Lektürebesprechung: Byung-Chul Han: „Was ist Macht?“ (2005)

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In seiner 2005 erschienenen Schrift Was ist Macht? versucht Byung-Chul Han nach eigenen Angaben die „totale Unklarheit“ (7) des Begriffs der Macht aufzulösen. Seine für Hansche Verhältnisse durchaus ausführliche Untersuchung (143 Seiten) teilt er dabei kapitelweise ein in verschiedene Aspekte des Machtbegriffs, nämlich in Logik, Semantik, Metaphysik, Politik und Ethik der Macht. Im Laufe der Untersuchung wird er eine Hauptthese zum Charakter der Macht anhand dieser verschiedenen Blickpunkte entwickeln und sich dabei immer wieder auf namhafte Vertreter verwandter und entfernter Machttheorien beziehen, so begegnet man z.B. Agamben, Arendt, Foucault, Habermas, Hegel, (Heidegger natürlich auch), Hobbes, Honneth, Luhmann, Nietzsche, Carl Schmitt und Paul Tillich.

Hans Hauptgedanke ist: Die Macht als Kontinuum des Selbst – eine Struktur, in der Freiheit notwendig mitgedacht wird. Was ist damit gemeint? Han konzentriert sich vor allem darauf, das Zwangsmodell der Macht, das diese vor allem durch Gewalt, Zwang und Unterdrückung negativ charakterisiert, infrage zu stellen und diesem sein Modell der Vermittlung entgegenzusetzen. Er kritisiert, dass der Begriff der Macht durch seine Assoziation mit der Gewalt nur unzureichend und einseitig bestimmt wird. Mehr noch, Gewalt und Zwang seien vielmehr „Ausdruck des Scheiterns“ (Luhmann, 21) der Macht. Macht erreiche vielmehr gerade da ihren Höhepunkt, wo Zwang gar nicht erst nötig wird, wo stattdessen die gefühlte Freiheit des Machtobjektes (z.B. der Menschen, auf die Macht ausgeübt wird) maximal wird: „Egos [das Machtsubjekt, Anm. d. Verf.] Macht erreicht gerade in der Konstellation ihr Maximum, in der Alter [das Machtobjekt] sich freiwillig seinem Willen fügt. Ego drängt sich nicht Alter auf. Die freie Macht ist kein Oxymoron. Sie besagt: Alter folgt Ego in Freiheit.“ (14) Macht ist da am größten, wo sie im Stillen wirkt: „Je mächtiger die Macht ist, desto stiller wirkt sie. Wo sie eigens auf sich hinweisen muß, ist sie bereits geschwächt.“ (9) Je besser es dem Machtsubjekt gelingt, zwischen sich und dem Machtobjekt zu vermitteln, desto gesicherter und stabiler ist seine Macht. Am Vermittlungsgrad, an der durchgängigen Einheit des Machtkontinuums zeigt sich seine Stärke. Wird das Kontinuum dagegen durch Gewalt und Zwang durchbrochen, ist es „vermittlungsarm“ oder umgekehrt gesagt: ein Mangel an Vermittlung zwischen Machtsubjekt und Machtobjekt macht den Einsatz von Gewalt nötig: „Vermittlungsarmut erzeugt Zwang. Bei höchster Vermittlung fallen Macht und Freiheit zusammen. In diesem Falle ist die Macht am stabilsten.“ (30)

Han macht auch Heideggers Begriff des „Man“ in diesem Zusammenhang fruchtbar: „Ihre Wirksamkeit [die der Macht] beruht auf der Immanenz, daß man Man ist. Das Man wird vom ‚man‘ nicht als ein Zwang erlitten. Jeder ist Man. […] Der Zwang wird vermittels einer Inkorporation als Freiheit, als Quasi-Natur erlebt.“ (61) Die absolute Macht ist „selbstverständlich“ (64), sie zeigt sich als Macht nicht, ist verborgen, ist „abwesend“ (ebd.). Eine solche Macht zeigt sich in dem, was „jedermann“ denkt, fühlt und will. Die absolute Macht ist da erreicht, wo der freie Wille des Machtobjektes mit dem des Machtsubjektes zusammenfällt, wo er genuin als eigener Wille empfunden wird.

Macht ist nicht mit Repression gleichzusetzen. Die „Dämonisierung der Macht“ (42) sei kurzsichtig. Bei der Foucault-Interpretation, so Han, wird gerade dessen positive Machtkonzeption häufig übersehen (43–46). Umgekehrt reduzierten Arendt und Habermas die Macht einseitig-positiv auf Kommunikation (111). Han besteht auf einer offeneren Machtkonzeption, die beide Richtungen integriert: „Habermas‘ kommunikatives Modell der Macht blendet die strategisch-polemologische Dimension der Macht aus. Die Machttheorie dagegen, die sich nur am Kampf orientiert, verfehlt jene kommunikative oder kollektive Dimension der Macht, die auf dem Zusammenhandeln, auf der Bindung eines gemeinsamen Willens, eines kollektiven Selbst beruht. Es ist nicht besonders ergiebig, bald den Kampf, bald den Konsens zum ‚Grundphänomen der Macht‘ zu erklären. Sinnvoller wäre es, sowohl das Konsens- als auch das Kampfmodell als unterschiedliche Ausprägungen der einen Macht darzustellen.“ (111–112) Der Raum der Macht changiert Han zufolge zwischen Vermittlungsreichtum und Vermittlungsarmut: Am einen Ende finden sich Freiheit und Verbindung, am anderen Ende Zwang und Trennung.

Die Macht auch positiv bestimmen – das gelingt Han. Vielleicht sogar ein zu bisschen zu sehr. Denn der Übergang zwischen „positiv“ im Sinne von „setzend“, „negativ“ im Sinne von „trennend“ und „positiv“ im Sinne von „richtig“, „negativ“ im Sinne von „falsch“ ist fließend, der Unterschied wird nicht klar bestimmt. Auch der Unterschied zwischen wahrer Freiheit und Schein-Freiheit wird nicht genauer untersucht, bloß angerissen. Stellenweise wird Macht zu weit gefasst: „Die Macht ist das Vermögen, im Anderen bei sich selbst zu sein.“ (70) Nietzsche hingegen wird unterstellt, ihm schwebe „offenbar eine grenzenlose Freundlichkeit vor, die unterschiedslos jedes, alles willkommen heißt“ (136) – demselben Nietzsche, der Macht mit Gewalt notwendig verknüpft und diese explizit bejaht. Fast mantra-artig wird der gleiche Gedanke in jedem Kapitel wiederholt und wie ein Thema in der Musik variiert, das Ausmaß des Machtbegriffes aber noch lange nicht erschöpft, dabei ist die Schrift „Was ist Macht?“ betitelt, nicht „Das Kontinuum der Macht“.

Dennoch, dieser eine Hauptgedanke ist sehr wichtig und wird von Han sehr klar und präzise gefasst. Mag auch die anfänglich noch sehr – wenn auch implizit – präsente Machtkritik zum Ende der Schrift untergehen, die Einsicht in die sanfte und stille Natur der Macht, die sich als Freiheit ausgibt (oder Freiheit ist? Gerade hier findet sich die Unschärfe) bleibt dem Leser bis zum Schluss eindrücklich vor Augen. Die Unsichtbarkeit der Macht und ihre Stärke in dieser Unsichtbarkeit sichtbar zu machen – darin glänzt Hans Schrift. Denn immer noch wird Macht häufig bloß da gesehen, wo sie sich uns explizit zeigt, wo wir angesichts von Gewalt und militärischer Stärke nicht wegsehen können, nicht verleugnen können, dass wir es mit einer Macht zu tun haben. Die entborgene Macht aber hat schon an Macht eingebüßt, die verborgene Macht sollte uns daher viel mehr interessieren. – Insbesondere da, wo sie in uns weiterwirkt, wo wir sie als Eigenes fassen und nicht als Fremdes erkennen; wo wir Zwang mit Freiheit verwechseln. Wie frei ist ein Handeln, das auf Manipulation basiert? Wie sehr sind die Gedanken unsere eigenen, die ihren Ursprung in einem Anderen nehmen? Wo sind wir vielleicht nicht nur Objekt der Macht eines Anderen, sondern gleichzeitig eine vermittelnde Kraft im Machtkontinuum des Anderen, selbst Machtsubjekt im Kleinen, Verteiler der Macht des größeren, übergreifenden Selbst? – Hans Schrift bietet einen Ausgangspunkt zum Weiterdenken dieser Zusammenhänge.

Literatur: Byung-Chul Han, Was ist Macht?, Stuttgart 2005 (erschienen bei Reclam).

P.S. Ein frohes neues Jahr wünsche ich allen Lesern und Leserinnen, allen Blogkollegen und -kolleginnen! Danke für die Treue. 😉

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