Freiheit und der Nutzen der Philosophie

plcave
Licht in Platons Höhle

Dies hier ist ein Philosophie-Blog. Nützt er etwas? Nützt die Philosophie etwas? Soll sie überhaupt etwas nützen? Kann sie etwas nützen?

Muss alles nützlich sein? Zeichnet es nicht vielmehr das „Höhere“ aus, dass es kein „Nutzding“ ist, dass es auf keinen Nutzen reduziert werden kann, dass es nicht, durch einen Anderen, „benutzt“ wird wie ein bloßes Utensil, als bloßes Werkzeug, als Mittel, als Zwischenglied zu einem Andern, Höheren? Ist das Höchste nicht gerade ein „An sich“, auch in dem praktischen Sinne, dass es sich nicht benutzen lässt, dass sich seine Benutzung verbietet, indem seine bloße Existenz gerade darin aufgeht: im bloßen Sein und Für-sich-Bestehen, aber niemals für einen Anderen? Ah, und die Praxis überhaupt, hat das Höchste die Praxis etwa nötig? Das Tun, die Arbeit, das Neg-Otium?

Ist die Philosophie nicht das Höchste? Und ist sie etwa nicht, das einzige Tun, als Muße, welches dem Höchsten auf Erden, dem vielbeschworenen „höheren Menschen“ in seinem Wesen entspricht? Schmückt ihn nicht der Luxus der Philosophie? Ist die Philosophie nicht die Herrin der Wissenschaften, die Königin, die äußerste Form des menschlichen Schaffens überhaupt, indem sie sich ihrem Charakter nach notwendig über das Schaffen stellen muss, um es von dieser Höhe aus übersehen zu können?

Größenwahnsinn? Doch so reden die Philosophen. Auch diejenigen noch, die – wie Nietzsche – meinen, sie mit dem Hammer zertrümmert zu haben (diese wollen bloß eine andere, eine Philosophie des Zertrümmerns, nicht des Bauens). Philosophie ist ihnen allen, wo sie so sprechen, vor allem die höchste Form der Macht. Die Macht der Gedanken und die Macht über Gedanken. Die Philosophie wird zum Selbstzweck erklärt, verklärt, da sie an sich schon für die Verwirklichung des göttlich-menschlichen Potentials gilt. Wo der Mensch am meisten Mensch, am meisten bei sich sei, da philosophiere er, denn darin sei sein Denken allein frei, da sei die Vernunft allein rein (und der Mensch ist primär ein Vernunftwesen, wie wir alle wissen). Die Philosophie brauche nicht zu nützen, denn der Nutzen würde ihr bereits Fesseln anlegen, sie einem Anderen zu Diensten machen und so in ihrer Freiheit einschränken.

Und tatsächlich tut die Bedingtheit der Philosophie nicht gut. Wo sie sich einem Nutzen unterwirft, macht sie sich abhängig, richtet ihr Denken auf ein bestimmtes Ziel aus und beschneidet sich so Wege, die anderswo hinführen. Die Philosophie, das heißt die Praxis des Erkennens, die eigentlich tautologisch allein die Erkenntnis selbst zum Ziel hat und dazu nach allen Richtungen frei umherschweifen kann, gibt sich durch die Fessel der Bedingtheit ein bereits als erkannt Vorausgesetztes (den Nutzen) als ihr Fundament und ihren Richtungsweiser. Über dieses selbstgelegte Fundament darf sie nicht hinaus, sie wird nicht tiefer graben.

Doch was mag es wert sein, sie so einzuschränken? Darf etwas die freie Erkenntnis in Schranken weisen? Es müsste sich dabei um einen höheren Wert handeln als Erkenntnis. Existiert aber ein solcher Wert?

Natürlich. Es ist der Wert des schon Erkannten, der Wert dessen, das im Begriff der Erkenntnis schon immer mitgemeint ist, wenn wir sie loben. Es ist der Wert der Freiheit, der Lebendigkeit und der Menschlichkeit im besten Sinne. Auf diesen Werten bauen wir auf, wenn wir erkennen wollen und wenn wir „frei“ sein wollen in unserem Erkennen. Wir müssen ein Fundament nicht erst herbeischaffen, es ist schon da, geht allem weiteren Erkennen implizit voraus und ermöglicht es. Erst die Bedingung der Freiheit macht freies Denken möglich und hebt den Charakter seiner Bedingtheit dadurch auf. Die Einschränkung durch den Wert der Freiheit ist keine Einschränkung.

Aber die freie Philosophie zweifelt auch noch an ihrer Freiheit. Als solche darf und muss sie das sogar vielleicht tun, vor allem um die weit verbreiteten Schein-Freiheiten zu enttarnen. Aber sie kann dennoch nicht über die von ihr vorausgesetzte und gelebte Freiheit im Denken hinaus, ohne sich selbst dabei zu behindern und mit jedem Schritt auf‘s Neue und immer tiefer in den Abgrund des Skeptizismus zu fallen. Der Skeptizismus ist dort das Ende aller Philosophie, wo der Zweifel alleine herrscht. Er wird aber ihr fruchtbarer Boden, wo die Freiheit ihn auffängt und ihm zeigt, dass er erst da zum Ziel der Erkenntnis kommt, wo er ihr, als positiver, so-seiender Freiheit zu den Vortritt lässt und sich nicht immer tiefer in ihren negativen Charakter, der Freiheit von, eingräbt. Das freie Denken ist in letzter Instanz ein schaffendes Denken, eines, das gebärt, nicht zerstört. Auch Nietzsches Seiltänzer brauchte sein Seil, um über dem Abgrund zu tanzen. Es war das Seil der Freiheit, nicht der Knebel der einschränkenden Bedingung.

Die Freiheit ist Bedingung des freien Denkens, in ihrer Bedingung wird es frei. Doch bisher bedeutet diese Struktur kaum mehr als Tautologie, denn erst das befreite Denken ist freies Denken. Unser Denken trägt nicht die logischen Fesseln der vorausgesetzten Freiheit (eigentlich nur ein Spiel für Sophisten), es trägt die wahren Fesseln der unsichtbaren Unfreiheit. Diese wiederum halten uns da am stärksten gefangen, wo wir sie fälschlicherweise für Freiheit halten. Es sind die vielen kleinen Fesseln und Gewichte unseres Denkens, die uns versprechen, Freiheit zu bringen, indem sie konkret Freiheit verkörpern und diese an bestimmte Dinge und Erfahrungen außerhalb unseres Ich koppeln. Sie verheißen die Freiheit nur, verlagern sie, identifizieren sie mit dem Besitz und der Aneignung eines Dings (einer Fähigkeit, einer Erfahrung, eines Menschen, …). Freiheit wird in ihnen über Abhängigkeit definiert, über die Abhängigkeit zu einem Äußeren. Freiheit ist aber nur von sich selbst abhängig. Und das freie Ich ist nur vom Ich und seiner eigenen Befreiung abhängig.

Die Philosophie soll nützen. Sie soll freies Denken sein und als solches kann sie nur nützen. Sie kann der Freiheit nützen. Und sie soll. Sie muss. Denn das gegenwärtige Denken ist, zu einem großen, überwiegenden Teile, nicht frei. Und wo es nicht frei ist, wird die Philosophie auch nicht Philosophie sein können. Sie muss frei sein und sie muss befreien, um frei zu sein.

Das Denken muss und kann sich nur selbst befreien. Jedes Ich, das denkt, kann sich nur selbst befreien, denn es liegt in eigenen, geistigen Fesseln. Doch hat es sich diese Fesseln nicht in jedem Fall selbst angelegt. Die Fesseln eines Ichs sind verbunden mit denen eines anderen Ichs, mit denen vieler anderen. Jeder einzelne Geist liegt in Fesseln und alle Geister sind untereinander verbunden durch ein Netz von Fesseln. Daher fürchten sie auch so sehr die geistige Verbindung, den Geist der Vielen. Denn sie kennen diese Verbindung nur als Gefangenschaft, nicht als Freiheit. „Freiheit“ kennen sie nur als (vermeinte) Unabhängigkeit. Sie kennen aber nicht die Abhängigkeit als Freiheit. Das Ich fürchtet die weitere, verstärkte Ankettung, Unterjochung, Beschwerung, wo es sich auf Verbindung mit einem anderen Ich einlässt. Und seine Befürchtung ist nicht unbegründet, denn nur ein freier Geist wird ihn nicht noch weiter beschweren (sondern in der Verbindung größer, weiter, freier machen). Im Normalfall aber erfolgt mit der Verbindung die erneute Fesselung oder die Verstärkung einer alten Fessel. Und das Ich nimmt es resigniert hin, denn es ist es gewöhnt und es ist sein gewohnter Preis, den es für Gemeinschaft zahlt.

Die Philosophie aber, die eine sein will und das philosophierende Ich haben die Aufgabe – mindestens seit Platons „Höhle“ schon – diese Fesseln nicht hinzunehmen, nicht weiter zu festigen oder gar neue hinzuzufügen, durch neue Dogmen, neue starre Systeme, neue Moral- und Denkvorschriften, sondern sie zu zerschlagen. Dazu wiederum muss das philosophierende Ich zuerst von seinen eigenen Fesseln loskommen. Es muss diese als solche erkennen, bevor es sie entfernen kann. Hier hilft ihm sein Vorsatz der Freiheit, denn die Philosophie ist nicht wie andere Disziplinen gekoppelt an „kanonische“ Methoden – nicht wenn man sie recht versteht. Hat es eine Fessel entfernt, soll es sie denen zeigen, die diese noch tragen. Es soll sie ihnen genau beschreiben, sodass sie sie möglichst leicht selbst in sich erkennen. Und es soll sich nicht als Befreier ihrer Fesseln, als neuer Herr über ihre vermeintliche Freiheit feiern lassen. Es soll nicht damit aufhören, die eigenen Fesseln in sich zu entdecken. Das ist seine Aufgabe und die Aufgabe der Philosophie. Es ist die Bedingung der Freiheit der Philosophie.

Das philosophische Ich muss sich aus dem Netz der Gefangenschaft herauslösen, auch wenn es bedeutet, sich aus der Gemeinschaft der Gefangenschaft herauszulösen. Platons befreiter Höhlenbewohner wird verspottet und bedroht, der historische Sokrates wurde hingerichtet. Spott, Hohn und Verleumdung sind immer noch verbreitet. Gegenwärtig gelten gar Begriffe wie „Freigeist“ und „Querdenker“ schon als Schimpfwort, denn „frei“ ist ein Geist den Verleumdern und Spöttern nur da, wo er ihnen sagt, was sie hören wollen. Sie möchten gerne hören: „Alles wird gut, ich mache das schon für dich, kümmere dich nicht, mache weiter wie bisher.“ Sie möchten gerne Balsam haben, den sie auf den schmerzhaften Abrieb ihrer Fesseln schmieren können. Sie wollen nicht wissen, wie sie sie loswerden können, denn dazu müssten sie ihr Elend bewusst und deutlich ansehen, ihre Wahrnehmung öffnen, ihre Fesseln spüren. Und sie fürchten so sehr die Einsamkeit und den Ausstoß aus der Gemeinschaft.

Daher soll das philosophische Ich, das frei denkende Ich eine neue Gemeinschaft schaffen. Das befreite Ich soll nicht in seiner negativen Befreiung verharren und nur bei sich bleiben. Es soll ein neues Netz knüpfen, auch um in seiner neu gefundenen Freiheit nicht zu erstarren, dogmatisch zu werden, sondern diese lebendig zu erhalten und offen zu bleiben. Nur so wird es auch auf Dauer Kraft schöpfen können.

Doch wieso eigentlich die Rede von der Philosophie? Ist nicht das freie Denken überhaupt gemeint? Dass das freie Denken nützlich ist, hat man ja irgendwie geahnt. Aber Philosophie, ist das nicht: schwere Bücher, Bibliothekenstaub, ernste Mienen, hohe Stirnen, Autorität des Prof. Dr. Dr.‘s, Studenten, die mit achtzehn und Anzug sich schon siezen, dunkle, tiefe Gedanken, die doch nichts bedeuten, nichts verstehen, nicht verstehen machen, eher verzweifelt machen, klein machen, das Ich sich klein und dumm fühlen lassen? Oder, Philosophie, ist das nicht (jetzt spricht das trotzige, erniedrigte, jetzt erniedrigende Ich): Gelaber, Getue, Schein, Steuerverschwendung, Orchideen-Schmarotzertum, Elfenbeinturm, Realitätsverweigerung, Zeitverschwendung? Was nützt mir die Philosophie?

Die Philosophie ist heute ein Rudiment der Wissenschaften. Einmal hat sie alle unter sich vereint, war die Mutter der Wissenschaften, doch ihre Kinder sind ihr eines nach dem anderen davongelaufen, groß geworden, selbständig, unabhängig, undankbar, haben sie nie wieder besucht. Sie weinte darüber und weint immer noch leise, denn sie spürt eine Leere in sich, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Sie hält stattdessen ihre Enkel hoch, die großen Philosophen, die in die Geschichte eingegangen sind, oder sie mischt sich in die Angelegenheiten ihrer Kinder ein, obwohl sie keines dort haben will. Sie trägt neumodische Kleidung, gibt sich neue Namen und will so vergessen machen, dass sie alt ist und nicht mehr zeitgemäß. Sie fühlt sich überflüssig und minderwertig und versucht es zu überdecken, indem sie ihre alte Krone vor sich herträgt. „Ach“, seufzt sie, „ich kann ja mein Tun nicht messen, ich kann ja keine Ergebnisse liefern, auch keine Daten oder Fakten, was bin ich denn wert in dieser Gesellschaft? Ich habe keine Ahnung mehr von Physik, von Biologie, von Chemie, von Mathematik, von Psychologie, von Soziologie, von Wirtschaft, von Politik, das können meine Kinder inzwischen alle viel besser als ich! Zu was bin ich denn noch nutze?“

Fatal ist der Kleinmut und die Tatenlosigkeit der Philosophie. Denn auch wenn sich ihr Nutzen nicht quantifizieren lässt, sie kann vieles noch, was sie früher konnte und heute fast keiner mehr kann: Sie kann Zusammenhänge erkennen, sie kann die Vielheit der Erscheinungen als Einheit begreifen. Sie kann andererseits aber auch tief in diese Zusammenhänge eindringen, bis in seine kleinsten Teile differenzieren, wenn es nötig ist. Sie kann über Grenzen gehen, die sonst keiner sieht. Sie kann das Selbstverständlichste problematisieren und dadurch erst verstehen machen. Sie kann Dinge sehen und zeigen, die niemand mehr sieht, weil keiner hinschaut oder sich dafür interessiert, weil er glaubt, es sei unwichtig. Sie kann scharf kritisieren, ohne zu verletzen. Sie kann tief zweifeln, ohne sich zu verlieren. Sie kann die Voraussetzungen der Wissenschaft, des Denkens, des Erkennens und der Existenz selbst untersuchen, wenn sie sich nur traut. Sie kann angesichts des Ganzen und mittels der Logik Sinn erfahrbar machen, sogar fühlbar machen, wo es früher nur die Religion, innerhalb dogmatischer Grenzen, konnte und die Naturwissenschaft niemals wird vollständig tun können.

Die Philosophie ist als akademische Disziplin immer noch erstaunlich wenig gebunden. Sie dient keinem, oder jedenfalls nicht direkt einem (in Euro- oder Dollarscheinen) messbaren gesellschaftlichen Zweck. Sie untersucht auch nicht als Wissenschaft einen bestimmten Bereich, wie „die Psyche“ oder „den Organismus“ oder „den Mechanismus“. Ihr Auftrag ist nicht dem Zeitgeschmack gemäß genau definiert. Sie sieht das als Schwäche an, aber es ist eigentlich ihre Stärke. Denn die Fragmentarisierung der Gesellschaft herrscht in allen Lebensbereichen. Die Wissenschaften vereinzeln sich (Versuche der „Interdisziplinarität“ ausgenommen), der Mensch auch. Wert wird über die glatte Oberfläche des einzelnen Dings definiert und über die Summe der einzelnen Dinge. Die Philosophie kann, wenn sie nur ihre Position als Außenseiterin begreift, und als Chance begreift, diese Fragmentarisierung aufheben, indem sie sich bewusst neben – oder meinetwegen auch „über“ – den anderen Wissenschaften und Lebensbereichen positioniert und diese als einheitlichen Prozess fasst, dessen Struktur es zu finden gilt. Sie kann – und soll – Konturen glätten, wo diese zum Verständnis der Einheit beitragen und sie soll Konturen da scharfstellen oder gar einzeichnen, wo es an Differenzierung fehlt und bisher bloß oberflächlich nivelliert wird. Sie soll vor allem erst die Konturen sichtbar machen, den Schleier der Oberfläche von den Dingen reißen. Die Philosophie soll die Dinge nackt hinstellen, ohne geheuchelte Verkleidung, ohne süßliches Parfüm, sie soll ihre Hässlichkeit begreifen machen, wo sie hässlich sind. Aber auch in ihrer nackten Schönheit zeigen, wo sie schön sind. Sie soll und sie kann, weil sie – noch – frei ist. Und sie kann erst frei werden, frei bleiben, wenn sie an der Befreiung des Menschen arbeitet. Nur der freie Mensch ist auch ein freier Denker, ein freier Philosoph.

Doch „die Philosophie“ wird nichts tun, wenn die Philosophen und Philosophinnen nichts tun. Auch sie liegen in Fesseln. Allerlei alltägliche Fesseln des Privat- und Berufslebens, Fesseln, die meistens mit Geld, oft mit Stolz, „Ruf“, Neid und Angst zu tun haben. Sie sind überall gebunden in den neuen Moden der Philosophie, in ihrer „Spezialisierung“ und ihren diversen „-Ismen“, die alle 6 Monate wechseln wie Lagerfelds Kollektionen. Sie sind gebunden in ihrer Rolle als Philosoph, oder besser, als Angestellter des akademischen Philosophiebetriebs, der von ihnen ganz selbstverständlich die persönliche Aufopferung verlangt. Für die Philosophie und das freie Denken? Nein, für die Schnörkel und Scharniere der akademischen Parallelwelt, die sie achten und polieren müssen, um sich ein Quäntchen Freiheit in ihr zu erwerben. Sie sind keine Seiltänzer, sie klammern sich kriechend an ihr Seil, denn ihr Absturz würde ihr finanzielles und berufliches Aus bedeuten. In ihrer dauernden Beklemmung geht ihnen das freie Denken aber verloren. Und sitzen einige wenige von ihnen irgendwann einmal doch auf dem Thron des Ordinarius, haben sie es meist längst verlernt. Sie haben sich an die „echte Welt“ und die „Realität da draußen“ angepasst, auch im Denken.

Nützen sie so? Sich selbst, der Gesellschaft, der Freiheit? Nein, sie schmücken bloß, sich selbst, die Universität, die Bücherregale. Ein zweifelhafter Schmuck, der bald zerfällt. Stattdessen könnten sie ihren Putz – ihren Dr., ihren Prof. – dafür einsetzen, dass man ihnen zuhört. Ihre missliche Lage, oder die ihrer Nachfolger, ist die Lage der Gesellschaft, die sie nicht oder viel zu zaghaft kritisieren. „Prof. Dr.“ aber sind magische Worte in den Ohren der Menge, der Zauber der Autorität zeigt Wirkung. Sie könnten diese Autorität ausnutzen, indem sie sie hinterfragen, indem sie vermehrt öffentlich Fragen stellen, die richtigen Fragen. Sie könnten, sie sollten, den Luxus ihres breiten philosophischen Wissens nutzen, um zu nützen. Nicht zuletzt sich selbst. Sie sollen keine neue Ideologie entwerfen, aber sie können Gedanken sähen, neue Perspektiven, auch Zweifel, da wo er Not tut. Sie haben die Regeln des logischen Denkens an der Universität gelernt und gelehrt, warum weisen sie nicht darauf hin, wo sie alltäglich politisch und journalistisch missachtet werden? Was nützt die analytische Philosophie, die sich bloß selbst zerlegt? Sie können nur wahrhaft über sich hinauskommen, wo sie aus sich herauskommen. Zu wenige noch trauen sich das. Doch erst eine freie Gesellschaft wird den freien Denker frei sein lassen.

Die Philosophie wird sich den Titel des „Höheren“ verdienen müssen. Und erst da verdient haben, wo es ihr gelingt, den Menschen zu erhöhen. Die Macht der Gedanken wird erst dort frei, wo sie nicht mehr von der Unfreiheit der Gedanken anderer abhängig ist, wo sie sich nicht erst abgrenzen und erhöhen muss. So wie der Herr in seiner Herrschaft vom Beherrschten abhängig bleibt, unfrei letztlich, in seiner Macht beschränkt durch die Notwendigkeit der ständigen Beschränkung des Anderen. Die Philosophie aber soll nicht herrschen, sie soll befreien. Sie soll der Freiheit nützen.

Werbeanzeigen