Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

img_81652In der Klarheit liegt Schönheit. Welchen Anteil daran hat die Dunkelheit? Foto: AT

Das menschliche Gefühl kommt im üblichen Vergleich mit der Vernunft nicht gut weg. Steht die Vernunft – gemeint ist häufig die Rationalität – für das Göttliche, das eigentlich Menschliche im Menschen, so steht das Gefühl für das Primitive, Tierhafte, ein Rudiment, das es möglichst zu beherrschen und irgendwann hoffentlich zu überwinden gilt. Die Idealvorstellung des vielgelobten Aufklärers Kant etwa ist ein vollkommenes Reich der Vernunft, in dem diese endlich die „Sinnlichkeit“ gezähmt, sie an ihren rechtmäßigen Platz verwiesen und nunmehr die ewige Herrschaft des Guten, Wahren und Schönen auf Erden eingeläutet hat. Der allgemeine Tenor unserer westlichen Geistesgeschichte: die Sinnlichkeit als Widersacher der Vernunft, des Fortschritts, der wahren Menschlichkeit. Das Gefühl als innerer Störenfried des Geistes, das sich immer wieder der Vernunft-Kontrolle entzieht, die sorgfältig anerzogene apatheia des Weisen infragestellt, seine Vollkommenheit gefährdet. Wo die Sinnlichkeit herrscht, hat der Geist verloren, da bricht Chaos aus, Barbarei, rohe Gewalt ohnegleichen – das Raubtier im Menschen, sein eigentlicher, innerster Kern, bricht aus, wütet zügellos, maßlos, frisst, säuft und kopuliert bis zur Besinnungslosigkeit, völligen Schamlosigkeit, roh, grob, ranzig, ohne Kultur – wo die Vernunft ihm nicht maßregelnd Einhalt gebietet. Wo sie ihm nicht Fesseln anlegt und es gehorchen lehrt, Kunststücke der Höflichkeit und Formalität. Nein-Sagen. Sich-nicht-Hingeben. Innehalten. Sich bewusst verdrehen. Sich umkehren. In der Entbehrung höhere Freude finden. Sich sublimieren. Geist werden. Mensch werden! – In der Kontrolle des Selbst. (Das gilt heute übrigens noch genauso wie früher, wenn nicht noch mehr, Stichwort Selbst-Optimierung.)

Die Herrschaftsstruktur unseres Geistes spiegelt die Herrschaftsstruktur unserer Gesellschaft wider. Die Einheit im Inneren wie im Äußeren wird hauptsächlich durch Zwang erhalten – mag dieser sich auch gelegentlich als Freiheit verkleiden. Warum ist das so? Warum müssen wir etwas in uns kontrollieren, um zu leben? Müssen wir das? Können wir das? Was ist dieses andere in uns, von dem wir uns so entfernt haben, wenn wir, rational, Ich sagen? Weshalb ist Irrationalität eine Gefahr für die Stabilität unseres Ich, für die Stabilität unserer Gesellschaft?

Was ist Gefühl? Die polyvalente Bedeutung dieses Begriffs ist ein Problem, das selten Erwähnung findet. Gefühl, das kann zunächst schon ein rein physischer Sinneseindruck sein: eine Oberfläche kann sich z.B. rauh oder glatt anfühlen, angenehm oder unangenehm. „Gefühl“ ist auch ein anderes, veraltetes Wort für den Tastsinn überhaupt, ein Vermögen des Fühlens also. Analog dazu und häufiger noch gebrauchen wir „Gefühl“, um psychische Sinneseindrücke zu bezeichnen, die nicht unmittelbar an eine körperliche Berührung gekoppelt sind. Hier fühlen wir in besonderer Deutlichkeit uns selbst, nicht ein anderes. Um die Frage „Wie fühlst du dich?“ beantworten zu können, tasten wir gleichsam nach uns selbst, sollte sich der Eindruck nicht ohnehin aufdrängen. Die Grenze zwischen physischem und psychischem Eindruck verläuft hier fließend, beide aber (z.B. die Leichtigkeit des Herzens und die Freude, oder der kalte Schmerz im Herzen und die Verzweiflung) beziehen sie sich auf das Ich, bezeichnen sie die sinnliche Beschaffenheit, das Gefühl des Selbst. – Während das Gefühl als äußerer Sinn (Tastsinn) sich auf alles „Äußere“, auf alles Nicht-Ich bezieht. Ebenso kann mit „Gefühl“ der innere Tastsinn bezeichnet werden, das Vermögen also, unser Ich zu „ertasten“, Sinneseindrücke (einzelne „Gefühle“ in der engeren Bedeutung) in Bezug auf unser Ich zu empfangen.

Schließlich kann „Gefühl“ auch ein dunkles Wissen meinen, eine Intuition („Ich habe es im Gefühl, dass …“). „Gefühl“ meint hier nicht eine innere Sensation im üblichen Sinne, die meist mit einer Wertung einhergeht oder in dieser aufgeht (etwas fühlt sich „gut“ oder „schlecht“ an), sondern eine Notion, einen Gedankeninhalt, von dem der ihn Denkende nicht oder nur sehr ungenau zu sagen vermag, woher jener entstammt oder auf welchen Voraussetzungen oder Argumenten er beruht. Es handelt sich aber um ein Wissen, um die Kenntnis eines Sachverhalts. Mit „Gefühl“ wird dieses Wissen deshalb bezeichnet, weil es etwas Wichtiges mit dem Gefühl im Sinne einer inneren Empfindung gemeinsam hat: Beide verlassen sie die Sphäre des Unbewussten nicht oder nur teilweise – gerade so viel, dass sie überhaupt zu Bewusstsein kommen. Ihre genaue Form aber, ihr spezifischer Charakter und ihre Struktur bleiben diffus. Die Charakterisierung durch Begriffe des Bewusstseins ist (noch) nicht oder nur ungenügend erfolgt.

Bei Kant nimmt die Sittlichkeit interessanterweise ursprünglich im Menschen genau diese Form an: Das Sittengesetz ist als solches unmittelbar in uns angelegt, jedoch verdeckt durch allerlei andere Gemütsinhalte wie Wünsche, Neigungen und falsche Moralvorstellungen. Erst die Aufklärungsarbeit des Geistes, die kritische Beseitigung aller falschen Prinzipien und die vernünftige Einsicht in die „Reinheit“ der Sittlichkeit fördern diese als klares, eben nicht mehr „dunkles“ Wissen zutage.

Hier stoßen wir also auf eine bemerkenswerte Schnittstelle von Vernunft und Gefühl: beide, traditionell grundverschieden gedacht, begegnen sich im Unterbewusstsein. Sie tun es deshalb, weil sie eben nicht grundsätzlich voneinander getrennt werden können. Was wir häufig im erweiterten Sinne als „Gefühl“ bezeichnen, meint gerade jenen Teil des Geistes, den wir bloß dunkel, also noch nicht durch das Bewusstsein erfasst, an uns wahrnehmen und der eine Mannigfaltigkeit an geistigen Inhalten umfasst. „Gefühle“ im engeren, präziseren Sinne der inneren „Tastempfindungen“ gehören dieser Sphäre der geistigen Indifferenziertheit genauso an wie noch unbestimmte „Gedanken“, die häufig eine primitive Form von „Bildern“ annehmen, solange sie die Ratio noch nicht erfasst hat (Kant spricht von „Vorstellungen“).

Mehr noch, jedem unserer „äußeren“ Sinne, entspricht sein Zwilling im Inneren: Unser Geist umfasst nicht nur Bilder und innere Tasteindrücke, auch Abdrücke von Geruch, Geschmack und Gehör enthält er. Und diese Eindrücke beschränken sich nicht bloß auf Erinnerungen, sondern können sich auch – ist das jeweilige Sinnesvermögen entsprechend geschult – auch zu neuen, komplexeren „Vorstellungen“ zusammensetzen (etwa bei der Kreation einer neuen Speise, eines neuen Parfüms oder Musikstücks). Hier hantieren wir nicht mit Begriffen, sondern mit Eindrücken, die sich uns gleich wieder entziehen, versuchen wir sie zu lange im Bewusstsein festzuhalten. Der Wirkraum dieser „inneren Sinne“ ist jedoch dahingehend eingeschränkt, dass diese stets selbstbezüglich bleiben müssen – erst in der Interaktion mit dem Außen, mit dem Nicht-Ich, können sie sich entfalten, können sie überhaupt erst ihre Wirkung entfalten. Denn in Wirklichkeit sind die inneren von den äußeren Sinnen nur in ihrer Ausrichtung unterschieden. „Sinnlichkeit“, das heißt vor allem: Öffnung. Und offen sind unsere Sinne nach außen wie nach innen.

Ein Sinn hat es dabei den Gelehrten besonders angetan: das Auge. Stets ist es der „edelste“ Sinn von allen, denn das Auge ist ein Organ der Übersicht, der Scharfsicht und der Differenz. Es erweitert den Bezugsrahmen des menschlichen Lebens ungemein, denn allein das Auge kann unglaubliche Distanzen überwinden: bis zu den Sternen kann es sehen, und damit sogar in die Vergangenheit. Ein sehender Mensch sieht die Welt, während der bloß tastende nur seine unmittelbarste Umgebung wahrnehmen würde. Das Auge ist damit das Analogon der Vernunft. Die Sprache des Denkens (oder besser: der Erkenntnis) ist voller Sehmetaphern, kommt gar nicht ohne sie aus. Das Auge ist „sonnenhaft“ (Goethe) und wie die Sonne uns sehend macht, so lässt uns die „Idee des Guten“ Vernunfteinsichten gewinnen (Platons Ideenschau). Wir sprechen vom „Licht der Vernunft“ und davon, dass es gilt, die Dinge „klar zu sehen“, wenn wir ihre Wahrheit erkennen wollen. Nicht ohne Grund sprechen mystische Denktraditionen außerdem vom „dritten“ oder „inneren Auge“ und von „Erleuchtung“.

Doch eines übersehen unsere Herren Sonnenanbeter (wo die Philosophiegeschichte eine bloße Fußnote zu Platon ist, ist sie eine Geschichte der Sonnenanbeter) leider immer wieder: Klares Sehen erfordert nicht nur Licht, es erfordert auch Schatten. Was wir vergessen, wenn wir vom „Licht der Erkenntnis“ schwärmen: Zum klaren Sehen braucht es der klaren Konturen, es braucht des Schattens, des Dunkels, welches das Licht dämpft, erträglich macht, verträglich. Bloßes Licht blendet, macht blind, tut weh. Wenn wir erkennen, blicken wir nicht in die Sonne, wir sehen in den Schatten, der von der Sonne erhellt ist und so seine Konturen offenbart, die Grenzen der Dinge (die Grenze ist genuin Dunkelheit). Kants berühmter Satz „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ ist streng genommen falsch, ja, sinnlos. Die Sinne täuschen nicht. „Anschauungen“ oder andere Erzeugnisse der vielgeschmähten Sinnlichkeit können nicht „blind“ sein. Menschen sind blind. Sie sind es dann, wenn sie entweder in völliger Dunkelheit ihres Geistes verharren, oder dann, wenn sie ihren Geist mit Gewalt ins Licht drängen und sich so selbst Gewalt antun, mutwillig selbst blenden.

Im grellen Licht der bloßen Rationalität übersehen wir das Wesentliche. Gedanken ohne Inhalt sind leer, dieser andere Satz Kants gilt. Der Inhalt, das ist die Fülle an Farben, die die Dunkelheit ausmachen. Die Farben sind nicht „Söhne“ des Lichtes. Die Dunkelheit gebiert das Licht, das Licht aber lässt die Welt erscheinen. Erst im Verein von Schatten und Licht wird Klarheit möglich.

Wo das Auge sonnenhaft ist, ist das Gefühl mondhaft. Wo jenes geachtet ist, ist dieses geächtet, wenn es um Erkenntnis geht (die Anbeter/innen der Mondgöttin sind lange ausgestorben). Das Gefühl ist der primitivste aller Sinne, auch der onto- und phylogenetisch erste. Die Berührung ist die ursprünglichste aller Sensationen, sie definiert erst die Grenze von Ich und Anderem, lässt also Trennung verspüren, Verschiedenheit. Das Tasten nach unserem Ich ist die Urform des Selbstbezuges und der Reflexion. Gleichzeitig bestimmt die Art und Weise der Berührung, ob die Sensation der Verschiedenheit zementiert wird (etwa durch einen gewaltsamen Akt) oder in der Erfahrung von Gemeinsamkeit aufgeht (etwa bei der sanften Berührung, die eine Verbindung erzeugt). Das Gefühl bedarf dabei aber immer, im Gegensatz zum Auge der direkten Nähe. Die Unmittelbarkeit, mit der das Andere dem Ich zugeführt wird, ist die Stärke des Gefühls. Eine intensivere Erfahrung als die des Fühlens können wir nicht machen, da wir allein im Fühlen, in der Berührung mit dem Anderen dieses Andere direkt und in seiner ganzen Ausdehnung erfahren können. In der Berührung ist für einen kurzen Moment die Trennung, die doch erst durch die Möglichkeit des Berührens und der Wahrnehmung des Anderen zustande kommt, aufgehoben, oder doch zumindest infrage gestellt. Je nach Art der Berührung erfolgt innere Abwehr des Andern oder Öffnung. In beiden Fällen wird aber der Gegenstand sehr intensiv erlebt, da er den unmittelbaren Kontakt zum Ich herstellt.

Das Gefühl steht häufig stellvertretend für die Sinnlichkeit überhaupt (als Widersacherin der Vernunft), da kein anderer Sinn den Distanzverlust und damit die (wenn auch temporäre) Aufgabe der eigenen Individualität, die Aufgabe der inneren Abwehr des Ichs gegen die Aufnahme ins Außen, die Hingabe, so sehr in sich trägt. Und gerade auf diese Distanz, auf die Trennung von Ich und Außen kommt es der analytischen Vernunft, der operierenden Rationalität an: Sie hält die Dinge auseinander, differenziert. Das Gefühl behindert diesen Prozess. Kein Sinn ist außerdem so vielfältig, und so allgegenwärtig: Jede andere Sinneswahrnehmung, jede andere geistige oder allgemein lebendige Tätigkeit geht, bewusst oder unbewusst, deutlich oder kaum bemerkbar, mit irgendeiner Art von Gefühl einher.

Auge und Gefühl – hier, wie auch zuvor schon natürlich im doppelten Sinne von Innen und Außen gemeint – repräsentieren den Dualismus der westlichen Denktradition, der sich fortsetzt in Begriffspaaren wie Vernunft – Sinnlichkeit, Geist – Körper, Idealismus – Materialismus und Rationalität – Irrationalität, wobei bei letzterem auffällig ist, wie der Rationalität die alleinige Definitionshoheit zugestanden wird und das „Nicht-Rationale“ nicht mal mehr eines eigenen Namens bedarf. Unsere Kultur versteht sich als eine Kultur des Sehens, nicht des Fühlens. Wir haben gelernt, dem Fühlen zu misstrauen, da es unsere Ansprüche an Deutlichkeit und Klarheit nicht erfüllt. Durch seine Eigenart der direkten Gebundenheit an das Ich, fällt es uns schwer, in der Bandbreite seiner Eindrücke zu unterscheiden, verschiedene Gefühle festzustellen – also unser Instrumentarium der Rationalität auch auf das Gefühl anzuwenden. Wie einfach ist es, zwischen Gegenständen der „Außenwelt“ zu unterscheiden, die uns das Auge dankenswerterweise in so viele Farbnuancen auftrennt, wie schwer dagegen, Gegenstände der Innenwelt festzuhalten, die dahinfliehen wie Schatten?

Wir misstrauen dem Gefühl und seiner diffusen Herrschaft über einen übergroßen Teil unseres Geistes, empfinden es bald als Störenfried unserer „objektiven“ Kalkulation. Wo wir die Dinge sehen wollen, wie sie „an sich“ sind, versuchen wir unsere Subjektivität, unser Ich, dass sich vor allem durch Gefühl äußert, auszuklammern, fernzuhalten. Wir kommen nicht darauf, ihm stattdessen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn erst, wo wir unser Gefühl verstehen, können wir auch uns selbst verstehen. Und erst wo wir uns selbst verstehen, können wir richtig zwischen Ich und Außen unterscheiden, können wir das Andere auch verstehen.

Wir können unser Gefühl nicht künstlich von unserer Rationalität abkoppeln. Es ist immer da, bloß verdrängt und verschleiert, es lässt sich aber nie vertreiben. Nichts behindert die Erkenntnis mehr, als zu meinen, sie könnte losgelöst von Gefühl und Subjektivität stattfinden. Erst wenn wir unser Gefühl bewusst zulassen und seinen Charakter begreifen, können wir auch letztlich von ihm Abstand nehmen. Andernfalls fehlt uns eine tiefgreifende Erfahrung als Basis der Erkenntnis, nämlich die Erfahrung unseres Selbst.

Klammern wir das Gefühl im Erkenntnisprozess aus, sprechen wir ihm außerdem ab, überhaupt objektiven Charakter haben zu können. Dabei ist dem ganz und gar nicht so. Wie die anderen Sinne ist das Gefühl eigentlich per se objektiv, indem es nämlich lediglich eine Öffnung für Eindrücke – aus dem Ich wie aus dem Anderen – darstellt. Erst nachträglich, im rationalen Denkprozess, lesen wir diese Eindrücke und ordnen sie ein. „Subjektiv“ ist das Gefühl bloß, wenn es sich auf das Ich bezieht. Es gibt damit aber eine objektive Darstellung von Ich. Wo wir „Ich“ auch als ein Objekt betrachten, uns dem Anderen in uns konsequent öffnen, erkennen wir uns selbst.

Erkenntnis kann sich außerdem nicht in Rationalität erschöpfen. Was Rationalität kann, ist unterscheiden, die Welt präzise in ihren Einzelheiten begreifen und damit umfassender, mannigfaltiger machen, ihre Komplexität durchdringen und ihre Vielfalt bestimmen. Rationalität strebt nach klaren Konturen, nach Schärfe des Begriffs. Ihre Optik ist nicht die der Unschärfe, der verschwommenen Impression, wie sie das Gefühl hervorbringt. Ein „messerscharfer Verstand“ kann korrigierend eingreifen, wo die Eindrücke der Sinnlichkeit sich bunt vermengen, einander überlappen, sich assoziativ zusammenflechten und das Ich in ihrem Strom fortzureißen drohen. Die Rationalität lehrt uns Innehalten, lehrt uns Vorsicht und Kontrolle unserer Umwelt, Lenkung unseres Ich. Was sie aber nicht kann, ist ein umfassendes Bild der Welt zu schaffen, wenn sie von der Sinnlichkeit absieht. Sie teilt wahrlich nicht nur in Schwarz und Weiß, aber das tut das Gefühl auch nicht. Stattdessen schafft die Rationalität Graustufen, und in großer Präzision, feinster Nuancierung. Sie zeichnet Linien, konstruiert einen Plan der Wirklichkeit, in dem jedes Ding seine reine Form und seinen idealen Platz findet. Aber die Farbe vergisst sie, und damit die Lebendigkeit, die die Welt auszeichnet, die sich bewegt, schillert. Die nicht nur aussieht, sondern schmeckt, riecht, sich wie Wirklichkeit anhört und anfühlt.

Die Wissenschaft hat es bisher nicht geschafft, die Welt zu begreifen, weil sie das Lebendige nicht begreift. Es entzieht sich ihr, verflüchtigt sich, flieht vor ihr. Und sie lässt es entfliehen, weil sie nicht hinsieht. Weil das Auge der Vernunft niemals auf dem ruht, das es von vornherein als nebensächlich abgetan hat. Die Biologie seziert Totes, das Tote ist Ausgangspunkt der Medizin. Die Physik ergeht sich in der Mathematik und in Maschinen, die das Lebendige noch weiter auftrennen sollen. Die Psychologie hat uns wenigstens das Unbewusste zu Bewusstsein gebracht, aber wie weit? Wir verdrängen es weiterhin. Die Wissenschaften untereinander sind zersplittert, vergessen den Sinn.

Es soll gar nicht darum gehen, die Kontrolle unseres Geistes an die Sinnlichkeit abzugeben. Aber wir können irgendwann vielleicht dahin kommen, diese nicht mehr kontrollieren zu müssen. Sittlichkeit werden wir nur da erreicht haben, wo wir sie abgeschafft haben, wo sie – als moralisches Zaumzeug – nicht mehr nötig ist. Wo wir die selbstgeschaffene Dualität innerhalb unseres Geistes einmal aufheben – nicht indem wir immer geistigere Höhen der Abstraktion erklimmen, sondern indem wir neugierig das vielgeschmähte Dunkle, Diffuse unseres Geistes erforschen und uns nicht davor fürchten oder seiner schämen. Indem wir uns öffnen, unser Ich selbst als Sinn begreifen. Indem wir unsere Rationalität behutsam einsetzen, unseren Geist (und auch das Andere) wie ein Knäuel geduldig aufdröseln, nicht aber seine Fäden gewaltsam zerschneiden, um sie in Form zu zwängen.

Mehr Gefühl – wie schnell wird diese Forderung als sentimental verlacht, als schwächlich und „weibisch“ (typisch weiblich!) abgetan, mindestens aber als realitätsfern proklamiert. Meistens vom Zyniker, vom Verbitterten, vom Pessimisten, der, schwer enttäuscht und verletzt von einer kalten Gesellschaft, vermeint, sich dieser anpassen zu müssen, indem er sich selbst alle Gefühle, alles aufrichtige Mitgefühl mit sich selbst (nicht etwa bodenloses Selbstmitleid) verbietet und verneint. Der lange stumpf geworden ist, um nicht leiden zu müssen, um das Leid der Welt nicht mitfühlen, nicht mittragen zu müssen. Dessen Sinnlichkeit dumpf geworden ist und dem nur noch der Exzess, das ausschweifende Extrem der Sinne ein Lebensgefühl verschafft. Der völlig verhärtet und stupide geworden ist, gegenüber sich selbst und dem Anderen – weil er nicht sehen will, nicht sehen kann, nicht fühlen will, nicht fühlen kann, was ihm schreckliches Leid bereiten würde. Aber eben auch: Erkenntnis, Verstehen. Und damit die Einsicht, dass es anders, richtiger gehen würde und gehen kann.

Wo wir uns selbst mehr Gefühl erlauben, können wir auch dem Anderen mit Gefühl begegnen. Wo wir Mitgefühl in der Gesellschaft vermissen, können wir selbst ein Stück weit diese Lücke füllen. Sinnlichkeit ist auch ein Sich-Öffnen gegenüber dem Anderen. Die rationale Begegnung bleibt eine Begegnung auf Distanz.

Wir haben einen Sinn für das Gute, wir haben einen Sinn für die Wirklichkeit, wir haben einen Sinn für das Schöne. Wo wir die Zügel der Rationalität nicht für einen Moment abgeben, wo wir sie nicht locker lassen können, wird davon jedoch nichts zu uns vordringen.

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Apologie der Irrationalität I: Vernunft und Rationalität

paintings-by-lia-melia18209-8898508-7_905Die wilden Wogen der Irrationalität – Ist Kunst rational? Künstlerin: Lia Melia

Glaubt man der Rede von der Postfaktizität, so erleben wir gerade eine Zeitenwende: Das Zeitalter der Rationalität und des harten wissenschaftlichen Faktums hat ausgedient und der Mensch begnügt sich von nun an mit dem Vertrauen auf sein „bloßes“ Gefühl. Bedeutet das eine Rückkehr in die Barbarei, in eine vorvernünftige Periode? Ist es mit der Aufklärung nun endgültig vorbei? Oder ist „der vernünftige Mensch“ vielleicht doch kein Ideal, nach dem wir bedingungslos streben sollten? Sollten wir die „Ära der Herrschaft des Gefühls“ vielleicht begrüßen, weil wir so keine Angst haben müssen, eines Tages den perfekten rationalen Robotermenschen herangezogen zu haben, der alles sinnliche Gefühl an- und ausschalten kann, wie er will, um seine Berechnungen der Wahrheit vollkommen zu objektivieren, dabei aber leider auch der wahren Empathie nunmehr entbehrt? Wie sehr haben wir die Rationalität nötig? Wie weit kann, wie weit soll sie reichen? Wie sehr leben wir „noch“ in einem rationalen Zeitalter und was bedeutet das?

Der Mensch definiert sich als Art gerne über das Denken, er ist „das vernünftige Tier“. Bei der Vielzahl anthropologischer Definitionen läuft es doch immer wieder auf diesen Punkt hinaus. Traditionell, jedenfalls seit offiziellem Beginn unserer abendländischen Denkgeschichte, die üblicherweise irgendwo bei den sogenannten „Vorsokratikern“ angesetzt wird, ist die Vernunft durchweg positiv konnotiert, sie zeichnet den Menschen vor allen übrigen Lebewesen aus, erhebt ihn über diese als Art, so wie er sich mittels seines abstrakten Denkens von ihnen entfernen und über sie erheben kann. Das Denken ermöglicht dem Menschen, von der übrigen Natur zurückzutreten und sich nun nicht weiter über diese zu definieren, sondern die Natur selbst als eine bestimmte, andere Entität neben der eigenen, spezifisch menschlichen oder eben vernünftigen Entität zu begreifen. Der Mensch ist selbst nicht (mehr) genuin Natur, er ist etwas Anderes, Eigenes, zwar immer noch sinnlich verhaftet, aber doch gleichzeitig über die Sinnlichkeit hinaus. Dieses „Andere“ am Menschen ist eben sein Denken, sein Geist, seine Vernunft – etwas Übersinnliches, und darin, so die übliche Vorstellung, gleicht er dem „Göttlichen“, der göttlichen Vernunft selbst, welche in ihm unmittelbar durch seine Verbindung mit dieser wirksam ist. Das Göttliche ist dabei das per se Abstrakte, das Nicht-Stoffliche, Nicht-Vergängliche, das Ewige, welches ihn darin letztlich auch unsterblich macht.

Diese Ansicht findet sich in unterschiedlicher Form, implizit und explizit, z.B. bei Platon, im Christentum, und seit der „Überwindung“ der mittelalterlich-christlichen Philosophie bei vielen westlichen Denkern ab der Neuzeit. Seit die Vernunft dabei selbst als eigenständige und schöpferische Fähigkeit des Menschen wieder besonders hervorgehoben und von ihrer Bindung an das „Göttliche“ zusehends entfernt wird, kommt es auch immer wieder zu Gegenbewegungen und Vernunftkritik. Mal ist die Vernunft emanzipatorische Kraft und Befreierin des Menschen aus verkrusteten, dogmatischen und unterdrückerischen Verhältnissen (etwa im Aufbruch der neuzeitlichen Naturwissenschaft, in der Aufklärung), dann wiederum wird sie selbst als dogmatisch und supprimierend empfunden, wo sie das „Leben“ und das Gefühl scheinbar oder tatsächlich nicht mit zu integrieren vermag, sondern diese ihr vielmehr als „Sklaven“ unterstellt sind. – Ich würde dafür argumentieren, dass wir uns aktuell wieder – und immer noch – in einer Phase befinden, in der „die Vernunft“ sich von ihrer unterdrückerischen Seite zeigt. Gleichzeitig würde ich mich jedoch für mehr Vernunft aussprechen. Aber kann das eigentlich zusammengehen?

Das Motiv der Herrschaft der Vernunft hat eine lange Tradition, bei Platon z.B. sehr anschaulich gemacht durch das Bild des „Seelenwagens“, bei dem die Vernunft die Zügel in der Hand hält und die beiden Pferde am Wagen, den Mut und die Begierde, kontrolliert – notfalls eben mit der Peitsche. (Nietzsche greift dieses Bild bekanntlich später ironisch auf und kehrt es um) Die traditionelle Vorstellung der Vernunft ist die der Herrscherin, Führerin. Die Vernunft wird – nicht nur inhaltlich, sondern auch explizit sprachlich und metaphorisch – als Befehlshaber der Seele aufgefasst, sie diktiert dem übrigen Geistesleben, was zu tun ist. Sie hat alleinige Autorität über die Seelenfunktion. Und wahrlich, diese braucht es auch, denn das übrige Seelenleben begehrt ständig auf. Ständig wollen wir irgendwas, von dem wir wissen, dass es eigentlich schlecht für uns ist. Ständig wollen wir unseren Impulsen nachgehen. Ständig wollen wir schlimme Dinge tun, haben grausame Gedanken. Allein die Vernunft, unser guter, weiser Machthaber, weiß, was richtig und wichtig ist und hält uns davon ab – ein Glück. Sie fesselt und knebelt unsere Gedanken und Taten, bevor sie Schaden anrichten können. Sie schiebt dem Bösen in uns den Riegel vor. Sie tötet in uns ab, was schädlich ist, manchmal auch schon, was verdächtig ist – sicher ist sicher. Sie kontrolliert uns, wo wir gehen und stehen, allein im Traume zieht sie sich zurück und wir erfahren, was es heißt, unseren dunklen Trieben, uns selbst ausgeliefert zu sein. Die große Masse in uns, der Pöbel des Unterbewusstseins: sich selbst regieren? Niemals! Zu gefährlich, zu unsicher!

Wie ist die Vernunft in diese Rolle geraten? War es schon immer so, war sie schon immer Alleinherrscher? Was ist mit dem übrigen Menschen? Ist der, sind unsere Triebe „von Natur aus“ böse oder zumindest stets potentiell korrumpierbar? Hat die Natur uns den Egoismus und die Gewaltlust eingegeben, Gott aber den Funken der Vernunft, der uns aus der ganzen „natürlichen“ Misere allein erlösen kann? (Gut, nach heutiger Auffassung hat das Recht des Stärkeren selbst die Vernunft hervorgebracht, aber insgeheim hält man sich ja doch für ein „höheres Wesen“.) Wie sind wir dahin geraten, dass wir überhaupt „kontrolliert“ werden müssen – und damit nicht nur durch uns selbst? Ist die Vernunft ein Geschenk, das uns „erhebt“ und Großes ermöglicht, oder haben wir das Denken schlichtweg nötig? Weil ohne es sofort die „blonde Bestie“ (Nietzsche) herausbrechen würde? Existiert das Gute nur in der Vernunft? Besteht das Gute nur in der Kontrolle des Schlechten?

Treten wir noch einen Schritt zurück und fragen uns: Was ist eigentlich Vernunft? Leider ist das überhaupt nicht geklärt, wenn von Vernunft geredet wird. Ebenso von der Rationalität: „Rational“ und „vernünftig“, das meint nun seit langer Zeit schon das Gleiche. Dabei ist Rationalität eigentlich, wenn überhaupt, nur Vernunft in einem sehr engen Sinne: ratio heißt nämlich ursprünglich „Rechnung“, „Geschäft“ oder „Vorteil“. Das rationale Denken (das „rechnerische Denken“ bei Heidegger, aber den hole ich jetzt mal nicht raus, sonst wird mir nachher noch „struktureller Antisemitismus“ vorgeworfen… ) ist ein berechnendes Denken, das auf seinen Vorteil aus ist. Dieser Vorteil kann der Vorteil der Wahrheit sein, muss es aber nicht. „Rationalität“ ist mehr Methode als Vermögen und ist, wenn sie gelingt, eine Fähigkeit namens „Klugheit“ (z.B. bei Kant) oder heute auch gerne mal „Intelligenz“. Rationalität ist ein Denken, das seinen Schwerpunkt auf die Form und reine Struktur von Gedanken legt, das abstrahierend und analytisch operiert, das von Inhalten und Anschauungen absieht, um die Wahrheit allein durch Freilegung der diesen innewohnenden Substanz zu finden. Es sieht von Inhalten ab, um ohne Umwege zum Ziel zu kommen – aber damit sieht es auch von der übergroßen Fülle geistiger Inhalte ab, die den menschlichen Geist in überwiegendem Maße bevölkern. Es operiert an der Oberfläche des Bewusstseins und leugnet, dass unterbewusste geistige Prozesse überhaupt als „Denken“ gelten dürfen. Es lässt nur das zu, was es in Worte fassen und einhegen kann und übersieht das Übrige. Es versteht das Unterbewusste nicht, hat keinen Zugang zu ihm, also kümmert es sich nicht darum oder schiebt es beiseite, sperrt es weg.

Es ist diese Art Denken, das den Machthaber spielt, und es kann etwas mit Vernunft zu tun haben, muss es aber nicht. Denn „die Vernunft“ herrscht nicht. „Vernunft“ leitet sich ab von „vernehmen“ und meint schlicht eine richtige Auffassungsgabe. Vernunft hat etwas mit Wahrheit zu tun und damit, dass wir imstande sind, diese einzusehen. Handeln wir vernünftig, so handeln wir besonnen, nämlich so, dass es sinnvoll ist, was wir tun, und zwar nicht nur in unserem eigenen Sinne, zu unserem privaten Interesse. Denken wir vernünftig, so denken wir in Sinnzusammenhängen, wir sind einsichtig. Wir denken und tun das Richtige (was das auch sein mag). Nun kann dieses Richtige – nun kann dieses Vernehmen des Richtigen natürlich auch durch rationales Denken zustande kommen, welches, wie gesagt, in erster Linie eine Methode bezeichnet. Aber es mag auch anders zustande kommen. Bei Kant etwa ist die Grundlage der Moralität – ich habe es im letzten Post erwähnt – ein unmittelbares Wissen vom Sittengesetz. Dieses ist einfach da, wir haben es nicht mittels Rationalität „herbeivernünftelt“. Aber – und das ist unsere große Tragik – wir mussten es notwendigerweise durch Rationalität wiederentdecken. Der unmittelbare Zugang dazu ist uns verloren gegangen, die bloße, „naive“ Einsicht haben wir nicht mehr oder sie genügt uns nicht mehr und wir müssen sie erst wiederfinden, uns wiedererinnern (vgl. Platons „anamnesis-Lehre“) – und zwar mittels der Rationalität – der Sprache, die wir heute sprechen, die wir heute allein als Autorität über unsere Handlungen akzeptieren und die uns heute bestimmt.

Ich will nicht sagen: Rationalität ist schlecht. Das wäre zu einseitig gedacht. Im Gegenteil: Ich sage, Rationalität ist nötig, mehr denn je. Wir sind darauf angewiesen, anders werden wir nicht überzeugt. Wir brauchen Rationalität, wir brauchen Klarheit, Nüchternheit, Objektivität und Abstraktion, um durch Analyse zu dem wieder vorzudringen, was wir vielleicht einmal „einfach so“ gewusst haben und wahrscheinlich im Grunde immer noch wissen. Aber wir dürfen dabei – es dürfte jetzt nicht mehr allzu paradox klingen – die Vernunft nicht vergessen. Wir dürfen und müssen dabei durchaus auch „unseren Gefühlen folgen“. Das gemeinhin so genannte „Bauchgefühl“, das uns leitet, wenn die Ratio versagt: Was ist es, wenn nicht vernünftig? Aber rational ist es eben nicht. Ist Liebe unvernünftig? Rational ist sie nicht. Aber sinnlos, falsch, unrichtig?

Schwierig wird es freilich dann, wenn das „Bauchgefühl“ Dinge sagt wie „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher und Vergewaltiger“ oder auch „Alle, die nicht mit mir einer Meinung sind, sind Nazis/Antisemiten/Rassisten/Sexisten usw.“. An dieser Stelle setzt für gewöhnlich – und durchaus berechtigerweise – die Kritik an der „Irrationalität“ an. Hier hat die betreffende Person nämlich offensichtlich den Bezug zur „vernünftigen Einsicht“ verloren. Aber ist damit das Irrationale per se zu kritisieren? Ist dem „Gefühl“ per se zu misstrauen, wenn es auf diese Weise fehlschlägt? Und wenn ja, z.B. weil es besonders oft fehlschlägt, warum tut es das? Warum ist das Irrationale so „fehlerhaft“, so oft irregeleitet? Weil es der Kontrolle durch die Ratio entbehrt (hier wären wir wieder beim Diktat der „Vernunft“)? Ist es einfach, von Natur aus, so? Und hält allein die Rationalität – die Führerschaft der Rationalität den Schlüssel zur Sittlichkeit in der Hand? Als übermenschliche Weiterentwicklung des ewig verdorbenen Menschentieres?

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich vertritt in Abgrenzung zu Freud eine sehr interessante Theorie der menschlichen Charakterstruktur, welche ihm zufolge aus drei Schichten besteht (ich zitiere ausführlich aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus):

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewusst, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern [meine Hervorh.] unmittelbar in Kontakt wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche ‚Unbewusste‘ oder ‚Verdrängte‘ dar […].

[…]

Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den ‚biologischen Kern‘ nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen [meine Herv.] ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational [hier eben i. S. v. begründet, vernünftig] hassendes Tier.
Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung [eine Methode Reichs, Anm. d. Verf.] des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein.“

Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 11.

Ich würde gerne noch weiter zitieren, weil es noch sehr lesenswert weitergeht, das würde hier aber zu weit führen – vielleicht in einem der nächsten Texte dann mehr zu Wilhelm Reich. Worauf es hier aber ankommt, ist, dass Reich nicht bei der traditionellen, typisch dualistischen Auffassung stehenbleibt, die im Wesentlichen aus den Gleichungen „Rationalität = gut, erhaben, göttlich“ und „Irrationalität = schlecht, niedrig, primitiv“ besteht und folglich auf einer Kontrolle der „Sinnlichkeit“ (Kant) durch die Vernunft, oder eben, genauer, Rationalität besteht. Der Mensch nach Reich ist nicht „von Natur aus“ schlecht, böse und pervers, er besitzt keinen natürlichen „Todestrieb“ (Freud) oder gar ein „egoistisches Gen“ (Richard Dawkins), das ihn auf ewig davon abhält, gut zu handeln, wenn er nicht „von außen“ – durch die eigene Rationalität, oder eben auch durch die Rationalität des Familienoberhauptes, des Staates, oder eines personalen Gottes – kontrolliert wird. Das soll aber auch nicht im Umkehrschluss heißen, dass dieser „natürliche“ Mensch keine Fehler hat und die vollendete Sittlichkeit personifiziert. Aber dennoch stellt bei ihm, dieser Theorie nach, „das Böse“, das Hinterhältige, das Egoistische, das Sadistische usw. nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme dar. – Während in unserer Gesellschaft der Egoismus als Regel – wenn man auch nicht zugeben mag, dass er vorherrscht – doch zumindest forciert wird.

Ist es so naiv und optimistisch anzunehmen, dass „das Gute“ stattdessen einmal vorgeherrscht haben mag, trotz mangelndem „Fortschritt“ der Rationalität? Ist es nicht vielmehr zynisch und kurzsichtig anzunehmen, dass es gar nicht anders geht als heute? Dass zukünftiger Fortschritt auch im Guten (nicht nur in der Technik…) bloß durch einen inneren Kontrollmechanismus im Geiste erreicht werden kann, der die Gefühle und Impulse für immer im Zaum hält und einsperrt? Kann ein so strukturierter Geist „frei“ werden? Kann er eine freie Gesellschaft entwerfen oder gar leben? Oder wird er sich nicht vielmehr auch in denjenigen gesellschaftlichen Strukturen wohlfühlen und diese einfordern, die er auch in sich selbst vorfindet? Und immer wieder nach Herrschaft verlangen, ob für sich selbst oder als Untertan? (Hierzu auch wiederum mehr bei Reich)

Rationales Denken, dass den Sinn im Denken nicht vergisst und das „bloße“ Gefühl nicht verleugnet, sondern mutig dogmatische Grenzen aufbricht und seinen Vorteil in der Einsicht sucht, kann zur Überwindung seiner eigenen Vorherrschaft beitragen, die bisher immer mit einer Unterdrückung von Trieben und Sinnlichkeit einherging. Wir brauchen eine vernünftige Rationalität, die das Gute will statt den persönlichen Vorteil, und das Sinnliche dabei nicht unterdrückt.

Mehr dazu im nächsten Teil über das Gefühl.