Von der Überheblichkeit der Gegenwärtigen

Wir leben in einer Blase. Diese Blase heißt Gegenwart. Bewusst und klar ist uns nur, was gegenwärtig ist. Wir leben im Jetzt und Hier und können auch gar nicht anders. Leben heißt jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen; Leben ist wesenhaft augenblicklich. Am lebendigsten ist der, welcher so lebt, dass ihm der Moment zur Ewigkeit gerät – wahre Ewigkeit, deren immense Weite er nicht spürt, da sie ihn just in diesem Augenblick völlig umfängt.

Diese Art zu leben macht aber nicht unser ganzes Wesen aus. Insofern wir denkende Kreaturen sind – solche des Nach-denkens und der Re-flexion – leben wir auch in der Vergangenheit. Ein denkendes Leben ist immer ein Leben im Hinblick auf Vergangenes. All die Begriffe und Vorstellungen, mit denen unser Geist hantiert – sie sind einmal geworden und entstanden. Ihre Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen, aber mit ihnen umgehen und uns auf sie beziehen können wir nur, insofern wir ihrer Entwicklung ein vorläufiges Ende setzen, sie abgrenzen, sie in Worte zwängen und definieren. Dadurch glauben wir uns ihrer bemächtigt zu haben, sie umzäunt und gezähmt zu haben. Eine durch Begriffe definierte Welt ist eine für uns kontrollierbare Welt.

Um die Begriffe für uns zu definieren, um uns unsere Welt zu erklären, greifen wir auf Erfahrungen zurück. Vornehmlich auf unsere eigenen Erfahrungen, aber auch auf die Anderer, wo uns selbst solche fehlen. Nun ergibt sich aber eine Schwierigkeit: Gerade die Begriffe, die am umfassendsten und ältesten und damit für unser Denken am interessantesten sind, gerade diese können wir am schwersten erklären – denn unsere eigene lebendige Erfahrung reicht gerade mal einige Jahrzehnte zurück, ein Menschenalter höchstens. Ebenso die Erfahrung Anderer. Alles Dahinterliegende hat sich bereits der Möglichkeit unseres unmittelbaren Zugriffs entzogen, ist historisch und unwiederbringlich geworden. Die Erfahrung kann nicht mehr selbst erfahren, auch nicht mehr direkt kommuniziert und ausgetauscht werden. Bloß die Toten sprechen noch, in Schriftstücken, Artefakten, neuerdings auch in Video- und Tonaufnahmen. Das Vergangene ist erst jetzt wirklich Vergangenheit geworden – wo es nichts Lebendiges mehr gibt, das sich erinnert.

Diese „tote“ Vergangenheit ist es, die uns Probleme macht. Wir wissen nichts von ihr, haben nie etwas von ihr gewusst. Wir haben bloß das aufbewahrt, was von ihr geblieben ist und rekonstruieren sie nach unseren Vorstellungen, den Vorstellungen und Erfahrungen der Gegenwart. Wir können somit gar nicht anders, als die Vergangenheit perspektivisch zu verzerren.

Hinzu kommt, dass wir uns ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst sind und schnell dabei sind, diese zu bewerten und in ein Verhältnis zum Jetzt zu stellen. Der berüchtigte Satz „Früher war alles besser.“ reicht dabei aber meist nicht über die eigene lebendige Erfahrung hinaus. Darüber hinaus, so lautet für gewöhnlich die Annahme der Gegenwärtigen, „war früher alles schlechter“. Früher, da gab es keine Autos, kein Fernsehen, kein Internet, keine Staubsauger, keine Züge, keine Flugzeuge, keine moderne Medizin, keine Aufklärung, keinen wissenschaftlichen Fortschritt, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Demokratie, keine Gewerkschaften, keinen 8-Stunden-Tag, keinen Mittelstand, keinen Wohlstand, keine Vernunft, keine Autonomie, keine Individualität, keine Freiheit „sich auszuleben“.

Heute hingegen haben wir all das und noch mehr, wir Gegenwärtigen. Vor allem sind wir später, weiter, reifer – haben das Mensch-Sein viel länger erfahren. Die Menschheit heute ist erwachsen geworden, so meinen wir, hat sie doch den Aberglauben und die Kirche überwunden, ganz aus eigenem Antrieb, hat sich selbst aufgeklärt, emanzipiert und ist vernünftig geworden, nüchtern, sachlich, echt. Keine Träumereien mehr, keine Schwärmereien, keine Spekulationen – all das haben wir als Nonsens entlarvt und endlich verstanden, nach Jahrtausenden von Irrläufen, welche Weltauffassung die einzig richtige ist: unsere. Wie blind waren unsere Vorfahren! Sie glaubten sich im Besitz der Wahrheit! Aber sie wussten eben nicht, was wir wussten (unsere primitiven Urahnen hätten wahrscheinlich sogar Smartphones als gefährlich und schwarzmagisch eingestuft!). – Wir lächeln nachsichtig, unsere Augen funkeln im Glanz von kaum verhohlenem Überlegenheitsgefühl: Kindereien der Vergangenheit!

Was wir nicht begreifen: Wir selbst sind die Kinder. Wir sind die Nachgeborenen, die Späten und Verspäteten, und nichts ist uns fremder als die eigene Vergangenheit. Wir waren nicht zugegen bei der Geburt der Menschheit, wir sind nicht die ersten, sondern die letzten. Und solange wir stur den Blick nach vorne richten, ohne einmal wirklich zurückzublicken, wird es dabei bleiben. Wir sind so flach, wie wir ahistorisch sind – wir sind so tief, wie unsere Erinnerung reicht. Und wo sie nicht reicht – wo wir spekulieren und konstruieren müssen, um unsere Wurzeln zu erforschen – da dürfen wir nicht mit Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit auf das blicken, was vor uns war, nur weil es vor uns war – nur weil wir inzwischen aufgrund technischer Fortschritte über ein Wissen verfügen, das es so noch nicht gegeben hat. Wie steht es aber um das Wissen, das es einmal gegeben hat? Haben wir das nicht vergessen? Was können wir von der Vergangenheit wissen, wenn wir immer nur auf das Acht geben, was mit unserem Wissen kompatibel ist? Wenn wir immer nur den Wissens-Mangel sehen, statt das Wie des vergangenen Wissens zu erkunden und seine Andersartigkeit verstehen zu wollen?

Zum Leben selbst braucht es nur Gegenwart. Wollen wir aber gut, wollen wir besser leben, müssen wir erkennen wie. Dazu braucht es Vergangenheit, Erinnerung, Wieder-erkennen – im Jetzt bewusst sein, der Vergangenheit bewusst werden.

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Etymologie: Materie

Materie f. ‚objektive Realität, stoffliche Substanz, Masseteilchen, Gegenstand, Inhalt, Thema‘, mhd. materje, materge ‚Stoff, Körper, Gegenstand, Flüssigkeit im Körper (bes. Eiter)‘ ist entlehnt aus lat. materia ‚Stamm und Schößlinge von Fruchtbäumen und Weinreben, Bauholz, Nutzholz, (Grund-)stoff, Aufgabe, Anlage, Ursache‘, einer Ableitung von lat. mater ‚Mutter‘ (s. Mutter). Materie entwickelt sich in zwei Bedeutungssträngen: einerseits bezeichnet es den ‚Stoff, aus dem etw. gefertigt ist‘ (im 18. Jh. abgelöst durch Material, s. d.), andererseits gilt es in der Sprache der Philosophie als die ‚stoffliche Seite eines Naturkörpers‘ (14. Jh.), als ‚Möglichkeit des Seins‘, das seine Bestimmung erst durch die Form erhält. – materiell Adj. ‚die Materie betreffend, stofflich, körperlich, wirtschaftlich (18. Jh.), von frz. matériel, entlehnt aus lat. materialis ‚zur Materie gehörig‘.

– Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet u. d. Leitung v. Wolfgang Pfeifer, München 2005, S. 847–848.

Im Ursprung des Begriffes „Materie“ offenbart sich viel über unser Denken und unsere Geschichte, vor allem vieles, das wir vergessen haben. Die frühere Auffassung von der Welt als einer Fruchtbaren und Lebendigen, von der „Mutter Erde“, die Leben gibt, vom „Mutterstoff“, aus dem alles Seiende geformt ist, weicht einer völlig verkrüppelten und pervertierten Bedeutung des Begriffs „Materialismus“. „Materialismus“ heute bedeutet gerade sein Gegenteil, nämlich die Rückführung alles Seienden auf „tote“ Materie, auf „bloßen“ Stoff. In Opposition dazu steht sein glänzender Widerpart, der Idealismus, in dem die „Idee“, der „Geist“ als Hauch Gottes über das „bloß“ Stoffliche, Passive herrscht. Angeblich haben wir heute diesen Dualismus überwunden. In Wirklichkeit vertreten wir eine nekrophile Weltauffassung: Gott, der große Patriarch, ist tot, doch nicht „die große Mutter“ ist wieder an seinen Platz getreten. Stattdessen beten wir tote Körper an, wir umgeben uns mit ihnen, tragen sie am Leibe, schmieren sie auf die Haut, essen, trinken, verkonsumieren sie, und wo wir das Lebendige nicht wegerklären können, führen wir es wieder auf Totes zurück, der Mensch: das Gehirn.

Mehr dazu ein andermal.

Zitat: Einstein

„Die Naturwissenschaft ist nicht bloß eine Sammlung von Gesetzen, ein Katalog zusammenhangloser Fakten. Sie ist eine Schöpfung des Menschengeistes mit all den frei erfundenen Ideen und Begriffen, wie sie derartigen Gedankengebäuden eigen ist.
Physikalische Theorien sind Versuche zur Ausbildung eines Weltbildes und zur Herstellung eines Zusammenhanges zwischen diesem und dem weiten Reich der sinnlichen Wahrnehmungen.
Der Grad der Brauchbarkeit unserer gedanklichen Spekulationen kann nur daran gemessen werden, ob und wie sie ihre Funktion als Bindeglieder erfüllen.“

(Albert Einstein, Leopold Infeld, Die Evolution der Physik, Augsburg 1992, S. 37)