Nietzsche aktuell (1): Parlamentarismus

„Der Parlamentarismus, das heisst die öffentliche Erlaubnis, zwischen fünf politischen Grundmeinungen wählen zu dürfen, schmeichelt sich bei jenen Vielen ein, welche gerne selbständig und individuell scheinen und für ihre Meinungen kämpfen möchten. Zuletzt aber ist es gleichgültig, ob der Heerde eine Meinung befohlen oder fünf Meinungen gestattet sind. Wer von den fünf öffentlichen Meinungen abweicht und bei Seite tritt, hat immer die ganze Heerde gegen sich.“

Nietzsche 1882 in seiner Fröhlichen Wissenschaft (KSA 3.174).

 

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Dr. Nietzsche und die Gastrosophie

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Nietzsche blickt über den Tellerrand seines Trüffelrisottos

„Materialist“ will Nietzsche nicht geschimpft werden, Physiologe ist er hingegen gerne – und entsprechend gestaltet sich sein Weltbild: Wo immer es schwierig steht um die Menschheit oder das Individuum, man suche die Ursache im Leibe. Ist einer schwächlich, metaphysisch veranlagt oder gar religiös – man sehe nach dem Leib! Sehr wahrscheinlich ist ihm nämlich Gift in Form von falscher Ernährung verabreicht worden – höchstwahrscheinlich auch noch von Weibern. Oder, noch schlimmer, von Weibern im Geiste wie Schopenhauer, der Askese und Vegetarismus predigt.

Keine Priester-Moral, sondern die Ernährung macht den Menschen, so Nietzsche in seiner Autobiographie Ecce Homo unter der Überschrift „Warum ich so klug bin“:

„Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das ‚Heil der Menschheit‘ hängt, als an irgendeiner Theologen-Kuriosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formulieren: ‚wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?‘“ (Ecce Homo, 315)

Dr. Nietzsche rät: „Gegen jede Art von Trübsal und Seelen-Elend soll man zunächst versuchen: Veränderung der Diät und körperliche derbe Arbeit.“ (Morgenröte, 211) Denn „das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältnis zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füße des Geistes; der »Geist« selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels.“ (Ecce Homo, 318-319)

Die Gesellschaft ist geistig in einem desolaten Zustand. Kein Wunder, denn „noch gehört die Lehre von dem Leibe und von der Diät nicht zu den Verpflichtungen aller niederen und höheren Schulen“ (Morgenröte, 178). Auch heute noch nicht, auch heute noch nicht! Aber, ach, die Welt ist eben immer noch nicht reif für Nietzsches Visionen. Noch immer bleibt er ein Unzeitgemäßer, noch immer beten die Menschen zu Gott, noch immer üben sie sich in Sklavenmoral. Aber kein Wunder, bei der schlechten Diät:

Gegen die schlechte Diät. – Pfui über die Mahlzeiten, welche jetzt die Menschen machen, in den Gasthäusern sowohl als überall, wo die wohlbestellte Classe der Gesellschaft lebt! Selbst wenn hochansehnliche Gelehrte zusammenkommen, ist es die selbe Sitte, welche ihren Tisch wie den des Banquiers füllt: nach dem Gesetz des „Viel zu viel“ und des „Vielerlei“, – woraus folgt, dass die Speisen auf den Effect und nicht auf die Wirkung hin zubereitet werden, und aufregende Getränke helfen müssen, die Schwere im Magen und Gehirn zu vertreiben.
Pfui, welche Wüstheit und Überempfindsamkeit muss die allgemeine Folge sein! Pfui, welche Träume müssen ihnen kommen! Pfui, welche Künste und Bücher werden der Nachtisch solcher Mahlzeiten sein! Und mögen sie thun, was sie wollen: in ihrem Thun wird der Pfeffer und der Widerspruch oder die Weltmüdigkeit regieren! (Die reiche Classe in England hat ihr Christenthum nöthig, um ihre Verdauungsbeschwerden und ihre Kopfschmerzen ertragen zu können.)“ (Morgenröte, 179)

Der Gelehrte frisst wie der Banquier und schwer wird sein Magen, schwer sein Denken, müde sein Geist. Heraus kommt – kann nur kommen – Schwermut und Langsamkeit in der Philosophie, Hegelei in der Wissenschaft, beschwerliche, dunkle, halbgare Gedanken. Erdrückt vom Fraß, benebelt vom Spiritus, bleibt man bei dem, was man kennt und verlangt noch danach: dem Christentum.

„Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguß-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloß alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden… Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit nichts fertig.
– Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art »Rückkehr zur Natur«, nämlich zum Kannibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, daß sie dem Geist schwere Füße gibt – Engländerinnen-Füße…“ (Ecce Homo, 316)

Freie Geister! Wollt ihr euch erheben, enthaltet euch der schweren Speise! Aber bitte kommt nicht auf die gegenteilige Idee und ernährt euch nur noch von Grünzeug:

Gefahr der Vegetarianer. – Der vorwiegende ungeheure Reisgenuss treibt zur Anwendung von Opium und narkotischen Dingen, in gleicher Weise wie der vorwiegende ungeheure Kartoffelgenuss zu Branntwein treibt – : er treibt aber, in feinerer Nachwirkung, auch zu Denk- und Gefühlsweisen, die narkotisch wirken. Damit stimmt zusammen, dass die Förderer narkotischer Denk- und Gefühlsweisen, wie jene indischen Lehrer, gerade eine Diät preisen und zum Gesetz der Masse machen möchten, welche rein vegetabilisch ist: sie wollen so das Bedürfniss hervorrufen und mehren, welches sie zu befriedigen im Stande sind.“ (Fröhliche Wissenschaft, 491)

Und:

„Wo eine tiefe Unlust am Dasein überhand nimmt, kommen die Nachwirkungen eines grossen Diätfehlers, dessen sich ein Volk lange schuldig gemacht hat, an‘s Licht. So ist die Verbreitung des Buddhismus (nicht seine Entstehung) zu einem guten Theile abhängig von der übermässigen und fast ausschliesslichen Reiskost der Inder und der dadurch bedingten allgemeinen Erschlaffung.“ (Fröhliche Wissenschaft, 485)

Der Vegetarier, der Buddhist, der Schopenhauerianer! Enthaltung predigen sie, auch in der Küche, und Leblosigkeit, Lebensfeindlichkeit, Nihilismus sind ihre Jünger. Narkotisierend ist ihre Verehrung des Nichts und keiner bedarf der Narkotika mehr als der erschlaffte, blasse Vegetarier (heute Veganer genannt) – wie praktisch für die Herren Priester!

Religionen überhaupt entstehen ja durch ein von Zeit zu Zeit bei Völkern auftretendes „physiologisches Hemmungsgefühl“, dessen Ursache aber ist (neben z.B. allgemeinem Volksermüden oder ungünstiger Rassemischung) nunmal auch in der „falschen Diät“ zu suchen, vor allem im „Unsinn der Vegetarians“ (Vgl. Genealogie der Moral, 378).

„In der Tat, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen – moralisch ausgedrückt »unpersönlich«, »selbstlos«, »altruistisch«, zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauers (1865), sehr ernsthaft meinen »Willen zum Leben«. Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben – dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.“ (Ecce Homo, 315-316)

Ein Teller „Leipziger Allerlei“ kommt Herrn Nietzsche nicht auf den Tisch, er spricht aus Erfahrung. Doch Teufel, nein, Wagner sei Dank ist diese Phase überwunden. („ich, ein Gegner des Vegetarismus aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat“, Ecce Homo, 317) Eine tapfere, aufrechte, männliche Philosophie bedarf einer ihr zuträglichen Ernährung. Der freie Geist muss fliegen können, doch sich auflösen darf er nie nicht! Er muss Kraft haben, mit dem Hammer zuschlagen zu können!

Aber wie sollen wir uns nun ernähren?

„Die beste Küche ist die Piemonts.“ (Ecce Homo, 316)

Ah, Herr Nietzsche ist ein Feinschmecker, Italien.ch informiert: „Charakteristische Merkmale dieser Küche sind grundsätzlich einmal die beträchtliche Verwendung von Butter und Speck (im letzten Jahrhundert infolge der Entdeckung des Cholesterins abnehmend), der Verzehr von rohem Gemüse, die Verwendung des sanato (das Fleisch des wenige Monate alten, ausschliesslich mit Milch ernährten Kalbs; man findet dieses Fleisch nur im Piemont und im Aostatal), die Käsevielfalt, die ziemlich grosse Verwendung von Trüffeln und die sorgfältige Verwendung von Knoblauch, die die nunmehr berühmte bagna cauda hervorgebracht hat, die nie aus dem piemontesischen Gebiet herausgekommen ist.“ Doch auch Reis soll es in Piemont ja nicht zu wenig geben. Aber es ist nun mal etwas anderes, diesen zu einem feinen Trüffel-Risotto zu verarbeiten…

Darf es denn ein Gläschen Wein zum Risotto sein? Besser nicht:

„Alkoholika sind mir nachteilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein »Jammertal« zu machen – in München leben meine Antipoden. Gesetzt, daß ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, daß an diesem herben Urteil auch der Naumburger Wein mit schuld ist. Zu glauben, daß der Wein erheitert, dazu müßte ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzutun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu gießen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu der des Sallust – wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta… Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes »geistige« Getränk: ich, ein Gegner des Vegetariertums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiß nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzuraten. Wasser tut’s… Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fließenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, daß ich auch hier wieder über den Begriff »Wahrheit« mit aller Welt uneins bin – bei mir schwebt der Geist über dem Wasser…“ (Ecce Homo, 316-317)

Noch ein paar Tipps:

„Eine starke Mahlzeit ist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Daß der Magen als Ganzes in Tätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muß die Größe seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerraten, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d’hôte.
– Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Kaffee: Kaffee verdüstert. Tee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch: Tee sehr nachteilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maß, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Tee als Anfang unrätlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Kakaos den Anfang machen lassen.“ (Ecce Homo, 317-318)

Wer ist denn nun aber eigentlich schuld, die Herrenmoral wird sich doch kaum selbst abgeschafft haben? Doch hinter jedem Mann steht bekanntlich die Frau, das „hübsche, fette Thier“ (Genealogie der Moral, 339):

„Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und will Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte es ja, als Köchin seit Jahrtausenden, die größten physiologischen Tatsachen finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch schlechte Köchinnen – durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser.“ (Jenseits von Gut und Böse, 172-173)

Prost Mahlzeit!

(Die Seitenangaben beziehen sich überwiegend auf die Kritische Studienausgabe von Nietzsches Werken, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, im Handel bei dtv erschienen. Ecce Homo dagegen habe ich zuhause nur in einer Ausgabe von Kröner (Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce Homo. Gedichte. Stuttgart 1990), die Seitenangaben dazu beziehen sich also hierauf.)

Zitat: Nietzsche

„Es ist ein richtiges Urtheil der Gelehrten, dass die Menschen aller Zeiten zu wissen glaubten, was gut und böse, lobens- und tadelnswerth sei.
Aber es ist ein Vorurtheil der Gelehrten, dass wir es jetzt besser wüssten, als irgend eine Zeit.“

(Nietzsche, Morgenröthe, KSA 3, S. 20)

Ein wahres Wort von Nietzsche, wenn auch in einem durchaus zweifelhaften Kontext. Dazu bald später mehr in einem ausführlichen Nietzsche-Fazit.

Vom alltäglichen Selbstbetrug

eisberg_lurvinkKünstler: Therese Lurvink-Ratti

„Die gewöhnliche Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall.“ (Nietzsche, Der Antichrist, In: Götzendämmerung. Wagner-Schriften. Der Antichrist. Ecce homo. Gedichte, Stuttgart: Kröner 1990, S. 266)

Oder: Erkenne dich selbst.

Ja, wir sind alle Lügner. Aber in einem anderen Sinne, als wir es üblicherweise annehmen. Der alltägliche Selbstbetrug wird gemeinhin in seiner Tragweite unterschätzt. Über hundert Jahre sind vergangen seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse und viel zu wenig haben wir aus ihren Erkenntnissen gelernt.

Der Gegensatz „bewusst – unbewusst“ ist eigentlich sehr einfach zu verstehen – jedenfalls in abstracto, indem wir im Nachhinein auf Geschehnisse zurückblicken, bei denen wir offenbar nicht „bei vollem Bewusstsein“, nicht „Herr über uns selbst“ waren; bei denen wir automatisch gehandelt haben. Das Unbewusste selbst dagegen kann nicht unmittelbar erfahren werden. Es verhält sich wie ein Ding an sich, bei dem wir immer nur seine Erscheinung wahrnehmen können – nämlich seinen Abdruck im Bewusstsein.

Hierin liegt das Problem: Das Unbewusste ist uns nicht bewusst. Es drängt sich nicht auf, es liegt stets im Hintergrund verborgen. So wird es schnell vergessen, das Ich auf das bloß Bewusste reduziert und damit der größte Teil unseres Geistes – die große Masse des Eisbergs – schlicht geleugnet. Im Resultat erhalten wir nicht nur ein stark verzerrtes Selbstbild, sondern auch das Bild unserer Umwelt leidet beträchtlich unter unserer selektiven Wahrnehmung: Denn wir verstehen nur das an der Welt, was wir an uns heranlassen, was wir durch die je eigene Brille unserer Persönlichkeit erfahren können. Die Welt erscheint uns in der Farbe unseres Charakters. Kennen wir seine Färbung nicht oder ist unsere Einschätzung darüber fehlerhaft, so können wir dies im Erkenntnisprozess und im Beurteilen der Dinge um uns nicht berücksichtigen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Ist unsere Charakterfärbung beispielsweise rot, so erscheinen uns alle Dinge der Außenwelt ebenfalls rot und wir übersehen schnell alles Blaue und Grüne. Kennen wir uns selbst, können wir zwar die rote Brille nicht ganz abnehmen, aber mittels unseres Abstraktionsvermögens feststellen, wie ein Ding ohne seinen Rotton aussehen sollte und uns darauf fokussieren, was nicht unmittelbar in unserem Spektrum liegt. Kennen wir uns selbst, so kennen wir auch unser Verhältnis zur Welt. Erst im geschärften Blick auf das, was wir selbst in der Welt sind, zeigt sich uns auch das Andere, das Nicht-Ich in all seiner Deutlichkeit.

Leider verhält es sich meist so, dass wir lediglich glauben uns zu kennen. Und so glauben wir auch die Welt zu kennen, dabei erscheint sie uns lediglich in einem besonderen Licht, das mit unserer Erwartung von der Welt übereinstimmt. Wir sehen zu oft nur das, was wir von uns sehen wollen – was uns in unserem positiven Selbstbild bestätigt. Oder, im umgekehrten Falle, wenn wir unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, was uns in unserem negativen Selbstbild bestätigt. Zu selten sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst – egal welch hohe Prinzipien der Aufrichtigkeit wir im Umgang mit anderen pflegen mögen, uns selbst lassen wir diese Ehre selten zu teil werden. Im Gegenteil, wo immer es uns nützt, belügen wir uns schamlos selbst.

Und wir müssen nicht mal gute Lügner sein. Die Verdrängung und das Glauben-Wollen, die Bequemlichkeit, die ein Gedanke mit sich bringt, der eine feststehende Ansicht bloß bestätigt, lassen die Lüge ganz von selbst erwachsen. Was nicht mit dem Bild zusammenstimmen will, das unser Bewusstsein von unserem Ich entwirft, wird tief ins Unbewusste abgeschoben. Wir lassen das Andere, das Unbequeme, das Unangenehme nicht zu.

Zum Beispiel halten wir uns für tolerant – nicht nur das, wir wollen mit aller Kraft tolerant sein (denn das predigt uns die öffentliche Meinung, aber das ist noch ein anderes Thema). Wir lassen also intolerante Gedanken und Gefühle gar nicht erst zu, spüren wir sie in uns aufflackern, drängen sie sofort zurück. Im Resultat verlernen wir langfristig, mit ihnen umzugehen, denn sie existieren für uns nicht mehr, dürfen nicht existieren. Wir verlernen überhaupt, was Toleranz heißt und was Intoleranz, verlernen den inneren Dialog mit uns selbst, mit dem Anderen in uns. Wir opfern alles der flachen Idee eines Ideals, das wir bald gar nicht mehr begreifen, weil wir uns nicht mehr begreifen. Wir sind nunmehr angewiesen auf einen Dritten, der für uns definiert, was es bedeutet; der uns sagt, wer wir sind.

Dabei ginge es anders: Den unbequemen Weg nehmen und sich vor sich selbst einmal völlig entblößen. Denn das Unbewusste ist nicht unerreichbar, es ist Teil von uns. Als solcher kann es sichtbar gemacht werden, es kann uns bewusst werden. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit auf sich selbst und das genaue Hinhören, Hinsehen. Es braucht bewusste Praxis und Übung. Gefühle, Intuitionen, vorsprachliche Gedankenfetzen können sichtbar gemacht und damit verstanden werden, indem man sie versprachlicht, sie vor sich hinstellt und nüchtern betrachtet. Ohne Scheu, ohne Scham vor sich selbst. Was es braucht, ist Mut, Entschlossenheit und den Willen, zu verstehen. Mut, das Hässliche in uns zu sehen, das wir verleugnet haben. Entschlossenheit, nicht wegzuschauen. Den Willen, das zu sehen, was ist, nicht mehr und nicht weniger – ehrlich zu sein mit sich selbst.

Der Lohn ist Klarheit. Klarheit von sich, im Guten wie im Schlechten. Und ein durch solche Übung geschärfter Blick bewirkt Klarheit auch im äußeren Weltbild. Wo man sich selbst bewusst geworden ist, gelernt hat, auch das Andere zu sehen, kann man mit neuem Bewusstsein auch ans Äußere herantreten. Neu ansetzen. Fragen dort stellen, dort zweifeln, wo man nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Sich mit dem flachen Schein nicht zufrieden geben. Genau sehen, nachbohren, entblößen, enthüllen wollen.

Ehrlichkeit einfordern.