fundierte Urteil an? Wie viel Erfahrung, wie viele empirische Daten brauchen wir, um ein richtiges Urteil zu treffen? Sehr streng genommen muss jedes Urteil letztlich Vorurteil bleiben, denn unser Erfahrungshorizont endet nicht, er könnte beständig erweitert werden. Andererseits kann er niemals vervollständigt werden, denn wir als „endliche Vernunftwesen“, wie es bei Kant so schön heißt, haben nunmal begrenzte Kapazitäten. Hinzu kommt, dass manche Menschen auf der Grundlage scheinbar gleicher „Daten“ unterschiedlich richtige Urteile treffen. Manche haben ein präziseres Auge oder auch ein „gutes Gespür“, dass ihnen trotz dünner Erfahrungsbasis zu einem richtigen Urteil verhilft (freilich ist das ein riskantes Unterfangen). Tatsächlich sind die meisten unserer Urteile Vorurteile, denn in vielen Wissensgebieten ist es uns gar nicht möglich, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Und urteilen müssen wir, denn die Alternative hieße blind zu glauben.

Genau so wie wir nicht vorschnell urteilen sollten, sollten wir auch nicht vorschnell Urteile als „bloße Vorurteile“ abtun, wenn sie nicht mit unserem eigenen (Vor-)Urteil übereinstimmen. Denn wie genau können wir wirklich die Erfahrung und Urteilskraft des anderen einschätzen? Umgekehrt ist es gefährlich, „Expertenmeinungen“ vorbehaltlos als vorurteilsfrei zu akzeptieren.

Insgesamt schadet die Tabuisierung des Vorurteils, und auch des allgemeinen, scheinbar notwendig verflachenden Urteils einem vernünftigen öffentlichen Diskurs. Denn wie überhaupt bei allgemeinen Aussagen wird auch dem Vorurteil häufig sofort eine böswillige Absicht des Urteilenden unterstellt. Dabei ist es tatsächlich möglich, ein Vorurteil zu haben, sogar zu „heiklen“ Themen wie gesellschaftlichen Minoritäten, ohne dabei eine böse Absicht zu hegen und jemanden mutwillig beleidigen oder diskriminieren zu wollen. Es kann schlicht das Wissen fehlen. Ignoranz ist kein Vergehen. Wird sie aber dem Urteilenden vorgeworfen oder diese Möglichkeit gar überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen (sondern die böse Absicht als alleinige Option vorgestellt), dann führt das schnell zu Verwerfungen und verhärteten Fronten. Die eine Seite sieht sich zu unrecht beschuldigt, bevormundet und einer „Meinungsdiktatur“ ausgesetzt, was wiederum häufig zu Trotzreaktionen und damit zu wirklichen Beleidigungen und Diskriminierungen führt. Die andere Seite, ein Leben lang Opfer gewesen, hat bloß gelernt, den Anderen als Täter zu sehen und sieht gar nichts anderes mehr; durch die provozierten Trotzreaktionen fühlt sie sich dann wiederum bestätigt. Dabei ist eben nicht jede gefühlte Diskriminierung eine Diskriminierung. Entscheidend ist die Absicht und der Ton des Urteilenden. Abfällige, abwertende Äußerungen sind als solche in der Regel erkennbar. Und selbst mit negativen Vorurteilen und Klischees lässt sich spielerisch und (selbst-)ironisch umgehen, solange sie nicht gehässig werden. Wo sich dennoch eine Diskrepanz zwischen gefühlter Diskriminierung und fehlendem Bewusstsein von Diskriminierung einstellt, lässt sich auch zumindest theoretisch vernünftig miteinander reden, ohne dass sofort Vorwürfe fallen.

Leider sind wir von einer vernünftigen Diskussionskultur weit entfernt. Das heftige Misstrauen gegenüber allgemeinen Urteilen und Vorurteilen ist Symptom einer verunsicherten Gesellschaft: Altes gilt nicht mehr, Sicherheit gibt es nicht mehr, also ist alles, was Sicherheit vermeintlich suggeriert – allgemeine Aussagen, einfache Erklärungen – an sich verdächtig. Eine wohl proportionierte und berechtigte Vorsicht gegenüber vorschnellen Aussagen ist einer irrationalen Angst gewichen. Überall wittert man das Böse, wo nicht explizit versichert wird, dass es sich dabei nicht um den Teufel handelt (als wäre das Kriterium!). Der Teufel selbst wird nicht mehr als der Zersetzende (der „Differenzierende“) empfunden, sondern wer nach Gemeinsamkeiten sucht, ist des Teufels. Wehe dem, der vorschnell eine Gemeinsamkeit postuliert! Es könnte sich dabei um Rassismus oder Sexismus handeln! Also steinige man ihn lieber gleich, ohne genauer hinzusehen, er könnte ja gefährlich sein! So stürzen sich alle Wächter der vermeintlichen Toleranz und Offenheit auf Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Ob wirklich ein „Toleranzvergehen“ vorlag, ist Nebensache. Derweil lachen sich die wahren Verursacher und Bewahrer der ganzen gesellschaftlichen Misere ob dieser Spiegelfechterei ins Fäustchen, denn an gravierenden sozialen Problemen – den eigentlichen Verursachern von Diskriminierung und Intoleranz – wird nicht gerührt, die Aufmerksamkeit liegt woanders.

Anmerkung: Anlass für diesen Text war unter anderem die ernsthafte Auffassung gewisser Kreise der Gender Studies, man solle es doch besser ganz aufgeben, den „Menschen“ philosophisch definieren zu wollen, also die Sache mit der Anthropologie ganz sein lassen – man könnte ja versehentlich jemanden dabei diskriminieren.

Link: NEON-Redakteur als „Spion“ bei Russia Today

Interessantes Aufeiandertreffen zweier Weltbilder: Martin Schlak gab sich drei Wochen lang als Praktikant bei RT Deutsch aus. Am Ende wurde ihm sogar ein Job angeboten. Jetzt ist im NEON-Magazin sein „Enthüllungsbericht“ erschienen. RT Deutsch reagierte gestern mit einer Erwiderung. Eine nette Abwechslung: Auf beiden Seiten wurde diesmal keinerlei Gift versprüht.

Der Link führt zur Erwiderung von RT, ein Scan des Originalberichts findet sich ganz am Ende.

Hier geht es weiter zu beiden Artikeln.

„Verschwörungstheoretiker“ – Analyse eines Begriffs

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TL;DR: Es ist falsch und heuchlerisch, Verschwörungstheoretiker pauschal als „Spinner“ zu verurteilen. Die Aufdeckung realer Verschwörungen, und damit die Wissenschafts- und Pressefreiheit, wird durch Tabuisierung des Verschwörungsbegriffs behindert. Andersdenkende dürfen nicht mit dem Stigma des Verschwörungstheoretikers lächerlich gemacht werden. Statt in den Chorus der Diffamierung blind miteinzustimmen, ist es geboten selbst zu denken.

 

In letzter Zeit scheint der Begriff des „Verschwörungstheoretikers“ im öffentlichen Diskurs nahezu inflationär gebraucht zu werden. Daher möchte ich im Folgenden eine kleine Begriffsanalyse vornehmen.

Was ist ein Verschwörungstheoretiker? Ein Verschwörungstheoretiker ist jemand, der Verschwörungstheorien vertritt, so viel steht fest. Was aber ist unter „Verschwörungstheorie“ eigentlich genau zu verstehen? Hier lassen sich mindestens zwei Dimensionen der Bedeutung unterscheiden.

Da wäre zunächst die wörtliche Bedeutung: Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie, also ein gedankliches Konzept, von einer Verschwörung. Sie behauptet als Ursache für bestimmte gesellschaftliche oder politische Ereignisse eine Verschwörung, also eine geheime Absprache zwischen mehreren Personen, die sich durch bestimmte, Außenstehenden nicht zugängliche Pläne einen gemeinsamen Vorteil erhoffen, meist zum Nachteil Anderer (daher die Geheimhaltung) – sie schwören sich auf etwas ein. Die Verschwörungstheorie erklärt Ereignisse somit durch bewusste Kalkulation und Manipulation bestimmter mehr oder weniger mächtiger, also einflussreicher, Personen. Nach dieser Definition dürfte man beispielsweise geheime Preisabsprachen unter großen Unternehmen zu den Verschwörungen rechnen – auch wenn das meist nicht geschieht. Warum nicht?

Die Ursache dafür ist in der zweiten, negativ-wertenden Bedeutung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zu suchen. Auf dieser Bedeutungsebene erscheint die Verschwörungstheorie als etwas per se Anrüchiges, Unvernünftiges, Irrationales, als Spinnerei. Sie stellt das Gegenteil einer wissenschaftlichen Theorie dar, welche sachlich, objektiv und nüchtern nach Erklärungen für Phänomene sucht. Eine Verschwörungstheorie ist hier immer vereinfachend und basiert auf bloßen Gefühlen, Wünschen und Vermutungen, niemals aber auf Fakten. Sie sieht nie den Zufall, sondern stets „geheime Mächte“ am Werk. Sie liefert nicht die wahrscheinlichste (langweilig-alltägliche!) Erklärung, sondern die sensationellste, abwegigste.

Eine Verschwörungstheorie in dieser Bedeutung kann somit nur von einer Person ernsthaft vertreten werden, mit der irgendwas nicht stimmt, die geistig in irgendeiner Weise angeschlagen oder gar krank ist, da sie offensichtlich nicht in der Lage ist, vernünftig zu urteilen – von einem Verschwörungstheoretiker also. Hier wird es nun sehr schnell persönlich-herabsetzend bis beleidigend: Verschwörungstheoretiker sind Spinner, voller Hass (FAZ), „sehen überall Lügen“ (ebd.), sind „paranoid“ und „populistisch“ (FAZ) , „wahnsinnig“ (Zeit) und „ideologisch“ (TAZ), „verstört“ und verbreiten „absurde“ (Spiegel) und „wilde Geschichten“ (Süddeutsche).

Die Front gegen Verschwörungstheorien und ihre Vertreter scheint gesamtgesellschaftlicher Konsens zu sein, jedenfalls wenn man einer Stichprobe im „Spektrum“ der sogenannten Leitmedien von FAZ bis TAZ folgt. Erschreckend ist dabei das Niveau, auf dem gegen Verschwörungstheoretiker argumentiert wird, nämlich meist selbst dermaßen irrational, unlogisch und dabei noch herablassend-verhöhnend, dass es beim Lesen wehtut. Schnell ist man dabei, sich genau der Methoden zu bedienen, die man gerade noch an den Verschwörungstheoretikern kritisiert hat. Ab und an kommt es sogar vor, dass mit eigenen Verschwörungstheorien gekontert wird. Besonders beliebt ist die Theorie, dass das Verschwörungsgeschehen vom Kreml aus gesteuert wird, um die Menschen im Westen in ihren „westlichen Werten“ zu verunsichern (Zum Beispiel in diesem FAZ-Artikel).

In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen „orthodoxen“ und „heterodoxen“ Verschwörungstheorien hilfreich, welche im (empfehlenswerten) Band „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens“ (Wiesbaden, 2014) von den Herausgebern Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter eingeführt wird: Bei orthodoxen Verschwörungstheorien handelt es sich dabei um solche, die von der Allgemeinheit akzeptiert und vertreten werden, bei heterodoxen um solche, die nur eine Minderheit vertritt. Eine Theorie, die behauptet, dass Al-Quaida sich verschworen hat, die Anschläge vom 11. September zu verüben etwa wäre eine orthodoxe Verschwörungstheorie, eine Theorie, die stattdessen behauptet, es sei die CIA gewesen, eine heterodoxe.

Im oben geschilderten Fall wird also einer heterodoxen Verschwörungstheorie (oder genauer: überhaupt Verschwörungstheorien) eine orthodoxe Verschwörungstheorie entgegengesetzt. Der Unterschied liegt darin, dass man eine orthodoxe Verschwörungstheorie für gewöhnlich nicht so nennen würde, da die negativ-wertende Bedeutungsebene in der öffentlichen Meinung vorherrscht. Die Reduktion des Begriffs auf diese Ebene engt aber den Blick auf das gesamte Bedeutungsspektrum des Begriffs ein und birgt nicht geringe Gefahren in sich. Zum Beispiel werden so alle Theorien, die Geschehnisse mit Verschwörungen zu erklären suchen, pauschal verurteilt und in die Nähe von „Spinnerei“ gerückt – unabhängig davon, ob sie rational argumentieren oder nicht. Der Begriff „Verschwörung“ selbst erhält eine anrüchige Färbung, wird tabuisiert. Im Resultat meiden Wissenschaftler oder Journalisten Erklärungsansätze, die Verschwörungen als Ursache vermuten – sie wollen oder können ihre Reputation nicht riskieren, von der auch ihr finanzielles Auskommen abhängt. Das Risiko, als Verschwörungstheoretiker dauerhaft gebrandmarkt zu werden ist zu groß (und tatsächlich greift hier die Metapher der Brandmarkung gut, ein Stempel ist schließlich abwaschbar). Der Verschwörungstheoretiker ist die personifizierte Unwissenschaftlichkeit und Unseriosität – sicherer ist es also, sich theoretisch gar nicht erst in die Nähe von Konzepten zu begeben, die bereits „verschwörungstheoretisch besetzt“ (also von Spinnern dominiert) sind. Hierdurch werden auch ganze Themenkomplexe an den Rand der akademischen Auseinandersetzung verdrängt und isoliert. Ein Zirkel entsteht: Was einmal mit dem Label „verschwörungstheoretisch“ versehen wurde, wird von der Wissenschaft lieber gar nicht erst angefasst und so bleibt und gedeiht ein Thema ausschließlich im außerakademischen Bereich, wo es eben mangels der Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Kontrolle möglicherweise in der Erklärung noch groteskere Blüten treibt, sodass es für die Wissenschaft erst recht zum Tabu wird usf.

Die Haltung vieler Wissenschaftler, Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungstheorien ohne vorherige Nachforschung pauschal zu verurteilen, entlarvt auch ihre Doppelmoral im Hinblick auf „Wissenschaftlichkeit“, zu der eine pauschale Verurteilung eben eigentlich nicht zählen sollte. Es entlarvt auch ihre Engstirnigkeit und ihr dogmatisch verkrustetes Weltbild, in dem „das Andere“ nur Platz findet, solange es das bisherige Weltbild bestätigt. Dabei sollten sich Skepsis und Offenheit, kritisches Nachfragen und wahre Neugier in der Wissenschaft ergänzen, vor allem aber Mut anstelle von Kleingeistigkeit treten, um echte Freiheit der Wissenschaft entstehen zu lassen – ein hehres Ideal, dass durch die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaftler leider so gut wie unmöglich gemacht wird.

Die fast durchgängig einheitlich abwertende Meinung der etablierten Medienorgane in Bezug auf Verschwörungstheorien entlarvt ebenso eine erschreckende Uniformität der Medienlandschaft – die Vorwürfe gegen die Wissenschaft lassen sich dabei problemlos übertragen, allen voran wieder die Doppelmoral: Wo Vorurteile gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen zuvor aufs Schärfste verurteilt wurden (zu Recht!), findet man gleich daneben einen Artikel, der vor diffamierenden Vorurteilen gegenüber den „Verschwörungstheoretikern“ nur so überquillt, verleumdende Aussagen eingeschlossen. Besonders gerne wird die Verbindung zu Rechtsextremismus und Antisemitismus gezogen. Die Logik funktioniert dabei meist so: 1.) Es gibt rechtsextreme/antisemitische Verschwörungstheoretiker. 2.) Also sind alle Verschwörungstheoretiker rechtsextrem/antisemitisch. (Aristoteles würde sich im Grabe umdrehen) Konkret auch: Auf einer Demo mit verschwörungstheoretischen Inhalten wurden unter anderem Nazis gesichtet (oder was man heute so alles „Nazi“ tauft). Nazis finden offenbar verschwörungstheoretische Inhalte gut. Also müssen diese schlecht/falsch und ihre Vertreter auch Nazis oder jedenfalls irgendwie mit diesen assoziiert sein.

Wenn ein Inhalt nur lange genug mit einem solchen in Verbindung gebracht wird, der Unbehagen hervorruft, wird es nicht lange dauern, bis man beim ersteren, der vielleicht völlig wertneutral ist, bald auch Unbehagen spürt – einfache Konditionierung. Nehmen wir etwa an, es wäre ein Hauptmerkmal von Nazis, die Natur und alles Grüne wunderbar zu finden (und tatsächlich gab und gibt es ja da eine Neigung, Stichwort Blut-und-Boden-Ideologie). Würde uns nur lange genug diese Verbindung vor Augen gehalten, schon bald würden wir anfangen (unbewusst, versteht sich) überhaupt alle enthusiastischen Appelle für Natur-Bejahung misstrauisch zu beäugen – es könnten ja Nazis dahinterstecken!

Leider passiert in der medialen Berichterstattung genau das: Verschwörungstheorien und ihre Vertreter werden immer wieder in Zusammenhang mit Rechtsextremismus gebracht, ohne dabei zwischen tatsächlich Rechtsextremen und eindeutig nicht Rechtsextremen zu unterscheiden. In diesem FAZ-Artikel etwa geschieht das im Falle Jürgen Elsässer und Ken Jebsen („der Mann mit den wütenden Augen“). Liest man Elsässers Blog, kann einem leicht schlecht werden, wenn z.B. von „Flüchtlingsbesoffenheit“ oder „Rapefugees“ die Rede ist. Hört man Jebsen zu und überwindet anfängliche Vorurteile, was Aussehen und Stimmlage betrifft (die „wütenden Augen“), merkt man schnell, dass da mit „Rechts“ gar nichts ist, mit Antisemitismus ebensowenig und der Mann bei aller Neigung zu Wasserfall-Redeschwall und Empörungsrhetorik eine sehr gute Sendung macht, bei der er interessante Leute interviewt und diese auch noch ausreden lässt. Trotzdem kann es sein, dass beide bei aller Unterschiedlichkeit bestimmte Positionen teilen – das macht sie eben noch nicht gleich (vgl. oben).

Übrigens beruht der Antisemitismus-Vorwurf meist auf einem ähnlichen logischen Fehlschluss wie dem oben ausgeführten und offenbart darüber hinaus eher die unbewusste antisemitische Haltung desjenigen, der den Vorwurf erhebt, als dass er den Beschuldigten überführt: Kritisiert eine Person z.B. Israel (und damit ist die israelische Regierung gemeint – wohlbemerkt hat eine Regierung leider meist nur sehr wenig mit den Menschen gemein, die sie regiert) oder, etwas allgemeiner, gewisse steinreiche Banquiersfamilien, so hat sie damit in den Augen mancher schon eine antisemitische Äußerung getan – denn den so kritisierten Personen kommt nun einmal auch die Eigenschaft „jüdisch“ zu, ganz gleich ob die Kritik etwas mit dieser Eigenschaft zu tun hatte oder nicht. Wir brauchen nun eigentlich gar kein logisches Propädeutikum durchlaufen zu haben, um zu sehen, dass hier etwas falsch läuft. Es darf nicht sein, dass wir Menschen diffamieren, weil sie jüdisch sind. Es darf aber auch nicht sein, dass wir Menschen, die vielleicht große Verbrechen begehen, dafür nicht kritisieren dürfen, weil sie jüdisch sind.

So aber reiht sich der Begriff des „Antisemiten“ neben den des „Nazis“ und des „Spinners“ ein in eine Reihe von Begriffen, die inzwischen so inflationär gebraucht werden, dass nach inhaltlicher Entsprechung meist verzweifelt gesucht werden muss – zu sehr zielen sie häufig lediglich nur darauf ab, Personen zu diskreditieren. Umso schwerer fällt es, den tatsächlichen Antisemiten und tatsächlichen Nazi oder auch den tatsächlichen „Spinner“ – wobei man diese Bezeichnung an sich eigentlich schon aus Gründen der Menschlichkeit einfach sein lassen könnte – zu identifizieren. Zusammen bilden sie eine Kette von Eigenschaften, die dem Verschwörungstheoretiker angeblich zukommen.

Warum ruft ein solches Verhalten der Medien nicht mehr Kritik hervor? Was treibt Menschen dazu, einerseits Toleranz zu predigen, andererseits die Sache mit der Toleranz gegenüber bestimmten Menschengruppen nicht ganz so ernst zu nehmen – eigentlich eine unerträgliche Heuchelei? Der Fall zeigt, wie sehr wir Menschen Herdentiere sind und bei aller angeblicher Individualität (die Postmoderne! das Individuum!) es noch immer vermeiden, gegen den Strom zu laufen, sobald es unangenehm werden könnte. „Der Verschwörungstheoretiker“ darf als solcher verleumdet werden, ohne das jemand großartig daran Anstoß nehmen würde, weil er am Rande der Gesellschaft steht und als „aussätzig“ gilt – er gehört einer Minderheit an, zudem einer Minderheit, die einen sehr schlechten Ruf genießt. Der Mensch als Herdentier wendet sich also instinktiv von einem so gebrandmarkten ab, erwidert nichts, erhebt keinen kritischen Einwand oder stimmt sogar in die Tirade mit ein, um besonders authentisch zu beweisen, dass er nicht dazugehört zum Aussätzigen, zum Kranken („Geistesgestörten“) und mit diesem nicht in Berührung kommen will. Er ist normal, gehört zu den Normalen, gehört zur Herde. Die Angst des Einzelnen, aus der Gruppe verstoßen zu werden, zeigt sich hier sehr deutlich. Zu tief sitzt sie, die Urangst vor der Isolation, vor dem Alleinsein, vor dem Ab-artig-Sein. Und der Urinstinkt, in der Gruppe eine Einheit zu bilden ist dabei gar kein schlechter, er sichert den Zusammenhalt, stärkt die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft jedoch das Falsche tut, wird es gefährlich. – Wir kennen diesen Mechanismus, wir haben ihn gelernt – schon in der Schule bei der Mobbingprävention. Dennoch fällt es uns oft sehr schwer, ihn außerhalb der auswendiggelernten Kontexte verwirklicht zu sehen.

Weshalb aber dieses emphatische Plädoyer für Verschwörungstheorien, ist die Kritik daran nicht berechtigt? Als ich einmal viel Zeit hatte, habe ich mich in den digitalen „Sumpf“ (dieser Ausdruck ist durchaus treffend) der Verschwörungstheorien begeben, um eben genau das herauszufinden. Mein Fazit: Das Spektrum der Verschwörungstheorien (in der wörtlichen Bedeutung) reicht tatsächlich von „völlig verrückt“ bis „überhaupt nicht verrückt und vollkommen rational“, es reicht von der Vorstellung, dass Alien-Reptilienmenschen unter uns leben und seit Ewigkeiten das Weltgeschehen steuern bis zu präziser und umsichtiger Kritik an der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 9/11 (ich denke hier vor allem an den Schweizer Publizisten und Historiker Daniele Ganser). Tatsächlich ist die Welt der Verschwörungstheorien so bunt, dass sich hier alles versammelt, Gutes wie Schlechtes, Wahres und Falsches, Plausibles und Unwahrscheinliches, jede nur denkbare Vorstellung und Erklärung, Wissenschaftliches, Spirituelles, Religiöses, Rationales, Emotionales, Ekelhaftes und Verachtenswertes (die üblichen Phantasien von der Herrenrasse z.B.), aber auch Interessantes und Aufrüttelndes. Niemand sagt einem, was davon tatsächlich stimmt (bzw. alle tun es), man ist auf sich selbst gestellt. Man bringe Zeit und Geduld mit, aber auch eine gehörige Portion Offenheit und Skepsis, und man kann das Selbst-Denken neu lernen. Ganz praktisch wird man schließlich vor eine urphilosophische Herausforderung gestellt: Wem glaube ich? Was glaube ich? Was weiß ich? Was kann ich wissen? Man kann am Ende gar nicht anders, als dem eigenen Urteil zu vertrauen – und dieses, bereinigt von allem Autoritäts-Glauben, ist die einzige Sicherheit, die wir haben.

Mein Appell also: Man bilde sich ein eigenes Urteil. Man sei offen gegenüber sogenannten „Verschwörungstheorien“, auch wenn sie im ersten Moment abstrus klingen mögen. Man sei besonders skeptisch gegenüber dem Altbewährten und Selbstverständlichen, gegenüber der Mehrheitsmeinung, und stelle bewusst kritische Fragen. Man suche sich aber auch nicht umgekehrt „auf der anderen Seite“ neue Autoritäten, sondern hinterfrage auch hier wieder kritisch. Man prüfe Quellen nach. Man halte sich fern von Gift und Hass, man halte Ausschau nach Frieden und Liebe (man verwechsle aber auch nicht Empörung mit Hass). Man sage vielleicht nicht zu allem völlig Ja oder völlig Nein, sondern zu diesem Ja und zu jenem Nein, man differenziere. Man hinterfrage sich auch selbst und die eigenen Denk-Prämissen. Man habe Mut sich seines eigenes Verstandes zu bedienen.

 

Randnotiz: Auch Harry Potter musste schmerzlich erfahren, wie das ist mit der Wahrheit und der Verleumdung. Hilfe fand er bei der Verschwörungstheoretikerin Luna Lovegood, die ihm anbot, seine Version der Ereignisse im verschwörungstheoretischen Schundblatt „Der Klitterer“ (engl. „The Quibbler“) zu publizieren. Der Tagesprophet, die Hexenwoche – alle druckten sie die gleichen Lügen. 😉

Das erweiterte Ich

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Künstler: Adam Neate

„Das menschliche Ich ist das Ich seiner Großhirnrinde. Aber wie der ganze ‚eigene Körper‘ in das Ich einbezogen wird, so kann alles in das Ich einbezogen werden, was der Mensch liebt und was er besitzt bzw. erwirbt: seine Familie, seine Freunde, seine Heimat, sein Volk, sein Staat, sein Eigentum; ferner auch ideelle Güter: sein Recht, seine Ehre, sein Ruhm, seine Stellung, sein Wissen, sein Können, seine Pläne, seine Kultur, seine Weltanschauung, seine Grundsätze, seine Lebensart: ‚Erweitertes Ichbewußtsein‘.
Dieses ‚erweiterte Ich‘ sucht der Mensch zu erhalten, zu fördern, zu mehren, er schützt und verteidigt es, unter Umständen unter Einsatz des Lebens.“

(Heinrich Rettig, Die Welt als Entfaltung des bipolaren Absoluten. II. Teil., Bühl 1961, S. 250)

Was ist das Ich? Es ist dasjenige, welches all das umfasst, was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen – und noch mehr. Denn wie im letzten Post deutlich wurde, geht das Ich nicht im oberflächlich Sichtbaren unseres Geistes auf. Es kann nicht gleichgesetzt werden mit dem bloßen „Ich-Bewusstsein“. Dieses ist ein unmittelbares Gefühl und unumstößlich sicheres Wissen davon, dass wir wir selbst sind und niemand anderes. Es ist ein Ankerpunkt im Meer des Zweifelns, ein Unbezweifelbares (wie Descartes meinte). Das Ich-Bewusstsein ist der Ausdruck von der Einheit und Zusammengehörigkeit unseres individuellen Seins, wie er sich für uns in unserem Bewusstsein abzeichnet. Es ist der erste und letzte Bezugspunkt von Bewusstsein überhaupt. Bewusstsein, wie wir es meinen, kann es ohne ein Bewusstsein von „Ich“ gar nicht geben.

Das Ich selbst aber geht über dieses Bewusstsein hinaus. Es umfasst auch all das, was wir nicht sehen, nicht kennen, wenn wir „Ich“ sagen – insbesondere dann, wenn wir uns selbst nicht gut kennen. Kurz gesagt: Es umfasst auch das Unbewusste unseres Geistes, all die Dinge, die wir vielleicht ahnen mögen, aber doch nicht erkennen.

„Ich“ ist unser subjektiver Ausdruck dafür, individuelle (individuierte) geistige Einheit zu sein. Unser Ich besteht wesentlich im Zusammenhalt unserer geistigen Substanz, dadurch aber notwendig auch in der Abgrenzung zu anderen Geistern, anderen Ichs – und überhaupt allem Anderen in der Welt, allem Nicht-Ich.

Wie konstituiert sich aber das Ich? Woraus besteht es, wie entsteht es? Es ist, wie alles Seiende, eine Vielheit in der Einheit: innen heterogen, außen homogen und damit (relativ) abgeschlossen und begrenzt. Um lebendiges Ich zu bleiben, strebt es einerseits nach Abgeschlossenheit und Konsistenz (nach Homogenität und Begrenzung), andererseits nach Vielfalt seiner geistigen Inhalte, welche es braucht, um zu wachsen. Zu solchen Inhalten gelangt es aber nur durch Erfahrung, welche wiederum eine Durchlässigkeit seiner äußeren Hülle verlangt. Es benötigt also neben der Abgeschlossenheit gleichzeitig eine Aufgeschlossenheit gegenüber der „Außenwelt“, um fremde, neue Eindrücke absorbieren und zu eigenen machen zu können. Das Ich, das sich völlig verschließt, verkümmert; das Ich, das sich vollkommen öffnet (und das Neue nicht integrieren kann), verliert sich. (Ein paralleler Gedankengang findet sich übrigens auch bei Jungs Lehre von der Intraversion und Extraversion.)

Um das „Eigene“ entstehen lassen zu können, braucht es also zwingend das Fremde: einmal in der bloßen Abgrenzung zum Eigenen (das Fremde, das Fremdes bleibt), einmal in der Rolle des „Neuen“, welches gierig aufgesogen und sich so zu eigen gemacht wird (das Fremde, das zu Eigenem wird). Nun passiert die „Absorption des Fremden“ häufig so, dass wir sie kaum oder gar nicht bemerken. Schon im Mutterleib machen wir neue Erfahrungen; der erste Atemzug, der erste Schritt, alles uns so Selbstverständliche und Vertraute ist uns einmal fremd gewesen.

Dabei absorbieren und integrieren wir nicht nur solche unmittelbaren Erfahrungen wie das eigene Atmen. Das „erweiterte Ich“, wie Rettig es nennt, geht über diese unmittelbarste Sphäre der eigenen Körperlichkeit weit hinaus. Die Mutter, der Vater, sie werden zur „eigenen Mutter“, zum „eigenen Vater“; das Bett, die Flasche zum „eigenen Bett“, zur „eigenen Flasche“; die Heimatstadt, die Schule zur „eigenen Stadt“, zur „eigenen Schule“ usw. Das Vertraute, das Gewohnte, das, was regelmäßig immer wieder mit mir in Berührung kommt, das wird zu „meinem“. Eigene Gefühle, Emotionen, die ganze eigene Erfahrung, sie werden gekoppelt an das Andere (und können auch erst in dieser Kopplung, in diesem Austausch bestehen) und dieses, zunächst Neue und Fremde, „aufgeladen“ mit unserem Erleben und dadurch mit einem Teil unseres Ichs.

„Unsere“ Erfahrungswelt, die damit schon immer durch unser Ich, durch unsere subjektive „Brille“ konstituiert ist und damit immer nur „für uns“ ist, verschärft sich so um die engere Sphäre des Eigenen, das zwischen dem „unmittelbaren Ich“ und dem Anderen gleichsam als Pufferzone steht (natürlich in unterschiedlicher Intensität oder Gradation). Das Ich erfährt so eine Erweiterung und Ausdehnung, die es gegenüber dem Fremden weitaus besser aufstellt – besondere Kraft erhält dieser Vorgang in der sozialen Dimension: wo das „Wir“, das „Gemeinschaftsgefühl“ in der Ausdehnung auf andere Ichs erzeugt wird. Das Ich macht eine Erfahrung von Transzendenz, es wird größer, mächtiger. Dennoch droht es nicht, sich völlig aufzulösen, denn die Grenze zum Anderen und damit die Sicherheit des Eigenen bleibt bestehen.

Wenn sich aktuell „der Deutsche“ von „dem Islam“ bedroht fühlt, so ist dieser Umstand genau so zu erklären. Er fühlt sich nicht in seinem unmittelbaren Ich bedroht oder befremdet. Es ist sein erweitertes Ich, „seine Arbeit“, „seine“ Stadt, „sein Land“, „seine Kultur“, das sich dem Fremden ausgesetzt sieht, und zwar ohne sein vorheriges Einverständnis – welches ein autonomer Willensakt gewesen wäre, der dem Fremden vielleicht die Bedrohung genommen hätte. So aber trifft das Andere das Ich mit Gewalt, es erfährt Ohnmacht, die Sphäre seines erweiterten Ich wird durchsetzt mit dem Fremden, ohne dass das Ich danach die Hand ausgestreckt hätte. Es sieht sich der Gefahr der Auflösung ausgesetzt. Mögliche Neu-Gier wird so im Keim erstickt. Das Ich wird auch in seinem individuellen Kern getroffen (denn unmittelbares und erweitertes Ich sind eins) und beginnt sich in sich zurückzuziehen, die Grenzen nach außen zu verstärken, die Durchlässigkeit zum Anderen zu verschließen, bereits vorhandene Ich-Strukturen zu befestigen und vermehrt zu pflegen.

Das Resultat ist eine gespaltene Gesellschaft – bei der die andere Seite allerdings nicht minder an Erstarrung leidet, wenn auch an anderer Stelle und aus anderen Gründen. Zu versuchen die Struktur des Ich zu verstehen wäre ein Ansatz (unter vielen!) die Spaltung zu überwinden.